nach der gewissheit, vor der paranoia
Zum Tod von Jürgen Habermas - auch eine Art Schadensfall
Sicherlich: „De mortuis nil nisi bene“. Und: wie immer man zu Habermas stehen mag, sein Tod bringt nachdrücklich in Erinnerung, dass die Bonner Republik nicht nur lange, lange, lange beendet ist, sondern dass sie uns auch einige Fragen und Fallstricke hinterlassen hat, die bis heute nachwirken und an denen Habermas mitgestrickt hat.
Auffällig ist dabei, wie ehrfürchtig viele Nachrufe ausfallen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat bei den Salonkolumnisten darauf hingewiesen ( https://www.salonkolumnisten.com/mein-habermas/ ), dass ein zentraler Aspekt von Habermas' Wirken häufig ausgeblendet wird: seine bemerkenswert zurückhaltende bis wohlwollende Haltung gegenüber dem real existierenden Kommunismus. In seinen Reaktionen auf die Umbrüche von 1989, etwa im Essay „Der DM-Nationalismus“ (1990), spielten sozialistische Diktatur, staatliche Repression und politische Gewalt kaum eine Rolle. Statt die neu gewonnenen Freiheitsräume in den Mittelpunkt zu stellen, überwog bei Habermas und Teilen seines intellektuellen Umfelds häufig die Skepsis gegenüber den Folgen dieser Freiheit.
Auch in der Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus, das Terror, Unterdrückung und Massenmord als systemische Merkmale kommunistischer Herrschaft beschreibt und die Zahl der Opfer weltweit auf nahezu 100 Millionen Menschen schätzt, blieb Habermas auffallend still. Für Kowalczuk ist dieses Schweigen ebenso bezeichnend wie seine Positionierungen in späteren außenpolitischen Konflikten.
Besonders deutlich wurde dies nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Der Publizist Richard Herzinger sprach bereits Anfang 2023 von einem „intellektuell-moralischen Bankrott“ und sah in Habermas' Reaktionen ein Symptom tieferliegender Schwächen der deutschen Nachkriegsintellektuellen (https://herzinger.org/habermas-ein-intellektuell-moralischer-bankrott?utm_source=feedly&utm_medium=rss&utm_campaign=habermas-ein-intellektuell-moralischer-bankrott ). Zu diesen zählte er die Neigung, Aggressor und Opfer moralisch auf eine Ebene zu stellen, die Bedrohung durch autoritäre Gewalt zu relativieren, Eskalationsängste über politische Realitäten zu stellen und aus früheren Fehlurteilen, etwa während der Balkankriege, nur begrenzt Konsequenzen gezogen zu haben.
Die Frage ist jedoch, ob diese Defizite lediglich in konkreten politischen Stellungnahmen sichtbar werden oder ob sie bereits in den theoretischen Grundannahmen von Habermas angelegt sind. Denn sein Denken kann insgesamt als der Versuch gelesen werden, einen normativen Schutzraum gegen die Wiederkehr jener moralischen Katastrophe zu errichten, die für ihn der Nationalsozialismus darstellte. Dass der Nationalsozialismus eine historische Katastrophe war, steht außer Frage. Ebenso bleibt Habermas' Hinweis auf die Offenheit historischer Deutungen und die Bedeutung eines pluralistischen Geschichtsverständnisses ein wichtiger Beitrag (siehe Jürgen Habermas: "Eine Art Schadensabwicklung" ZEIT Nr. 29/1986, Wiederabdruck: ZEIT Nr. 13, 19. März 2026).
Schaut man allerdings genauer auf die ‚Architektur‘ seiner Theorie, erscheint der Stellenwert dieses Pluralismus überraschend begrenzt. Exemplarisch lässt sich das am Kapitel „Überbietung der temporalisierten Ursprungsphilosophie: Derridas Kritik am Phonozentrismus“ aus Der philosophische Diskurs der Moderne zeigen (Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne: zwölf Vorlesungen. 12. Auflage. Frankfurt am Main; 2016 (1985)). Dort treten einige Grundmuster des Habermasschen Denkens besonders deutlich hervor, wie zum Beispiel das Streben nach normativer Stabilität, das Misstrauen gegenüber radikaler Kontingenz und der welterschließenden Kraft der Sprache
Für Habermas gilt: was nicht begründet werden kann oder genauer: was in seiner Begründung nicht zugleich einen Sicherungsdiskurs miteinschließt, das ist nicht satisfaktionsfähig. So schließt Habermas ganz väterlich, wie ein gewissenhafter Schulmeister, Derrida aus dem wissenschaftlichen Diskurs aus. Derrida würde "der jüdischen Mystik" nahebleiben (Habermas: PDdM, 214) und eine "schriftlich verkodete Seinsgeschichte" entwickeln, um sich damit assoziationsreich "im Ontologisch-Urschriftlichen tummeln zu können", so der Vorwurf. Oder wie Habermas es formuliert: Derrida landet bei der "leerformelhaften Beschwörung einer unbestimmten Autorität". Ob mit dieser „unbestimmten Autorität“ nicht unter anderem auch die Frage nach der (politischen) Freiheit auftaucht, ist für Habermas nicht diskussionswürdig - wir werden sehen, wie Habermas diese Frage systematische umgeht und ausblendet.
Im Gegensatz zu jedweder Unbestimmtheit, beharrt Habermas auf die Vernunft samt ihren universellen Geltungsansprüchen. Denn wo weht und geht die Wahrheit hin, wenn wir keine Maßstäbe mehr haben, mit denen eine klare Verständigung, gute Problemlösungen, normative Fortschritte und raumgreifende Lernprozesse ins Werk gesetzt werden können?
Um dies zu realisieren, versucht Habermas metaphysische Grundsetzungen in (nach-metaphysische) kommunikative Handlungsuniversalien zu ‚übersetzen‘, die nicht vor oder hinter dem Menschsein liegen sollen (kein Fatum der Seinsgeschichte), sondern zwischen den Menschen "ermittelt" werden können. Dabei wird die Welt praktischerweise in drei Seinsbereiche aufgeteilt: In Anlehnung an die Kantschen Kritiken gibt es eine "objektive Welt" ("Kritik der reinen Vernunft"), die "gemeinsame soziale Welt" ("Kritik der praktischen Vernunft") und die "subjektive Welt" ("Kritik der Urteilskraft").
