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Bedeutung ausrotten

Norbert Elias spricht in seinem Buch "Was ist Soziologie" aus dem Jahre 1970 davon, dass Wissenschaftler Mythenjäger seien, also Menschen, die nicht zu belegende Bilder von Geschehenszusammenhängen (= Mythen, Glaubensvorstellungen, Spekulationen) durch Theorien ersetzen würden. Der Unterschied also? Theorien sind durch Tasachenbeobachtungen überprüfbare Zusammenhangsmodelle, belegbar und korrigierbar, so Elias weiter.

Ich frage mich, was der Unterschied zwischen Tatsache und Bedeutung sein mag. Die Bedeutung öffnet sich, je weiter sie sich von einer Ursache und den damit gekoppelten Zusammenhängen entfernt. Während die grau und trüb gefärbte Morgenstunde mich bleiernd ans Bett fesselt, sagt der Mythenjäger in mir, dass ich nicht genug geschlafen habe. Die Morgenmuse flüstert mir jedoch ins Ohr, dass Sie mich heute nicht küssen wird.

29. November 2025

Buch-Holismus oder so liest man heute

Gestern las ich nacheinander zwei kurze Erzählungen von zwei verschiedenen Autoren. (Spoiler Alarm, falls eigene Lektüre vorgesehen: Strunk, Heinz: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit. Hamburg, 2025 / Campbell, Jane: Kleine Kratzer: Storys. München, 2023). 

In der einen ging es um eine depressive Frau, die auch aufgrund eines sehr langanhaltenden Schluckaufs (Monate, Jahre) einen Selbstmord plant, bei der Umsetzung schließlich mitten in der Nacht von einer hohen Brücke springen will und feststellt, dass ihr Schluckauf aufgehört hatte. Die Polizei führt sie ab. Die andere Geschichte handelt von einer älteren Frau, die nach Jahren zum Ort ihrer ersten großen außerehelichen Leidenschaft zurückkehrt, zu den Victoriafällen in Afrika, um dort, nach dem Tod ihres Mannes, nochmals ihren ehemaligen Liebhaber zu treffen, der auf einer Tagung im Hotel zugegen ist. Das Wiedersehen, das zum Auftakt eines neuen Liebes-Lebens-Abschnitts werden soll, gerät zum Fiasko. Die Frau akzeptiert diesen bitteren Verlauf, geht nochmals zum Wasserfall, rutscht am Ufer aus und wird in die Tiefe gezogen.

Formal gibt es einige Parallelen: Wasser, Höhe, der Weg zum Tod, die Überraschung. Vielleicht habe ich deshalb kurz geglaubt, dass sich durch meine Lektüre das Schicksal der ersten Frau durch die Frau der zweiten Erzählung erfüllt hätte. Als würde das Buchuniversum eine große magische Einheit bilden, die untergründige Verbindungen stiftet: alles ist mit allem auf rätselhafte Weise durch die Buchstaben und durch mich verknüpft.

II 

Hans Blumenberg geht in seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ der Frage nach, ob nicht nur Bücher, sondern auch die Welt als „lesbar“ verstanden werden kann (Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main, 1996). Dann wären Bücher nur ein Spezialfall einer "umfassenderen Lesbarkeit", wobei die Welt immer schon gelesen worden sein muss, bevor wir sie - jenseits von richtig und falsch - lesen können, was den Einzelnen, das Kind, nicht davon entbindet, das Lesen zu lernen. Das wiederum korrespondiert mit dem Blumenbergschen Hinweis, dass die Lesbarkeit - der Welt, der Bücher - nicht einfach gegeben ist, sondern durch kulturelle Praktiken zunächst und immer wieder erlernt, erhandelt und tradiert werden muss. Und: viele Bücher, viele Welten und umgekehrt. Und da die gemeinsame Lesbarkeit keinen Ursprung hat, stellen sich eher genealogische Fragen: wie kommt es von einer Lesespraxis zu einer anderen? Aus heuristischen Gründen kann man mit Blumenberg dann zum Beispiel Lese-Epochen unterscheiden. Das Mittelalter, wo die Welt als göttliches Buch gesehen werden kann, in das die göttliche Ordnung eingeschrieben ist und aus dem wir sogar Wunder und Offenbarungen herauslesen können. Die Neuzeit, wo die Welt als ein mathematisch kodiertes System entziffert wird, in dem Kausalitäten walten und es zu einer sehr wirkungsmächtigen Manipulierbarkeit der Dinge kommen kann. Die Moderne, in der die Welt durch die Fragmentierung des Wissens, durch die Komplexität aller Abläufe, durch die Abwesenheit der Götter immer 'unlesbarer' und widersprüchlicher wird.

