Omega
Und die Religion?
Hannah Arendt betonte, dass der Sinn von Politik, jenseits von funktionalen und moralischen Verengungen, die Freiheit ist. Nun ist Freiheit kein Begriff, der zum Kernbestand religiöser Diskurse gehört. Die Religion bindet, sie verspricht Zugang zum Heilen und Heiligen, sie trägt ein Versprechen auf Erlösung. Doch politische Freiheit (und gibt es eine andere) erlöst nicht. Sie ist als eine Möglichkeit eines anderen In-der-Welt-Seins ‚co-präsent‘. Haben die Tumult-Texte also Recht (siehe: Rechtsdrehend ohne Religion – Teil 1): Religion gehört nicht ins politische Geschäft, ist ein Atavismus und fixiert und blockiert Energien. Also ein mehr oder minder gefährlicher Kinder-Glaube?
Andererseits wird man kaum übersehen können, dass der Totalitarismus ein modernes Phänomen ist und in seiner sachlichen Unerbittlichkeit (Arendt veranschaulichte dies mit den Sprichwörtern: wer A sagt, muss auch B sagen; wo gehobelt wird, da fallen Späne) die Shoah, das industrielle Töten und unermessliches Leid hervorgebracht hat. Scheinbar kann die moderne politische Sphäre nicht nur Freiheit generieren, sondern auch einen zugespitzten Dezisionismus, der bisweilen nicht nur meint, die Wahrheit zu besitzen, sondern diese auch ins Werk setzen zu können. Wäre die Religion ein Korrektiv gegen solch eine Souveränitätshybris, gegen den Willen zur absoluten Immanenz? Hannah Arendt hat betont, das genuin politisches Handeln kein souveränes Handeln sein kann (also auch kein immanentes Handeln), weil im Zwischenraum der pluralen menschlichen Bezüge kein Kalkül durchzuregieren vermag. Erst der Verfall dieses gemeinsamen Zwischenraums eröffnet den direkten Weg von A nach B (wie eben in all jenen Bereichen, die unter dem Primat der Funktion, der Moral, der Gewalt stehen).
Also: gibt es eine Beziehung zwischen Religion und dem (emphatisch verstandenen) Politischen, die man produktiv nennen könnte? Zu groß die Frage für einen kleinen Text. Also hier in aller Kürze nur einige Aspekte. Zunächst: Das Christentum (also eine spezifische Religion) ist ganz sicher auf Engste, wenig überraschend, mit dem Abendland verknüpft. Man denke an das geschichtsprägende Moment des christlichen Kaisertums, das in der widerstrebenden Fügung der zwei „Königs-Körper“, göttlich – weltlich, das Böse aufzuhalten versuchte (Stichwort „Katechon“ > siehe auch: https://www.schwingungsbreite.de/search/Katechon). Athen – Jerusalem: Hier ‚verbindet‘ sich nicht nur Vernunft und Glaube, sondern diese Beziehung wird in Spannung gehalten. Schiebt man noch Rom dazwischen = Vernunft - Recht - Liebe, so ist man schon nah an der französischen Revolution: Liberté, Egalité, Fraternité“, auch wenn im Frankreich der Revolutionsjahre die Religion auf allen Ebenen eliminiert werden sollte (ein sicheres Zeichen dafür, wie mächtig das Christentum auch als ‚geistiges Fundament‘ noch weiterwirkte). ‚Führt‘ also, um das Fundament zu erweitern, das Judäo-Christentum zu den demokratischen Revolutionen, um dann langsam zu verlöschen. Man muss nicht lange suchen, um diese Art von Aufklärung insofern zu begrüßen, als dass der Wahrheitsanspruch der Religion mit ihrer Intoleranz und Gewalt zu einigen Massakern und Inquisitionen geführt hat, die wenig mit Liebe oder mit Freiheit zu tun gehabt haben dürften. Ist diese Art von Onto-Theologie also eher Teil des ‚Problems‘ denn Teil der ‚Lösung‘? Aber man kann auch umgekehrt argumentieren, wie es Gianni Vattimo in seinem Essay „Die Spur der Spur“ tut, und die Überwindung der Metaphysik aus einer neutestamentarischen Herkunft herleiten (Vgl: Derrida, Jacques, und Gianni Vattimo. Die Religion. Berlin: Suhrkamp, 2017.). Demnach geht es nicht um eine Rückkehr zu den Fundamenten, sondern darum, im Sinne der Evangelien die Zeichen der Zeit zu deuten (Ebenso wie es im Judentum bei der Schriftauslegung darum geht, das Wort Gottes für die Menschen zu deuten, nicht um Unterwerfung unter die Schrift. Warum der Islam, als jüngste der drei abrahamitischen Religionen, sich der Hermeneutik der Schrift und des Lebens eher verweigert ….).
