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Intermezzo 2: Nichts geschieht außer zum zweiten Mal

Die Zwei, also die Zahl "2" hat nicht den besten Leumund. Denn die Zwei steckt wohl nicht zufällig in der Entzweiung, ist mit Zweifel, Zwist und Zwietracht verbunden. Metaphysisch gesehen ist die 2 der Abfall vom Einen, der Widerspruch zur göttlichen Einheit. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die 2 in der Magie, in der Kunst des großen Geheimnisses, das die Welt verborgen durchwebt, kaum vorkommt. Und auch bei der Schöpfungsgeschichte passiert Erstaunliches (zitiert nach der Lutherbibel; 1. Mose 1,1 - 2,3)

1. Schöpfungstag 
- Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde (...) Und Gott sah, dass das Licht gut war.

3. Schöpfungstag 
- Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.

4. Schöpfungstag 
- (...) und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.

5. Schöpfungstag 
- Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art (...) Und Gott sah, dass es gut war. 

6. Schöpfungstag 
- Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde (...) Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

7. Schöpfungstag 
- Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 

Kurz zusammengefasst. Gott sah, dass es gut war, dass es gut war, dass es gut, war, dass es sehr gut war und schließlich segnete er den siebten Tag. Alles prima, allein der zweite Tag endet mit folgender Beschreibung

2. Schöpfungstag - (...) Und Gott nannte die Feste (Wölbung) Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

Nix mit gut oder sehr gut oder sonstigen Segnungen. Der zweite Tag steht somit ein bißchen verwaist in der Schöpfungsgeschichte. Aber neben diesen eher traurig-negativen Konnotationen hat die 2 sehr wohl auch produktive Momente zu bieten. In den gnostischen Systemen verkörpert sich die Zweiheit der Welt zwar ziemlich restriktiv in Gut (das Geistige) und Böse (das Materielle); aber schon hier deutet sich eine Spannung an, die in den propehetischen Religionen durchaus einen positiven Wert erhält. (dazu: Franz Carl Endres; Annemarie Schimmel: Das Mysterium der Zahl; München 1993(1984))

Nicht zuletzt verweist der Trintitätsgedanke schon von Anfang an darauf, dass mit der Zweiheit, mit dem Heraustreten aus dem Einen, auch der Gedanke der Synthese, der Vermittlung und der Aufhebung einhergehen kann. Das ist natürlich auf Hegel zu oder von Hegel rückwirkend formuliert, wobei Hegel der Zwei, wenn man sie denn mit dem Begriff der Wiederholung amalgiert, folgenden Gedanken anhängt:

"Durch die Wiederholung wird das, was im Anfang nur als zufällig und möglich erschien, zu einem Wirklichen und Bestätigten.“
Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Vorlesungen über Philosophie der Geschichte, Frankfurt a.M. 1973 (Werke 12), S. 380

Mit diesem Satz im Gepäck könnte man auch sagen, dass die Wiederholung, die zeugende Wiederholung wichtiger als das Ereignis ist, das Ereignis in gewisser Weise durch seine wiederholende Bezeugung (man holt etwas wieder), überhaupt erst erschaffen wird. 

Andererseits kann man den Gedanken auch nochmals vertiefend wiederholen, der oder was besagt: je öfter sich etwas wiederholt, umso stabiler und unumstößlicher wird es in unserer Welt verankert werden. Wenn die Sonne den zweiten Tag aufgeht, mag das mehr als ein Zufall sein. Sieht man sie ein Leben lang am Himmel immer wieder am Horizont erscheinen, wird es zu einer unumstößlichen Wirklichkeit. Diese wiederholungstheoretische Prämisse hat auch eine politische Dimension. So haben Ernesto Laclau und Chantal Mouffe gezeigt, dass der Gramscianische Hegemoniebegriff auf die Durchsetzungs- und Beharrungsstärke einmal etablierter Begriffe und Diskurse setzt, die nicht nur durch jeden Gebrauch mit neuer Strahlkraft angereichert werden, sondern zugleich auch den Möglichkeitsraum verengen, also bestimmte Dinge undenkbar machen oder sanktionieren (dazu: Ernesto Laclau; Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie: zur Dekonstruktion des Marxismus; Wien 1991 (1985))

