____schwingungsbreite__________________________________

    
 

Weiße Angst

“Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil.”
Sophokles: Antigone

Die Farbe Weiß kann viel bedrohlicher sein als das Schwarz. Während das Schwarz den Verlust ‘in sich’ trägt, davon zeugt, dass etwas vorhanden war, was nun fehlt, verkörpert das Weiß als Chiffre der Leere einen Zustand, der die Erinnerung an den Verlust selbst auslöscht.

Diese eher assoziativ vorgetragene Schwarz-Weiß Farbenlehre hat im Denken von André Green, auf das ich mich im Folgenden beziehe, einen durchaus bemerkenswerten Hintergrund (siehe: André Green: Die tote Mutter; in: Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen; Heft 3, März 1993 (1983)). Green will die Angst psychoanalytisch und strukturell nicht nur um den Mangel herum konzipiert wissen, sondern verleiht ihr ein weiteres Zentrum: man könnte es den “Verlust des Vertrauens auf die Gabefähigkeit” nennen. Während die Reihe Angst-Mangel um die Begriffe Vater, Ödipus, Kastration, Penis, Ganzheitsbilder kreist (als psychische Störung: Depression / Hass), ist die Angst-Gabeverlust-Reihe mit den Begriffen Mutter, Brust, Trauer (als psychische Störung: Fehlen von Lebendigkeit, keine emotionale Resonanz) verknüpft (Begriffe wie Penis, Brust sind symbolisch gemeint). Worin besteht nun der Unterschied? 

Zunächst betont Green, dass die (symbolische) Kastration weiterhin grundlegend ist - d.h. wir haben unser Leben lang damit zu tun, unseren Narzißmus und unser Begehren nach “Mangelaufhebung” (was nicht Bedürfnisbefriedigung meint) zu ‘bewältigen’, d.h. einzusehen, dass wir nie “vollständig” sind, der Andere uns immer eine weitere Antwort schuldig bleibt, dass das Gesetz jenes verbietet und untersagt, was niemals vollständig möglich ist usw. Dieser Mangel beschneidet und ‘verhindert’ uns aber nicht nur, sondern ist zugleich die Quelle unserer Freiheit. Weil wir nicht vollständig definiert sind (wir nicht ‘ganz’ sind), bleiben uns verschiedene Arten, unser Leben zu leben (deshalb ist Freiheit, auch politisch gesehen, durchaus mit Angst verbunden - die Angst davor, dass unsere imaginierte Vollständigkeit, unsere ‘eingebildete’ Sicherheit zu Bruch geht).

Im Falle der toten Mutter, bzw. der weißen Angst, verhält es sich aber anders. Die Funktion der ‘Mutter’ (der gebenden Bezugsperson) besteht darin, den Übergang von der vollständigen Versorgung (Allmacht des Kindes) zur Eigenständigkeit, zur Kreativität und zur Frustrationstoleranz zu ermöglichen. Um mit Winnicott zu sprechen: das Handeln der Mutter muß ‚gut genug’ sein. Sie muß die Wünsche des Kindes so erfüllen, dass dieses im Laufe der Zeit die aufgeschobene Versorgung nicht als traumatisches Fehlen, sondern als Abwesenheit erfahren kann. So alles gut läuft, wird die Erfahrung der Abwesenheit und des “Kommens” (dessen, was man sich wünscht, was wünschbar ist) als psychische Rahmenstruktur vom Kind übernommen, die auch und gerade dann ‘funktioniert’, wenn die Mutter nicht mehr da ist.

Was also ist die ‘tote’ Mutter? Natürlich nicht eine reale tote Mutter, sondern das ‘Versagen’ der ‘gebenden Bezugsperson’. So die Mutter aufgrund eigener psychischer Probleme (Trauer um den Verlust einer Person etc.) nicht mehr rahmen-gebend handeln kann, entsteht eine für das Kind paradoxe Situation. Das ‘Objekt’ seiner Liebe ist physisch noch ‘da’ (es ist kein ‘Kastrationsverlust’), aber ‘es’ gibt nicht mehr das, was zur Ablösung von der Bezugsperson notwendig ist. Dieser Satz ist eine nachträgliche Rationalisierung. Für das Kind ist die ‘tote’ Mutter besser als gar keine Mutter und deshalb hält es umso stärker an ihr fest. Jedoch ist es nun von einer weißen Leere umgeben, was heißt, dass nicht der Mangel ver-kannt wird, sondern die lebendige Mutter samt rahmengebender Struktur nicht ge-kannt wird. 

Das alles ist in dieser Kürze wahrscheinlich größtenteils unverständlich, schief und krumm, und für Menschen, deren Liebe zur Psychoanalyse eine begrenzte ist, sicherlich im höchsten Maße abstrus (und für die, die sich auskennen, im höchsten Maße unterkomplex). Interessant finde ich jedoch die “Erweiterung” der Angst”ursache”: Angst nicht nur als Angst vor einem Mangel (“Deine Angst ist die Angst vor der Untersagung und vor der Freiheit mit all ihren Konsequenzen”), sondern Angst als Angst vor dem Ausbleiben der ‘Gabe’ (“Deine Angst ist die Angst davor, dass etwas lebendig wird. Deine Angst hält etwas Totes fest, weil Du nicht zu erfahren können glaubst, dass sich etwas Lebendiges einstellen wird.”). Strukturell, und etwas überspitzt, könnte man sagen: Dass eine ist die Angst vor dem Tod und vor der Untersagung, das andere die Angst davor, das letzte Stückchen toter Liebe einzubüßen, weil man nicht um die fortwährende Gabe der Liebe weiß.

19. Dezember 2025