Doch: kann man die Himmelsleiter, so sie ihren Dienst, also die Rückkehr zur Welt, getan hat, nicht einfach fortwerfen? Hat sich die Spannung gelöst und der König (und die Welt) braucht keine zwei Körper mehr, weil es keine Könige mehr gibt? Vermutungsweise: Die Spannung arbeitet produktiv und in Latenzen dort weiter, wo sich Widerstand gegen die Immanenz einer politischen Lage / Entscheidung formt. Erstes Zeichen: der Zyklus der Zeit, der ewige Kreislauf und die Wiederkehr des Immergleichen ist durch das Judentum / Christentum unterbrochen worden. Geschichte beginnt als Geschichte. Die sich daran anschließende Idee des Fortschritts, als säkularisiertes Erlösungsversprechen hat sich jedoch längst desavouiert, so dass Walter Benjamin seinen Engel der Geschichte in der Rückschau nur auf die Trümmer unseres Tuns, auf die mannigfaltigen Katastrophen blicken lassen kann. Es bleibt jedoch die, wenn auch schwache messianische (und liebende) Kraft, die sich als heilsame und gutmachende Unterbrechung ereignen kann (‚gegen‘ den ‚reinen‘ Willen der Macht und der Entscheidung). Nochmals vermutungsweise: die Autoimmunität des Jüdisch-Christlichen – der eigene Selbstschutz, die eigene Immunität, die eigene Identität wird unterlaufen, um sich dem zu öffnen, was immer mehr ist als die religiöse Gemeinschaft selbst: Öffnung zum Tod, zum anderen (auch und gerade weil zugleich das Heile, das Heilige, das Erlösende, die Wahrheit der Erlösung versprochen wird). Und vielleicht hat diese Autoimmunität, als opferhafte Selbstzerstörung gegen einen zu umfassenden Selbstschutz, immer auch ein haltendes Moment, sofern sie jene adressiert, die nicht ‚dazugehören‘, die nicht in dem Luxus einer selbstgewissen Identität zu leben glauben (wie überall besteht auch hier die reaktive Möglichkeit, die Autoimmunität wieder zu einem ‚Programm‘, zu einer Ideologie zu machen, um sie wiederum ‚aufzuheben‘).
Und nun? Egon Flaig hat sicherlich Recht, wenn er mit Böckenförde die Religionsfreiheit dort enden lässt, wo die Staatsexistenz gefährdet ist. Aber gilt das zum einen nicht für alle politischen Strömungen, die beginnen jenseits der Verfassung zu operieren. Und zum anderen bietet die Religion einen Ort, von dem aus, zur Verhütung des Schlimmsten, sich politischen Allmachtansprüchen entgegengestellt werden kann (und – siehe die Frage der Autoimmunität -auch innerkirchlichen Übergriffen).
Hingegen überspringen die von Rudolf Brandner mit dem Religiösen in Verbindung gebrachte Immunisierungstendenzen m.E. zum einen die Spannungsverhältnisse innerhalb (hier) des Christentums (ebenfalls Stichwort: Autoimmunität) und blenden die totalitären Versuchungen moderner politischer Räume aus, auch wenn man ihm zustimmen muss, dass Ursprünge des und ‚Schranken‘ gegen den Totalitarismus sicherlich nicht in moralischen Kategorien gefunden werden können.
Bei Thilo Sarrazin liegt sicherlich die anspruchsloseste Verwerfung des Religiösen vor. Die Kritik an einem ideologischen Islam mag richtig sein. Die Überweisung der Sinnfrage an die Naturwissenschaft ist schon ein sehr kühner Buchhaltungstrick.
Also: vielleicht muss man die oben aufgeführten spezifisch religiösen Momente eher in einem vorpolitischen Raum ansiedeln: Doch was wären wir: ohne Hoffnung, ohne Ereignisse, ohne Zweifel, ohne Haltgebungen (mit all den fortlaufenden Aporien). Oder anders herum gefragt: läuft ein politischer Diskurs ohne die Mitartikulation dieser Latenzen nicht Gefahr, eindimensional und blind, verhärtet und schließlich zynisch zu werden.
30. April 2025
Alpha
Politisch Rechts hat scheinbar nichts mehr mit der Bewahrung der Schöpfung, mit Fortschrittsskepsis, mit Leistungsgerechtigkeit, mit der politischen Nation oder mit Demut zu tun, sondern bedeutet heute: völkisch, fremdenfeindlich, autoritär oder rechtsextrem zu sein. Wie anders ist es zu erklären, dass Aktivitäten wie 'Laufen gegen Rechts', 'Omas gegen Rechts' oder 'Demos gegen Rechts' eine selbstverständliche und begrüßenswerte Sache sind, weil man schließlich gegen das Böse anläuft und ankämpft.
Für alle, die sich beim betreuten Denken unwohl fühlen – und um nicht missverstanden zu werden: die umfangreichste Betreuung beim Fortlauf von eingefahrenen Denkweisen leistet das eigene ICH -, ist die Beleuchtung von Sachverhalten aus verschiedenen Blickwinkeln, also die Pluralität der Informationen und Meinungen, hilfreich. Die Zeitschrift TUMULT, die sich selbst im Untertitel „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ nennt und die man dem rechten Spektrum zurechnen kann, so man solche Etiketten braucht, leistet diesbezüglich ihren Beitrag.