An dieser Stelle sehen wir eine doppelte Funktionslogik der Wiederholung, die jedoch nicht auf eine binäre Logik heruntergrochen werden kann. Zum einen lässt die Wiederholung das Ereignis erscheinen und Wirklichkeit werden, insofern es das Ereignis bezeugt, es in einen Bedeutungsraum hineinträgt, der durch das Ereignis verändert wird, aber doch nur verständlich bleibt, sofern er Verbindungen und Spuren zu schon bestehenden Bedeutungskontexten unterhält. Ein vollkommener Bruch wäre nicht wahrnehmbar (wir alle ahnen oder kennen vielleicht einige Ränder - aber eben nur die Ränder - solcher "Ereignis-Brüche", wie zum Beispiel eine schwere Verletzung, die die Integrität des Körpers in Frage stellt und traumatisch wirken kann. Und niemand, der nicht selbst erkrankt ist, kann ermessen, was es bedeutet, wenn eine schwere, vielleicht unheilbare Krankheit diagnostiziert wird. Dies berührt unsere Identität auf unabsehbarer Weise. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Frage, ob der Tod nicht das Paradebeispiel eines solch radikalen Bruchs ist und/oder ob der Glaube diese Bruchlinie verschieben kann). Oder anders gesagt: ein Ereignis ist immer ein nachträgliches, denn es gibt die Präsenz des Ereignisses als unvermitteltes Ereignis nicht. 

Auf der anderen Seite ist aber ebenso klar, dass es keine perfekte Wiederholung gibt und geben kann. Wenn die Wiederholung im Namen der Beharrung und der Stabilität agiert, so kann sie dieses Versprechen, wenn es denn ein Versprechen ist, nur damit geben, dass sie den wiederholten Ausschluss - den Ausschluss anderer Möglichkeiten, anderer Anknüpfungspunkte, anderer Bedeutungen - verdrängt. Eine absolut reine Wiederholung wäre als solche nicht erfahrbar, wäre zeitlos, sozusagen tote Zeit, die Tötung der Zeit, ein Aussetzen, ein nunc stans (auch hier könnte man fragen, ob die Wissenschaft nicht deshalb so erfolgreich ist, weil sie den Spezialfall einer "fast" reinen Wiederholung kultiviert, die auf Kosten der Bedeutung eine Reproduzierbarkeit und Universalität beansprucht).

Wenn es kein reines Ereignis und keine reine Wiederholung gibt, so bilden diese beiden Punkte den unerreichbaren Horizont jeder Wiederholung, ihre absolute Verheißung und ihren absoluten Tod. Die Wiederholung ist ein fortwährender Pendelschlag, der sich mal mehr zu der einen, dann wieder zu der anderen Seite neigt, niemals mit sich selbst identisch, niemals ganz anders. Selbst im in dem ganz neuen Anfang, in dem sich das ganz Andere ereignet, findet eine symbolische Wiederholung statt, die eine Anknüpfung an das schon Gewesene und immer schon Geteilte verlangt. Und selbst in der stumpfsinnigsten Wiederholung, in der scheinbar alles beim Alten bleibt, sorgt ein neuer Kontext dafür, dass andere Möglichkeiten sich zeigen, dass andere Möglichkeiten verdrängt oder unterdrückt werden müssen, auch wenn dies nur auf einer subkutanen Ebene geschehen mag.

Kurzum, keine Wiederholung ohne Verschiebung: selbst in der geringfügigsten Wiederholung kann sich etwas Großes ereignen, sind neue Verbindungen zu finden, können sich tektonische Verschiebungen anbahnen; und selbst – oder gerade - die beste Tradition ist kein starres Verharren, sondern ein fortgesetzter An- und Umbau.

Um auf den Anfang zurückzukommen, auf die 2 und ihre Verbindung zur Wiederholung: Gerade weil die 2 keine Ursprungszahl ist, also nicht die Verheißung des vergangenen oder zukünftigen Einen verkörpert und ebenso wenig eine Versöhnungszahl ist, die eine schnelle Synthese verspricht, ist sie als Zahl des Konflikts und der sich verschiebenden Wiederholung doch eine, mit der sich etwas ereignet und fortschreibt.

30. November 2019

Intermezzo: die Moral zweier pseudo-politischer Aussagen

Nicht scheint vertrauter als das Politische, denn überall werden wir mit politischen Fragen konfrontiert. Und die Welt sorgt zuverlässig dafür, dass der Stoff, aus dem unsere politischen Angelegenheiten bestehen, nicht auszugehen droht. Hochpolitische Zeiten also. Dennoch: zuweilen verschwindet das Politische, wie bei einem gut geübten Taschenspielertrick, einfach zwischendrin. Oftmals wird dieser Trick gar nicht bemerkt, erstaunlicher Weise auch von jenen Personen, die ihn in aller Öffentlichkeit aufführen. Hier zwei Beispiele, die deshalb so schlagend sind, weil sei aus entgegen gesetzten politischen Spektren stammen. Zunächst der Bundesvorsitzende der Freien Demokratischen Partei (FDP), Christan Lindner, der mit Blick auf die "Fridays for Future"-Bewegung am 10. März 2019 twitterte:

 "Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis."