Habermas wirft nun Derrida (und auch Richard Rorty) vor, dass sie insbesondere gegenüber den ersten beiden Welten (Welt der Wahrheit und des Handelns / der Moral) verkennen würden, dass in den modernen Ausprägungen dieser Welten Ansprüche angelegt sind, die zu überprüfbaren Problemlösungen führen würden. Habermas schreibt:
Diese Diskurse, die sich „in den idealisierenden Voraussetzungen kommunikativen Handelns zur Geltung“ bringen , sind „aus der Alltagsdimension ausdifferenziert und auf jeweils eine Geltungsdimension (der Wahrheit oder der normativen Richtigkeit), auf jeweils einen Problemkomplex (Wahrheitsfragen oder Gerechtigkeitsfragen) zugeschnitten (…). Um diese Argumentationsformen kristallisieren sich in modernen Gesellschaften die Sphären von Wissenschaft, Moral und Recht.“ (Habermas: PDdM, 242 f.)
Also zur Habermas-Welt Nr. 1, die objektive Welt (Wahrheit).
Für Habermas ist die objektive Welt zugleich eine wahre Welt und wird in letzter Instanz durch die Wissenschaft beglaubigt. Die objektive Welt ist also primär durch die wissenschaftliche Wahrheit garantiert. Der Einwand wäre hier, dass die Wissenschaft nur ein bestimmtes, historisches Wahrheitsregime verkörpert, das nicht zuletzt aufgrund seiner Wirkmächtigkeit universelle Ansprüche einfordert. Zudem kann man die Frage aufwerfen, ob ‚die‘ Wissenschaft ihre Wirkmächtigkeit nicht eher aus den Effekten der Reproduzierbarkeit und Verlässlichkeit bezieht, statt aus ihren Wahrheitsansprüchen. Weiterhin sind die wissenschaftlichen Ergebnisse in vielen Forschungsfeldern keineswegs so eindeutig, wie die Habermasche Kopplung an den Begriff der Wahrheit suggeriert. Der Einwand, dass in diesen Fällen möglicherweise die „idealisierten Voraussetzungen kommunikativen Handelns“ noch nicht umfassend zur Geltung gebracht worden sind, trifft auf die Gegenfrage, warum wir glauben sollten, dass ideale Kommunikationsbedingungen und universelle Geltungsansprüche (umfassender: eine ‚universelle‘ Vernunft) überhaupt universell gültig sind. Liegt es nicht viel näher, dass Wahrheit eher ein Produkt eines Macht- und Wirksamkeitseffekts ist. Wenn sich die (wissenschaftliche) Wahrheit nicht wie der heilige Geist selbstständig zur Entfaltung bringt (was bekanntlich auch dieser nicht tut), sind wir umgehend mit ‚Vermittlungsfragen‘ befasst, die wiederum auf verschiedenste Machtdimensionen vor- und zurückverweisen. In diesem Sinne gibt es keine Meta-Instanz, die außerhalb des ‚Wissenschaft-Spiels‘ über die ideale Vernunft wachen, richten und entscheiden könnte.
Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: natürlich funktionieren die Wissenschaften an vielen Stellen ganz hervorragend, nicht zuletzt auch deshalb, weil es Standards für die wissenschaftliche Forschung und für wissenschaftliche Resultate gibt. Aber die Wissenschaft ist in sich viel pluraler als im Habermaschen Diskurs vorausgesetzt. Aber nicht nur deshalb ist die Verkopplung mit dem Wahrheitsbegriff fragwürdig. Auch seine Begrenzung auf die Wissenschaft selbst schließt kategorisch andere ‚Wahrheitsformen‘ aus, die nicht schlichtweg als irrational abgetan werden können (an dieser Stelle könnte man zurückfragen, mit welchem Machtansprüchen – und Verdunkelungsstrategien - diese Zurückweisung geschieht, was zu Fragen der Subalternität und der Hegemonie führt).
Zur Habermas-Welt Nr. 2, die soziale Welt (Moral, Recht, Gerechtigkeit).
Natürlich geht auch Habermas davon aus, dass der Mensch kein Objekt, keine Maschine ist, die auf vorgegebenen Bahnen seine Lebenskreise ziehen muss (daher die Sozialwissenschaften). In der „sozialen Welt“ sind die Menschen vergesellschaftet und müssen im Umgang miteinander die Regeln finden, die zu einem guten Zusammenleben führen. Nun könnte man meinen, dass genau das Finden und Aushandeln dieser Regeln eine politische Aufgabe ist. Warum also „soziale Welt“? Die Antwort lautet, dass die politische Dimension eine Art von Kontingenz und Geschichtlichkeit in die „Theorie“ hineinbringt, die theoretisch nicht einfach zu meistern ist.
Natürlich gibt es im marxistischen Denken das Faktum der Konfrontation und des Antagonismus, nur waren diese Auseinandersetzungen in einem dialektischen Geschichtsprozess aufgehoben und damit in einer Nähe zum metaphysischen Denken gerückt. Die Frage, welche Art politischer Intervention notwendig ist, um diesen Geschichtsprozess zu unterstützen, führte schließlich zu der Auseinandersetzung mit dem ‚kulturellen Überbau‘ und zur Frage der Hegemonie und damit zum Politischen.
Aber Habermas biegt zuvor ab auf die Straße, die da heißt „normative Richtigkeit“. Wenn Menschen miteinander zu tun haben, sollen sie sich auf das einigen können, was die Vernunft ihnen souffliert. Und weil die Vernunft vernünftig ist, kann es hier nur schwerlich zwei Meinungen geben. Und die Moral von der Geschichte? Der kleine Spalt zwischen Faktizität und Geltung existiert natürlich weiterhin.Sind also einige Menschen zu dumm oder zu schlau für die Vernunft? Ist Ihre (zu dumme oder zu schlaue) Vernunft noch die Vernunft aller anderen? Schnell müssen hier einige Zusatzbedingungen eingeführt werden, namentlich „herrschaftsfreier Diskurs“, der zugleich – schon angemerkt – ein rationaler Diskurs ist.