So schreibt Egon Flaig eine Meditation über den ukrainischen Unabhängigkeitskampf, der mit „Zur sinnstiftenden Kraft eines Krieges“ betitelt ist (TUMULT, Frühjahr 2025, S. 9-19). Schon leuchten die humanistischen Alarmglocken. Welcher Sinn soll sich im Krieg und in der Gewalt offenbaren? Die großen modernen Zivilisationsanstrengungen, manche würden sagen: Errungenschaften, laufen doch darauf hinaus, den Tod zu ‚mildern‘, gar zu besiegen (schwierig) oder ihn zu verdrängen (geht gerade so). Jetzt ist er also wieder (selbst in Europa) da und soll auch noch Sinn stiften. Nun wurde der Ukraine der Krieg aufgezwungen, worin Flaig insofern auch eine Chance sieht, als dass er von einem ‚gründenden Krieg‘ spricht und darüber, dass die Ukrainer für diese Gründung einstehen und bereit sind, das Äußerste einzusetzen, sich zu opfern, und dabei auf Partialinteressen weitestgehend zu verzichten. Nach Flaig gibt es jedoch das Problem, dass ein Großteil der Wehrfähigen entweder nicht eingesetzt wurden (erst im April 2024, so Flaig, wurde das Rekrutierungsalter auf 25 Jahre herabgesetzt) oder sich den Kampf durch Ausreise entzogen haben, was sowohl unter militärischen (Soldatenknappheit), als auch unter mentalen Gesichtspunkten (nämlich für die ‚Dagebliebenen‘ und für eine Nachkriegsordnung) eine Katastrophe ist (was Flaig hier mit ‚leichter Hand‘, wenn auch unter sachlichen Gesichtspunkten vielleicht richtig, skizziert, mag die Anmerkung erlauben, dass aus dem Rentenwohnzimmer sich über die Söhne anderer Mütter gut verfügen lässt). Zudem fügt er hinzu, dass die (zunehmende) ukrainische Diskriminierung der russischen Sprache und Kultur (so sollen u.a. Puschkin, Dostojewskij, Tolstoj und Bulgakow aus den Lehrplänen gestrichen werden), ja der Hass darauf, in die Unfähigkeit münden würde, Dissens auszutragen, womit ein Baustein der abendländischen Kultur verraten würde. Ganz anders sieht Flaig nun das Verbot der russlandnahen orthodoxen Kirche (OUC, vom Patriachen Konstantinopels als autokephalse Kirche anerkannt), die 2024 von der ukrainischen Regierung verboten wurde. Mit Bezug auf Ernst-Wolfgang Böckenförde konstatiert er, dass die Religionsfreiheit dort endet, wo die Staatsexistenz auf dem Spiel steht. Während also die Kulturpluralität für Flaig zum Kernbestand des demokratischen Abendlandes gehört und auch im Krieg bewahrt werden sollte, muss sich die Religion im Zweifelsfall der Staatsraison unterordnen.
Der allseits bekannte Volkswirt und Ex-SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin erläutert in seinem Text „Schleichende Landnahme“ (TUMULT, Frühjahr 2025, S. 21-23), „Warum gegen das Vordringen von Islam und Islamismus in Deutschland und Europa kein Kraut mehr gewachsen ist“, so der Untertitel. Der Text schwankt in seiner Tonart zwischen Nüchternheit und Defätismus, ja Kapitulation. Am Ende heißt es, dass man als Minderheit im eigenen Lande kleinere Brötchen backen muss. Zuvor erläutert Sarrazin, dass er den Islam aus zwei Gründen abstoßend (1. Verachtung aller ‚Ungläubigen‘ 2. (sexuelle) Rolle der Frau) und aus einem weiteren Grund gefährlich findet (der Islam stünde der Legitimation demokratischer, säkulärer Gesellschaften eher ablehnend gegenüber). Als kleine Parenthese führt Sarrazin aus, warum in aufgeklärten Zeiten es überhaupt keinen Religionsbedarf mehr geben sollte: „Die Suche nach Gott und dem Weltsinn wurde in diesem Sinne abgelöst durch die Bemühungen der Physiker um die Erforschung des Urknalls und die Überführung der Naturgesetze in stets allgemeinere Formeln.“ (ebda. S. 22). Etwas paternalistisch heißt es weiter, dass die meisten Menschen das nicht verstehen würden, noch emotionale Befriedigung daraus ziehen könnten.