III

Die beiden eingangs genannten Erzählungen liegen auf der von Blumenberg skizzierten Linie der Moderne als eine etwas depressiv eingefärbte Welt der Unverständlichkeiten. In einem Fall wird nach dem Tod gesucht und gefunden wird ein transformierter Körper, der wiederum von der Ordnungsmacht gefunden wird. Im anderen Fall wird die Liebe gesucht, 'gefunden' wird der Tod. Keine Regel, die das Dasein erhellt, keine Zeichen, die die Zufälligkeiten transzendieren. Die Protagonistinnen finden nicht das, was sie suchen. Aber sie haben die Welt und sich, als Teil der Welt, keineswegs falsch gelesen. Wie auch; es gibt offenbar kein Schicksal, das sich erfüllt. Selbst meine Lektüre-Magie ist nur ein kurzes Aufflackern eines erhofften Rest-Sinns. Aber vielleicht muss man die Lektüre, jede Lektüre, radikal umkehren: die Unbeständigkeit und Unvorhersehbarkeit der Welt können auch Garant für das Vergnügen an den permanenten Veränderungen und Verwandlungen sein (Buch-Referenz: Ovid: Metamorphosen). Mit und gegen Blumenberg müsste es heißen: die Welt war noch nie richtig lesbar, Stabilität und Gewissheit allenfalls ein prekärer Zustand. Autor und Autorin können folgerichtig in dieser vielschichtigen, fantastischen, sinnig-unsinnigen, brutalen und gewaltsamen Welt auch die Un-Möglichkeiten, selbst die traurigen, der Lesbarkeit zuführen: pain in the ass und ein bißchen Freiheit. 

30. Oktober 2025

Die liebe Revolte

Alber Camus schreibt in seinem Buch "Der Mensch in der Revolte" (1951), dass die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber daraus bestünde, in der Gegenwart alles zu geben. Diese Idee zeugt von einer Liebe zur Verausgabung, zur Rückhaltlosigkeit, die jedwede Ökonomie durchkreuzt. Und obwohl es ein Satz zur Revolte sein soll, die diese mit dem Leben, mit der Bewegung des Lebens rückkoppeln möchte, ist es schwer, ihn ohne christliche Anklänge zu hören. Andererseits: würde ein Christ jemals auf solche Art und Weise die Gegenwart mit der Zukunft in Verbindung bringen wollen?

29. September 2025

Himmel auf Erden

Beim Versuch von Jean Luc Nancy das Christentum zu dekonstruieren, stößt er auf die Frage, wie und wo, immer unter der Voraussetzung, dass wir in einer globalen und entsakralisierten Welt, ohne 'Himmel' und 'Himmlischen Mächten' leben, wie und wo also sich der zu bejahende Umstand einschreibt, dass der 'Sinn der Welt außerhalb ihrer liegen muss' (Jean Luc Nancy: Dekonstruktion des Christentums; Zürich/Berlin 2008; S. 13) 

Das erfordert eine Denkweise der ‘Immanenz’, welche die Opposition zur ‘Transzendenz’ aushebelt, so Nancy. Die Assoziation ist ein Tier, das manchmal aus dreckigen Pfützen trinkt: alkoholfreies Bier.