 Dafür hat Herr Lindner sehr viel Kritik einstecken müssen, obwohl die Motivation für diesen Tweet meines Erachtens durchaus einen politischen Kern hat, da er auf die moralische Überformung politischer Angelegenheiten reagiert. Statt aber darauf zu verweisen, dass politische Fragen nicht durch hyper-moralische Standpunkte gelöst und adressiert werden können, wählt Lindner den anderen a-politischen Fluchtweg und verweist auf die Kraft der Funktionslogik. Denn wo etwas mit Wissen angegangen werden kann, da braucht niemand mehr irgendetwas zu entscheiden, sondern kann sich auf die Wahrheit der Experten verlassen. In gleicher Weise spricht Lindner auch die jüngere Generation auf seiner Website mit folgenden Slogan an: "Wir bewerben uns nicht als Eure Erziehungsberechtigten, sondern als Eure Problemlöser". Verlangen politische Fragen und andere identitätsaffizierende Angelegenheiten lediglich nach einem Problemlösungsauftrag und einem entsprechenden Experten?

 Nun ist es einfach, sich über jene Leute lustig zu machen, die scheinbar eine Gebrauchsanleitung für unser gemeinsames Leben gefunden haben, wenn nicht auf der "anderen" Seite, also auf jener, die meint, dass politische Angelegenheiten sich mit einer einwandfreien (zumeist linken) Moral (und guten Willen) prima lösen lassen, dieselbe Funktionslogik im Schatten einer zuweilen unzuverlässigen Mehrheitsmeinung in Anschlag gebracht wird.

 Die deutsche Kapitänin Carola Rackete, eine ausgewiesene Seenotretterin von Mittelmeer-Migranten, also zweifelsohne im obersten Regal des derzeitigen Angebots an moralischen Zurüstungen zu finden, sagte in einem Interview-Fragebogen der ZEIT vom 3. September 2019 auf die Frage, ob es richtig sei, politische Entscheidungen zu treffen, auch wenn man weiß, dass die Mehrheit der Bürger dagegen ist:

 "Nur, wenn die Bürger nicht über das nötige Wissen verfügen. Im Idealfall werden die politischen Entscheidungen ja von Menschen getroffen, die sich in ihrem Gebiet auskennen oder zumindest beraten lassen."

 Vermutlich ist Frau Rackete viel bürgerlicher als sie denkt und Herr Lindner viel unpolitischer als er ahnt.

31. Oktober 2019

Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil III

Wenn „Entfremdung“ den Punkt markiert, der besagt, dass ich nicht das lebe, was ich eigentlich bin, „Entfremdung“ in diesem Sinne also auf eine Substanz oder einen Kern des Ichs verweist, auf mein wirkliches Ich-Sein, so könnte man doch fragen, ob es nicht einen Entfremdungsbegriff geben könnte, der nicht auf eine „präkonstituierten Kern“ rekurriert. Vielleicht würde man zuvor fragen, was so falsch an der Vorstellung einer Ich-Subtanz ist, die mein eigentliches Ich ausmacht? Empirisch gesehen, scheint es, zumindest bei der überwältigenden Mehrheit der Menschen, nicht so zu sein, als dass man diese Ich-Substanz einfach finden könnte. Oder, was das Problem nur verschiebt: einige behaupten, sie hätten sich – ihr Ich – gefunden, schaffen es aber nicht, dieses Ich der Welt (und sich) zu zeigen und es in die Welt zu bringen.

Aber vielleicht kann man andersherum fragen: wo bin Ich, wenn ich denke? Wo ist mein Ich, wenn ich zum Beispiel versuche zu meditieren und Abstand zu nehmen von Gedanken, die nicht nur vorbei ziehen, sondern mich besetzen (bin ich das?). In diesem Kontext scheint das (mein) Ich immer von (meinen?) Gedanken in Haft genommen, überflutet zu werden. Das Ziel der Meditation ist demnach auch nicht, das „Ich“ mit einem bestimmten Inhalt zu „versorgen“, sondern zu entleeren. Dem „Ich“ scheint es durchaus gut zu tun, wenn „Ich“ mal nicht von (meinen?) Gedanken durchsetzt bin. Sind wir hier also auf einen „Kern“ gestoßen und wenn ja, was soll dieser Kern sein.

Auch wenn man den Sinn solcher Meditationstechniken nicht bestreiten mag, wird der ein oder andere auf das „reflexives Ich“, als die eigentliche Instanz unseres Ich-Seins hinweisen. Nicht die vorbeiflanierenden und sich einnistenden Gedanken sollen demnach unser Ich ausmachen, sondern der korrigierende Bezug auf unser Denken, der Eingriff in den „Denkstrom“. Aber auch hier könnte man zurückfragen, ob dieser „Eingriff“ (wann und warum?), nicht genau so unkontrolliert strömend dahin läuft, wie die zu reflektierenden Gedanken selbst. Koppelt man die reflexive „Ichleistung“ an das „Wollen“, wird die Sache lediglich verschoben (das „Ich“ eine Funtkion unseres Wollens; das Wollen eine Funktion des Ichs, aber welchen „Ichs“?). Und schließlich kann man in unendlicher Regression danach fragen, welches „Ich“ den reflexiven Gedanken wiederum reflektiert usw.

