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Buch-Holismus oder so liest man heute

Gestern las ich nacheinander zwei kurze Erzählungen von zwei verschiedenen Autoren. (Spoiler Alarm, falls eigene Lektüre vorgesehen: Strunk, Heinz: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit. Hamburg, 2025 / Campbell, Jane: Kleine Kratzer: Storys. München, 2023). 

In der einen ging es um eine depressive Frau, die auch aufgrund eines sehr langanhaltenden Schluckaufs (Monate, Jahre) einen Selbstmord plant, bei der Umsetzung schließlich mitten in der Nacht von einer hohen Brücke springen will und feststellt, dass ihr Schluckauf aufgehört hatte. Die Polizei führt sie ab. Die andere Geschichte handelt von einer älteren Frau, die nach Jahren zum Ort ihrer ersten großen außerehelichen Leidenschaft zurückkehrt, zu den Victoriafällen in Afrika, um dort, nach dem Tod ihres Mannes, nochmals ihren ehemaligen Liebhaber zu treffen, der auf einer Tagung im Hotel zugegen ist. Das Wiedersehen, das zum Auftakt eines neuen Liebes-Lebens-Abschnitts werden soll, gerät zum Fiasko. Die Frau akzeptiert diesen bitteren Verlauf, geht nochmals zum Wasserfall, rutscht am Ufer aus und wird in die Tiefe gezogen.

Formal gibt es einige Parallelen: Wasser, Höhe, der Weg zum Tod, die Überraschung. Vielleicht habe ich deshalb kurz geglaubt, dass sich durch meine Lektüre das Schicksal der ersten Frau durch die Frau der zweiten Erzählung erfüllt hätte. Als würde das Buchuniversum eine große magische Einheit bilden, die untergründige Verbindungen stiftet: alles ist mit allem auf rätselhafte Weise durch die Buchstaben und durch mich verknüpft.

II 

Hans Blumenberg geht in seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ der Frage nach, ob nicht nur Bücher, sondern auch die Welt als „lesbar“ verstanden werden kann (Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main, 1996). Dann wären Bücher nur ein Spezialfall einer "umfassenderen Lesbarkeit", wobei die Welt immer schon gelesen worden sein muss, bevor wir sie - jenseits von richtig und falsch - lesen können, was den Einzelnen, das Kind, nicht davon entbindet, das Lesen zu lernen. Das wiederum korrespondiert mit dem Blumenbergschen Hinweis, dass die Lesbarkeit - der Welt, der Bücher - nicht einfach gegeben ist, sondern durch kulturelle Praktiken zunächst und immer wieder erlernt, erhandelt und tradiert werden muss. Und: viele Bücher, viele Welten und umgekehrt. Und da die gemeinsame Lesbarkeit keinen Ursprung hat, stellen sich eher genealogische Fragen: wie kommt es von einer Lesespraxis zu einer anderen? Aus heuristischen Gründen kann man mit Blumenberg dann zum Beispiel Lese-Epochen unterscheiden. Das Mittelalter, wo die Welt als göttliches Buch gesehen werden kann, in das die göttliche Ordnung eingeschrieben ist und aus dem wir sogar Wunder und Offenbarungen herauslesen können. Die Neuzeit, wo die Welt als ein mathematisch kodiertes System entziffert wird, in dem Kausalitäten walten und es zu einer sehr wirkungsmächtigen Manipulierbarkeit der Dinge kommen kann. Die Moderne, in der die Welt durch die Fragmentierung des Wissens, durch die Komplexität aller Abläufe, durch die Abwesenheit der Götter immer 'unlesbarer' und widersprüchlicher wird.

III

Die beiden eingangs genannten Erzählungen liegen auf der von Blumenberg skizzierten Linie der Moderne als eine etwas depressiv eingefärbte Welt der Unverständlichkeiten. In einem Fall wird nach dem Tod gesucht und gefunden wird ein transformierter Körper, der wiederum von der Ordnungsmacht gefunden wird. Im anderen Fall wird die Liebe gesucht, 'gefunden' wird der Tod. Keine Regel, die das Dasein erhellt, keine Zeichen, die die Zufälligkeiten transzendieren. Die Protagonistinnen finden nicht das, was sie suchen. Aber sie haben die Welt und sich, als Teil der Welt, keineswegs falsch gelesen. Wie auch; es gibt offenbar kein Schicksal, das sich erfüllt. Selbst meine Lektüre-Magie ist nur ein kurzes Aufflackern eines erhofften Rest-Sinns. Aber vielleicht muss man die Lektüre, jede Lektüre, radikal umkehren: die Unbeständigkeit und Unvorhersehbarkeit der Welt können auch Garant für das Vergnügen an den permanenten Veränderungen und Verwandlungen sein (Buch-Referenz: Ovid: Metamorphosen). Mit und gegen Blumenberg müsste es heißen: die Welt war noch nie richtig lesbar, Stabilität und Gewissheit allenfalls ein prekärer Zustand. Autor und Autorin können folgerichtig in dieser vielschichtigen, fantastischen, sinnig-unsinnigen, brutalen und gewaltsamen Welt auch die Un-Möglichkeiten, selbst die traurigen, der Lesbarkeit zuführen: pain in the ass und ein bißchen Freiheit. 

30. Oktober 2025