Einen Aufsatz weiter gibt Rudolf Brander seinen Text den Titel „Der Weg in die Auschwitz-Religion“ “ (TUMULT, Frühjahr 2025, S. 25-27). Seine Kernthese lautet: Auschwitz wird als Symbol einer theologisch aufgeladenen Schuldkultur genutzt, um in einer Intensivierung des Negativen die Erlösungsbedürftigkeit durch umfassende Ergriffenheit in eine absolute Unterscheidung von Gut und Böse zu kanalisieren. Was dabei auf der Strecke bleibt, so Brandner, ist die Thematisierung der geschichtlichen Realität (Stichwort: Spielräume des Verstehens). Resultat ist u.a. ein Schuldtransfer vom politischen Subjekt auf die Allgemeinheit („Tätervolk“), mit der Folge, so Brandner, dass alle Schuld von der Politik ans Volk delegiert werden würde. Für Brander handelt es sich um ein modernes Beispiel eines größeren Zusammenhangs, nämlich des unbewältigten religiösen Negativismus von Jahrtausenden: Das unerlöste moderne Subjekt, so Brandner, verwendet seine durch den Gottesverlust freigesetzten Psychoenergien, um sich in einem pseudosakralen Akt einem Heiligen (als Maßgebendes, als Unhinterfragbares) zu unterwerfen.
Man wird den drei Text wohl keinen Zwang antun, wenn man sie religionskritisch nennt, auch wenn die Religion nicht, wie bei Flaig, Hauptthema sein mag. Für Flaig hat die politische Sphäre - und im Ausnahmezustand ist das vor allem der Staat und die Nation – Vorrang gegenüber der Religion, insbesondere dann, wenn die Sphärenteilung von Seiten der Religion in kritischen Phasen unterminiert wird. Mag die Religion, und sei es als kulturelle Praxis, von jeher ein politischer Faktor sein, so ‚darf‘ sie jedoch nicht den Platz der Macht für sich beanspruchen oder die politische Sphäre auflösen wollen oder an seiner Auflösung beteiligt sein, so das politische Argument. (Dabei gab es Christentum es seit jeher eine Thematisierung dieser Sphären-Spannung und -Trennung, heißt es beispielsweise im neuen Testament: "Da sprach Jesus zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Mark. 12, 17). Das politische Argument gilt für demokratisch verfasste Staaten, sofern in autokratischen Regimen von jeher keine Rücksicht auf kritische Positionen genommen wird, die das Zentrum der Macht in Frage stellen. Der Unterschied also: im ersten Fall geht es um die Infragestellung des politischen Raumes, im zweiten Fall um die des Machthabers.).
Thilo Sarrazin beschäftigt sich in seinem Text mit dem Islam, von dem die „Sphärentrennung“ allem Anschein nach nicht akzeptiert wird und der in Deutschland / Europa immer mehr Zuwachs findet. Für Sarrazin ist diese Religion gefährlich, weil in ihr die religiöse Legitimität Vorrang vor einer demokratisch legitimierten Verfasstheit hat. Insofern folgt er hier Flaig / Böckenförde. Wie das Sphärenverhältnis bei anderen Religionen sich darstellt, wird hingegen nicht weiter erläutert. Für Sarrazin ist dies auch nicht wichtig, weil moderne Gesellschaften säkularisierte Gesellschaften sind und für ihn Religionen einen Atavismus verkörpern, die Sinnfragen stellen und -antworten geben, die als naturwissenschaftlicher Sicht überholt seien.
Schließlich Rudolf Brander. Sein Text führt eine neue Religion schon im Titel: Auschwitz-Religion. Die Funktion dieser ‚Religion‘ liegt nach Brandner in einer Immunisierungs- und Haltgebungsstrategie (gegenüber den Maßlosigkeiten liberalistischer Gesellschaften). Der Vorwurf lautet, dass dies auf Kosten einer offenen geschichtlichen und politischen Auseinandersetzung über den Nationalsozialismus und dem industriellen Massenmord gehen würde. Darüber lässt sich streiten, wobei die ‚Zulässigkeit‘ des Streits selbst schon ein Teil der Auseinandersetzung sein dürfte (aber im Politischen gibt es keine Metaebene, aus der sich solche Fragen ‚wahrheitsgemäß‘ beantworten ließen, nur rechtlich/moralische Grenzen, die wiederum …). Aber Brandner gibt auch einige generelle Hinweise zu seinem Religionsverständnis. Religion, so Brander, hat immer eine Sakralisierungsfunktion, die etwas als heilig und unberührbar erklärt und vor dem sich alle menschliche Negativität zurücknehmen muss. Dieses Ansichhalten der Negativität / des Mangels, dieser Selbstverzicht wiederum entfaltet, so Brander weiter, die Heilswirkung als ein religiöses Versprechen. Damit nichts ins Rutschen kommt, strebt das religiöse Bewusstsein nach absoluter Fixierung, nach einem Dogma, das von Anderen nicht in Frage gestellt werden darf, führt Brander weiter aus. Dabei scheint es so, als ob Brandner einer „Negativitätsgeschichte“ nachgehen würde - die Negativität (der Mangel) als anthropologische Konstante -, die in der Moderne seine Zuspitzung fände und zwar wie folgt: Seit Jahrtausenden gibt es einen unbewältigten religiösen Negativismus, d.h. Fixierung von Psychoenergien und Blockierung anderer ‚Antworten‘ auf die Negativität. Diese Energien werden in der Moderne durch den Gottesverlust freigesetzt und finden u.a. Bindung in defizitären Ersatzreligionen. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, ob die Totalitarismen ebenfalls als Ersatzreligionen im oben genannten Sinne fungiert haben (polemisch könnte man Fragen, ob die Auschwitz-Religion strukturell identisch mit der Hitler-Religion ist?). Die nächste Frage wäre, ob es denn eine richtige oder bessere (politische) Form gibt, mit der sich Negativität bearbeiten und ‚gestalten‘ ließe – aber das greift über den Text-Anlass hinaus.