Aber, um noch eine weitere Schraubendrehung hinzuzufügen: was wäre, wenn nicht die Reflexion, sondern der Impuls zur Reflektion die eigentliche Leistung des „Ichs“ ausmachen würde. Nun gut, aber würde diese Leistung nicht quasi im Rücken des „Ichs“ nach undurchsichtigen Regeln ablaufen. Was wäre die Reflexion, als souveränes Nachdenken über das eigene Denken, noch wert? Und verhält es sich nicht ganz oftmals so, dass wir ein ziemlich klares Wissen über einige unserer intimsten Ich-Dinge besitzen (vielleicht auch als ein Resultat der Reflexion), ohne dass wir, also unser Ich, daraus abgeleitet vernünftigen Handlungen in Gang setzen können (ungesund essen, zuviel Alkohol trinken, rauchen, zu wenig Bewegung usw.).

Eine ähnliche Frage beschäftigte schon Sigmund Freud, als er ausgehend von der Prämisse, dass Menschen nach dem Lustprinzip handeln, und dieses Prinzip lediglich aus Gründen der Abwägung und mit Rücksicht auf die Realität aufschieben können und wollen, mit dem Phänomen konfrontiert wurde, dass Menschen freiwillig offenbar Unlust bereitende Dinge wiederholen, ohne dass ein von Außen gesetzter Zwang (moralischer, monetärer etc. Art), ohne dass also die Gravitation der Realität eine erkennbare Rolle dabei spielen würde.

Bekanntlich ist es für Freud – auch jenseits des Lustprinzips - so, dass das Unbewusste den Kern unseres Wesens ausmacht. Unser Ich, zumindest die Teile die maßgeblich für unser Sein verantwortlich sind, sind nicht direkt zugänglich. Die Träume, die Fehlleistungen, die Witze sagen mehr über unser eigenstes Ich und unser Sein aus, als wir zugeben wollen und können. Bekanntlich sah Freud darin die dritte der drei großen narzisstischen Kränkungen der Menschheit. Neben der kosmologischen Kränkung (Erde nicht Mittelpunkt des Weltalls – Kopernikus) und der biologischen Kränkung (Mensch ist Produkt der Evolution - Darwin), tritt nun die dritte große Kränkung hinzu, die laut Freud besagt, dass das der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei. Kurzum, in den wichtigen Dingen des Lebens ist es das Unbewusste, was unser Ich strukturiert: Was uns ausmacht, uns singulär macht, welche Ideale wir anstreben, was uns krank macht, ist oftmals nicht unter unserer Kontrolle, sondern wird durch das Unbewußte strukturiert.

Was zunächst wie eine Entmachtung des mit vielen Hoffnungen verbundenen aufklärerischen, souveränen Subjekts aussieht (was es ist), hat aber auch einen eröffnenden Aspekt, der deutlicher wird, wenn man sich zunächst einmal die eine gängige Trivial- und Minimalversion der Freudschen Theorie vor Augen führt. Demnach ist es der Druck des Sozialen, der die Triebe kanalisiert und unterdrückt, so dass es zur Verdrängung oder Sublimierung kommt. Die Frage stellt sich, ob das Ich an die Welt oder die Welt an das Ich angepasst werden soll (Die Idee der „Ichstärkung“ der Individualpsychologie lässt sich hier unschwer wieder finden). Aber damit wäre man wieder bei einem substantialistischen und sehr einfachen Model des menschlichen Ichs, bei dem die Gesellschaft gegen die individuellen Triebe und unser kolonisiertes Ich mit seinen Trieben gegen die Versagung bzw für die Sublimierung kämpft.

Aber nicht erst seit der Fort- und Umschreibung der Freudschen Analyse durch den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan dürfte erahnbar sein, dass die Freudsche Psychoanalyse komplexer und das Unbewusste vertrackter ist, als eben skizziert. Um hier die allerschnellste Abkürzung zu nehmen: zwischen Ich und der Welt (besser: den Dingen, der Realität) vermittelt immer schon ein Drittes - nennen wir es in Anlehnung an Lacan das Symbolische -, das insofern nicht ein Hinzukommendes ist, als dass es das Ich und die Welt überhaupt erst erscheinen lässt (oder immer schon erschienen lassen hat).

