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Die Leichtigkeit des Schmerzmittels

Tocotronic - Die Verdammten (2018)

Der Song "Die Verdammten" von Tocotronic (aus dem Album "Unendlichkeit" von 2018) vermittelt etwas für die Band durchaus Untypisches: nämlich den Lob- und Abgesang auf ein konkretes Stück Sein -  auf die Schmerztablette Ibuprofen. Untypisch deshalb, weil ansonsten bei Tocotronic und dem Sänger Dirk von Lowtzow textlich die große Kunst der verschwurbelten Tiefsinnigkeit gepflegt wird, was sich etwas denunziatorisch anhört, aber keineswegs so gemeint ist; ich sag mal einschränkend: nicht ganz so gemeint ist. Schließlich muss man die aufgeladenen und schweren deutschen Begriffe ja erstmal auf eine coole Art und Weise und zudem zeilenweise aneinanderreihen, ohne dass es sich einerseits pathetisch platt anhört oder andererseits ins Triviale versinkt (Zum Beispiel der Song "Ich würd's dir sagen", gleiches Album. Dort tauchen in folgender Reihenfolge folgende Wörter / Wortpaare auf: "tiefster Nacht, Sternenkind, Begehren, Mondlicht, dunkle Gefühle, Höhle, dunkle Stunde, Wind tobt, alles schwer, sterbe, Leben leer". Ist das große Lyrik? Ich würd's dir sagen, wenn es so wär.) 

Kurzum, die Kunst der tiefsinnigen Oberflächlichkeit ist bestimmt keine leichte, auch wenn es sich zuweilen wie eine in die Erwachsenenwelt überführte Schülerlyrik anhören mag. Nicht aber so bei den "Verdammten". Hier wird eine kleine Schmerzgeschichte erzählt, die morgens im Badezimmer beginnt, über das Morsesignal der Zahnbürste bis hin zur (Kaffee)Tasse führt und eine rhythmische Erlösung in Form des Refrains bietet. Dabei kommt der Song leichtfüssig daher, als fast flockige Ode an die pharmazeutisch induzierte Leidensreduzierung und Kohärenzvermehrung, die jedoch, ohne Ambivalenz geht's nicht, zugleich das Eingeständnis der eigenen Schwäche, das Angewiesensein auf Hilfe implizieren.Die Verdammten, mit Anklängen zu den Verbannten, sind verdammt, weil der Rückgriff auf sie die eigene Souveränität untergräbt und die Abhängigkeit erhöht (sie zu Bekannten macht). So spiegelt sich im kleinen Konkreten, weil es eine gute Konkretion ist, schlussendlich doch das große Ganze.

Heimatlied auf Umwegen

Rammstein - Ausländer (2019)

Wenn eine deutsche Band wie Rammstein, die laut Wikipedia zur "Neuen Deutschen Härte" gezählt wird, einen Song mit "Ausländer" betitelt, dann schrillen bei einigen Leuten die Alarmglocken. Um was mag es gehen? Um pure Provokation? Oder um das Abrutschen in die Niederungen des Fremdenhasses? So man die Band kennt, möchte man sogleich ausschließen, dass es sich um ein ausländerfeindliches, oder, um gleich politisch korrekter zu sprechen, ein rassistisches Lied handelt. Doch reflexartig hebt sich der innere moralische Zeigefinger: Ausländer? Sagt man nicht bitte schön Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund (aber wer weiß schon ganz genau, wo heutzutage die Linie des Neusprechs verläuft)? Oder verhält es in Wirklichkeit andersherum? Sind Rammstein im Namen der guten Gesinnung unterwegs? Werden die Feinde der offenen Gesellschaft mit dem Begriff 'Ausländer' nur geködert, um sie gnadenlos mit ihren bösen An- und Absichten bloß zu stellen.