Im Unterschied zu einem modernistisch geprägten Immanenzdenken tauchen in den Texten geschichtlich erfahrbare Momente der Teilung, der Gefährdung, des Antagonismus und der Negativität auf. Die Realität schaut uns ins Gesicht. Und je mutiger man zurückblickt, umso mehr wird deutlich, wie sehr jene gutgemeinten Diskurse, im Versuch eine negativitätsfreie Welt zu gestalten, sich immer weiter von dieser Welt entfernen.
Und die Religion?
30.März 2025
In unsicheren Zeiten sind Überwölbungsstrategien gefragt. Der Bedarf an großen Schutz- und Sinnräumen steigt, die Geborgenheit der Höhle wird wieder attraktiv. Nun ist die Höhle auch das Begrenzende, das Einschränkende und die Überwölbung immer von der Gefahr des Einsturzes latent bedroht. In Krisenzeiten sind gesicherte Rückzugsorte, reale oder geistige, also nützlich, aber nicht besonders zukunftsbezogen. In ihnen ausharrend ist der Schutzsuchende bangend der Frage ausgesetzt, was wohl kommen mag. Eine Antwort wird er nicht geben, nur reaktiv auf ein Ende warten können, das vielleicht zu einem neuen Anfang führt.
Die Astrologie kombiniert in glücklicher Weise, so die Sterne gutstehen, eine Überwölbungswirklichkeit mit einer semi-gesicherten Zukunftsperspektive. Das offene Sternendach, aber immerhin ein Dach, wird mit der geistigen Stabilitätsfunktion der Zukunftsgewissheit kombiniert (an dieser Stelle sei kurz darauf verwiesen, dass das Olbersschen Paradoxon „= warum leuchtet der Nachthimmel, der doch mit Sternen gut gefüllt ist, nicht so hell wie die Sonne“ inzwischen mit der Expansion des Universums beantwortet wird. Selbst das Sternendach hat sich also dynamisiert).
In einem Zeit-Magazin mit der Astrologin Elisabeth Teissier (Zeit-Magazin vom 31.12.2024, Nr. 1) erläutert diese auch folgerichtig, dass 1. in Krisenzeiten Menschen und Gesellschaften offener werden und dass 2. mit der Krise der Erklär-Rationalismus bröckelt und das Übernatürliche größeren Kredit erhält. Die astrologische Grundannahme ist seit Jahrtausenden bekannt und lautet: der Himmel, d.h. das Sonnensystem, seine Planeten und der Mond, ist ein Spiegel des Menschen. Der Mensch wird daher durch seine Geburts-Planeten-Konstellation geprägt, wobei auch Länder, ebenso wie Menschen, einen eigenen Zyklus haben, den sie durchlaufen. Daraus folgt, dass man die Welt entschlüsseln und verstehen kann. Zumindest sagt das Frau Teissier, die nicht nur Schauspielerin und Model war, sondern auch einen Doktor in Soziologie, eingereicht an der Sorbonne, besitzt. Letzteres mag auch damit zusammenhängen, dass sie nicht nur für den spanischen König Juan Carlos, sondern auch für den französischen Präsidenten Mitterand die Sterne vom Himmel in das Leben geholt hat. Die Sterne spielen also auch hier eine große Rolle. Zur Zukunft im weltpolitischen Maßstab kann laut Teissier z.B. vorhergesehen werden, dass Russland, einem 36 Jahre Zyklus unterworfen (1917 Oktoberrevolution, 1953 Stalin gestorben, 1989 Zusammenbruch des Ostblocks), im Jahr 2025 tiefgreifende Umwälzungen erleben wird. In diesem Jahr haben wir wieder eine Saturn-Neptun Konjunktion, die sich bis Sommer 2026 noch 2x wiederholen wird. Und: Putin hat in der zweiten Jahreshälfte 2025 keinen guten Sterneneinfluss mehr. Für das eigene Privatleben ist ganz interessant, dass Pluto den Zelltod unterstützt, so man das Pech hat(te), seinen Einfluss unterworfen zu sein.
Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann schrieb 1976 das Buch „Lebenshilfe Astrologie: Gedanken und Erfahrungen“, das 2004 immerhin seine 20. Auflage verzeichnen durfte. (Riemann, Fritz: Lebenshilfe Astrologie: Gedanken und Erfahrungen. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2004 (1976)). Auch Riemann ist der Überzeugung, dass das symbolische Denken, zu dem die Astrologie zählt, ein Ausdruck einer makroskopischen Spiegelung im Mikrokosmischen ist. Nun ist es nicht weitere überraschend, dass ein Psychoanalytiker den Vereinseitigungen, die aus einem Primat einer rigorosen Rationalität und des kausalmechanistischen Denkens entstehen, entgegentritt. Schließlich ist es die Psychoanalyse, die auf die unbewussten Seiten unseres Seins aufmerksam macht.
Das, was uns bewegt, wird an einer Stelle ‚kodiert‘, auf die wir keinen direkten Einfluss haben, was Freud zu der Kränkungsdiagnose bewog, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei. Erst nachträglich können wir, beschwert mit den blinden, aber leidvollen Momenten unseres Seins, aus den scheinbar nicht-sinnhaften und nebensächlichen Sekundär-Bruchstücken wieder mehr Sinn machen, könnte man mit Freud fortsetzen. Es geht über den Umweg der Träume, Versprecher und der Witze, die in Anspruch genommen werden, um in der Deutung, so sie denn gelingt, etwas Sinn und Freiheit in unser Dasein tragen. Die Psychoanalyse begreift sich also nicht als Wahrsagerei, sondern, wie der Name es sagt, als Analyse, als Auftrennerin der Fäden einer schlechten Vergangenheit.
Für Riemann scheint die Astrologie ein der Analyse vorgelagerter Vorratsraum symbolischer Aufladungen zu sein, der genutzt werden kann, um die Bezogenheit und Wechseleinflüsse aller Teile in den Blick zu bekommen. Während die kausalmechanistische Denkweise die zeitlosen und abstrakten Gültigkeiten des Seins festklopft oder festklopfen will und somit die individuellen, zeitbezogenen und vielfach verwobenen Lebensfäden ausblendet, webt das astrologische Denken uns in das Beziehungsgefüge von Zahlen, Zeiten, Räumen, Rhythmen, Himmelskörpern hinein. Gegen die Simplifizierungstendenz und Sinnblindheit des kausalmechanistischen Denkens möchte Riemann das astrologische Denken nutzen, um die mannigfaltigen Zusammenhänge in unserem Leben (Materie, Energie, Psyche, Geist) sichtbar und fruchtbar zu machen. Auch wenn Riemann zu bedenken gibt, dass die Vereinseitigung des symbolischen Denkens dazu führen kann, dass man sich in einem in der Unendlichkeit verlierenden Beziehungswahn wiederfindet, sind die im astrologischen Denken sich vollziehenden Analogien und symbolischen Entsprechungen für ihn doch wertvoll. So kann aus den überlieferten Symbolbedeutungen und aus den Auswirkungen der Tierkreiszeichen und Planeten ein hilfreiches Horoskop entstehen, so Riemann weiter.
Beispiel Saturn – sein Grundprinzip, die Kontraktion, was sowohl Stabilität als auch Verhärtung symbolisieren kann. Auf der personalen Ebene: 1) Physisch, Knochengerüst u.a. = Halt / Verkalkungserscheinungen = Erstarrung 2) Seelisch: Verschlossenheit, Treue = sichernd / Trotz, Geitz = Härte, Strenge 3) Geistig: Konzentrationsvermögen = Klarheit / Klebrigkeit = Unbelehrbarkeit
Was sich auf ontogenetischer Ebene saturnisch manifestieren kann, hat aber auch eine phylogenetische Entsprechung: 1) Animistische Zeitalter: Tabus / ordnende Riten 2) Mythenbildendes Zeitalter: Härte und Kälte (Chronos-Saturn-Loki) / Hüter der Tradition 3) Christentum: Saturn als Satan, Todessymbol 4) Wissenschaftliches Zeitalter: Determinismus, Vererbung (siehe Riemann a.a.O., S. 23 ff.)
Nun haben solche analogischen Einteilungen etwas Schablonenhaftes. Man kann sich fragen, ob der heuristische Wert größer ist als die Reduktionsgefahr. Im Falle des Horoskops kommt noch eine zukunftsbestimmende Komponente hinzu, mag die in ihrer Vagheit auch Spielräume zulassen. Aber der (psycho)analytische ‚Abbau‘ der Vergangenheit droht in eine vorausschreibende Zukunft zu münden.
Georges-Arthur Goldschmidt hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Anfänge der Psychoanalyse, so irdische und himmlische Kategorien hinzugezogen werden sollen, nicht in den Sphären der Götter zu suchen sind:
“Erst unlängst, Ende des letzten Jahrhunderts, begann man den Grund des Meeres zu erforschen, zur gleichen Zeit, als die Psychoanalyse sich aufmachte, die Seelengründe des Menschen zu entdecken.”