In der Lacanschen Version der Subjektwerdung verkennt das Ich dummer Weise gleich zum Zeitpunkt seines Erscheinens, dass sein „Ich“ nicht etwas Vorgängiges ist, sondern sich nur in Abhängigkeit von etwas hat bilden können. Dieses „Versehen“ wird das „Ich“ im weiteren Verlauf seines Lebens kultivieren, was auch insofern folgerichtig ist, als dass eine stabiles Ich und eine stabile Realität notwendig sind, um zu (über)leben (zumindest erweist es sich weitgehend als Vorteil). Wenn es ein verkennendes und, um es vorwegzunehmen, ein verdrängendes, verwerfendes und ein verleugnendes Ich gibt, muss es dann nicht jenseits davon noch ein „wahres Ich“ geben? Und was hat das alles mit dem Unbewussten, der Resonanz und der Freiheit zu tun?

29. September 2019

Die Leichtigkeit des Schmerzmittels

Tocotronic - Die Verdammten (2018)

Der Song "Die Verdammten" von Tocotronic (aus dem Album "Unendlichkeit" von 2018) vermittelt etwas für die Band durchaus Untypisches: nämlich den Lob- und Abgesang auf ein konkretes Stück Sein -  auf die Schmerztablette Ibuprofen. Untypisch deshalb, weil ansonsten bei Tocotronic und dem Sänger Dirk von Lowtzow textlich die große Kunst der verschwurbelten Tiefsinnigkeit gepflegt wird, was sich etwas denunziatorisch anhört, aber keineswegs so gemeint ist; ich sag mal einschränkend: nicht ganz so gemeint ist. Schließlich muss man die aufgeladenen und schweren deutschen Begriffe ja erstmal auf eine coole Art und Weise und zudem zeilenweise aneinanderreihen, ohne dass es sich einerseits pathetisch platt anhört oder andererseits ins Triviale versinkt (Zum Beispiel der Song "Ich würd's dir sagen", gleiches Album. Dort tauchen in folgender Reihenfolge folgende Wörter / Wortpaare auf: "tiefster Nacht, Sternenkind, Begehren, Mondlicht, dunkle Gefühle, Höhle, dunkle Stunde, Wind tobt, alles schwer, sterbe, Leben leer". Ist das große Lyrik? Ich würd's dir sagen, wenn es so wär.) 

Kurzum, die Kunst der tiefsinnigen Oberflächlichkeit ist bestimmt keine leichte, auch wenn es sich zuweilen wie eine in die Erwachsenenwelt überführte Schülerlyrik anhören mag. Nicht aber so bei den "Verdammten". Hier wird eine kleine Schmerzgeschichte erzählt, die morgens im Badezimmer beginnt, über das Morsesignal der Zahnbürste bis hin zur (Kaffee)Tasse führt und eine rhythmische Erlösung in Form des Refrains bietet. Dabei kommt der Song leichtfüssig daher, als fast flockige Ode an die pharmazeutisch induzierte Leidensreduzierung und Kohärenzvermehrung, die jedoch, ohne Ambivalenz geht's nicht, zugleich das Eingeständnis der eigenen Schwäche, das Angewiesensein auf Hilfe implizieren.Die Verdammten, mit Anklängen zu den Verbannten, sind verdammt, weil der Rückgriff auf sie die eigene Souveränität untergräbt und die Abhängigkeit erhöht (sie zu Bekannten macht). So spiegelt sich im kleinen Konkreten, weil es eine gute Konkretion ist, schlussendlich doch das große Ganze.

Heimatlied auf Umwegen

Rammstein - Ausländer (2019)

Wenn eine deutsche Band wie Rammstein, die laut Wikipedia zur "Neuen Deutschen Härte" gezählt wird, einen Song mit "Ausländer" betitelt, dann schrillen bei einigen Leuten die Alarmglocken. Um was mag es gehen? Um pure Provokation? Oder um das Abrutschen in die Niederungen des Fremdenhasses? So man die Band kennt, möchte man sogleich ausschließen, dass es sich um ein ausländerfeindliches, oder, um gleich politisch korrekter zu sprechen, ein rassistisches Lied handelt. Doch reflexartig hebt sich der innere moralische Zeigefinger: Ausländer? Sagt man nicht bitte schön Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund (aber wer weiß schon ganz genau, wo heutzutage die Linie des Neusprechs verläuft)? Oder verhält es in Wirklichkeit andersherum? Sind Rammstein im Namen der guten Gesinnung unterwegs? Werden die Feinde der offenen Gesellschaft mit dem Begriff 'Ausländer' nur geködert, um sie gnadenlos mit ihren bösen An- und Absichten bloß zu stellen.