29. August 2025

Hoffnung als Geheimnis

Die heutige Weltlage würde sicherlich ein wenig mehr an Hoffnung vertragen. Also gut, beginnen wir mit den Wundern:

“Wunder aller Wunder, dieses Vorrecht ist uns verliehen, 
Das unglaubliche Vorrecht, das ungeheuerliche,
Lebendig zu wahren die Worte des Lebens,
Mit unserem Blut, mit unserem Fleisch, mit unserem Herzen zu nähren
Worte, die ohne uns hinsiechen würden, entfleischt.”
Charles Péguy: Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung; Freiburg 2007 (1911); S. 75

Dem französischen Schriftsteller Charles Pierre Péguy verdanken wir das obige Zitat und das Buch, aus dem es entnommen wurde: "Le porché vers la deuxième vertu" („Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“). Nun könnte man vermuten, dass Péguy als christlicher Schriftsteller einfach einen Schritt weiter geht und darauf setzt, dass die Wahrung der Worte des Lebens zugleich den Zugang zum ewigen göttlichen Leben bereiten. Aber so einfach liegt die Sache nicht, denn es geht nicht nur um den Glauben an Gott und um den Glauben an die Wiederauferstehung und um den Glauben an das ewige Leben. Das Buch beginnt mit dem Satz, dass Gottes Lieblingsglaube die Hoffnung sei. Denn die Hoffnung ist ein göttliches Attribut, das den Menschen zukommt und dafür sorgt, dass wir uns nicht der Welt entheben (aber auch nicht in und an ihr kleben). Denn das Unendliche, so Péguy, darf nicht des Endlichen ermangeln, das Vollkommene nicht des Unfertigen (ebda. S. 84 f.). Glaube kann und darf keine Gewissheit sein und die Hoffnung kann nicht umstandslos in ein Jenseits führen. Die Hoffnung muss sich auch in diese Welt einschreiben, oder sie ist Nichts. Der Glaube an die Hoffnung ist der Glaube daran, dass wir mit Blut, Herz und Fleisch die Worte des Lebens und der Liebe materialisieren und lebendig halten können. Und hat dass Christentum nicht seine besten Momente immer dann, wenn es um die Schnittstelle zwischen Körper und Sprache/Geist/Vernunft geht. So sind beispielsweise viele der fraglichen Begriffe im Lateinischen gedoppelt und aufgeladen. Zwischen corpus (eher: in sich geschlossener Körper) und soma (eher: grenzoffener Körper), zwischen ratio (eher: schließender Verstand) und logos (eher: weltbedeutende Vernunft) liegt auch die Glaubensfrage, wie man von hier nach dort kommt und wieder zurück. Also mit Hoffnung!? Das Buch wurde im Jahre 1911 veröffentlicht. Drei Jahre später wurde Péguy als französischer Soldat kurz vor Beginn der Marneschlacht durch einen feindlichen Kopfschuss getötet.  

31. Juli 2025 

Auf was sollen wir noch hören?

Alfred Döblin hatte für die Weimarer Republik die nachhallende Charakterisierung als „Republik ohne Gebrauchsanweisung“ gefunden. Bei Helmut Lethen kann man nachlesen, wie in dieser Zeit sich die Verhaltenslehren der Kälte entwickelt haben (Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte: Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994.). Damals hatte sich die Hoffnung auf Evolution und Fortschritt verflüchtigt, der Sinn des Lebens war nur noch ein Schatten seiner selbst und der Verhaltenspanzer bot in seiner sachlichen Kälte Schutz vor Peinlichkeiten, verbarg die Angst, kaschierte die Verletzlichkeit. Der „Desillusionsrealismus“ (Karl Mannheim) brachte den Zusammenbruch sozialer Rollen in Anschlag und konstatierte den fehlenden Handlungsraum. 