Georges-Arthur Goldschmidt: Als Freud das Meer sah. Zürich: Ammann, 1999. S. 16
Das Meer: die unsichtbaren Tiefen, der zunehmende Wasserdruck, das Absinken und Auftauchen, die Schwebzustände; das sind Kategorien, die dem Unbewußten mit seinen unheimlichen und begrenzten Freiheitsmöglichkeiten näherkommen als die Schicksalsfäden, die von Göttern und Planeten von oben auf uns hinabgeworfen werden.
Aber auch ich mag die – wirklich nur scheinbaren? - Zufälle, die uns in die Arme einer sinndurchfluteten und für uns bestimmten Welt führen (es wurde mir vorausgesagt). In dem George-Buch von Ulrich Raulff wird gleich zu Anfang berichtet, wie Hermann Speer, der ältere Bruder des in Nürnberg verurteilen Rüstungsministers, 1949 den Horoskop-Spezialisten Ernst-Günter Paris darum bat, zu ermitteln, unter welchen Sternenkonstellation sich 1921 seine Begegnung mit Stefan George ereignet hat. Ergebnis: Der Mond von Speer stand in enger Berührung mit der Sonne und dem Uranus von George, was für Speer zur Frühreife, d.h. zu einem schmerzhaften Geborenwerden geführt haben soll (Ulrich Raulff:. Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben. München: C. H. Beck, 2010.). Glück oder Pech gehabt? Die Sterne haben es so gewollt.
Was aber haben die Sterne genau gewollt und was folgt daraus? An dieser Stelle zurück auf das analogische Denken von Fritz Riemann, der dieses gegen die Armutsgefährdungslage einer sich selbst verkürzenden Rationalität in Anschlag bringt. Er spricht sogar von einer Revolution unserer heutigen Denkgewohnheiten (a.a.O. S. 28). Aber so neu ist diese Denkungsart dann wiederum nicht. In Mittelalterromanen ist sie zu finden, keineswegs nur als Eulenspiegelei:
“Heilkunst ist eine Substitution nach dem Prinzip der Ähnlichkeit - Krokus kuriert Augenkrankheiten, weil er aussieht wie ein Auge.”
Kehlmann, Daniel: Tyll: Roman. Reinbek bei Hamburg, 2019.S. 101
Auch in Umberto Ecos ‚Der Name der Rose‘ wird man entsprechende Passagen finden, wobei es als postmodernes Buch zwanglos durch die Denkgeschichte reist (Hier ein fast schon psychoanalytisch gefärbter Satz: ”Der Teufel ist schwarz und finster, denn er weiß, wohin er geht, und der geht immer dahin zurück, woher er gekommen ist.” Eco, Umberto: Der Name der Rose. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 2022. S. 607).
In ‚Die Ordnung der Dinge‘ stellt Michel Foucault das Analogie-Denken in einen größeren Zusammenhang. Foucault zeigt ausgehend von der Renaissance über das Barock (klassisches Zeitalter) bis hin zur beginnenden Moderne, dass das ‚Sein‘ durch verschiedene Denkungsarten verschiedenartig geordnet wurde (man könnte auch sagen, dass das ‚Sein‘ durch diese Denkungsarten ‚ist‘) und – großer Unterschied -, dass es sich hierbei keineswegs um vormoderne und defizitäre Erkenntnistheorien handelt (weil ‚Erkenntnistheorie‘ selbst das Produkt einer modernen ‚Seinsauslegung ist‘).
Im 16. Jahrhundert, so Foucault, war das Denken von Ähnlichkeiten und Verwandtschaften unter den Dingen gekennzeichnet. Man hat die Zeichen sprechen lassen - Wappen, Charakteren, Chiffren, dunkle Worten – um die Ähnlichkeit unsichtbarer Formen sichtbar zu machen, um Sinn zu entdecken:
“Die Ähnlichkeiten in ihrer Verborgenheit müssen an der Oberfläche der Dinge signalisiert werden. Ein sichtbares Zeichen muß die unsichtbaren Analogien verkünden. (…) Es gibt keine Ähnlichkeit ohne Signatur. Die Welt des Ähnlichen kann nur eine bezeichnete Welt sein.”
Foucault, Michel. Die Ordnung der Dinge: eine Archäologie der Humanwissenschaften. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt am Main, 2017. S 56 f.
Nur: wie kommen die Zeichen zu den Dingen und umgekehrt? An welcher Stelle bürgt welcher Grund für die Analogie? Schwierig; die Dinge bleiben im Fluss. Foucault spricht von einem Oszillieren der Hermeneutik der Ähnlichkeit und der Semiologie der Signaturen. Aber nichts spricht dagegen, es weiter zu probieren. Vielleicht funkelt die Venus so hell, weil die eigene Liebe entfacht wurde. Oder vielleicht ist es die eigene Liebe, die die Venus letztens hat so erstrahlen lassen. Man wird auf die Defizite eines solchen Ansatzes hinweisen, insbesondere seine ausufernde Beliebigkeit, die umso schwerer wiegt, da das in Teilen halt- und grenzgebende symbolische Miteinander weitestgehend fehlt. Das eigene Wappen zu kreieren, um den Liebsten oder die Liebste von den verborgenen Ähnlichkeiten von Seele, Geist und Körper zu überzeugen, dürfte bis auf weiteres schwierig bleiben. Aber nur zu.
