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Die gute alte Zeit

Vor lauter Veränderungsdynamik bekommt die Vergangenheit eine goldene Aura der Beständigkeit, was schön sein kann, auch wenn es nicht stimmt. Hier deshalb mein traditionelles Jahres-End-und-Anfangs-Zitat aus dem 17. Jahrhundert:

“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm; Zürich 1979 (1611), S. 22

31. Dezember 2025

Weiße Angst

“Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil.”
Sophokles: Antigone

Die Farbe Weiß kann viel bedrohlicher sein als das Schwarz. Während das Schwarz den Verlust ‘in sich’ trägt, davon zeugt, dass etwas vorhanden war, was nun fehlt, verkörpert das Weiß als Chiffre der Leere einen Zustand, der die Erinnerung an den Verlust selbst auslöscht.

Diese eher assoziativ vorgetragene Schwarz-Weiß Farbenlehre hat im Denken von André Green, auf das ich mich im Folgenden beziehe, einen durchaus bemerkenswerten Hintergrund (siehe: André Green: Die tote Mutter; in: Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen; Heft 3, März 1993 (1983)). Green will die Angst psychoanalytisch und strukturell nicht nur um den Mangel herum konzipiert wissen, sondern verleiht ihr ein weiteres Zentrum: man könnte es den “Verlust des Vertrauens auf die Gabefähigkeit” nennen. Während die Reihe Angst-Mangel um die Begriffe Vater, Ödipus, Kastration, Penis, Ganzheitsbilder kreist (als psychische Störung: Depression / Hass), ist die Angst-Gabeverlust-Reihe mit den Begriffen Mutter, Brust, Trauer (als psychische Störung: Fehlen von Lebendigkeit, keine emotionale Resonanz) verknüpft (Begriffe wie Penis, Brust sind symbolisch gemeint). Worin besteht nun der Unterschied? 

Zunächst betont Green, dass die (symbolische) Kastration weiterhin grundlegend ist - d.h. wir haben unser Leben lang damit zu tun, unseren Narzißmus und unser Begehren nach “Mangelaufhebung” (was nicht Bedürfnisbefriedigung meint) zu ‘bewältigen’, d.h. einzusehen, dass wir nie “vollständig” sind, der Andere uns immer eine weitere Antwort schuldig bleibt, dass das Gesetz jenes verbietet und untersagt, was niemals vollständig möglich ist usw. Dieser Mangel beschneidet und ‘verhindert’ uns aber nicht nur, sondern ist zugleich die Quelle unserer Freiheit. Weil wir nicht vollständig definiert sind (wir nicht ‘ganz’ sind), bleiben uns verschiedene Arten, unser Leben zu leben (deshalb ist Freiheit, auch politisch gesehen, durchaus mit Angst verbunden - die Angst davor, dass unsere imaginierte Vollständigkeit, unsere ‘eingebildete’ Sicherheit zu Bruch geht).

Im Falle der toten Mutter, bzw. der weißen Angst, verhält es sich aber anders. Die Funktion der ‘Mutter’ (der gebenden Bezugsperson) besteht darin, den Übergang von der vollständigen Versorgung (Allmacht des Kindes) zur Eigenständigkeit, zur Kreativität und zur Frustrationstoleranz zu ermöglichen. Um mit Winnicott zu sprechen: das Handeln der Mutter muß ‚gut genug’ sein. Sie muß die Wünsche des Kindes so erfüllen, dass dieses im Laufe der Zeit die aufgeschobene Versorgung nicht als traumatisches Fehlen, sondern als Abwesenheit erfahren kann. So alles gut läuft, wird die Erfahrung der Abwesenheit und des “Kommens” (dessen, was man sich wünscht, was wünschbar ist) als psychische Rahmenstruktur vom Kind übernommen, die auch und gerade dann ‘funktioniert’, wenn die Mutter nicht mehr da ist.

Was also ist die ‘tote’ Mutter? Natürlich nicht eine reale tote Mutter, sondern das ‘Versagen’ der ‘gebenden Bezugsperson’. So die Mutter aufgrund eigener psychischer Probleme (Trauer um den Verlust einer Person etc.) nicht mehr rahmen-gebend handeln kann, entsteht eine für das Kind paradoxe Situation. Das ‘Objekt’ seiner Liebe ist physisch noch ‘da’ (es ist kein ‘Kastrationsverlust’), aber ‘es’ gibt nicht mehr das, was zur Ablösung von der Bezugsperson notwendig ist. Dieser Satz ist eine nachträgliche Rationalisierung. Für das Kind ist die ‘tote’ Mutter besser als gar keine Mutter und deshalb hält es umso stärker an ihr fest. Jedoch ist es nun von einer weißen Leere umgeben, was heißt, dass nicht der Mangel ver-kannt wird, sondern die lebendige Mutter samt rahmengebender Struktur nicht ge-kannt wird. 