Aber nein, ganz so einfach machen es sich - und uns - Rammstein nicht. Ihre Sprechposition, um diesen eigentümlichen Begriff aus pädagogischen Gründen zu verwenden, befindet sich keineswegs an dem kritischen, moralisch aufgeladenen Ort der guten Seelen (meist auch schon toten Seelen, um einen alten Witz zu variieren, der da lautet, dass die Kantsche Moral saubere Hände, aber keine Hände hat), von dem aus die Belehrung der vermeintlich Ewig-Gestrigen gebetsmühlenartig und routiniert von statten gehen könnte, nach dem Motto: Ausländer rein, refugees welcome. Stattdessen eine affirmative Selbstzuschreibung. Allerdings werden die Anhänger der‘ Wir-sind-alle-eine-Familie-Idee‘, die darauf hinweisen, dass auch wir, also ‚wir die Deutschen‘, fast überall auf der Welt Ausländer sind, an dieser Selbstbezichtigung - der Refrain des Liedes lautet 'Ich bin Ausländer' - wenig Freude haben. Denn hier dient die Affirmation dazu, die Macht des Mannes, die ihm durch Geschlecht, Hautfarbe und ökonomischem Status zukommt, hemmungslos für den eigennützigen Lustgewinn auszuspielen. Mann reist in die Welt hinaus, um das andere Geschlecht mit einem kurzen Quicki - schließlich bleibt man nicht die ganze Nacht, sondern nur für ein paar Stunden - weniger zu beglücken, als auszubeuten.

‚Ich bin Ausländer‘ ist der Mann, der genug Geld hat um sich international 'Liebe' zu erkaufen. Alles in einwandfreiem Deutsch gesungen, garniert mit einigen Wendungen anbahnungsaffiner Sprachbrocken auf Englisch, Französisch und Italienisch. Aufatmen, handelt es sich nicht doch um ein Aufklärungslied, das in scheinbarer Affirmation den Machismo des westlichen Sex-Tourismus umso gründlicher entlarvt? Mag der Text auch ironisch gebrochen sein, geht der Song in dieser Lesart nichtsdestotrotz ruckzuck durch den Wir-sind-gute-Menschen-TÜV. Ja wenn, ja wenn nicht in einer letzten Textwendung die Sprechposition des Sängers nochmals eine kleine Verschiebung erfahren würde, die das Ganze etwas ambivalenter werden lässt. Die letzten Zeilen lauten in steter Wiederholung: "Du kommen mit, ich dir machen gut". Spricht hier also der aus dem Ausland heimgekehrte Inländer in einem einfachen (und falschen) Deutsch zu einer im Inland 'verweilenden' ausländischen Frau, die nur gebrochen die Landessprache beherrscht? Vielleicht. Kann aber auch ein Satz sein, der von einem Ausländer zu einer deutschen Frau gesagt wird. In diesem Sinn wäre es eine herbeizitierte letzte männliche Solidarisierungsgeste, die zugleich den romantischen Blick auf den inländischen Ausländermann entlarvt. Auch Ausländer bleiben Männer wenn sie nach Deutschland kommen, mag ihr ökonomisches Kapital auch mit dem geschlechtlichen nicht mithalten können. 

Während begrenzte und gehegte Räume immer auch die Chance auf Schutz, Ausgleich und Vermittlung bieten, neben der Gefahr der Abschottung und Ausschließung, forciert die Perforierung von Grenzen, primär verursacht durch die anhaltende Schubkraft der Globalisierung, aber auch befördert durch die Aussetzung von Grenzkontrollen oder durch die temporäre Aufgabe oder gezielte Unterminierung von Grenzen, die Macht des Stärkeren und den Egoismus des Individuums. In diesem Sinne trägt eine hemmungslose Öffnung, ebenso wie eine rigide Schließung, immer auch das Zeichen von Gewalt. Sich um das „Eigene“ kümmern? Packe sich jeder (und auch jede) an die eigene Nase und werde nicht blind dafür, dass das Außen nicht immer das gute Andere ist. Dieser sich etwas ins Abstrakte überschlagende letzte Absatz sollte zu der Konklusion führen, die lautet: "Ausländer" ist im besten Sinne des Wortes ein Heimatlied.

Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil II

Hartmut Rosa hat 2018 mit seinem Buch "Resonanz: Ein Soziologie der Weltbeziehung" einen kleinen Hit gelandet, insofern man bei soziologischen und/oder akademischen Büchern von so etwas wie Populartät wirklich sprechen kann. Zumindest wurde es weit über den engeren Fachdiskurs hinaus rezipiert und diskutiert, obwohl die "Elemente" von Rosas Resonanztheorie keineswegs neu anmuten. Gleichwohl ist der Begriff "Resonanz" als Dreh- und Angelpunkt dieser Theorie gut und griffig gewählt und führt relativ schnell ins Zentrum der Auseinandersetzung. Dies ist auch insofern spürbar, als dass dieser Begriff als Absetz- und Antwortfolie auf die derzeitigen Krisen ins Spiel gebracht wird. Denn es handelt sich weniger um eine verobjektivierende und überzeitliche Soziologie-Studie, sondern um eine Arbeit, die sich explizit mit dem Schauplatz unserer derzeitigen Krisenerfahrungen auseinandersetzt. In einem kürzlich erschienenen ZEIT-Artikel von Rosa spricht er von einer kulturübergreifenden Ratlosigkeit: "Die Überzeugung, dass es nicht mehr lange gut gehen wird, teilen Soziologinnen mit Ökologen, Bankern, Journalistinnen, Bürgerinnen und Bürgern aller Couleur." (Hartmut Rosa: "Ohnmacht. Was muss sich ändern?", Die ZEIT, 11. Juli 2019, Nr. 29) 

