Splitter der Tage 01.04
01.04.2026
Vor dem Hintergrund seiner Drogenerfahrungen sagte Ernst Jünger einst, dass die Findung der "rechten Position im Universum" wichtiger sei als die Vermehrung des Wissens.
Die Universität und die Fachhochschule Bielefeld haben Wissen und Position beherzt miteinander verknüpft. Die Straßen und Gehwege rund um die Universität und die Fachhochschule Bielefeld wurden sinnfällig benannt. Man hat sich nicht lange mit der schnöden "Universitätsstraße" aufgehalten, sondern dieser einen "Bildungs-" und "Entwicklungsgang" zur Seite gestellt. Aber auch zur "Assoziation", "Interaktion" und "Vermittlung" führen Wege, nein, es sind Wege, nicht nur "Randbedingung"(en). Und in letzter "Konsequenz" führt die "Erfahrung" zu einer "Dynamik" der "Aufklärung", so man diese Pfade denn findet oder finden will.
Wenn Peter Sloterdijk in einem kürzlich erschienenen Interview sagte, dass das Zu-viel-Versprechen ein gravierendes Problem der westlichen Welt darstellen würde, dann hat dieses Problem ganz sicher damit zu tun, dass der einst christliche Himmel als Paradies auf die Erde kommen soll. Insofern ist die keltische Angst vor dem Einsturz des Himmelgewölbes vielleicht die bessere Positionsbestimmung. Denn leben wir nicht unter brüchigen Dächern?
28.03.2026
Hinter mir im Zug setzt sich jemand, der neu zugestiegen ist. Er ist hörbar außer Atem und - kann man das so sagen? - holt schwer Luft. Kein gesundes Geräusch denke ich mir. Sauerstoffzelt kommt mir in den Sinn. Beim Aussteigen sehe ich, dass es sich, entgegen der Erwartung, um einen jungen Mann handelt, übergewichtig.
Im Konzertsaal tritt während eine kurzen Pause, in der sich das Orchester auf das letzte Stück des Abends vorbereitet, ein medizinischer Notfall ein. Eine korpulente Frau wird auf den Treppenabsätzen des Saals von mehreren Menschen umringt und betreut. Sanitäter kommen hinzu, die Szene zieht sich mehrere Minuten hin. Schließlich wird eine Stofftrage gebracht und sechs Männer heben Frau und Bahre zum Ausgang hin. Das Ensemble sammelt sich und beginnt. Ein Stück von Maurice Ravel, das er einem im ersten Weltkrieg gefallenen Kriegskameraden gewidmet hat: "Le Tombeau de Couperin".
Auf dem Marktplatz in Hannover hat sich eine christliche Gruppe vor einem Transporter versammelt. Eine kleine Werbe-Aufstell-Fahne ist zu sehen, vor dem Transporter ein Transparent. Ein Mann und eine Frau verteilen Flugblätter. Vor allem ist aber ein relativ junger Prediger zu sehen und zu hören, Vollbart, schlank, Mikro in der rechten Hand, mit dem linken Arm ausholende Bewegungen vollziehend. Emphatisch tönt es über den Platz: Jesus ist von oben nach unten gekommen, damit du nicht in der Hölle schmoren musst, sondern ins Paradies kommst ...
19.03.2026
Wenn ich mich belohnen möchte, kaufe ich manchmal ein Buch. Entweder finde ich in der Buchhandlung eines, das auf meiner Kauf-/Leseliste steht, oder ich entscheide mich spontan aufgrund des Covers, des Titels, des Klappentextes. Oder es ist ein mir bekannter Autor/Autorin, den oder die ich sehr schätze, der Kauf also eine Art Ehrerbietung. Letzteres trifft diesmal zu. Es sind die Ghost Stories von Siri Hustvedt, in denen sie über den Tod ihres Ehemannes Paul Auster schreibt. Auf dem Buchdeckel ist unter dem Autorennamen ein Foto der beiden abgedruckt. Hustvedt hat ihre Augen zugekniffen und lacht, während Auster im Profil mit Sonnenbrille zu sehen ist, ganz nah an ihrer Wange, so als hätte er ihr eben etwas ins Ohr geflüstert oder würde ihr einen Kuss geben wollen. Es ist ein schönes Foto, ein intimes Foto. Aber als Buchcover finde ich es im ersten Moment etwas kitschig, auch weil es nicht für die Öffentlichkeit gedacht war (weiß ich das?) und eher einen unbeschwerten Moment der Zweisamkeit zeigt. Dann lese ich die ersten Seiten und ich bin zugleich ergriffen und erschrocken darüber, wie schonungslos Hustvedt über sich, über ihre Verlust- und Schmerzerfahrung schreibt und darüber, wie unermesslich groß dieser Verlust ist, wie er ihr 'normales' Leben pulverisiert. Ich schaue erneut auf das Foto. Der Untertitel lautet "Ein Buch der Erinnerung" und auf der Rückseite steht ergänzend "Ein Buch der Liebe". Zweifelsohne, in das Foto ist die Erinnerung und die Liebe ebenso eingeschrieben, wie nun der uneinholbare Verlust (eben nicht nur des vergangenen Augenblicks, sondern der Person). Ein Vexierbild unseres Seins.
