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Seele brennt

"Der Begriff ist als Seele in einem Leibe realisiert, von dessen Äußerlichkeit jene die unmittelbare sich auf sich beziehende ‘Allgemeinheit’, ebenso dessen ‘Besonderung’, so dass der Leib keine anderen Unterschiede als die Begriffsbestimmung an ihm ausdrückt, endlich die ‘Einzelheit’ als unendliche Negativität ist, - die Dialektik seiner auseinanderseienden Objektivität, welche aus dem Schein des selbständigen Bestehens in die Subjektivität zurückgeführt wird, so dass alle Glieder sich gegenseitig momentane Mittel wie momentane Zwecke sind und das Leben, so wie es die ‘änfängliche’ Besonderung ist, sich als die ‘negative für sich’ seiende Einheit ‘resultiert’ und sich in der Leiblichkeit als dialektischer nur mit sich selbst zusammenschließt."
G.W.G. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I; Frankfurt/M. 1989 (1830);S. 373

Was das heißt? Begriff (Seele) und Realität (Leib) entsprechen sich unmittelbar, aber zugleich defizitär, da der Körper die Idee nur unzureichend realisiert. Idealismus meint, dass die Negativität auf Seiten des Begriffs steht, für den Begriff arbeiten soll, der Körper letztendlich nur ein formbares Gefäß darstellt (Mittelbar fußt sowohl die Körperverachtung als auch die optimierende Körpergestaltung, vom Bodybuilding bis zur Schönheitsoperation, auf dieser Idee; sicherlich schon lange durch das Christentum/Platonismus mitvorbereitet). Was aber, wenn die wahre Negativität auf der Seite des Leibes zu finden ist? In wessen Namen würde diese Negativität sprechen (Im Namen des Fleisches)? Was hätte sie uns zu sagen? Wie heißt es im Volksmund (und: Volk und Hegel ist eine durchaus spannende Geschichte): auf den Körper hören.

30. April 2026

Entstofflichungsrhetorik

“Ich bin der Erste und der Letzte  und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.”
Offenbarung 1, 17-18

Die christliche Rhetorik ist eine um- und einschließenden Rhetorik und eine Entstofflichungsrhetorik dazu, daher die Pfingstfeier. Im Alten Testament ist Gott bekanntlich oftmals ein Gott der Untersagung und der Bestrafung. Gottes Antwort auf den Turmbau zu Babel ist die Sprachverwirrung, ein Trennungs- und Zerstreuungsakt. 

Hingegen besteht das Pfingstwunder auch aus einem Sprachwunder, nämlich der Fähigkeit andere Sprachen zu sprechen und zu verstehen. Ein universeller Code muss jedoch von der Stofflichkeit der Bedeutungsträger Abstand nehmen und die immateriellen Aspekte betonen: daher geht es von der heiligen Schrift, dem heiligen Buchstaben zum heiligen Geist; in christlicher Konsequenz auch: von der Wurzel, dem Boden zur Schwingung und zur Luft, von der Münze zur computergesteuerten Finanztransaktion, von der Berührung zur Internetpornographie. Das Pfingstwunder ist in vollem Gange.

28. März 2026

stehen, sitzen, liegen

Unsere zahlreichen Ängste sind auf schönste benamt: Akrophobie = Höhenangst; Klaustrophobie = Angst vor Enge; Thanatophobie = übersteigerte Angst vor dem Tod: Algophobie = krankhafte Angst vor Schmerzen.
Schmerz, Tod - wir nähern uns jenen Dingen, die uns auf unausweichliche Weise entgegenstehen. Aus dem Bewußtsein verbannt, widmen wir uns nun der - durchaus ungewollten - Vergleichgültigung der Welt. Horror vacui? Statt Angst vor der Leere im Angesicht des Ungeheuren nun langweilige Langeweile = Thaasophobie (Angst vor Langeweile; thaaso = sitzen/herumsitzen). Abhilfe schafft hier unter anderem die Digitalisierungsindustrie, die im Namen des Sozialen die Löcher des Realen, zu der auch die Langeweile gehört, stopft.
Aber das Realste des Realen kommt, immer, und immer am Ende.

28. Februar 2026

Der poetische Text und die Musik

Kann ein Text ein Fetisch sein? Julia Kristeva verneint dies, weil ihrer Meinung nach jeder Text musikalische Anteile hat und diese Musikalisierung eine Vervielfältigung des Sinns nach sich zieht (Julia Kristeva: Die Revolution der poetischen Sprache; Frankfurt/M. 1978 (1974); S. 75.). Der Fetisch als Abwehrmechanismus, so könnte man hinzufügen, reduziert weniger den Sinn, als dass der wie immer geartete Fetisch-Gegenstand die Quelle des Sinns verdeckt und, in produktiv-eindimensionaler Weise, fixiert (damit ist der Fetisch auch ein Schirm, sowohl gegen das neurotische Versiegen, als auch gegen das psychotische Überbordern 'der' Quelle). 

Schwerlich aufzuhellen, welche psychoanalytischen Implikationen sich hier entfalten können. Dennoch: interessanter psychoanalytischer Rückgriff von Kristeva auf die Welt der Musik und das in mehrfacher Hinsicht. Kristeva spricht von einer semiotischen Chora (Chora: dieser rätselhafte Begriff taucht zuerst bei Platon auf und zieht sich dann durch die Philosophiegeschichte bis hin zu Derrida): semiotische Chora ist präodipal und ‘strukturiert’ die Triebladungen, d.h. es werden erste Bahnungen und Stasen gebildet: Kristeva sagt, dass es dazu keine andere Analogie als den Rhythmus von Stimme und Geste gibt. D.h. es wird etwas strukturiert, ohne dass Bedeutung generiert wird. Bedeutung entfaltet sich erst im Reich des Symbolischen, d.h. mit der Sprache (mit den Signifikanten), d.h. nach der symbolsichen Kastration. Kurzum: die semiotische Chora bereitet das Symbolische vor und wird schließlich ein Teil von ihm.

Um im Bild zu bleiben: jeder Mensch, sofern er anfängt zu sprechen, muß schließlich zu seinem eigenen Rhyhthmus eine Melodie finden, die von den anderen Menschen auch verstanden wird. Fetischismus ist sozusagen die vermeindliche Überführung der Vorbahnung in eine Melodie, ohne zu merken, dass gar keine Melodie entstanden ist (daher: bedeutsam nur für mich allein). Die poetische Sprache hingegen synkopiert den Rhythmus, um die Melodie zu bereichern, um andere Melodien zu kreieren. Und: der eigene Rhythmus ist von Anfang an ‘da’. Und er organisiert später die Revolte (ob fetisch-geleitet oder poetisch) gegen den ‘falschen’ und eindimensionalen Sinn.

23. Januar 2026