In dieser Form ist das Subjekt – hier ursprünglich: das Unterworfene – von allen kulturellen und geschichtlichen Zufälligkeiten bereinigt, steht also in gewisser Weise nackt das. Der amerikanische Sozialphilosoph John Rrawls sprach folgerichtig – wenn auch im Kontext seiner Theorie - von einem „Urzustand“ (Original Position) und von dem „Schleier des Nichtwissens“ (Veil of Ignorance). Allein, kann man in dieser Position überhaupt noch ernsthaft über das eigene und gemeinsame kulturelle, soziale und politische Leben sprechen? Wann ist der Punkt erreicht, indem die Kontingenzen des Daseins zu unerwünschten „Verzerrungen“ führen, wo sind es „berechtigte“ Anliegen und welche Instanz unterscheidet hier das eine vom anderen.
Dazu noch eine weitere Anmerkung. Habermas spricht in diesem Kontext immer auch vom Recht, also von kodifizierten Formen unseres Zusammenlebens. Das Recht wäre dabei das Ergebnis, das auf den Problemkomplex „Gerechtigkeitsfragen“ zugeschnitten sein soll und ihm eine Form gibt (siehe Zitat). Aber, so der Einwand, das Recht resultiert nicht automatisch daraus, dass Fragen der Gerechtigkeit aufgeworfen werden. Der Weg dorthin ist oftmals mit harten Auseinandersetzungen gepflastert und nicht jede gerechte Sache wurde in der Geschichte rechtlich umgesetzt. Wenn man mit Habermas hier wiederum auf den herrschaftsfreien Diskurs verweisen würden, sieht man schon begrifflich, dass die vorgeschlagene Lösung das Problem überspringt, da ungleiche Macht- und Herrschaftsverhältnisse oftmals der Ausgang von Gerechtigkeitsfragen bilden.
Als weiteres linkes Erbe hat Habermas zudem die Idee übernommen, dass Moral mit sozialer Gerechtigkeit oder Gleichheit verbunden ist. Umgekehrt erscheint Freiheit dann eher als negative Freiheit, die entsteht, wenn das Individuum aus traditionellen Bindungen herausgelöst und von Autoritäten befreit wird (siehe dazu auch jüngst, wenn auch mit anderer Stoßrichtung: Jonathan Haidt:. 2026. - Die Macht der Moral: Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten. Hamburg, 2026).
Die Habermasche Verkürzung der Welt auf eine soziale Welt, die um Fragen der normativen Richtigkeit kreist, unterschlägt in vielfältiger Weise die politischen Fragen, mit der Gesellschaften konfrontiert werden. Konflikthaftigkeiten kreisen oftmals um (antagonistische) Identitätsfragen, die nicht im Sinne eines rationalen Ausgleichs oder eines Interessensausgleichs gelöst werden können. Weitergehend hängt damit zusammen, dass Habermas keinen wirklichen Begriff von Freiheit hat (Hannah Arendt: der Sinn von Politik ist Freiheit), im Sinne einer Unterbrechung oder eines Neubeginns von geschichtlich-politischen Abläufen und Situationen. Damit zusammenhängend gibt es für Habermas auch kein wirkliches politisches Handeln. Während beispielsweise bei Hannah Arendt „Handeln“ immer auch kreative, unterbrechende und unvorhersehbare Effekte zeitigen kann, ist das Habermasche Handeln nur eine Rückkehr in den Hafen der Rationalität und Vernunft. Damit kommen wir zur 3., zur subjektiven Welt.
Zur Habermas-Welt Nr. 3, die subjektive Welt (Expressivität, Wahrhaftigkeit).
Die dritte Welt ist für Habermas die subjektive Welt der Wahrhaftigkeit. Hier geht es, wie bei Kant in seiner Kritik der Urteilskraft, um ästhetische Fragen, die aber anders als bei Kant keine Scharnierfunktion zwischen den beiden Sphären Natur (Habermas: Wahrheit, Objektivität) und Moral (Gesetzlichkeit der Freiheit; Habermas: soziale Welt und Recht) einnimmt. Im Unterschied zu den vorhergehenden „Welten“ wird diese Welt eng begrenzt und auf ein subjektives Prinzip verkürzt. Wahrhaftigkeit soll die Währung sein, mit der über die Dinge gesprochen und geurteilt werden soll, die per Kreation hervorgebracht worden sind. Da hier eine Innerlichkeit nach Außen drängt, also ein expressives Moment die ausschlaggebende Rolle spielt, gibt es keinen gemeinsamen fundierten Zugang zur dieser Sphäre. Allein das Schaffenssubjekt kann hier seine Authentizität bezeugen.
Damit hat Habermas die gesamte Kreativität und das gesamte kreative Handeln aus der gemeinsamen Welt hinauskatapultiert. Subjektiv kann bei Habermas das Kreativsubjekt auf seine welterschließende Kraft pochen - für das gemeinsame Zusammenleben ist es in Bezug auf die Objektivität und auf die normative soziale Richtigkeit allenfalls ein schmückendes Beiwerk. Daher fällt sein Kommentar in Bezug auf Derrida wie folgt aus:
„Derrida vernachlässigt das Negationspotential der Geltungsbasis verständigungsorientierten Handelns; er läßt hinter der welterzeugenden Kapazität der Sprache die Problemlösungskapazität verschwinden, die die Sprache als das Medium besitzt, über das die kommunikativ Handelnden in Weltbezüge eingelassen sind, wenn sie sich miteinander über etwas in der objektiven Welt, in ihrer gemeinsamen sozialen Welt oder in einer jeweils privilegiert zugänglichen subjektiven Welt verständigen.“
Habermas: PDdM, 241 f.
Umgekehrt könnte man Habermas an dieser Stelle fragen, ob er mit seinem Primat der Problemlösungskapazität nicht die welterzeugenden Momente der Sprache zum Verschwinden bringt. Das ist deshalb keine Petitesse, weil Kreativität und die Freiheit der ‚Welterzeugung‘ die von Habermas sorgfältig auseinander-dividierte Drei-Welten-Theorie als ganzes hinterfragt. Denn ist es nicht so, dass wissenschaftliche Revolutionen statt sich auf vorhandene Paradigmen zu beziehen, neue Paradigmen schaffen? Und ist es nicht so, dass Gerechtigkeit die bestehende Recht im Namen einer anderen Adressierung überschreitet und weiterschreibt? Und ist es nicht so, dass die Kunst nicht nur ästhetisches Wohlgefallen auszulösen vermag, sondern unsere Welt- und Identitätsbezüge neu zu schreiben vermag? Kurzum, müsste man nicht all jene Momente als Politisch bezeichnen, die den Rahmen der Konventionen und Sedimentierungen auf etwas Neues hin überschreiten und überschreiben? Und gilt das nicht gleichermaßen für alle Wissensbereiche, ebenso wie für unsere sozialen und ästhetischen Erfahrungsräume?