Aber nein, ganz so einfach machen es sich - und uns - Rammstein nicht. Ihre Sprechposition, um diesen eigentümlichen Begriff aus pädagogischen Gründen zu verwenden, befindet sich keineswegs an dem kritischen, moralisch aufgeladenen Ort der guten Seelen (meist auch schon toten Seelen, um einen alten Witz zu variieren, der da lautet, dass die Kantsche Moral saubere Hände, aber keine Hände hat), von dem aus die Belehrung der vermeintlich Ewig-Gestrigen gebetsmühlenartig und routiniert von statten gehen könnte, nach dem Motto: Ausländer rein, refugees welcome. Stattdessen eine affirmative Selbstzuschreibung. Allerdings werden die Anhänger der‘ Wir-sind-alle-eine-Familie-Idee‘, die darauf hinweisen, dass auch wir, also ‚wir die Deutschen‘, fast überall auf der Welt Ausländer sind, an dieser Selbstbezichtigung - der Refrain des Liedes lautet 'Ich bin Ausländer' - wenig Freude haben. Denn hier dient die Affirmation dazu, die Macht des Mannes, die ihm durch Geschlecht, Hautfarbe und ökonomischem Status zukommt, hemmungslos für den eigennützigen Lustgewinn auszuspielen. Mann reist in die Welt hinaus, um das andere Geschlecht mit einem kurzen Quicki - schließlich bleibt man nicht die ganze Nacht, sondern nur für ein paar Stunden - weniger zu beglücken, als auszubeuten.

‚Ich bin Ausländer‘ ist der Mann, der genug Geld hat um sich international 'Liebe' zu erkaufen. Alles in einwandfreiem Deutsch gesungen, garniert mit einigen Wendungen anbahnungsaffiner Sprachbrocken auf Englisch, Französisch und Italienisch. Aufatmen, handelt es sich nicht doch um ein Aufklärungslied, das in scheinbarer Affirmation den Machismo des westlichen Sex-Tourismus umso gründlicher entlarvt? Mag der Text auch ironisch gebrochen sein, geht der Song in dieser Lesart nichtsdestotrotz ruckzuck durch den Wir-sind-gute-Menschen-TÜV. Ja wenn, ja wenn nicht in einer letzten Textwendung die Sprechposition des Sängers nochmals eine kleine Verschiebung erfahren würde, die das Ganze etwas ambivalenter werden lässt. Die letzten Zeilen lauten in steter Wiederholung: "Du kommen mit, ich dir machen gut". Spricht hier also der aus dem Ausland heimgekehrte Inländer in einem einfachen (und falschen) Deutsch zu einer im Inland 'verweilenden' ausländischen Frau, die nur gebrochen die Landessprache beherrscht? Vielleicht. Kann aber auch ein Satz sein, der von einem Ausländer zu einer deutschen Frau gesagt wird. In diesem Sinn wäre es eine herbeizitierte letzte männliche Solidarisierungsgeste, die zugleich den romantischen Blick auf den inländischen Ausländermann entlarvt. Auch Ausländer bleiben Männer wenn sie nach Deutschland kommen, mag ihr ökonomisches Kapital auch mit dem geschlechtlichen nicht mithalten können. 

Während begrenzte und gehegte Räume immer auch die Chance auf Schutz, Ausgleich und Vermittlung bieten, neben der Gefahr der Abschottung und Ausschließung, forciert die Perforierung von Grenzen, primär verursacht durch die anhaltende Schubkraft der Globalisierung, aber auch befördert durch die Aussetzung von Grenzkontrollen oder durch die temporäre Aufgabe oder gezielte Unterminierung von Grenzen, die Macht des Stärkeren und den Egoismus des Individuums. In diesem Sinne trägt eine hemmungslose Öffnung, ebenso wie eine rigide Schließung, immer auch das Zeichen von Gewalt. Sich um das „Eigene“ kümmern? Packe sich jeder (und auch jede) an die eigene Nase und werde nicht blind dafür, dass das Außen nicht immer das gute Andere ist. Dieser sich etwas ins Abstrakte überschlagende letzte Absatz sollte zu der Konklusion führen, die lautet: "Ausländer" ist im besten Sinne des Wortes ein Heimatlied.

Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil II

Hartmut Rosa hat 2018 mit seinem Buch "Resonanz: Ein Soziologie der Weltbeziehung" einen kleinen Hit gelandet, insofern man bei soziologischen und/oder akademischen Büchern von so etwas wie Populartät wirklich sprechen kann. Zumindest wurde es weit über den engeren Fachdiskurs hinaus rezipiert und diskutiert, obwohl die "Elemente" von Rosas Resonanztheorie keineswegs neu anmuten. Gleichwohl ist der Begriff "Resonanz" als Dreh- und Angelpunkt dieser Theorie gut und griffig gewählt und führt relativ schnell ins Zentrum der Auseinandersetzung. Dies ist auch insofern spürbar, als dass dieser Begriff als Absetz- und Antwortfolie auf die derzeitigen Krisen ins Spiel gebracht wird. Denn es handelt sich weniger um eine verobjektivierende und überzeitliche Soziologie-Studie, sondern um eine Arbeit, die sich explizit mit dem Schauplatz unserer derzeitigen Krisenerfahrungen auseinandersetzt. In einem kürzlich erschienenen ZEIT-Artikel von Rosa spricht er von einer kulturübergreifenden Ratlosigkeit: "Die Überzeugung, dass es nicht mehr lange gut gehen wird, teilen Soziologinnen mit Ökologen, Bankern, Journalistinnen, Bürgerinnen und Bürgern aller Couleur." (Hartmut Rosa: "Ohnmacht. Was muss sich ändern?", Die ZEIT, 11. Juli 2019, Nr. 29) 

Das andere Moment der Rosaschen Theorie-Attraktivität mag darin begründet sein, dass die zweifelsohne tiefgreifende (und allenthalben spürbare) Krisenerfahrung ihn weder zu einem resignativen Zynismus, zu einem apokalyptischen Alarmismus oder zu einem moralischen Rigorismus führt, sondern mit Hilfe der Resonanz zu einem Ausblick auf ein besseres Leben, zu besseren Daseinsformen und dies jenseits der gängigen Fortschrittsversprechen.

Rosa verlässt mit seiner Theorie ein Stück weit die gängigen Begründungs- und Sicherungsdiskurse, um auf dem offeneren Feld der Resonanz nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Andererseits verortet er sich und seine Theorie durchaus in der Tradition der kritischen Theorie, was dazu führt, dass er und seine Theorie als links einzusortieren sind. Vielleicht ist dies der Preis dafür, dass in den theoretischen (Soziologie-, Politik- und Philosophie-) Diskurswelten der Bundesrepublik, die weiterhin von den Habermasianischen Diskurswächtern verwaltet werden, ein solches Denken wohlwollend wahrgenommen und toleriert wird. Lässt man diese mehr innertheoretischen "Politik-Aspekte“ mal außer acht, bricht sich Rosas Theorie jedoch an jenen Stellen, in denen er die Öffnungsmomente wiederum an "kritische" Sicherungs- und Begründungszusammenhänge ankoppeln möchte, was sich weiterhin auch daran zeigt, dass er umgekehrt für seine Theorie wichtige und fruchtbare denkerische Referenzfelder nur marginal miteinbezieht. Im folgenden soll es also in gebotener Kürze einerseits um die Stärken der "Resonanztheorie" gehen und andererseits um jene Momente, in denen sie hinter ihren eigenen Ansprüchen und Möglichkeiten zurückbleibt und jene Entwicklung fortschreibt, die sie doch in Frage stellen möchte. 

Wenn Rosa davon spricht, dass Weltverhältnisse fast überall im menschlichen Leben vorzufinden sind (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 281), könnte man dies auch wie folgt übersetzen: fast alles ist symbolisch vermittelt. Selbst das in Beziehung treten von Subjekt und Welt, und darüber hinaus auch das in Beziehung treten von Körper und Psyche, benötigt nicht nur einen Resonanzraum (einen symbolischen Raum), sondern ist ein „Effekt“ der Resonanz und des Resonanzraum, dergestalt dass Subjekt und Welt überhaupt erst dadurch Form und Gestalt annehmen können (ebd., S. 285). Oder wiederum anders formuliert: vor dem Subjekt und dem Objekt ist schon die Resonanz oder das Symbolische (ohne dass man daraus einen Ursprung machen könnte). Diese „Grundlegung“ ist insofern entscheidend, als dass nun eine Beziehungsdimension für unser Sein entscheidend ist und dies vor jedweder „inhaltlicher“ Ausgestaltung „unseres Selbst“ oder „unserer Welt“. 

Schon an dieser Stelle taucht die Frage auf, ob dies nicht insofern trivial ist, als dass dann eben alles in „Beziehung“ steht, selbst wenn es sich um misslingende, zum Beispiel gewaltsame Momente handeln sollte. Doch Rosa verweist (zumindest implizit) darauf, dass die „Beziehung“ und unser „Weltverhältnis“ partiell von Resonanz durchwoben sein muss, um initialisiert und weiter getragen zu werden. Resonanz ist für ihn eine besondere, qualitativ ausgezeichnete Beziehungsausprägung, die sich „Vereinseitigungen“ entzieht, da sie weder rein passiv oder aktiv ist, sich sowohl berührend als auch berührt werdend zeigt, hörend und antwortend ist, die eigene Stimme offenbart ohne sich auf das Eigene reduzieren zu lassen. Insofern sind Resonanzverhältnisse geprägt durch ein rhythmisches Aufeinandereinschwingen (ebd., S. 55), wobei beide Seiten durch das Verhältnis nicht nur tangiert, sondern immer auch transformiert werden. 

