Als das Unbewußte einmal zurückkam
Ich mag das großformatige Kulturmagazin, das quartalsweise erscheint und dessen Format mir entgegenruft: verlange nicht nach Handlichkeit oder Gebrauchstauglichkeit und deren Autoren in feinziselierten Gedankenreihen erbaulich schwere Dinge ausbreiten. Aber manchmal sind die Essays mehr als schwierig, nicht nur, weil sie schwer zu verstehen sind. In einem Artikel über die Aktualität der Psychoanalyse für Politik und Gesellschaft, überschrieben mit „Der unmögliche Patient“, beginnt die Philosophin Amia Srinivasan mit dem schönen, da großen Satz: "Das Unbewußte ist zurück." (Lettre International 152, S. 16) Gleich habe ich mich gefragt, wo es denn zwischenzeitlich hingekommen ist, das Unbewußte. Also, ist das Unbewußte als Unbewußtes weggewesen, so wie im Sommer eben die Wintererkältung sich verflüchtigt hat, oder ist der Diskurs über das Unbewußte gemeint, der nun zurückkehrt? Bevor hier eine Klärung erfolgt, fragt die Philosophin aber gleich weiter: "Warum gerade jetzt." Diese rhetorische Frage soll uns auf den nachfolgenden Satz vorbereiten, soweit man davon sprechen will, dass man auf diesen Satz vorbereitet werden kann:
"Es ist sicherlich in den Tagen und Monaten nach dem 7. Oktober 2023 ins Bewußtsein gedrungen, als die israelische Tötungsmaschine gegen Gaza in Gang gesetzt wurde - was zu einem Genozid an den Palästinensern führte, der Israel einen Teil seiner internationalen Legitimität kostete und die quälend lange Gefangenschaft und den Tode von Geiseln zur Folge hatte, wachsenden Antisemitismus und eine Abwanderung der gebildeten Elite Israels.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Nachdem die Hamas am 7 Oktober 2023 Babys und Kinder massakriert, Frauen vergewaltigt und zerstückelt hat, hunderte unschuldige Menschen hingemetzelt hat und zahlreiche Geiseln nach Palästina verschleppt wurden, zeigt sich in der der Tat das Unbewusste. Weil Israel sich wehrt, nennt man es Tötungsmaschine, weil die Hamas als Terrororganisation nicht wie eine reguläre Armee kämpft und menschliche Schutzschilder nutzt und die Souveränität über die Kommunikation der Opferzahlen hat, nennt man es Genozid, und weil Israel nicht sofort kapituliert hat, sind sie selbst daran schuld, dass die Geiseln eben hingerichtet werden (was nicht heißt, dass die israelische Regierung nicht fatale Fehler gemacht und die israelische Armee nicht immer wieder unverhältnismäßig agiert hat). Das Unbewußte ist zurück?
Nein, es war nie weg, auch in seiner kollektiven Dimension. Vielmehr war es nur eine Frage der Zeit, bis ein linker Diskurs – und Srinivasan begreift sich als links - auf der Suche nach einem verlorengegangenen revolutionären, zumindest ‚guten‘ Subjekt fündig wurde. Dass die „Wahl“ auf Palästina und das palästinensische Volk gefallen ist, das von seiner misogynen, islamistisch-fundamentalistischen Führung in den Krieg geführt wurde, mag zunächst abwegig erscheinen. Es ist völlig abwegig, wenn man nicht noch einen tiefverankerten (linken) Antisemitismus mit hinzunimmt, der „den Juden“ seinen Gottes-Bund schon immer geneidet hat. Selbst der Holocaust, so müsste man hinzufügen, scheint den Juden als „Auserwähltsein“, wenn auch als negatives, zum Vorwurf gemacht zu werden. Wie anders soll man den folgenden, sehr infamen Satz von Amia Srinivasan sonst lesen:
„Die Weigerung, den Genozid zu wiederholen - "nie wieder" -, wird zum Mandat für seine Rückkehr.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Würden die Juden nicht so an ihrer geschichtlichen Erfahrung hängen, dann hätten sie gar keine Rechtfertigung, sich gegen jene Feinde zu wehren, die sie vernichten wollen. Ja blöd. Das Unbewußte ist zurück? Nehmen wir an, dass das Unbewußte eine Struktur ist, ein Ort, von dem aus wir die Welt sehen und verstehen und der selbst nicht Teil der Szenerie ist (also der Ort, von dem wir uns nicht selbst sehen können, weil wir ‚von‘ ihm aus sehen und sprechen) und nehmen wir weiter an, dass dieser Ort nicht direkt zugänglich ist, sondern sich nur durch die Löcher im Sein, durch Fehlleistungen, durch Versprecher, durch das, was nicht gesagt wird, zeigt. Das Unbewußte ist zurück? Vielleicht so:
„Die Leugnung der Realität des Genozids verschleiert eine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Zurückfragen könnte man, ob „keine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben“ am Werk war, als Hamas das Massaker plante und durchführte. Und war es keine libidinöse Entschlossenheit, dass das palästinensische Volk und die weltweiten Sympathisanten darüber jubelten. Und: ist es nicht eine wahnsinnig anschauliche Leistung des Unbewußten, eine solche Täter-Opfer-Umkehr in Szene zu setzen? Und sie zu verschleiern, wie Amia Srinivasan vielleicht sagen würde?
27. Juni 2026