Das heißt andererseits keineswegs, dass Menschen nicht Lernprozesse durchlaufen und dass sinnvolle Institutionen aufgebaut werden können. Nur sind diese Prozesse und Institutionen weder auf einem unerschütterlichen Fundament aufgebaut, noch kann man sie ausgehend von einem solchen Fundament umstandslos errichten (siehe zum Beispiel das im obigen Zitat von Habermas ins Spiel gebrachte „Negationspotential der Geltungsbasis verständigungsorientierten Handelns“ = Fundament). Optimierungen und Regressionen sind selbstverständlich möglich, auch oder gerade weil sie im Kontinuum dessen liegen, was optimiert oder rückabgewickelt werden soll. Aber Freiheit und Kreativität im emphatischen Sinne bringen tatsächlich etwas unkalkulierbar Neues in die Welt. Hier greift kein Sicherungsdiskurs, da das Neue eben jenseits von dem liegt, was wir sicherungstechnisch schon abschätzen und einhegen können.
Nun werden manche einwenden, dass man damit die irrationale Büchse der Pandora öffnet, da ohne Fundament alles der Beliebigkeit anheim zu fallen droht. Habermas wirft genau das Derrida vor.
„Für ihn (Derrida) sind die sprachvermittelten Prozesse in der Welt in einen alles präjudizierenden weltbildenden Kontext eingebettet; sie sind dem unverfügbaren Geschehen der Texterzeugung fatalistisch ausgeliefert, sind vom poetisch-kreativen Wandel des urschriftlich inszenierten Hintergrundes überwältigt und zur Provinzialität verurteilt.“
Habermas: PDdM, 241 f.
An dieser Stelle unterstellt Habermas Derrida etwas, was dieser nie behauptet hat. Die derridasche Dekonstruktion „besteht“ keineswegs darin, die vermittelte Welt (und es gibt für uns Menschen kaum etwas Unvermitteltes) aus einer unverfügbaren Symbolkreation wie aus dem Nichts immer wieder neu und anders entstehen zu lassen. Vielmehr werden die Handlungs- und Denkspielräume durch den Aufweis erweitert, dass jedweder Bedeutung eine Instabilität innewohnt. Wir werden durch die Geschichte geschrieben, aber nichts ist endgültig festgeschrieben oder lässt sich zukünftig festschreiben. Folgerichtig spricht Derrida von der kommenden Demokratie, was u.a. betonen soll, dass in der Demokratie die Zukunft immer wieder auf uns zukommen kann und in gewisser Weise auch zukommen muss. Es ist insofern auch kein Zufall, dass der Totalitarismus als Verleugnung von Pluralismus und Freiheit erst dann auf der geschichtlichen Bildfläche erscheinen konnte, als die Freiheitserfahrung mitsamt ihren Verunsicherungen und Entortungsmomenten geschichtlich erfahrbar wurde. D.h. zu jenem geschichtlichen Moment, als die Zukunft u.a. nicht mehr in religiösen Kategorien festgeschrieben werden konnte und der Horizont unseres also ein anderer.
Und nun?
Wenn man den Begriff der Freiheit in den Mittelpunkt des politischen Denkens rückt, so heißt das nicht, dass man davon ausgehen kann, dass Freiheit, verstanden als die Möglichkeit des gemeinsamen Streits um das gemeinsame Leben, sich immer wieder durchsetzen wird. Man kann den Freiheitsraum verengen und sogar schließen. Die totalitären Bewegungen haben diese Schließung brutal durchbuchstabiert. Und auch heute, mit anderen Vorzeichen und anderen Problemlagen, ist keineswegs ausgemacht, ob die politische Freiheit im emphatischen Sinne in allen demokratischen Räumen wird bestehen können. Oftmals sind es nicht nur ideologische, sondern auch funktionale und/oder moralische Diskurse, die für sich beanspruchen, die richtigen Antworten für uns zu wissen, ohne andere Antworten zuzulassen. Aber wer hören kann, merkt schnell, dass ideologische Diskurse vereinfachen und vereindeutigen, dass funktionale Diskurse das gemeinsame Leben auf technische Problemlösungen reduzieren, dass moralische Diskurse sich nicht dem Anderen gegenüber öffnen, sondern in der Selbstbestätigung der guten Gesinnung sich selbst genügen. Das Paradoxe an einigen dieser Diskurse ist, dass sie im Namen der Freiheit vorgetragen werden. Aber das Schöne und zugleich Schmerzhafte an der politischen Freiheit ist, dass diese Freiheit nicht schon für den anderen ‚mitgewußt‘ werden kann. Jede freiheitliche politische Adressierung mag ein Versprechen haben (müssen), wird in der Antworthaftigkeit aber auch ein Stück der eigenen geschichtlichen Affiziertheit (und Verletzlichkeit) mitartikulieren müssen. Letzteres ist weder objektivierbar noch kalkulierbar.
An diesem Punkt können wir auf Habermas zurückkommen. Seine theoretischen Prämissen sind darauf angelegt, den gemeinsamen politischen Raum zu sichern, abzusichern. Rationalität und Vernunft können und sollen seiner Meinung nach dies bewerkstelligen. Wahrheit, Recht/Moral und Expressivität werden jeweils in einem Begründungrahmen eingepasst und gegeneinander abgegrenzt. Schaut man genauer hin, zeigen sich die Begründungen brüchig, ebenso wie die Abgrenzungen. Solange ein politischer ‚Normalzustand‘ Bestand hat, mag diese Art ‚rationaler‘ Absicherung und ‚rationaler‘ Vorgabe halbwegs plausibel scheinen, wird jedoch obsolet, sobald die Entortungen unsere Deutungsmuster außer Kraft setzen (wie wir am Anfang gesehen haben, agiert Habermas gegenüber neuen politischen Konstellationen und Konflikthaftigkeiten sehr ‚links-konservativ‘). In jenen Momenten ist der der politische Raum auf jene Unterbrechungen angewiesen, die Habermas so vehement – da unkalkulierbar – für das gemeinsame Leben ausschließt. Statt abzusichern was gesellschaftlich, politisch und damit geschichtlich sich in Auflösung befindet, wäre es eine politische Tugend, ein ‚anderes Hören und Adressieren‘ zuzulassen, jenseits identitätsfixierter und angstbesetzter linker oder rechter Reaktionen. Doch dieser Wunsch in dieser Abstraktion ist ebenfalls: nackte Theorie.
