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Adieu sagt der Fuchs

“Aber wenn Du mich zähmst, werden wir einander brauchen.”
Antoine De Saint-Exupéry: Der kleine Prinz; Düsseldorf 1981 (1946), S. 49

Nach der Zähmung, in der Stunde des Abschieds wird man weinen, auch deshalb, weil man Zeit miteinander verbracht hat: die gewidmete Zeit macht Dinge wichtig, so der Fuchs. Management ist die Kunst, Dinge wichtig erscheinen zu lassen, ohne Zeit (oder so wenig Zeit wie möglich) für sie aufzuwenden - deshalb weinen Manager nie.

9. März 2015

Das ist ja witzig

“Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Ob-jekt der feindseligen oder sexuellen Agression genommen wird, und eine dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, erfüllt.”
Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten; Frankfurt/M. 1972 (1905); S. 80

Dieser Satz klingt trivial, bis man sich ernsthaft fragt, warum man nicht allein über (s)einen Witz lachen kann. Die Lust durch die Aufhebung der Hemmung kann nicht eher erzielt werden, bis ein Anderer diese Enthemmung mitträgt, sie bezeugt. Mittelbar hängt daran auch die Frage, warum man sich schwerlich selbst therapieren kann (Mein Selbst und mein Sprach-Ich wähnen sich oftmals allein und souverän). Identitäten und Witze hängen nicht an 2, sondern immer an 3 Elementen.

15. Februar 2015

Das verlorene Organ

“Man kann den Philosophen vielleicht als denjenigen bezeichnen, der das aufzeichnende und reagierende Organ für die Ganzheit des Seins hat.”
Georg Simmel: Hauptprobleme der Philosophie; Berlin/New York 1989 (1910), S. 11

Wer könnte das heute, gut hundert Jahre später, noch behaupten, ohne rot zu werden.

26. Janur 2015

Gute Vorsätze

“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm; Zürich 1979 (1611 ), S. 225

31. Dezember 2014 

Kein Stein auf dem anderen

"Der Boden wankte unter seinen Füßen, alle Wände des Gefängnisses rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Straße zu einzustürzen, und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des gegenüberstehenden Gebäudes verhinderte, durch eine zufällige Wölbung, die gänzliche Zubodenstreckung desselben."
Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili; in: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten; München 1978 (1807); S.  145 f.

Die erste Katastrophe in der Kleist-Erzählung, das Erdbeben, schenkt den Protagonisten, den beiden Liebenden, das Leben, nur um sie in der Endkatastrophe, die nach dem Erdbebeben in einer Kirche ihren Ausgang nimmt, von einem aufgebrachten Mob erschlagen zu lassen.

Nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 ist dies natürlich ein bitterer Kommentar auf die Jesus-Worte in Bezug auf die Pharisäer und den Tempel, die da lauten: ‘Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.’

Die Steine fallen falsch. Tröstet es, wenn zum Schluß alle unter einem liegen?

29. November 2014

Verlassene See

"Alles ernste, alles tiefe Denken ist nur der Kampf der unerschrockenen Seele um ihre Freiheit auf hoher See, und alle Stürme Himmels und der Erde vereinen sich, sie an die verräterische Küste zu schleudern und zu unterjochen."
Herman Melville: Moby Dick; Hamburg 1958 (1851); S. 84

Mag der Hafen und das Land den Sterblichen freundlich gesinnt sein, die See birgt die Weite des Daseins. Die Oberfläche kann sich wandeln, der Horizont kann versprechen, die Tiefe kann bewahren. Wenn Bewahrung, Versprechen und Wandlung die Lebendigkeit unseres Seins ausmachen, so gebiert die See doch auch jene Gestalten und Chimären, an denen wir scheitern, ja untergehen können: die zerstörerische Oberfläche, der ewig entrückte Horizont, die ungeheuer verschlingende Tiefe.

Angesichts dieser Ambivalenz kann man es uns Menschen nicht verdenken, zu Landgängern geworden zu sein. Folgerichtig haben wir die Freiheit oftmals durch die Wahrheit ersetzt - wir stehen auf festen Boden, gegründet -, und nur einige tragische Gestalten, wie Kapitän Ahab, jagen in einer Verkennung und Verkehrung der Dinge nach der Wahrheit auf und in der See; und selbst das ist lange her.

Das Zerstörung der Meere ist primär keine ökologische Katastrophe. Man muss es umkehren. Weil wir uns nicht mehr um der Freiheit willen auf See wagen, deshalb ist es um die See so schlecht bestellt. Wir haben die See verlassen und sie uns. Seitdem stirbt sie.

13. Oktober 2014