Das alles ist in dieser Kürze wahrscheinlich größtenteils unverständlich, schief und krumm, und für Menschen, deren Liebe zur Psychoanalyse eine begrenzte ist, sicherlich im höchsten Maße abstrus (und für die, die sich auskennen, im höchsten Maße unterkomplex). Interessant finde ich jedoch die “Erweiterung” der Angst”ursache”: Angst nicht nur als Angst vor einem Mangel (“Deine Angst ist die Angst vor der Untersagung und vor der Freiheit mit all ihren Konsequenzen”), sondern Angst als Angst vor dem Ausbleiben der ‘Gabe’ (“Deine Angst ist die Angst davor, dass etwas lebendig wird. Deine Angst hält etwas Totes fest, weil Du nicht zu erfahren können glaubst, dass sich etwas Lebendiges einstellen wird.”). Strukturell, und etwas überspitzt, könnte man sagen: Dass eine ist die Angst vor dem Tod und vor der Untersagung, das andere die Angst davor, das letzte Stückchen toter Liebe einzubüßen, weil man nicht um die fortwährende Gabe der Liebe weiß.

19. Dezember 2025

Bedeutung ausrotten

Norbert Elias spricht in seinem Buch "Was ist Soziologie" aus dem Jahre 1970 davon, dass Wissenschaftler Mythenjäger seien, also Menschen, die nicht zu belegende Bilder von Geschehenszusammenhängen (= Mythen, Glaubensvorstellungen, Spekulationen) durch Theorien ersetzen würden. Der Unterschied also? Theorien sind durch Tasachenbeobachtungen überprüfbare Zusammenhangsmodelle, belegbar und korrigierbar, so Elias weiter.

Ich frage mich, was der Unterschied zwischen Tatsache und Bedeutung sein mag. Die Bedeutung öffnet sich, je weiter sie sich von einer Ursache und den damit gekoppelten Zusammenhängen entfernt. Während die grau und trüb gefärbte Morgenstunde mich bleiernd ans Bett fesselt, sagt der Mythenjäger in mir, dass ich nicht genug geschlafen habe. Die Morgenmuse flüstert mir jedoch ins Ohr, dass Sie mich heute nicht küssen wird.

29. November 2025

Buch-Holismus oder so liest man heute

Gestern las ich nacheinander zwei kurze Erzählungen von zwei verschiedenen Autoren. (Spoiler Alarm, falls eigene Lektüre vorgesehen: Strunk, Heinz: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit. Hamburg, 2025 / Campbell, Jane: Kleine Kratzer: Storys. München, 2023). 

In der einen ging es um eine depressive Frau, die auch aufgrund eines sehr langanhaltenden Schluckaufs (Monate, Jahre) einen Selbstmord plant, bei der Umsetzung schließlich mitten in der Nacht von einer hohen Brücke springen will und feststellt, dass ihr Schluckauf aufgehört hatte. Die Polizei führt sie ab. Die andere Geschichte handelt von einer älteren Frau, die nach Jahren zum Ort ihrer ersten großen außerehelichen Leidenschaft zurückkehrt, zu den Victoriafällen in Afrika, um dort, nach dem Tod ihres Mannes, nochmals ihren ehemaligen Liebhaber zu treffen, der auf einer Tagung im Hotel zugegen ist. Das Wiedersehen, das zum Auftakt eines neuen Liebes-Lebens-Abschnitts werden soll, gerät zum Fiasko. Die Frau akzeptiert diesen bitteren Verlauf, geht nochmals zum Wasserfall, rutscht am Ufer aus und wird in die Tiefe gezogen.

Formal gibt es einige Parallelen: Wasser, Höhe, der Weg zum Tod, die Überraschung. Vielleicht habe ich deshalb kurz geglaubt, dass sich durch meine Lektüre das Schicksal der ersten Frau durch die Frau der zweiten Erzählung erfüllt hätte. Als würde das Buchuniversum eine große magische Einheit bilden, die untergründige Verbindungen stiftet: alles ist mit allem auf rätselhafte Weise durch die Buchstaben und durch mich verknüpft.