30. September 2026
Witzig? Viel Glück!
In seinem Buch "Knife" berichtet Salman Rushdie über das Attentat, das im August 2022 auf ihn verübt wurde (Salman Rushdie: Knife: Gedanken nach einem Mordversuch. München: Penguin Verlag, 2024) Der islamistische Angreifer stach 15 mal auf ihn ein und es ist ein Wunder, dass er überlebte, wobei er jedoch sein rechtes Auge einbüßte. Ein Tag vor dem Attentat, so erzählt Rushdie in "Knife", stand er vor dem Gästehaus des Veranstaltungsortes und schaute zum Mond. Daran schließen sich Mond-Assoziationen an, bis hin zu der von Rushdie als apokryph eingestuften Geschichte - in Wahrheit ist sie von einem Komiker kreiert worden -, die besagt, dass der Astronaut Neil Armstrong nach der Mondlandung den schönen Satz sagte "Viel Glück Mr. Gorski" (Good luck, Mr. Gorski). Deshalb schön, so die Geschichte, weil Armstrong als kleiner Junge die Nachbarn bei einem Streit hörte, bei dem die Frau ihren Mann einen Blow-Job verweigerte und diesen erst 'vollziehen' wollte, wenn der Nachbarsjunge, also Neil, auf dem Mond gelandet sei.
Später im Buch, in einem fiktiven Gespräch mit dem Attentäter, weist Rushdie darauf hin, dass er sich nicht erinnern kann, dass von einer einzigen Frau, Ehefrau oder Geliebten der islamistischen Terroristen die Rede gewesen sei, die um die Täter getrauert hätte (explizit erwähnt er die Anschläge von 2001 und 2008; siehe die - nicht vollständige - Liste der 'größeren' islamistischen Anschläge am Ende). Ist Einsamkeit vielleicht eine notwendige Voraussetzung für solche Taten, fragt Rushdie weiter. Nun, vielleicht ist diese Einsamkeit der Täter 'besser', für alle besser, die mit diesen Taten und den Tätern konfrontiert werden bzw. mit ihnen 'befasst' sind. Israel hat nach dem 7. Oktober 2023 die Spezialeinheit Nili gegründet, zusammengesetzt aus Mitgliedern des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und des Auslandsgeheimdienstes Mossad, deren Ziel es ist, alle an dem Anschlag beteiligten Angreifer aufzuspüren und zu töten. Verlautbar wurde, dass bis Mitte 2026 mehr als 2.700 der schätzungsweise 5.000 an dem Massaker beteiligten Terroristen getötet wurden und dass die Mission bis zum letzten der beteiligten Terroristen fortgeführt wird.
Nili ist übrigens ein hebräisches Akronym und steht für den biblischen Satz „Netzach Jisraʾel lo Jeschaqqer“ („Er, der Israels Herrlichkeit ist, lügt nicht“, nach 1. Samuel 15,29). Insofern könnte Nili auch mit dem aus dem Koran stammenden Begriff Da'wa (Einladung) zusammengedacht werden, der den islamischen Glaubens-Verbreitungs-Anspruch umfasst und bedeutet, andere Menschen auf den Weg Gottes aufmerksam zu machen, sie aber nicht zum Glauben zu zwingen. Näher liegt jedoch der alttestamentarische Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (2. Mose 21,24), was mich zum nächsten Punkt bringt.
Niemand hat in den letzten Jahrzehnten filmisch und pop-kulturell das Rachemotiv umfassender in Szene gesetzt als Quentin Tarantino: > Persönliche Rache: Kill Bill, Death Proof > Historische Rache: Inglourious Basterds, Once Upon a Time in Hollywood > Rache als Gerechtigkeit: Django Unchained, Kill Bill > Rache als Gewaltspirale: Reservoir Dogs, The Hateful Eight. Bekanntlich hat Tarantino keine erbaulichen Moralfilme gedreht, sondern die emotionale Zuspitzung gesucht, die in einer Art von Katharsis endet - die sorgsam antrainierten Friedfertigkeitsreflexe, die besagen, dass nach dem Schlag auf die rechte Wange noch die andere hinzuhalten oder zumindest die Gewalt-Gegen-Reaktion als verwerflich zu verwerfen sei, werden hier umfassend verabschiedet: der oder die Schuldigen bekommen bei Tarantino was sie 'verdienen'.
Nun ist Tarantino mit einer jüdischen Frau verheiratet, die Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Israel. Tarantino lebt nach eigener Aussage gerne dort und hat nach den Anschlägen keinen Zweifel an seiner Solidarität mit Israel gelassen. U.a. hat er nach den Terrorangriffen Militärstützpunkte besucht und mit Soldaten für Fotos posiert, um die Moral der Truppe zu stärken. Nun wäre es völlig abwegig, ausgehend vom 7. Oktober und von Nili ein Drehbuch verfassen zu wollen und einen entsprechenden Film zu drehen. Die Wunden der Wirklichkeit sind zu offensichtlich, die Geschichte ist noch im vollen Gange. Insofern ist es verständlich, dass er sich in London einem Bühnenprojekt widmet, in welchem es komödienhaft um Täuschungen und Verkleidungen geht; die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert. Kaum ein Sujet könnte weiter von den derzeitigen Nah-Ost-Konflikten entfernt sein. Offensichtlich ist, dass Tarantino mit einer irgendwie gearteten künstlerischen Auseinandersetzung mit der derzeitigen politischen Situation Gefahr laufen würde, in der der Kunst- und Kulturszene, mit ihren vielen antisemitischen Überzeugungen, zu verbrennen - und mit ihm sein gesamtes Werk. Es ist insofern eine Ironie der Geschichte, dass zu einem Zeitpunkt, an dem Tarantino vermutlich die größte biografische Nähe zu seinem Lebensthema - Rache und Gerechtigkeit - widerfährt, er dieses nicht künstlerisch und zeitbezogen bearbeiten, er das Thema nicht einmal politisch situieren kann. Und für alle, die meinen, dass Wehrhaftigkeit (und, schwierige Kategorie: rächende Gerechtigkeit) die falsche Antwort auf Vernichtungs-Terror ist: es steht zu befürchten, dass beim hinhalten der anderen Backe anschließend nicht nur ein Auge, sondern das eigene Leben fehlt.