06.03.2026
Ein Abschleppwagen kommt mir entgegen, der auf seiner Ladefläche ein Auto verstaut hat, dessen Alarmanlage pausenlos piepend vor sich hinschrillt - ich vernehme den Hilferuf und schaue ratlos hinterher.
28.02.2026
In der palindromischen Kleinststadt sehe ich über einer Schaufensterauslage das Ladenschild, das mit dem schönen Begriff "Heimatfleischerei" beginnt. Nach langer Zeit im Hotelzimmer in einer Schublade eine Bibel gefunden; aufgeschlagen und auf Hebräer 11-12, 37 gestoßen: "Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfällen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Mißhandlung erduldet."
Telefonat mit einem Freund; er bietet adjektivische Selbstcharakterisierung an: temporär pampig.
17.02.2026
Es gibt auf den Straßen immer weniger Autos mit Stufenheck. Der Kofferraum ist zugunsten einer Multifunktionsladefläche verschwunden. Lediglich einige Oberklassenlimousinen signalisieren, dass die Möglichkeit einer Zuladung primär mit der der Reise verbunden ist. Ebenso zeigt die Uhr am Handgelenk, dass die eigene Zeit zu wertvoll ist, um sie sich durch einen Multifunktionscomputer vor Augen führen zu lassen. Ach, ich kaufe mir einen Hut; bürgerliche Wohlstandanzeige ohne Zukunftsversprechen.
10.02.2026
Aus der Reihe: "altersangepasste Geschäftsentwicklung im Stadtteil": Drei Apotheken in einem Umkreis von fünfhundert Metern, dazu ein Hörgeräte-Geschäft, zwei Optiker, ein Sanitätshaus und seit Neuestem: zwei moderne Bestatter mit fröhlichem Farbkonzept. Die schwarze Schwere des christlichen Kreuzes findet keine Abnehmer mehr.
Vor einem großen innerstädtischen Möbelhaus sind ebenerdig vor den Schaufenstern in ca. fünfzig Metern Abstand Rattenfallen aufgestellt, dreißig Zentimeter lange rechteckige Kunststoffkästen, schwarz, mit einer seitlichen Öffnung. Höllenschlund en miniature.
Auf Besuch: ich leere den Mülleimer und wechsle den Mülleimerbeutel. Beim Rausnehmen sehe ich, dass der Boden des Eimers mit Zeitungen ausgelegt ist. Zu lesen sind Todesanzeigen.
05.02.2026
Winter-S-Bahn-Morgen - Kälte: in mehr oder weniger wertigen Luftpolster verpackte Menschen, fragil, empfindlich, von schleppenden Dunkelträumen begleitet: Verschickung in die Wärme.
03.02.2026
Bei der parallelen Lektüre zweier Bücher endet das Kapitel des einen Buches mit "...sei froh, dass ich dir nicht öfter auf die Fresse haue." Ich schlage das andere Buch auf, wo das Kapitel mit "Die Fresse voll Trübsinn" beginnt.
Auf der Intensivstation des Krankenhause läuft - tatsächlich - der Fernseher mit Ton (für die Patienten, die Pfleger?); Werbezeit, ein Arzneimittel und der Hinweissatz: "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie ..." usw. Währenddessen piepen medizinische Geräte, die Schläuche aus Infusionsbeuteln finden ihren Weg in kanülendurchsetzte Arme, farbige Displays zeigen Vitalfunktionen.
31.01.2026
Das Problem an schlechten Phasen ist nicht, dass ich nicht weiß, was mir gut tun würde: eine kluge Lektüre, moderate Bewegung, Gespräch mit Freunden … Nein, das Problem ist die Eigenartigkeit der Anfangshürde, die sich zu einer riesigen Mauer emporschraubt, zu einer gigantischen Hemmschwelle, die jedwede Motivation nicht nur blockt, sondern sie mit einer schwarzen und bleischweren Decke der Nichtig- und Sinnlosigkeit erstickt. Woher nur diese Kraft der Handlungsunfähigkeit, dieses Diktat zur Handlungsunfähigkeit?
Draußen dichter Nebel.
17.01.2026
Fahren durch eine hügelige Schneelandschaft mit Nebelbänken (Sauerland). Wie sich hier die beiden Wörter unwirklich und unwirtlich berühren.
Der Stromausfall in Berlin zeigt: Mangel ist eine Existentiale, die auch durch Dummheit genährt wird.
In Umbruchzeiten wird alles unscharf, Gegenstrebigkeiten und Fügungen mischen sich verwirrend neu.
06.01.2026
Inzwischen wird der Jahreswechsel zur Routine: man hofft, dass das neue Jahr nicht ganz so schlimm werden mag, wie das alte. So verständlich der Wunsch, so bescheiden der jährliche Ausgang. Zeit die Methode zu wechseln: liebes Jahr, nimm Dir was du brauchst, im Gegenzug bekommen die Welt, wir und ich ein paar glückliche Momente: Deal?!
Aber so war und ist es doch immer, oder? Vielleicht geht es darum, die kleinen transzendentalen Botschaften zu lesen und zu dechiffrieren, so sie auftauchen. Hier ein scheinbares Dienstleistungsangebot, als Zettel mit abreißbaren Mobilfunk-Kontaktdaten an einem Laternenmast angebracht, das wie folgt überschrieben ist:
Transporter günstiger alles
machen möglich Hamburg