Anschaulich wird das Resonanzverhältnis gerade in Abgrenzung zu seinen „Deformationen“, so wenn Rosa davon spricht, dass das moderne Weltverhältnis geprägt ist durch umfassende Verfügungs- und Beherrschungsimpulse. Das Streben nach Emanzipation, Selbstbestimmung, (individueller) Autonomie und (kollektiver) Souveränität stürzt sich umfassend auf die uns begegnenden Seinsformen. Alles soll verfügbar gemacht, alles unter Kontrolle gebracht werden. Unsere Welt, die Selbst-, die Ding- und die Sozialverhältnisse sind davon tief betroffen, so Rosa weiter (ebd., S. 306). Ob dieser Kontroll-, Zurichtungs- und Steigerungslogik verstummt die Welt immer mehr. Obwohl und weil diese Gegenüberstellung sehr suggestiv wirkt, will Rosa die Resonanzerfahrung aber nicht als permanenten Zustand oder als endgültig erreichbares Ziell verstanden wissen. Zum einen ergibt sich dies aus der Prämisse, dass Resonanzerfahrung nicht im Kontrollbereich eines sich autonom entfaltenden Subjekts liegt und liegen kann. Jede Resonanzerfahrung ist im eigentlichen Sinne immer auch eine Begegnung und damit der Verfügbarkeit und Kalkulation entzogen (ebd., S. 295, S. 319), was übrigens auch für ihre zeitliche Dauer gelten soll, ist die Erfahrung doch nur momenthaft „anwesend“ (ebd., S. 322).

Im Gegenteil wäre eine Welt und ein Weltverhältnis ohne Fremdes, Verstörendes und Störungen in seiner Verfügbarkeit geradezu totalitär, schreibt er (ebd., S. 59). Resonanz bedarf konstitutiv ihres Anderen. Für letzteres zitiert Rosa den Begriff der „Entfremdung“ herbei, nicht ohne eindrücklich darauf hinzuweisen, dass damit kein substantialistisches Konzept verbunden ist, das auf Kategorien wie Natur, Identität, Authentizität, Autonomie, Anerkennung oder Sinn rekurriert. Entfremdung, als das Andere der Resonanz, als spezifischer Modus der Weltbeziehung, als beziehungslose Beziehung, lässt die Welt in all ihren Ausprägungen für das Subjekt gleichgültig, ja feindlich werden (ebd., S. 305). Dennoch sollen sich Resonanz und Entfremdung in einem dialektischen, nicht oppositionellen Verhältnis befinden, so dass das „Nichtversöhnte und der Schmerz des Entfremdeten“ die Wurzel der Resonanz darstellt. 

Dennoch bleibt der Begriff der Entfremdung trotz aller antisubstantiellen Distanznahmen von Rosa ein sehr problematischer. Wie soll ich mich von etwas entfremden, das in seiner unverfügbaren Möglichkeit nicht Teil von mir ist, auch wenn es mir zukommen kann? Dahinter versteckt sich die Frage, ob der Begriff der Entfremdung nicht doch eine Linie zieht, die der Resonanzerfahrung und den Resonanzräumen nicht entspricht. Natürlich wird es Situationen, Konstellationen und Strukturen geben, die der Resonanzerfahrung mehr oder minder zuträglich sind. Aber es ist die ereignishafte und zuweilen unwahrscheinliche Möglichkeit der Resonanzerfahrung selbst, die hier zählt, weil diese Erfahrung Transformationen einleiten kann, weil sie ein anderes Leben eröffnen kann, müsste man Rosa an dieser Stelle entgegenhalten. Es gibt dazu nicht noch eine vorgelagerte Struktur, an der objektiv bemessen werden kann, wann und wie wir zu einer Resonanzerfahrung fähig sind. Die Resonanzerfahrung trägt die Welt, auch wenn sie nicht immer aktualisiert wird; sie ist der unverfügbare Grund der Welt, könnte man etwas pathetisch hinzufügen. Ich insistiere an dieser Stelle deshalb, weil Rosa meines Erachtens seine Theorie von seinen Ausgangsprämissen auf metaphysisches, da scheinbar sicheres Gelände zurückbaut. 