Islamistische Anschläge ------------------------------------------------------------------------------
Datum Ort Tote Art der Täter
11.09.2001 USA , New York, Arlington, ca. 2 977 - Al-Qaida, ausschließlich männliche Attentäter
11.03.2004 Madrid, Spanien 191 - Islamistische Zellen, überwiegend männlich
07.07.2005 London, UK - 52 - 4 männliche Selbstmordattentäter
26–29.11.2008 Mumbai, Indien 166 - männliche Angreifer (Lashkar-e-Taiba)
21.09.2013 Nairobi, Kenia 67 - Al-Shabaab, männliche Angreifer
13.11.2015 Paris, Frankreich 130 - IS-Zellen, männliche Attentäter
14.07.2016 Nizza, Frankreich 86 - männlicher Attentäter
17.08.2017 Barcelona & Cambrils, Spanien 16 - männliche Tätergruppe
07.10.2023 Israel, Hamas-Angriff > 1.100 - überwiegend männliche Kämpfer
31. August 2026
Vögelchen flieg
Eine iranische Frau schreibt in einer Wochenzeitung, aus Sicherheitsgründen unter einem Pseudonym, über die derzeitige Lage im Iran (ZEIT-Ausgabe vom 16. Juli 2026). Sie glaubt, dass das Regime weiterhin Millionen von aufrichtigen Anhängern hat, aber diese zugleich nicht wahrhaben wollen, dass Millionen von Iranern das System ablehnen. Menschen seien bereit ihr Leben für eine Lebensänderung zu riskieren. Anfang Juli, so schreibt sie weiter, wurden in der Stadt Isfahan 15 Menschen zum Tode verurteilt, weil sie im Januar demonstriert hatten, manche davon bei den Protesten noch keine 18 Jahre alt. Andere Protestler sind inhaftiert, werden in den Gefängnissen misshandelt; eine Bekannte der Autorin hat ihren Bruder besuchen dürfen, so berichtet sie weiter - die Nase war gebrochen.
Heute las ich zufällig einen alten Tagebucheintrag, aus dem April 2013, überschrieben mit "Folter, Stromstoß", ausgehend von einer Passage über eine Folterszene aus einem Buch von Abbas Khider (Die Orangen des Präsidenten; Hamburg 2011; S. 24). Damals notierte ich: 'Es gibt Bücher, die erinnern daran, 2 x am Tag zu beten. Morgens ein Bittgebet für die willkürlich Verhafteten und Gefolterten, auf dass sie frei kommen und die Gefängnisse und Folterkammern physisch und psychisch überstehen. Abends ein Dankgebet für all das, was einem bisher erspart geblieben ist und hoffentlich erspart bleiben wird (parallel dazu die politischen Fragen: wie geo-politische Verantwortung übernehmen, wie das eigene politische Gemeinwesen mittragen - beides jenseits von Ohnmacht und Allmacht; beides jenseits einer “richtigen” Gesinnung, die schon immer weiß ….).
Der Titel des Buches spielt auf einen besonderen Zynismus an: Statt wie erhofft an Saddam Husseins Geburtstag aus dem menschenunwürdigen Gefängnis entlassen zu werden, bekommen alle Häftlinge lediglich eine Orange.'
Im Universum der Bedeutungen gibt es keine Zufälle, oder (oder es gibt nur Zufälle und es ist eben das Geheimnis der Bedeutung, wie uns unbemerkt und wie von Zauberhand unter unseren Augen die Signifikanten zu Signifikaten werden)? Klar wurde mir, dass ich erst letztens ein weiteres Buch von Khider gelesen habe, dass mir von einer Buchhändlerin in einem evangelischen Buchladen in Hannover empfohlen wurde: "Der letzte Sommer der Tauben". Dort geht es um den Wahnsinn des Islamismus in einem nicht weiter spezifizierten Kalifat. Der Protagonist, ein 14‑jähriger Junge, ist angehender Taubenzüchter und muss leidvoll feststellen, dass unter den neuen gotteskriegerischen Machthabern selbst die Taubenzucht streng reglementiert wird - Tauben auf den Dächern sind fortan verboten, die Tauben müssen in Käfigen gehalten, die Flügel gestutzt werden. Auch die Freiheit am und im Himmel kann einer Ideologie wohl bedrohlich erscheinen. Zum Ende des Buches erfährt der Junge zufällig, dass sein Onkel Teil einer Oppositionsbewegung ist, die mit der Hilfe von Tauben (und USB-Sticks) Informationen über die Hinrichtungen in die Welt tragen wollen. Es handelt sich dabei um die "Operation Wandertaube". Nun, die Wandertaube, so wird im Buch informiert, einst eine Population von Milliarden, wurde ausgerottet, bis nur noch die eine namens Martha übrig blieb.
Das wiederum führt mich zu dem Naturkunden-Buch "Tauben" von Karin Schneider (Berlin: Matthes & Seitz, 2021; Naturkunden: eine Buch-Reihe, die zu loben, zu preisen und - damit die Reihe nicht ausstirbt - zu kaufen ist). So ziemlich am Anfang des Buches wird berichtet, dass es vorkam, dass über Nordamerika drei Milliarden Wandertauben in einem Schwarm von 500 km Länge und 2,6 km Breite vierzehn Stunden lang über einen Ort hinwegflogen. Ist aber schon etwas her. Den, tja, zwischen 1870 und 1900, also in drei Jahrzehnten, schafften es die europäisch-stämmigen Amerikaner diese Art vollständig auszurotten (ein Fundstück: "tja" - "Word of the day - a German reaction to the apocalypse, Dawn ot the Gods, nuclear war, an alien attack or no bread in the house." Im Tauben-Buch ist übrigens auf S. 35 eine Abbildung von Martha zu sehen, natürlich auch im Internet als Bild zu finden).