Das andere Moment der Rosaschen Theorie-Attraktivität mag darin begründet sein, dass die zweifelsohne tiefgreifende (und allenthalben spürbare) Krisenerfahrung ihn weder zu einem resignativen Zynismus, zu einem apokalyptischen Alarmismus oder zu einem moralischen Rigorismus führt, sondern mit Hilfe der Resonanz zu einem Ausblick auf ein besseres Leben, zu besseren Daseinsformen und dies jenseits der gängigen Fortschrittsversprechen.

Rosa verlässt mit seiner Theorie ein Stück weit die gängigen Begründungs- und Sicherungsdiskurse, um auf dem offeneren Feld der Resonanz nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Andererseits verortet er sich und seine Theorie durchaus in der Tradition der kritischen Theorie, was dazu führt, dass er und seine Theorie als links einzusortieren sind. Vielleicht ist dies der Preis dafür, dass in den theoretischen (Soziologie-, Politik- und Philosophie-) Diskurswelten der Bundesrepublik, die weiterhin von den Habermasianischen Diskurswächtern verwaltet werden, ein solches Denken wohlwollend wahrgenommen und toleriert wird. Lässt man diese mehr innertheoretischen "Politik-Aspekte“ mal außer acht, bricht sich Rosas Theorie jedoch an jenen Stellen, in denen er die Öffnungsmomente wiederum an "kritische" Sicherungs- und Begründungszusammenhänge ankoppeln möchte, was sich weiterhin auch daran zeigt, dass er umgekehrt für seine Theorie wichtige und fruchtbare denkerische Referenzfelder nur marginal miteinbezieht. Im folgenden soll es also in gebotener Kürze einerseits um die Stärken der "Resonanztheorie" gehen und andererseits um jene Momente, in denen sie hinter ihren eigenen Ansprüchen und Möglichkeiten zurückbleibt und jene Entwicklung fortschreibt, die sie doch in Frage stellen möchte. 

Wenn Rosa davon spricht, dass Weltverhältnisse fast überall im menschlichen Leben vorzufinden sind (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 281), könnte man dies auch wie folgt übersetzen: fast alles ist symbolisch vermittelt. Selbst das in Beziehung treten von Subjekt und Welt, und darüber hinaus auch das in Beziehung treten von Körper und Psyche, benötigt nicht nur einen Resonanzraum (einen symbolischen Raum), sondern ist ein „Effekt“ der Resonanz und des Resonanzraum, dergestalt dass Subjekt und Welt überhaupt erst dadurch Form und Gestalt annehmen können (ebd., S. 285). Oder wiederum anders formuliert: vor dem Subjekt und dem Objekt ist schon die Resonanz oder das Symbolische (ohne dass man daraus einen Ursprung machen könnte). Diese „Grundlegung“ ist insofern entscheidend, als dass nun eine Beziehungsdimension für unser Sein entscheidend ist und dies vor jedweder „inhaltlicher“ Ausgestaltung „unseres Selbst“ oder „unserer Welt“. 

Schon an dieser Stelle taucht die Frage auf, ob dies nicht insofern trivial ist, als dass dann eben alles in „Beziehung“ steht, selbst wenn es sich um misslingende, zum Beispiel gewaltsame Momente handeln sollte. Doch Rosa verweist (zumindest implizit) darauf, dass die „Beziehung“ und unser „Weltverhältnis“ partiell von Resonanz durchwoben sein muss, um initialisiert und weiter getragen zu werden. Resonanz ist für ihn eine besondere, qualitativ ausgezeichnete Beziehungsausprägung, die sich „Vereinseitigungen“ entzieht, da sie weder rein passiv oder aktiv ist, sich sowohl berührend als auch berührt werdend zeigt, hörend und antwortend ist, die eigene Stimme offenbart ohne sich auf das Eigene reduzieren zu lassen. Insofern sind Resonanzverhältnisse geprägt durch ein rhythmisches Aufeinandereinschwingen (ebd., S. 55), wobei beide Seiten durch das Verhältnis nicht nur tangiert, sondern immer auch transformiert werden. 

