Wie witzig? Viel Glück!
In seinem Buch "Knife" berichtet Salman Rushdie über das Attentat, das im August 2022 auf ihn verübt wurde (Salman Rushdie: Knife: Gedanken nach einem Mordversuch. München: Penguin Verlag, 2024) Der islamistische Angreifer stach 15 mal auf ihn ein und es ist ein Wunder, dass er überlebte, wobei er jedoch sein rechtes Auge einbüßte. Ein Tag vor dem Attentat, so erzählt Rushdie in "Knife", stand er vor dem Gästehaus des Veranstaltungsortes und schaute zum Mond. Daran schließen sich Mond-Assoziationen an, bis hin zu der von Rushdie als apokryph eingestuften Geschichte - in Wahrheit ist sie von einem Komiker kreiert worden -, die besagt, dass der Astronaut Neil Armstrong nach der Mondlandung den schönen Satz sagte "Viel Glück Mr. Gorski" (Good luck, Mr. Gorski). Deshalb schön, so die Geschichte, weil Armstrong als kleiner Junge die Nachbarn bei einem Streit hörte, bei dem die Frau ihren Mann einen Blow-Job verweigerte und diesen erst vollziehen wollte, wenn der Nachbarsjunge, also Neil, auf dem Mond gelandet sei.
Später im Buch, in einem fiktiven Gespräch mit dem Attentäter, weist Rushdie darauf hin, dass er sich nicht erinnern kann, dass von einer einzigen Frau, Ehefrau oder Geliebten der islamistischen Terroristen die Rede gewesen sei, die um die Täter getrauert hätte (explizit erwähnt er die Anschläge von 2001 und 2008; siehe die - nicht vollständige - Liste der 'größeren' islamistischen Anschläge am Ende). Ist Einsamkeit vielleicht eine notwendige Voraussetzung für solche Taten, fragt Rushdie weiter. Nun, vielleicht ist diese Einsamkeit der Täter 'besser', für alle besser, die mit diesen Taten und den Tätern konfrontiert werden bzw. mit ihnen 'befasst' sind. Israel hat nach dem 7. Oktober 2023 die Spezialeinheit Nili gegründet, zusammengesetzt aus Mitgliedern des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und des Auslandsgeheimdienstes Mossad, deren Ziel es ist, alle an dem Anschlag beteiligten Angreifer aufzuspüren und zu töten. Verlautbar wurde, dass bis Mitte 2026 mehr als 2.700 der schätzungsweise 5.000 an dem Massaker beteiligten Terroristen getötet wurden und dass die Mission bis zum letzten der beteiligten Terroristen fortgeführt wird.
Nili ist übrigens ein hebräisches Akronym und steht für den biblischen Satz „Netzach Jisraʾel lo Jeschaqqer“ („Er, der Israels Herrlichkeit ist, lügt nicht“, nach 1. Samuel 15,29). Insofern könnte Nili auch mit dem aus dem Koran stammenden Begriff Da'wa (Einladung) zusammengedacht werden, der den Glaubens-Verbreitungs-Anspruch umfasst und bedeutet, andere Menschen auf den Weg Gottes aufmerksam zu machen, sie aber nicht zum Glauben zu zwingen. Näher liegt jedoch der alttestamentarische Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (2. Mose 21,24), was mich zum nächsten Punkt bringt.
Niemand hat in den letzten Jahrzehnten filmisch und pop-kulturell das Rachemotiv umfassender in Szene gesetzt als Quentin Tarantino: > Persönliche Rache: Kill Bill, Death Proof > Historische Rache: Inglourious Basterds, Once Upon a Time in Hollywood > Rache als Gerechtigkeit: Django Unchained, Kill Bill > Rache als Gewaltspirale: Reservoir Dogs, The Hateful Eight. Bekanntlich hat Tarantino keine erbaulichen Moralfilme gedreht, sondern die emotionale Zuspitzung gesucht, die in einer Art von Katharsis endet - die sorgsam antrainierten Friedfertigkeitsreflexe, die besagen, dass nach dem Schlag auf die rechte Wange noch die andere hinzuhalten oder zumindest die Gewalt-Gegen-Reaktion als verwerflich zu verwerfen sei, werden hier umfassend verabschiedet: der oder die Schuldigen bekommen bei Tarantino was sie 'verdienen'.
Nun ist Tarantino mit einer jüdischen Frau verheiratet, die Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Israel. Tarantino lebt nach eigener Aussage gerne dort und hat nach den Anschlägen keinen Zweifel an seiner Solidarität mit Israel gelassen. U.a. hat er nach den Terrorangriffen Militärstützpunkte besucht und mit Soldaten für Fotos posiert, um die Moral der Truppe zu stärken. Nun wäre es völlig abwegig, ausgehend vom 7. Oktober und von Nili ein Drehbuch verfassen zu wollen und einen entsprechenden Film zu drehen. Die Wunden der Wirklichkeit sind zu offensichtlich, die Geschichte ist noch im vollen Gange. Insofern ist es verständlich, dass er sich in London einem Bühnenprojekt widmet, in welchem es komödienhaft um Täuschungen und Verkleidungen geht; die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert. Kaum ein Sujet könnte weiter von den derzeitigen Nah-Ost-Konflikten entfernt sein. Offensichtlich ist, dass Tarantino mit einer irgendwie gearteten künstlerischen Auseinandersetzung mit der derzeitigen politischen Situation Gefahr laufen würde, in der der Kunst- und Kulturszene, mit ihrer vielverbreiteten Nähe zum Antisemitismus, zu verbrennen - und mit ihm sein gesamtes Werk. Es ist insofern eine Ironie der Geschichte, dass zu einem Zeitpunkt, an dem Tarantino die größte biografische Nähe zu seinem Lebensthema - Rache, Rache, Rache - widerfährt, er dieses nicht künstlerisch verarbeiten kann. Ebenso wie ein fehlendes Auge ist das wenig witzig.
Islamistische Anschläge ------------------------------------------------------------------------------
Datum Ort Tote Art der Täter
11.09.2001 USA , New York, Arlington, ca. 2 977 - Al-Qaida, ausschließlich männliche Attentäter
11.03.2004 Madrid, Spanien 191 - Islamistische Zellen, überwiegend männlich
07.07.2005 London, UK - 52 - 4 männliche Selbstmordattentäter
26–29.11.2008 Mumbai, Indien 166 - männliche Angreifer (Lashkar-e-Taiba)
21.09.2013 Nairobi, Kenia 67 - Al-Shabaab, männliche Angreifer
13.11.2015 Paris, Frankreich 130 - IS-Zellen, männliche Attentäter
14.07.2016 Nizza, Frankreich 86 - männlicher Attentäter
17.08.2017 Barcelona & Cambrils, Spanien 16 - männliche Tätergruppe
07.10.2023 Israel, Hamas-Angriff > 1.100 - überwiegend männliche Kämpfer
31. August 2026