Aber, um gesichert beim Zufall zu bleiben. Die Buchempfehlung beim Würzburg-Besuch im April 2024, ebenfalls von einer Buchhändlerin, war: Colum McCann: Apeirogon (2022, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag - fürs Protokoll: der Roman entstand vor dem Terrorangriff der Hamas am 7.Oktober 2023). Erzählt wird in 1001 kleinen Kapiteln die - wahre - Geschichte zweier Väter, die jeweils ihre Töchter verloren haben: Smadar Elhanan starb 1997 bei einem Selbstmordattentat, Abir Aramin 2007 durch einen Schuss eines israelischen Soldaten. Die beiden Väter, ein Israeli und ein Palästinenser, setzen sich dennoch für Frieden und Versöhnung ein. Auch hier bilden Vögel - und Zahlen: z.B. befreundete Zahlen > die einzigen unter 1000 sind 220 und 284 (S. 134, Kapitel 220) oder: Algebra, vom arabischen al-gabr > 'das Einrichten gebrochener Knochen' (S. 571, Kapitel 38 + Gefängnis, siehe oben > so arbeitet die Zahl des Zufalls) - mehr als nur ein Nebenmotiv. Gefangene und getötete Vögel; nix ist mit gestirnten Himmel über mir, da kann die Vernunft noch so praktisch sein.
Aber die gegenstrebigen Fügungen flattern mit erstaunlichen Beispielen durch dieses Buch. Im Abu Dhabi Falcon Hospital in den Vereinigten Arabischne Emiraten werden Vögel keineswegs getötet, sondern mit viel Aufwand und Expertise wieder in die Luft gebracht. In klimatisierten Räumen lagern unzählige Federn, die den Vögeln anstatt der zuvor gebrochenen Federn mittels Verklebung neu ins Gefieder gebracht werden. Damit nicht genug: der nun ermöglichte Vogelaufschwung wird gefilmt und per Computerprogramm für einen weiteren Flug-Optimierungs-Eingriff analysiert. Aber ja, es handelt sich um Jagd-Falken, deren todbringende Stärke und Geschicklichkeit im Dienste der Souveränität gepflegt wird. Die Macht kultiviert durchaus ihre Insignien, nur sind es selten die der Freiheit.
Dazu passend die am Anfang des Buches von McCann erzählte Geschichte über Francois Mitterrand, der acht Tage vor seinem Tod ein letztes großes Festmahl abhielt, auf dem er Ortolane verspeiste, winzige Singvögel, die er als Essenz Frankreichs begriff. Die Ortolane aß er als Ganze, das heißt: Fleisch, Fett, Eingeweide, Füße, alles - danach fastete er und starb. Die andere Seite der Souveränität: die Einverleibung (hier: einer kleinen Freiheit).
Was mich zum letzten Buch aus dieser kleinen Gewalt- und Vogelreihe bringt, gekauft 2025 in einem von zwei Frauen geführten netten kleinen Lübecker Buchladen: Michel Tournier, Der Erlkönig. Der Held dieser Geschichte ist ebenfalls Franzose und trägt den Namen Abel Tiffauges. Aufgewachsen in einem Internat übernimmt er schließlich eine Autoreparaturwerkstatt und wird beinahe aufgrund seiner pädophilen Neigungen in Haft gesetzt, hätte nicht für Frankreich der 2. Weltkrieg begonnen, so dass Tiffauges zur Armee eingezogen wird (in der er, wäre er kein fiktiver Charakter, auf Francois Mitterand hätte treffen können). Zunächst kommt er zu einer Brieftaubeneinheit, wo er sich um die Brieftauben kümmern muss, was er mit sehr viel Umsicht auch bewerkstelligt. Die Eigenschaften des Brieftaubenpflegers? Im Buch Wie folgt: sanftes Wesen, Geduld, Reinlichkeit, Überlegung, Beobachtungsgabe, Beharrlichkeit und Selbstzucht. Damit endet die Vogelepisode, denn Tiffauges gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft, wird nach Ostpreußen verschleppt und rekrutiert, dazu ein altes und mächtiges Pferd nutzend, wie ein moderner "Erlkönig" Jungen für eine Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt). Die Sublimierung seiner Triebenergien, die sozialverträglich mit der Taubenpflege begann, endet also im Kurzschluss seiner maßlosen Jungsleidenschaft mit den Möglichkeiten, die ihm die nationalsozialistischen Erziehungsideen bieten (der Roman endet insofern nicht völlig "desaströs", als Tiffauges während des Zusammenbruchs der Ostfront einen aus einem KZ-Todesmarsch stammenden jüdischen Jungen "rettet").
Also: die Freiheit der Vögel ist immer eine bedrohte, die Vogelsorge garantiert nicht eine bessere Welt und das Böse kommt oftmals als eine Banalität daher, die sich sehr pflichtbewußt und sorgsam um die Dinge kümmert. Wir wissen nicht, ob der Mann, der einem Häftling aus Systemwillkür und Systemkalkül die Nase bricht, nicht auch ein Vogelliebhaber sein könnte. Aber was heißt Vogelliebhaber?
31. Juli 2026
Als das Unbewußte einmal zurückkam
Ich mag das großformatige Kulturmagazin, das quartalsweise erscheint und dessen Format mir entgegenruft: verlange nicht nach Handlichkeit oder Gebrauchstauglichkeit und deren Autoren in feinziselierten Gedankenreihen erbaulich schwere Dinge ausbreiten. Aber manchmal sind die Essays mehr als schwierig, nicht nur, weil sie schwer zu verstehen sind. In einem Artikel über die Aktualität der Psychoanalyse für Politik und Gesellschaft, überschrieben mit „Der unmögliche Patient“, beginnt die Philosophin Amia Srinivasan mit dem schönen, da großen Satz: "Das Unbewußte ist zurück?" (Lettre International 152, S. 16) Gleich habe ich mich gefragt, wo es denn zwischenzeitlich hingekommen ist, das Unbewußte. Also, ist das Unbewußte als Unbewußtes weggewesen, so wie im Sommer eben die Wintererkältung sich verflüchtigt hat, oder ist der Diskurs über das Unbewußte gemeint, der nun zurückkehrt? Bevor hier eine Klärung erfolgt, fragt die Philosophin aber gleich weiter: "Warum gerade jetzt." Diese rhetorische Frage soll uns auf den nachfolgenden Satz vorbereiten, soweit man davon sprechen will, dass man auf diesen Satz vorbereitet werden kann:
"Es ist sicherlich in den Tagen und Monaten nach dem 7. Oktober 2023 ins Bewußtsein gedrungen, als die israelische Tötungsmaschine gegen Gaza in Gang gesetzt wurde - was zu einem Genozid an den Palästinensern führte, der Israel einen Teil seiner internationalen Legitimität kostete und die quälend lange Gefangenschaft und den Tode von Geiseln zur Folge hatte, wachsenden Antisemitismus und eine Abwanderung der gebildeten Elite Israels.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Nachdem die Hamas am 7. Oktober 2023 Babys und Kinder massakriert, Frauen vergewaltigt und zerstückelt hat, hunderte unschuldige Menschen hingemetzelt hat und zahlreiche Geiseln nach Palästina verschleppt wurden, zeigt sich in der der Tat das Unbewusste. Weil Israel sich wehrt, nennt man es Tötungsmaschine, weil die Hamas als Terrororganisation nicht wie eine reguläre Armee kämpft und menschliche Schutzschilder nutzt und die Souveränität über die Kommunikation der Opferzahlen hat, nennt man es Genozid, und weil Israel nicht sofort kapituliert hat, sind sie selbst daran schuld, dass die Geiseln eben hingerichtet werden (was nicht heißt, dass die israelische Regierung nicht fatale Fehler gemacht und massives Unrecht verübt und die israelische Armee nicht immer wieder unverhältnismäßig agiert hat). Das Unbewußte ist zurück?
