„Der symbolische Tausch und der Tod“ ist ein großartiger, weil poetischer Titel. Insbesondere für ein postmarxistisches Theorie-Buch. Als ich das Buch zum ersten mal sah (eine frühe Matthes & Seitz Ausgabe mit einem sehr groben, bräunlichen Umschlag) und den Titel las, erinnerte mich dieser an einen Ingmar Bergman-Film, in dem ein Ritter mit dem Tod eine Party Schach um sein Leben spielt (Das siebente Siegel). Jean Baudrillard, der sein Buch knapp 20 Jahre nach dem Film veröffentliche – 1976 –färbt die Realität schwarz, aber nicht mittelalterlich schwarz. Die Hauptthese ist inzwischen pop-kulturelles Allgemeingut: Unsere Wirklichkeit ist eine simulierte Wirklichkeit, die in ihrer medial erzeugten Selbstreferenz alles in sich aufsaugt und es in einen homogenen und so letztendlich bedeutungslosen Code transformiert. Man kann dies als eine Radikalisierung und Auftrennung der Marxschen Wertform lesen, insofern die Teilung von Gebrauchs- und Tauschwert zum Tauschwert hin aufgelöst und radikalisiert wird. Der (Aus-)Tausch verliert die Bodenhaftung*. Für Baudrillard heißt dies:
Zeichen repräsentieren keine Realität mehr, kreisen nur noch um sich selbst, befinden sich sozusagen im Zustand des immerwährenden und reinen Tausches: Zeitalter der Simulation. Kein Ding, keine Referenz kann diesem Hyperrealismus Widerstand entgegen bringen, da Dinge nicht mehr repräsentiert, sondern nur noch innerhalb eines geschlossenen Codes simuliert werden.
Im weiteren Verlauf des Buches wird diese „Idee“ mal mit Pathos, mal mit Ironie, mit Ernsthaftigkeit und Verspieltheit durchbuchstabiert. Aber dies ist nur die halbe Wahrheit, da Baudrillard einen – auch in marxistischer Tradition – revolutionären Ausweg benennt:
„Eine Revolution findet überall dort statt, wo ein Tausch begonnen wird, der die Modellfinalität, die Vermittlung über den Code und den konsekutiven Wertzyklus bricht.“ (DsTudT, S. 314)
Wie also sich in den Tausch einschreiben ohne von ihm vereinnahmt zu werden? Ein ungleicher Tausch also, ein Tausch der mehr als nur einen weiteren Wert einbringt, ein Tausch der die Gesetze des Tausches unterbricht und unterbindet: der Tod.
„Den Tod vom Leben zu trennen, eben darin besteht die Operation des Ökonomischen – übrig bleibt ein residuales Lebens, das nunmehr in der operationellen Kalkül- und Wertausdrücken lesbar ist. (…) Das Leben dem Tod zurückzugeben, darin besteht die Operation des Symbolischen.“ (DsTudT, S. 205)
Hier sind wir beim pop-kulturellen Allgemeint Teil 2 = Poststrukturalismus und Öffnung: Jede Struktur hat einen Punkt, der sie be-dingt und nicht selbst Teil der Struktur ist. Es gibt diese Öffnung bei Baudrillard, aber sie ist kein Anfang. Der Tod fungiert als katastrophischer Einbruch, der die Sinnlosigkeit des Codes mehr überbietet, als dass er sie unterbricht. Der Text fungiert in weiten Teilen selbst als Simulation, zieht mit seiner Rhetorik die Kreise der Ausweglosigkeit immer enger und suggestiver, um dann, als letzten Ausweg, den Tod zu geben. Diese scharfe Grenzziehung, ohne Grenzraum, schwellenlos, mutet gespenstisch an. Im Vergleich zu späteren Texten, die zynischer und kalkulierender sind, verrät hier die Härte der Grenze vielleicht: nennen wir es politische Leidenschaft.**
Davon gleichsam unberührt: geisterhafte Gabe des Schauens:
„Warum hat das World Trade Center in New York zwei Türme?” (DsTudT, S. 110)
Die Antwort: weil erst die Verdoppelung des Zeichens dem ein Ende bereitet, was es bezeichnet. Verwiesen wird nicht auf ein Anderes, ein Draußen, auf die Welt, sondern auf ein anderes Zeichen. Zwei identische, schwarze und blinde kommunizierende Röhren heißt es weiter im Text:
„Die zwei Türme des WTC sind das sichtbarste Zeichen für die Abgeschlossenheit eines Systems im Rausch der Verdoppelung (…).“ (DsTudT, S. 111)
Mit dem 11. September wurde die „Wahrheit“ seiner Theorie sowohl bestätigt (Todeswerk) wie auch widerlegt – denn als Ereignis, als ein politisches Ereignis zog es politische Handlungen nach sich, die unabsehbar und unkalkulierbar waren. Sicherlich nicht ein Zeichen der Öffnung, so doch auch kein Zeichen der Abgeschlossenheit – es sei denn, man ist bereit, eine fortlaufende Katastrophe als Ziel der Geschichte zu akzeptieren – die Abgeschlossenheit als vernichtender Abschluss der Geschichte und des Systems.
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*Denn für einen guten (?), – sagen wir lieber – klassischen Marxisten ist der Gebrauchswert noch der rettende Anker in der Flutwelle der Warenform, das Stückchen Realität, das sich dem Gespenst des Kapitals entgegenstemmt. Diese Referenz auf die wahre Realität wird von Baudrillard jedoch als historische, da vergangene Epoche bestimmt, als das Zeitalter der Produktion.
**Auf theroetischer Ebene wirft der Text, der natürlich auch ein poetischer Text ist, viele Fragen auf: nach der Kreuzung und dem Verhältnis von struktureller und historischer Dimension – wenn es kein Geschichts-Prozess ist, wie geschieht der Wandel; wenn es Ereignishaftes gibt, warum so ausweglos -, nach der Scheidung und dem Verhältnis von Repräsentierten und Repräsentierenden – ist und war dieses Verhältnis nicht schon immer prekär, „kontaminierte“ die eine nicht immer schon die andere Seite, kann es jemals einen „reinen“ Gebrauchs- oder Tauschwert geben? -, nach der Pluralität der Öffnungen.
Kategorie Allgemein, Theorie-Splitter