In dem Kapitel Phonomanie und Kultur (ebd, S. 222-231) seziert Lethen den Phonozentrismus von Carl Schmitt, zunächst anhand von dessen Tagebuchaufzeichnungen, in denen kaum visuelle Eindrücke auftauchen, dafür aber die „Stimme des Vaters“ hervorgehoben wird. Laut Lethen will Schmitt damit den ihm leidigen Gesetzesbegriff abwehren, der nur eine Überkompensation der Abwesenheit des eigentlichen Souveräns darstellen würde. Stattdessen, so Lethen weiter, soll die Stimme des Souveräns im Schmittschen Universum unmittelbar den Untertanen erreichen. Eine Auslegung, die man nach Lethen auch bei Ernst Jünger in seinem Essay „Der Arbeiter“ nachlesen kann:

"Gehorsam, das ist die Kunst zu hören, und die Ordnung ist die Bereitschaft für das Wort, die Bereitschaft für den Befehl, der wie ein Blitzstrahl vom Gipfel bis in die Wurzeln fährt." 
Ernst Jünger: Der Arbeiter, in: Gesamtausgabe Band 6, Essays II, Stuttgart, Klett-Cotta, 1978, S. 19

Man kann also nicht nur, wie Carl Schmitt es tut, von einer direkten (Befehls-)Sprache sprechen, sondern auch davon, dass diese Art von Direktheit von oben nach unten arbeitet, also keineswegs darauf ausgelegt ist, dass der Sender vom Empfänger eine Rückmeldung erhält oder erwartet. Es ist eine systematische Einwegkommunikation, die dem Empfänger die Möglichkeit lässt, dass er ein stilles Gebet nach oben schickt mit der Hoffnung, dass das alles so seine Ordnung haben möge; der Herr wird’s richten.

Tja, wo die Umstände unklar werden, hören wir die Stimme, insbesondere die selbstgewisse gerne. Oder schon immer? Warum? Jacques Derrida hat darauf hingewiesen, dass es mit einer Art Körperauslöschung zu tun hat, mit der Eliminierung des Trägers der Botschaft. Unser Geist ist stumm, die Stimme hat Schall. Aber hören sie selbst:

„Diese unmittelbare Präsenz wiederum rührt daher, daß sich der phänomenologische >Körper< des Signifikanten in dem Augenblick auszulöschen scheint, in dem er hervorgebracht wird.(…) Diese Tilgung des sinnlichen Körpers und seiner reinen Äußerlichkeit ist für das Bewußtsein die eigentliche Form der unmittelbaren Präsenz des Signifikats.” 
Jacques Derrida: Die Stimme und das Phänomen: Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986, S 133 f.

Die Stimme als Pfeil, der unmittelbar in das Herz des Geistes trifft – bevor wir Zweifel an dem haben, was es zu verstehen gibt, meinen wir schon, verstanden zu haben. Das sinnstiftende Subjekt wird durch die Stimme weniger heimgesucht, als immer wieder hervorgebracht.

Umgekehrt könnte man vermuten, dass überall dort, wo die 'Stimme' fühl-, sicht- und hörbar wird, wo Körper und Materie also insistieren, sie nicht umstandslos im Geist mit sich zusammenfallen kann. In der Schrift schreibt sich der Unterschied ebenso mit wie der Aufschub zum nächsten Zeichen, z.B. verschriftbildlicht in der berühmten Derridaschen "différance" (hier kann man an anderer Stelle weiter lesen; vielleicht ist es ein durchgehendes Spannungselement 'der' Philosophie, dass sie die Sinnzuspitzung größtenteils mit Schriftmitteln unternimmt, die diesem Vorhaben nicht nur im Wege stehen, sondern zu 'Umwegen' führen - müssen). Und auch der organisierte Klang der Musik, mit Instrumenten erzeugt und strukturiert durch Elemente wie Rhythmus, Melodie, (Dis)Harmonie, Klangfarbe, Lautstärke etc., entzieht sich einer eindeutigen Festschreibung, obgleich niemand sagen würde, dass Musik deshalb bedeutungslos ist.