Entfremdung markiert – wie auch immer – den Punkt, der sagt, dass ich nicht das lebe, was ich eigentlich bin. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem antimetaphysischen Begriff der Freiheit - im Sinne von Hannah Arendt - der besagt, dass ich etwas werden kann, was ich (noch) nicht bin (Mit Arendt müsste man auch sagen: dass wir etwas werden können, war wir nicht sind). Es kommt nicht von ungefähr, dass im Register des Resonanz-Buches über 50 Einträge zum Begriff Entfremdung zu finden sind, aber kein einziger zum Begriff der Freiheit. 

Aber wie macht sich das Fehlen eines genuinen Freiheitsbegriffs in der Resonanztheorie überhaupt bemerkbar? 

31. August 2019

Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil I

Das schöne am Geborensein ist, dass wir auf die Welt kommen und die Welt schon eingerichtet ist. Den Rest unserer Lebenszeit verbringen wir dann damit, unsere Welt wohnlicher zu gestalten. In diesem Sinne ist ein Weltverhältniss immer schon da. Wir sind in dieses Verhältnis von Anfang an eingelassen. Und dieses Verhältnis bietet mannigfache Veränderungsmöglichkeiten, da wir Dinge anders und neu machen können, uns selbst eingeschlossen.

Die Frage, was aber ein Weltverhältnis genau ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Vermuten könnte man beispielsweise, dass es das Verhältnis ist, was ein Mensch zu einem Außen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge) etabliert. Damit wäre der Mensch der exklusive Schöpfer dieses Verhältnisses, was aber angesichts unserer offensichtlichen Kulturgeprägtheit kaum zutreffend sein kann. Umgekehrt könnte man ebenso versuchsweise annehmen, dass das Weltverhältnis von unserer Umwelt und unserer Lebenswelt seinen Ausgang nimmt und uns umfassend formt. Aber die Vorstellung, dass das Außen uns vollständig determiniert, dürften die meisten zu Recht für sehr abwegig halten.

Offensichtlich ist, dass Subjekt und Objekt, um hier auf abstraktere Begriffe zurückzugreifen, sich bei dieser Denkungsart gegenseitig bedingen und durchdringen. Während ein schöpferisches Subjekt in einem kreativen Akt der Welt etwas Neues hinzufügen kann, ist das gleiche Subjekt, welches sich als Konsument dem Konsumrausch hingibt, eher fremdgesteuert. Und nebenbei: nicht selten produzieren jene Menschen, die mit Vehemenz auf die Kreativität ihres Dasein pochen, altbekannten Kitsch, während Menschen in eng begrenzten und determinierten Handlungsräumen zuweilen erstaunliche Kreativitätsleistungen vollbringen, mögen diese auch in den seltensten Fällen einen Werkcharakter annehmen.

Was also ist ein Weltverhältnis? Die Gesamtheit der Prozesse, in denen sich Subjekt und Objekt ineinander verschränken, sich an- und abreichern? Gibt es also so viele Weltverhältnisse wie Erdenbürger? Aber offenbar ist ein Weltverhältnis keine rein individuelle Angelegenheit, sondern verweist auf die Welt als einen gemeinsam geteilten und gemeinsam bewohnten Ort. In diesem Sinne gibt es kein universelles und überzeitliches Weltverhältnis. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass sich räumlich und zeitlich unterschiedliche Weltverhältnisse herausbilden können, die weder individuell beschränkt noch universell ausdehnbar sind. Hier taucht am Horizont ein anderer Grundgedanke auf, der von einigen Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts auf die eine oder andere Art ausgearbeitet wurde. Wenn das Weltverhältnis, als ein Verhältnis, in das etwas eingeschrieben werden kann und das umgekehrt immer auch etwas ins uns einschreibt, grundlegend für unser Sein ist, dann ... Was dann?

