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Es gut meinen

“Ein jeder meint es unendlich gut mit der Menschheit, nicht aber mit jedem einzelnen Menschen.”
Karel Capek: Das Absolutum; Berlin 1990 (1922), S. 172

Je abstrakter und ungreifbarer das Ziel unserer Utopien, umso einfacher verschwindet das Widerständige aus dem Bewußtsein.

28. August 2016

Kurz und lang

'Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.' Ein Sprichwort-Klassiker aus Schillers Glocke, die bekanntlich nur so von zitierfähigen Weisheiten strotzt. Da der Entstehungsprozess einer Glocke von Schiller mit den einzelnen Lebensabschnitten parallel geführt wird, steht nun beim Guß(!) der Glocke die Ehe an, was lebensphasentechnisch zur nachhaltigen Bindungsfrage überleitet und durch Verwechslung von Eros und Liebe zu einer suboptimalen Entscheidung führen kann, mit den oben benannten Folgen. Allerdings eignet sich der Satz auch zur Umschreibung aller andern gefühlsgesteuerten Fehlleistungen, die bekanntlich im Leben eines jeden Menschen auf breiter Basis nachhallen. Der Wahn ist kurz ...

7. Juli 2016

Energieabzug

Wenn man wissen möchte, was postheroisches Leben eigentlich heißt ('heißt' im Heideggerschen Sinne von 'Was heißt denken'), der lese die mittelalte deutsche Popliteratur, in der Heinz Strunk seinen Protagonisten darüber räsonieren lässt, wie angenehm es sein müsste, ein Leben im Halbschlaf zu verbringen (einnicken, dämmern, kurz wieder aufwachen - in: 'Die Zunge Europas') und in der Benjamin von Stuckrad-Barre sich die Harald Juhnksche Definition von Freiheit, 'Keine Termine und leicht einen sitzen' haben, wohlwollend herbeizitiert (in: 'Panikerz').

Was uns das sagt? Die Idee vom guten Leben besteht heute, wenig überraschend, nicht aus der Kultivierung einer Tugend und auch nicht, was näherliegender wäre, aus einem fortgesetzten Exzess, der sich, so könnte man vermuten, im Laufe der Moderne selbst desavouiert hat, sondern in einer Sedierung ohne Zwang. Die scheinbare Ausweglosigkeit der individuellen und gesamtgesellschaftlichen Lebenswirklichkeit lässt sich maximal noch dämpfen, nicht mehr überwinden oder transformieren. Die glücklichen Momente halten die Realität weichgezeichnet auf Abstand.

13. Juni 2016

Was wirklich wichtig ist im Leben

Was wichtig ist? Ganz einfach. Nennen wir es den Nietzsche-Test.
Bitte die Lücke ausfüllen, ohne den Satz zu einem lächerlichen oder ironischen werden zu lassen:
“Ohne ____ wäre das Leben ein Irrtum.”
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Die Nietzsche Antwort lautet:
“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.”
Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung; Frankfurt/M. 1985 (1888); S. 15

12. Juni 2016

Der Sinn braucht mehr Eigenkapital

Packungsaufdruck bei Papiertaschentücher: "Enjoy the little things." Der Kapitalismus muss in das Sinngeschehen eingreifen, um 1. auf Produktebene erfolgreich zu sein und 2. die gesellschaftliche Gesamtkonstellation zu stabilisieren.

31. Mai 2016

Zerstörung einer Illusion

“Wir wissen, dass die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergibt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres ‘leeren Raums’, einen Zuwachs unserer ‘Öde’ .“
Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht; Stuttgart 1980 (1887); S. 414 (604)

Mit und gegen Nietzsche: die Zerstörung einer Illusion führt nicht zur Wahrheit, sondern zur Freiheit. Die Frage an Nietzsche: spricht er obigen Satz wirklich illusionslos.

28. Mai 2016