Wie anders die Befehlsstimme des Souveräns, seit jeher verkörpert durch Herrscher und Väter. Hier spricht die Autorität nicht nur die Wahrheit, sie befiehlt sie, öfters auch fürs Vaterland. Nun ist nicht jede Autorität (stimmlich) autoritär, was auch besagen könnte, dass Souveränität und Autorität sich keineswegs aus einer Quelle speisen. Insofern ist Aufmerksamkeit geboten, wenn in diesem Kontext das Register vom Vater auf die Mutter wechselt. 

Auf die Frage „Was heißt Denken?“ warnt Martin Heidegger im 5 Abschnitt seiner gleichnamigen Vorlesung aus dem Wintersemester 1951/52 davor, die Frage (also: "Was heißt Denken", auch in seiner doppelten Bedeutung: 1. was 'ist' denken und 2. was 'verheißt' Denken) in Form einer Formel beantworten zu wollen. Es heißt dann:

„‘Warte, ich werde dich lehren was gehorchen heißt‘ – ruft die Mutter ihrem Buben nach, der nicht nach Hause kommen will.“ (S. 29)
Martin Heidegger: Was heißt Denken? Vorlesung Wintersemester 1951/52, Nachdr.; Reclams Universal-Bibliothek; Reclam: Stuttgart, 2013.

Hat Heidegger hier etwas anderes im Sinn als Anweisung und Gehorsam, zumal einige Menschen behaupten würden, dass Heidegger zu einer bestimmten Zeit für den Ruf der völkischen Stimme durchaus offen war (was so nicht richtig ist)? Aber: hier geht es nicht um den Vater und das Vaterland, sondern um die Mutter (und um die Muttersprache; und um den Sohn). Heidegger insistiert, dass die Mutter hier weder eine Definition von Gehorsam noch eine Lektion gibt, sondern den Sohn ins Gehorchen bringen will. Aber worin besteht nun der Unterschied zwischen Befehl und Befehlsunterwerfung und dem "ins Gehorchen bringen" und "Gehorchen". Heidegger schreibt zum 'ins Gehorchen bringen':

„Dies gelingt um so einfacher, je unmittelbarer die Mutter den Sohn ins Hören bring.“ 
(Ebda, S. 29)

Offenbar lässt sich diese Art von "Hören" nicht befehlen, wenn man hier nicht unterstellen will, dass die Unmittelbarkeit doch mit einer Art von "schimpfender Gewalt" verknüpft sein soll. Aber nein, Heidegger betont, dass es hier keineswegs ums Schelten geht. Aber was heißt dann Hören, was heißt: auf etwas hören (und mittelbar: Denken)? Heidegger spricht davon, dass der Empfänger hörend geworden ist für das, wohin sein Wesen gehört. Haben wir hier also ein Schlüssel-Schloss-Prinzip vor uns? Aber es wird zunächst nicht behauptet, dass der Empfänger nun weiß, wohin sein Wesen gehört. Vielleicht könnte man eher sagen: der Empfänger ist nun offen, um zu hören. Aber auf was? Um beim Beispiel zu bleiben: der Bube hört, dass er nach Hause kommen soll. Weil sein Wesen nach Hause gehört? Wenn man hier eine Pointe einbauen wollte, könnte man fragen: nach Hause (der Kaulauer: telefonieren)? Vielleicht: Muttersprache oder doch Vaterland? Und könnte man in einer weiteren Wendung im freudschen Sinn nicht auch noch die Terme verdrehen - Mutter (symbiotische Bindung) oder Vater (kastrationsdrohende Entbindung)? Oder müsste man, einer dialektischen Versuchung widerstehend und in größter Überstürzung, von einer entbindenden Bindung und bindenden Entbindung sprechen? Und führt diese zum Hören und hört man dann viele Stimmen? Wie immer: falls es einen Sinn gab, schiebt er sich auf.

30. Juni 2025