Wir sind so sehr daran gewöhnt "unser" (westliches) Weltverhältnis als rational zugängliches Bezugssystem zu sehen, auf dass wir vollen Zugriff haben können, wenn vielleicht auch nur potentiell und zukünftig, dass es äußerst schwierig ist, das Weltverhältnis selbst als eine Art von Gabe zu sehen, als etwas, das wir weder souverän geschaffen haben, noch als etwas, dem wir blind unterworfen sind. Natürlich hört es sich äußerst mysteriös an, von dem Weltverhältnis als Gabe zu sprechen, so als wäre die Welt samt Verhältnis vom Himmel gefallen. Vor allem deshalb mysteriös, weil wir an die Aktivität und Souveränität unseres Denkens gewöhnt sind, also daran, alle Abhängigkeiten unseres geistigen Seins eher als Störungen zu sehen, oder als soziologisch-kulturelle Voraussetzungen, die man wiederum reflexiv einholen kann. Diese Begründungs- und Bereinigungslogik immunisiert sich gegen jedwede Form eines anderen Denkens. Letzteres wird schnell mit dem Vorwurf der Irrationalität konfrontiert. Dass aber auch der rationalste Begründungszusammenhang in etwas eingelassen ist, was ihn mitträgt und somit außerhalb seiner eigenen Begründbarkeit steht, wird zwar formal gesehen - wenn auch nicht immer - zugestanden, findet aber selten Eingang in die Denkungsart selbst.

Ich möchte kurz auf eine philosophiegeschichtlich bedeutsame Positionen hinweisen, die diese Verwicklungen gewissermaßen an ihrem „Ursprung“ spürbarer machen sollen (an dieser Stelle äußerst verkürzt, also in unzulänglicher Weise). Zum einen der Kantsche Einschnitt: Einschnitt deshalb, weil er für uns heute weiterhin bedeutsam ist, selbst wenn viele Menschen nicht im entferntesten ahnen, dass ihr Denken auf diesen Grundlagen ruht. Gemeinhin wird Kants große Leistung (oder eine seiner großen Leistungen) darin gesehen, dass er die erkenntnistheoretischen Grundlagen auf revolutionäre Weise neu gesetzt, im engeren Sinne erfunden hat. Auf die Frage, wie Erkenntnis überhaupt von statten geht, welche Bedingungen und Voraussetzungen ihr zu Grunde liegen, und was wir letztendlich überhaupt erkennen können, also welche Grenzen unserer Erkenntnis gesetzt sind, gab Kant eine geschichtlich neue Antwort. Mit Kant wurde überhaupt erst und in aller Konsequenz eine Subjekt-Objekt-Dichotomie denkbar. Damit verbunden entwickelte sich die äußerst produktive Idee, dass man den äußeren Dingen ihre Wahrheit empirisch abringen und abpressen kann und dass wir andererseits selbst der Ort sind, von dem aus die Wahrheit ihren Ausgang nimmt (also das, was Michel Foucault die „empirisch-transzendentale Dublette“ nannte). 

Dieses Denken lieferte seine eigene Legitimation mit, da von nun an andere Erkenntnisformen als defizitär, da ohne zureichenden Grund, verworfen wurden. Schließlich gab der Erfolg, d.h. die wahnsinnige Produktivität dieses Realitätszugangs den Anhängern zweifelsohne Recht. Obwohl es sich um eine neue Art und Weise handelte, die Welt zu sehen und zu bearbeiten, Wissen und Wissensdiskurse zu organisieren, mithin um ein neues Weltverständnis und -verhältnis, wird von vielen Wissenschaftlern der kantsche Einschnitt als ein Erkenntniseinschnitt, als eine Erkenntnistheorie behandelt. Das heißt, es wird auf eine (fundierte) "Erkenntnisart und -wahrheit" rekurriert, an der sich andere Denkungsarten zu orientieren haben, obwohl diese Erkenntnisart nur auf der "Folie" eines nicht eigens artikulierten Weltverhältnisses aufruht, ja dieses neue Weltverhältnis "ist". Die Schwierigkeit besteht in der nicht vollständigen Einholbarkeit des Ortes, von dem aus die Welt betrachtet und gestaltet wird. Der Ort von dem aus ich sehe (und handle), ist nicht im Blickfeld. Weiterhin heißt das auch, dass selbst ein maximal begründetes Erkenntnisfeld in seiner Wahrheit bedingt und nur partiell zugänglich ist. Das was scheinbar fehlt, ist konstitutiv für das "funktionieren" der angeschlossenen und von dort aus sich entfaltenden Wahrheiten.