Anschaulich wird das Resonanzverhältnis gerade in Abgrenzung zu seinen „Deformationen“, so wenn Rosa davon spricht, dass das moderne Weltverhältnis geprägt ist durch umfassende Verfügungs- und Beherrschungsimpulse. Das Streben nach Emanzipation, Selbstbestimmung, (individueller) Autonomie und (kollektiver) Souveränität stürzt sich umfassend auf die uns begegnenden Seinsformen. Alles soll verfügbar gemacht, alles unter Kontrolle gebracht werden. Unsere Welt, die Selbst-, die Ding- und die Sozialverhältnisse sind davon tief betroffen, so Rosa weiter (ebd., S. 306). Ob dieser Kontroll-, Zurichtungs- und Steigerungslogik verstummt die Welt immer mehr. Obwohl und weil diese Gegenüberstellung sehr suggestiv wirkt, will Rosa die Resonanzerfahrung aber nicht als permanenten Zustand oder als endgültig erreichbares Ziell verstanden wissen. Zum einen ergibt sich dies aus der Prämisse, dass Resonanzerfahrung nicht im Kontrollbereich eines sich autonom entfaltenden Subjekts liegt und liegen kann. Jede Resonanzerfahrung ist im eigentlichen Sinne immer auch eine Begegnung und damit der Verfügbarkeit und Kalkulation entzogen (ebd., S. 295, S. 319), was übrigens auch für ihre zeitliche Dauer gelten soll, ist die Erfahrung doch nur momenthaft „anwesend“ (ebd., S. 322).

Im Gegenteil wäre eine Welt und ein Weltverhältnis ohne Fremdes, Verstörendes und Störungen in seiner Verfügbarkeit geradezu totalitär, schreibt er (ebd., S. 59). Resonanz bedarf konstitutiv ihres Anderen. Für letzteres zitiert Rosa den Begriff der „Entfremdung“ herbei, nicht ohne eindrücklich darauf hinzuweisen, dass damit kein substantialistisches Konzept verbunden ist, das auf Kategorien wie Natur, Identität, Authentizität, Autonomie, Anerkennung oder Sinn rekurriert. Entfremdung, als das Andere der Resonanz, als spezifischer Modus der Weltbeziehung, als beziehungslose Beziehung, lässt die Welt in all ihren Ausprägungen für das Subjekt gleichgültig, ja feindlich werden (ebd., S. 305). Dennoch sollen sich Resonanz und Entfremdung in einem dialektischen, nicht oppositionellen Verhältnis befinden, so dass das „Nichtversöhnte und der Schmerz des Entfremdeten“ die Wurzel der Resonanz darstellt. 

Dennoch bleibt der Begriff der Entfremdung trotz aller antisubstantiellen Distanznahmen von Rosa ein sehr problematischer. Wie soll ich mich von etwas entfremden, das in seiner unverfügbaren Möglichkeit nicht Teil von mir ist, auch wenn es mir zukommen kann? Dahinter versteckt sich die Frage, ob der Begriff der Entfremdung nicht doch eine Linie zieht, die der Resonanzerfahrung und den Resonanzräumen nicht entspricht. Natürlich wird es Situationen, Konstellationen und Strukturen geben, die der Resonanzerfahrung mehr oder minder zuträglich sind. Aber es ist die ereignishafte und zuweilen unwahrscheinliche Möglichkeit der Resonanzerfahrung selbst, die hier zählt, weil diese Erfahrung Transformationen einleiten kann, weil sie ein anderes Leben eröffnen kann, müsste man Rosa an dieser Stelle entgegenhalten. Es gibt dazu nicht noch eine vorgelagerte Struktur, an der objektiv bemessen werden kann, wann und wie wir zu einer Resonanzerfahrung fähig sind. Die Resonanzerfahrung trägt die Welt, auch wenn sie nicht immer aktualisiert wird; sie ist der unverfügbare Grund der Welt, könnte man etwas pathetisch hinzufügen. Ich insistiere an dieser Stelle deshalb, weil Rosa meines Erachtens seine Theorie von seinen Ausgangsprämissen auf metaphysisches, da scheinbar sicheres Gelände zurückbaut. 

Entfremdung markiert – wie auch immer – den Punkt, der sagt, dass ich nicht das lebe, was ich eigentlich bin. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem antimetaphysischen Begriff der Freiheit - im Sinne von Hannah Arendt - der besagt, dass ich etwas werden kann, was ich (noch) nicht bin (Mit Arendt müsste man auch sagen: dass wir etwas werden können, war wir nicht sind). Es kommt nicht von ungefähr, dass im Register des Resonanz-Buches über 50 Einträge zum Begriff Entfremdung zu finden sind, aber kein einziger zum Begriff der Freiheit. 

Aber wie macht sich das Fehlen eines genuinen Freiheitsbegriffs in der Resonanztheorie überhaupt bemerkbar? 

31. August 2019