Der poetische Text und die Musik
Kann ein Text ein Fetisch sein? Julia Kristeva verneint dies, weil ihrer Meinung nach jeder Text musikalische Anteile hat und diese Musikalisierung eine Vervielfältigung des Sinns nach sich zieht (Julia Kristeva: Die Revolution der poetischen Sprache; Frankfurt/M. 1978 (1974); S. 75.). Der Fetisch als Abwehrmechanismus, so könnte man hinzufügen, reduziert weniger den Sinn, als dass der wie immer geartete Fetisch-Gegenstand die Quelle des Sinns verdeckt und, in produktiv-eindimensionaler Weise, fixiert (damit ist der Fetisch auch ein Schirm, sowohl gegen das neurotische Versiegen, als auch gegen das psychotische Überbordern 'der' Quelle).
Schwerlich aufzuhellen, welche psychoanalytischen Implikationen sich hier entfalten können. Dennoch: interessanter psychoanalytischer Rückgriff von Kristeva auf die Welt der Musik und das in mehrfacher Hinsicht. Kristeva spricht von einer semiotischen Chora (Chora: dieser rätselhafte Begriff taucht zuerst bei Platon auf und zieht sich dann durch die Philosophiegeschichte bis hin zu Derrida): semiotische Chora ist präodipal und ‘strukturiert’ die Triebladungen, d.h. es werden erste Bahnungen und Stasen gebildet: Kristeva sagt, dass es dazu keine andere Analogie als den Rhythmus von Stimme und Geste gibt. D.h. es wird etwas strukturiert, ohne dass Bedeutung generiert wird. Bedeutung entfaltet sich erst im Reich des Symbolischen, d.h. mit der Sprache (mit den Signifikanten), d.h. nach der symbolsichen Kastration. Kurzum: die semiotische Chora bereitet das Symbolische vor und wird schließlich ein Teil von ihm.
Um im Bild zu bleiben: jeder Mensch, sofern er anfängt zu sprechen, muß schließlich zu seinem eigenen Rhyhthmus eine Melodie finden, die von den anderen Menschen auch verstanden wird. Fetischismus ist sozusagen die vermeindliche Überführung der Vorbahnung in eine Melodie, ohne zu merken, dass gar keine Melodie entstanden ist (daher: bedeutsam nur für mich allein). Die poetische Sprache hingegen synkopiert den Rhythmus, um die Melodie zu bereichern, um andere Melodien zu kreieren. Und: der eigene Rhythmus ist von Anfang an ‘da’. Und er organisiert später die Revolte (ob fetisch-geleitet oder poetisch) gegen den ‘falschen’ und eindimensionalen Sinn.
23. Januar 2026