Mit Kant stellte sich schließlich die Frage, wo der Ort der Wahrheit seinen Platz hat, im Innen oder im Außen, und wie sich diese Wahrheit an ihren beiden Polen jeweils vermittelt. Die Hegelsche Antwort, um noch einen Schritt weiter zu gehen, bestand aus einer Dynamisierung und Finalisierung der Weltverhältnisse. Wenn die Wahrheit nicht durch Erkenntnis zur unmittelbaren Offenbarung führen kann – und das tat sie bei Kant zweifelsohne nicht – dann konnte sich ein emphatischerer Wahrheitsanspruch, der nicht „unkritisch“ hinter Kant zurückfallen wollte, fortan nur dadurch ins Werk setzen, dass er die geschichtlichen Unzulänglichkeiten unseres Seins selbst als ein Motor der Entwicklung begriff. Begriffe wie Negativität, Aufhebung und Prozess zeugen von der Ausarbeitung dieser Idee. 

Seither ist es für uns selbstverständlich geworden in Subjekt-Objekt-Kategorien zu denken, Prozesse für den Fortgang unserer Geschichte ausfindig zu machen, Rationalitätsfolien für unser Zusammenleben zu erforschen. Natürlich können wir davon ausgehen, dass dies bedeutsame Bestandteile unseres derzeitigen Weltverhältnisses „sind“. Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man, um die gegenwärtigen großen politischen Probleme lösen zu können (89er Nachwirkungen, globale Machtverschiebungen, Internetökonomie, Geldströme, Verschuldungdilemma; ökologische Verschiebungen und Verwerfungen, Migrationsbewegungen), man entweder die in unserem derzeitigen Weltverhältnis waltende Logik radikal vertiefen oder man aus dem jetzigen Weltverhältnis aussteigen müsste und könnte, um sodann ein neues zu installieren. Während ersteres, also die Forcierung der Fortschrittsidee, zu Recht aus der Mode gekommen ist, verkennt letzteres, dass der „Zugang“ zu einem Weltverhältnis kein voluntaristisches Projekt ist, generell kein Projekt sein kann. Daher wirken die immer neuen Angänge zu gutgemeinten und hochdurchdachten Problemlösungen zumeist nicht nur utopisch hilflos, sondern nach kurzer Zeit auch langweilig.

31. Juli 2019

Großstadtliebe auf Speed

Ideal - Berlin (vom Album "Ideal" 1980)

Der Song "Berlin" von Ideal (aus dem Album "Ideal" von 1980) war zweifellos geniales Aufbruchlied der einsetzenden neuen deutschen Welle. Konventionelle Rock-Musik war out und es wurde wieder deutsch gesungen - in der liebevollen Song-Analyse von Dirk von Petersdorff und Christiane Wiesenfeldt - 2018, online zu finden im FAZ-Blog - wird dies auch ausführlich gewürdigt. Dort ist zu lesen, dass die Zeit Anfang der 80er reif war, um sich auch in der Pop-Musik wieder mit Heimat und der deutschen Sprache zu beschäftigen. Die weitere Song-Analyse wandert von der musikalischen (Mischung aus Post-Punk-, New-Wave-, Rock-Elementen) über die textliche (Wahrnehmung und Beschreibung einer politisch, religiös und sozial heterogenen deutschen Gesellschaft) zur politischen Ebene (kein Anspruch mehr auf Polit-Rock) und kommt zu dem Schluss, dass der Song am ehesten ein Bekenntnis zur (Sprach-)Musik selbst wäre und immer noch beim Hörer das Gefühl der Refrain-Zeile "Ich fühl mich gut" auslösen würde.

Weshalb also noch weitere Zeilen verschwenden? Nun, weil diese Wahrnehmung meines Erachtens nur die Hälfte der und dieser "Song- und Pop-Wahrheit" trifft. Wenn es stimmt, dass guter Pop beide Seiten des Lebens zusammenklingen lässt, den bejahenden Lebensrausch und die destruktiven Impulse, die Affirmation und die Negation - der Gefühle und Verhältnisse -, das große und das kleine Ja und Nein, so tut man auch dem "Berlin"-Song Unrecht, will man ihn auf eine "Gut-Fühl-Hymne" runterbrechen. 