Denn auf der anderen Seite ist die scheinbar entzauberte Welt sehr nüchtern und schrecklich. Warum es auf anderen Wegen nicht anders probieren. Aber so einfach ist es nicht, da das neue Denken zumeist von dem, was man so denkt, in althergebrachter Weise unter der Hand in gängigen Bahnen gedacht worden ist. Resultat sind meist krude Anspruchssysteme, die statt poetischer Weitung nur esoterische Verengung oder Verwirrung im Gepäck führen oder ihre eigenen Gründungen nicht verstehen. Rudolf Steiner mag hier als Beispiel dienen. Ich weiß nicht, ob Steiner unter dem Einfluss des Merkur geboren worden ist. Auf jeden Fall kam er 1861 als Kind eines österreichischen Bahntelegraphisten zur Welt, was nahelegen könnte, dass ihm die Sphäre der Vermittlung, ja Sendung (Telegraf, Götterbote) mit in die Wiege gelegt worden ist. Auch Steiner kann den menschlichen Körper und den Himmel in Verbindung bringen. Die sieben Körperregionen korrespondieren mit Krankheiten und diese wiederum mit sieben Metallpräparaten (Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber, Silber), in denen wiederum sich die kosmischen Kräfte der sieben Planeten Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond verdichten.
So weit so spekulativ. Aber wie Heiner Ullrich in seinem lesenswerten (und sehr sachlich abwägenden) Buch über Rudolf Steiner schreibt, ist der Anspruch ein wissenschaftlicher. Doch die von Steiner postulierte (wissenschaftliche) Voraussetzungslosigkeit entpuppt sich als idealistische Metaphysik, als eine pantheistische Ontologie, Kosmologie und Anthropologie. "So gesehen ist Steiners Erkenntnislehre im Grunde spekulative Deduktion aus dogmatischer Metaphysik", so das Urteil von Ullrich. (Ullrich, Heiner: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. München: Beck, 2011. S. 103)
Immerhin muss man Steiner zugutehalten, dass er - bis heute - einen beachtlichen Anhänger-Kreis um sich versammeln konnte, der die Erkenntnisse umsetzt, die die Anthropologie sich zusammenreimt(e). So bleiben die ästhetischen (und pädagogischen) Kategorien: zum Beispiel die Schönheit, wenn man seinen Namen tanzen kann.
Reicht das? Reicht das für die Zukunft? Was steht in den Sternen?
1) Vor mehr als 2.000 Jahren kamen Sterndeuter aus dem Osten, später als Heilige Drei Könige bezeichnet, die einen Stern hatten aufgehen sehen, der sie führte zu dem neugeborenen König der Juden. Sie fielen nieder, huldigten dem Kind und brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe. So steht es bei Matthäus 2,1-12. Nun, sollte der Sohn Gottes und mit ihm das Liebesgebot durch einen astrologischen Auftakt angekündigt worden sein? Hans Blumenberg weist darauf hin, dass die Astrologie nicht darin besteht, die Sterne zu sehen, sondern diese im Dienst der Vorhersage vorherzusehen. Mithin kann der Nachvollzug die Sache der Astrologie nicht sein. Zudem ist die Auferstehung Jesu eine Absage an die Sternenordnung in ihrer schicksalsbildenden Kraft und somit eine Verabschiedung der Astrologie. (Blumenberg, Hans: Wir haben seinen Stern gesehen, in: Die Vollzähligkeit der Sterne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997, S. 27 – 33).
2) Was ändert sich, wenn die Planetenkonstellationen um einen Planeten erweitert werden, so man als Astro- und Kosmonaut auf die Erde hinuntersieht. Samantha Harvey lässt die schlafenden Crewmitglieder in ihren Umlaufbahnen träumen:
“Das Gefühl der Dankbarkeit so überwältigend, dass sie nichts dagegen oder damit tun könnten und es keine Worte oder Gedanken gibt, die es mit diesem Gefühl aufnehmen könnten, und so würden sie für einen Moment die Augen schließen.”
Harvey, Samantha: Umlaufbahnen: Roman. München: dtv, 2024, S. 207
Was also steht in den Sternen? Vielleicht, dass wir uns als Raumfahrer zu ihnen begeben sollen, um in uns eine überwältigende Dankbarkeit zu erfahren? Vielleicht, dass wir als königliche Sternenschauer nach dem Stern der Liebe Ausschau halten sollen? Elitäre Projekte. Vielleicht reicht es, wenn uns das nächstbeste Horoskop einen guten Tag verspricht und der helle Stern am Himmel sich in seiner Bewegungsbahn nicht als Rakete entpuppt, deren Aufprall den Gedanken der Wiederauferstehung als letzte Hoffnung herbeizitiert.
30. Januar 2025