II 

Hans Blumenberg geht in seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ der Frage nach, ob nicht nur Bücher, sondern auch die Welt als „lesbar“ verstanden werden kann (Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main, 1996). Dann wären Bücher nur ein Spezialfall einer "umfassenderen Lesbarkeit", wobei die Welt immer schon gelesen worden sein muss, bevor wir sie - jenseits von richtig und falsch - lesen können, was den Einzelnen, das Kind, nicht davon entbindet, das Lesen zu lernen. Das wiederum korrespondiert mit dem Blumenbergschen Hinweis, dass die Lesbarkeit - der Welt, der Bücher - nicht einfach gegeben ist, sondern durch kulturelle Praktiken zunächst und immer wieder erlernt, erhandelt und tradiert werden muss. Und: viele Bücher, viele Welten und umgekehrt. Und da die gemeinsame Lesbarkeit keinen Ursprung hat, stellen sich eher genealogische Fragen: wie kommt es von einer Lesespraxis zu einer anderen? Aus heuristischen Gründen kann man mit Blumenberg dann zum Beispiel Lese-Epochen unterscheiden. Das Mittelalter, wo die Welt als göttliches Buch gesehen werden kann, in das die göttliche Ordnung eingeschrieben ist und aus dem wir sogar Wunder und Offenbarungen herauslesen können. Die Neuzeit, wo die Welt als ein mathematisch kodiertes System entziffert wird, in dem Kausalitäten walten und es zu einer sehr wirkungsmächtigen Manipulierbarkeit der Dinge kommen kann. Die Moderne, in der die Welt durch die Fragmentierung des Wissens, durch die Komplexität aller Abläufe, durch die Abwesenheit der Götter immer 'unlesbarer' und widersprüchlicher wird.

III

Die beiden eingangs genannten Erzählungen liegen auf der von Blumenberg skizzierten Linie der Moderne als eine etwas depressiv eingefärbte Welt der Unverständlichkeiten. In einem Fall wird nach dem Tod gesucht und gefunden wird ein transformierter Körper, der wiederum von der Ordnungsmacht gefunden wird. Im anderen Fall wird die Liebe gesucht, 'gefunden' wird der Tod. Keine Regel, die das Dasein erhellt, keine Zeichen, die die Zufälligkeiten transzendieren. Die Protagonistinnen finden nicht das, was sie suchen. Aber sie haben die Welt und sich, als Teil der Welt, keineswegs falsch gelesen. Wie auch; es gibt offenbar kein Schicksal, das sich erfüllt. Selbst meine Lektüre-Magie ist nur ein kurzes Aufflackern eines erhofften Rest-Sinns. Aber vielleicht muss man die Lektüre, jede Lektüre, radikal umkehren: die Unbeständigkeit und Unvorhersehbarkeit der Welt können auch Garant für das Vergnügen an den permanenten Veränderungen und Verwandlungen sein (Buch-Referenz: Ovid: Metamorphosen). Mit und gegen Blumenberg müsste es heißen: die Welt war noch nie richtig lesbar, Stabilität und Gewissheit allenfalls ein prekärer Zustand. Autor und Autorin können folgerichtig in dieser vielschichtigen, fantastischen, sinnig-unsinnigen, brutalen und gewaltsamen Welt auch die Un-Möglichkeiten, selbst die traurigen, der Lesbarkeit zuführen: pain in the ass und ein bißchen Freiheit. 

30. Oktober 2025

Die liebe Revolte

Alber Camus schreibt in seinem Buch "Der Mensch in der Revolte" (1951), dass die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber daraus bestünde, in der Gegenwart alles zu geben. Diese Idee zeugt von einer Liebe zur Verausgabung, zur Rückhaltlosigkeit, die jedwede Ökonomie durchkreuzt. Und obwohl es ein Satz zur Revolte sein soll, die diese mit dem Leben, mit der Bewegung des Lebens rückkoppeln möchte, ist es schwer, ihn ohne christliche Anklänge zu hören. Andererseits: würde ein Christ jemals auf solche Art und Weise die Gegenwart mit der Zukunft in Verbindung bringen wollen?

29. September 2025

Himmel auf Erden

Beim Versuch von Jean Luc Nancy das Christentum zu dekonstruieren, stößt er auf die Frage, wie und wo, immer unter der Voraussetzung, dass wir in einer globalen und entsakralisierten Welt, ohne 'Himmel' und 'Himmlischen Mächten' leben, wie und wo also sich der zu bejahende Umstand einschreibt, dass der 'Sinn der Welt außerhalb ihrer liegen muss' (Jean Luc Nancy: Dekonstruktion des Christentums; Zürich/Berlin 2008; S. 13) 

Das erfordert eine Denkweise der ‘Immanenz’, welche die Opposition zur ‘Transzendenz’ aushebelt, so Nancy. Die Assoziation ist ein Tier, das manchmal aus dreckigen Pfützen trinkt: alkoholfreies Bier.

29. August 2025