Zunächst sei an die Zeit Anfang der 80er Jahre erinnert: Krise allenthalben; Krise der Ökonomie (Öl-Krise 73, 79), Krise der Ökologie bzw. Auftauchen der ökologischen Frage (Club of Rome 72 > Waldsterben Anfang 80er), Krise der Politik (Gewalt der RAF = Deutscher Herbst, NATO-Doppelbeschluss 79). Kein Wunder, dass die Punkbewegung Ende der 70er Jahre die Systemfrage mit dem Slogan 'No Future' beantwortete. Deshalb relevant, als dass die NDW an Punk-Musik und -Weltsicht durchaus anknüpfte. Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist auch der Status Berlins als geteilte Stadt. Wer vor dem Mauerfall West-Berlin erleben durfte, kann sich an das eigenartige Inselgefühl erinnern, das einen latenten und schizophrenen Ausnahmezustand erzeugte: auf der einen Seite ein zuweilen euphorisches Freiheitsgefühl, da geographisch und mental losgelöst von der zugehörigen Restrepublik, und auf der anderen Seite eine schwelende Drohung und Beengung, da die Stadtgrenzen zugleich Todesstreifen waren und jeder Grenzübertritt ein unangenehmes Abenteuer heraufbeschwor. Dies also der kulturell-politische Hintergrund der Zeit. Kann man ernsthaft davon ausgehen, dass damals eine Berliner Band ein Berlin-Lied mit einem ungebrochenen "Ich fühl mich gut" präsentierte? Auch der Song selbst ist in sich keinesfalls ohne Ambivalenzen. Zweifelsohne spiegelt sich im Text Lebenslust und -Energie wieder, aber ebenso die Schattenseiten der Stadt, als da wären: Alkohol, Kontrolle, Betrug, Junkie, Ruinen, Hundekot, Neonlicht. Keine Idylle, sondern eine in sich gebrochene Großstadt, weniger Bild, denn Scherbenhaufen, durch den man sich illusionslos-lustvoll und drogenaffin bewegt. Wie überhaupt der Text an die expressionistische Großstadtlyrik der 20er Jahr erinnert, ebenfalls eine unruhige Zeit. Schließlich musikalisch: tanzbare Energie verströmt der Song unbestritten, aber ebenso eine Hektik, die droht ins Hysterische umzukippen, so also ob alles unter Speed stünde und es nur noch einer kleinen Schraubendrehung bedürfte, um den Klippenrand zu überschreiten. So ist "Berlin" auch der Tanz auf dem Vulkan und das "Ich fühl mich gut" die trotzige Antwort auf die Frage, ob es denn ein richtiges Leben im falschen geben könnte.

16 Juni 2019

Schlimme Dinge und die Sache mit der räumlichen Distanz

Funny van Dannen - Räumliche Distanz 

Der Song "Räumliche Distanz" von Funny van Dannen (aus dem Album "Clubsongs" von 1995), vermittelt auf einfache Art und Weise einen wichtigen Gedanken: unsere Gefühlswelt, ja unser Leben wäre nicht auszuhalten, wenn es nicht Distanzmechanismen geben würde, die allzu Bedrängendes und Leidvolles für uns - zumindest ab und zu - auf Abstand halten würden. Denn die räumliche Distanz steht hier nicht einfach für eine physikalische Größe, die dafür sorgt, dass wir von bestimmten Dingen gar nichts wissen können, sondern bezeichnet die, zumeist unbewußte, Distanznahme selbst. Denn im Song werden die Ambivalenzen des Lebens benannt, die wir, eben weil sie in ihrer Universalität meist trivial sind, kennen dürften: man lacht, andere sind traurig. Da unser Leben aber ein umögliches wäre, würden wir permanent um jede Tragik und Ungerechtigkeit weinen, ist Distanznahme, Vergessen und auch Nichtwissen(-wollen) unumgänglich.

Andererseits muss man betonen, dass es sich keineswegs um ein reaktionäres Lied handelt, das sich dem Leid der Anderen gegenüber verhärtet. Vielmehr zeigt der Song ganz anschaulich (und musikalisch melancholisch), dass wir die Tragik des Lebens letztendlich nicht lösen können, erinnert uns aber zugleich daran, dass diese Tragik unausweichlich existiert. Dies ist der Stachel des Liedes, der so tief sitzt, dass wir beim Refrain unseren Affekthaushalt nur durch ein lautes Lachen über unser - in der Tat - 'unmögliches Leben' ins Gleichgewicht bringen können. Große Kunst die schweren Dinge leicht zu machen.