Nein, es war nie weg, auch in seiner kollektiven Dimension. Vielmehr war es nur eine Frage der Zeit, bis ein linker Diskurs – und Srinivasan begreift sich als links - auf der Suche nach einem verlorengegangenen revolutionären, zumindest ‚guten‘ Subjekt fündig wurde. Dass die „Wahl“ auf Palästina und das palästinensische Volk gefallen ist, das von seiner misogynen, islamistisch-fundamentalistischen Führung in den Krieg geführt wurde, mag zunächst abwegig erscheinen. Es ist völlig abwegig, wenn man nicht noch einen tiefverankerten (linken) Antisemitismus mit hinzunimmt, der „den Juden“ seinen Gottes-Bund schon immer geneidet hat. Selbst der Holocaust, so müsste man hinzufügen, scheint den Juden als „Auserwähltsein“, wenn auch als negatives, zum Vorwurf gemacht zu werden. Wie anders soll man den folgenden, sehr infamen Satz von Amia Srinivasan sonst lesen:
„Die Weigerung, den Genozid zu wiederholen - "nie wieder" -, wird zum Mandat für seine Rückkehr.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Würden die Juden nicht so an ihrer geschichtlichen Erfahrung hängen, dann hätten sie gar keine Rechtfertigung, sich gegen jene Feinde zu wehren, die sie vernichten wollen. Ja blöd. Das Unbewußte ist zurück? Nehmen wir an, dass das Unbewußte eine Struktur ist, ein Ort, von dem aus wir die Welt sehen und verstehen und der selbst nicht Teil der Szenerie ist (also der Ort, von dem wir uns nicht selbst sehen können, weil wir ‚von‘ ihm aus sehen und sprechen) und nehmen wir weiter an, dass dieser Ort nicht direkt zugänglich ist, sondern sich nur durch die Löcher im Sein, durch Fehlleistungen, durch Versprecher, durch das, was nicht gesagt wird, zeigt. Das Unbewußte ist zurück? Vielleicht so:
„Die Leugnung der Realität des Genozids verschleiert eine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben.“ (Amia Srinivasan, Lettre International 152, S. 16)
Zurückfragen könnte man, ob „keine tiefere, libidinöse Entschlossenheit, Gewalt auszuüben“ am Werk war, als Hamas das Massaker plante und durchführte. Und war es keine libidinöse Entschlossenheit, dass das palästinensische Volk und die weltweiten Sympathisanten darüber jubelten. Und: ist es nicht eine wahnsinnig anschauliche Leistung des Unbewußten, eine solche Täter-Opfer-Umkehr in Szene zu setzen? Und sie zu verschleiern, wie Amia Srinivasan vielleicht sagen würde?
27. Juni 2026
Rot sehen
“Ist der Mann, der jetzt nichts Rotes um sich sieht, in derselben Lage wie der, der unfähig ist, rot zu sehen?”
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Bemerkungen; Frankfurt/M. 1981 (1964), S. 13
Ich finde, dieser Satz wäre ein schöner Buchtitel. Daneben hätte man Herrn Wittgenstein fragen können, ob diese Überlegung auch für Frauen gilt. Oder sehen Frauen per se nicht Rot?
28. Mai 2026
Seele brennt
"Der Begriff ist als Seele in einem Leibe realisiert, von dessen Äußerlichkeit jene die unmittelbare sich auf sich beziehende ‘Allgemeinheit’, ebenso dessen ‘Besonderung’, so dass der Leib keine anderen Unterschiede als die Begriffsbestimmung an ihm ausdrückt, endlich die ‘Einzelheit’ als unendliche Negativität ist, - die Dialektik seiner auseinanderseienden Objektivität, welche aus dem Schein des selbständigen Bestehens in die Subjektivität zurückgeführt wird, so dass alle Glieder sich gegenseitig momentane Mittel wie momentane Zwecke sind und das Leben, so wie es die ‘änfängliche’ Besonderung ist, sich als die ‘negative für sich’ seiende Einheit ‘resultiert’ und sich in der Leiblichkeit als dialektischer nur mit sich selbst zusammenschließt."
G.W.G. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I; Frankfurt/M. 1989 (1830);S. 373
Was das heißt? Begriff (Seele) und Realität (Leib) entsprechen sich unmittelbar, aber zugleich defizitär, da der Körper die Idee nur unzureichend realisiert. Idealismus meint, dass die Negativität auf Seiten des Begriffs steht, für den Begriff arbeiten soll, der Körper letztendlich nur ein formbares Gefäß darstellt (Mittelbar fußt sowohl die Körperverachtung als auch die optimierende Körpergestaltung, vom Bodybuilding bis zur Schönheitsoperation, auf dieser Idee; sicherlich schon lange durch das Christentum/Platonismus mitvorbereitet). Was aber, wenn die wahre Negativität auf der Seite des Leibes zu finden ist? In wessen Namen würde diese Negativität sprechen (Im Namen des Fleisches)? Was hätte sie uns zu sagen? Wie heißt es im Volksmund (und: Volk und Hegel ist eine durchaus spannende Geschichte): auf den Körper hören.
30. April 2026