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Prokrastination

Lauttechnisch ist der Begriff auf der Höhe seiner Bedeutung, will sagen, er hört sich unschön an. Gebildet wird er aus der lateinischen Vorsilbe pro "für" und dem crastinum "morgen", was zusammen ein "vertagen" ergibt und das Phänomen des extremen Aufschiebens bezeichnet (Zudem lässt die Prokrastination an die Kastration denken (castrare "verschneiden"), was, auch wenn inhaltlich keine Verbindung besteht, den Assoziationsraum nicht freundlicher macht).

Will man die Prokrastination in der Praxis erleben, ist das ganz einfach: die anstehenden - wichtigen - Aufgaben so lange nach hinten schieben, immer wieder, bis der Aufgabenberg krachend über einen zusammenstürzt* oder man sich heroisch kurz vor Toresschluss in einen Arbeitsrausch hinein beißt, mit dem man die Anforderungen in den letzten Tagen, Stunden, Minuten erfüllen kann (Oder wie Mark Twain schon treffend bemerkte: "Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig".)

Ungeübte Prokrastinator*innen (darf mann negative Eigenschaften gendern?) ergehen sich in dieser "Kurz-vor-Toresschluss-Arbeits-Stress-Phase" in Selbstvorwürfen und fragen sich, warum sie nicht viel früher die Aufgabe in Ruhe angegangen sind. Rechtzeitig begonnen, hätte alles in größter Gelassenheit zu Ende gebracht werden können, so der Gedanke. Daraus entspringt die wichtige Lehre für die Zukunft, die da lautet, dass das nächste Mal auf jeden Fall - Ehrenwort, ich mache es anders - zeitig mit der Arbeit begonnen wird.

Der PP (Prokrastination-Profi) wiederum weiß, dass dieses Gelöbnis an das gestresste Ich eine nur geringe Halbwertszeit besitzt. Statt sich in einer kritischen Phase mit negativen Gedanken und halbgaren Zukunftsversprechen abzugeben, wendet - oder besser: hat er die Situation schon im Vorhinein ins Positive gewendet. Fleißig und strebsam mögen die Mittelmäßigen sein, Grosses lässt sich nur unter großen Druck erschaffen (so wie der Diamant auch ein Produkt der druckvollen Verdichtung ist). In diesem Sinne ist Prokrastination kein Schicksal oder ein pathologisches Verhalten, sondern der halb- oder unbewußt herbeigeführte Zeittrichter, der alle Energien auf ein Werk hin bündelt.

Damit dieses Werk gelingen kann - und wir sprechen jetzt nicht von Werken, die man mechanisch routiniert so nebenbei abarbeiten kann -, sind weiterhin zwei Dinge von Bedeutung. Erstens muss das Timing stimmen. Zunächst sollte gewartet werden können, damit der Druck entsteht = leichter Teil der Übung. Aber verpasst man sodann den Arbeitsbeginn, wird es irgendwann rein technisch unmöglich, die Aufgabe umzusetzen, auch wenn die treffende Idee und die operativen Arbeitsschritte sich klar im geistigen Auge spiegeln. Problematischer dürfte aber zweitens sein, dass an einer Stelle - wir erinnern uns: die Zeit drängt -, an der etwas hätte passieren müssen, nichts passiert. Der Druck führt nicht zu einer guten Idee, führt nicht zu konzentriertester Arbeitsleistung, führt nicht zu einem Flow.

In diesem Fall hätte das Realitätsprinzip im und als Versagen gesiegt, während im anderen Fall das Lustprinzip quasi in letzter Sekunde sich der Sache angenommen hätte, um den Herausforderungen der Realität mit anderen Vorzeichen zu begegnen. Die Lust braucht den Aufschub, gewährt das gelingende Werk als Anverwandlung der Realität und nimmt das Scheitern in Kauf. Die Realität bedingt das Abarbeiten der Aufgaben, ermöglicht die Sicherheit des Bestands und führt - so übermächtig - zur Erstarrung (oder auch: Burnout).

Ist also die Prokrastination als Problemfall des Aufschubs ein Zeichen für den (oftmals) ausbleibenden Umschlagspunkt, der Arbeit auf etwas anderes hin öffnen kann? Die (oftmals) fehlgeschlagene Sehnsucht nach einer Realität, die sich durch mich verwandelt? Eigentlich sollte hier etwas ganz anderes stehen. Nicht warten bis die Muse küsst, wieder an die Arbeit, keine Zeit verlieren.

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* Dazu gibt es die passende Dostojewski-Erzählung, in der am Anfang noch halbwegs frohgemut heißt: "Ich werde es schon schaffen, bei Gott, ich werde es schaffen …" Fjodor M. Dostojewski: Ein schwaches Herz; in: Sämtliche Erzählungen; München 1984 (1848); S.171
Der ‘Held’ der Geschichte will heiraten und hat sich verlobt. Für den Fortgang seiner Liebe, seiner Existenz ist die Unterhaltssicherung entscheidend, die zukünftig nur funktionieren wird, wenn er als Schreiber eine Abschrift innerhalb von zwei Tagen anfertigt. Der Zeitrahmen ist äußerst knapp bemessen, den Arbeitslohn hat er schon erhalten. Externe Verpflichtungen, innere Beschwichtigungen und Ablenkungsmanöver bestimmen sodann den Lauf der Dinge.

Als ich damals die Geschichte las, musste ich nach 30 von 46 Seiten mit der Lektüre aufhören. Ein Abgabetermin nahte; psychisch wirkte die Geschichte desaströs. Ich habe sie nie zu Ende gelesen.

31. Mai 2020

Corona-Zone

Wahrscheinlich kann man in einem (englischen?) Wettbüro noch Wetten darauf abschließen, ob das Leben nach der Corona-Pandemie noch dem Leben ähneln wird, das wir kannten. Die Ordnung der Dinge ist mächtig durcheinander geraten. Manche sprechen von einer Strafe Gottes für unseren frevelhaften Lebensstil, andere sehen lediglich den Zufall der Natur am Werke, fühlen sich aber durch den umfassenden Staatszugriff in ihrer Freiheit beschränkt, fürchten gar um die Fortschreibung dieser Kontrolle in die Nach-Corona-Zeit, um nur zwei Ordnungs-Unordnungszeichen herauszugreifen. Kontrolle und Kontrollverlust hin oder her, zumindest ist Lesezeit entstanden, womit die Frage auftaucht, ob viele Geschichten und Erzählungen nicht auch Krisengeschichten sind, in denen die Ordnung, die innere und/oder äußere, durcheinander gerät und die Protagonisten versuchen, wieder etwas Halt in der Welt zu finden oder etwas Halt in die Welt zu bringen?

Iris Wolff stellt in ihrem kleinen Erzählband "So tun, als ob es regnet: Roman in vier Erzählungen" (Salzburg Wien 2017) gleich zu Anfang einen Soldaten vor, der im 1. Weltkrieg in Siebenbürgen stationiert ist und dort die Post seiner Kameraden zensieren muss. Im Zuge dieser Tätigkeit klassifiziert er schließlich die Briefeschreiber wie folgt:

1. Selbstverkünder
2. Träumer
3. Trottel
4. Scheinheilige
5. Dichter

Die Typisierung dürfte weder umfassend sein, noch gehorcht sie objektiven Kriterien. Nichtsdestotrotz lässt jede (neue) Ordnung etwas (neues) sehen und wirkt zugleich in Bezug auf die weitere Wahrnehmung und das weitere Denken "figurierend" (im obigen Beispiel sind es Charaktereigenschaften bzw. spezifische Talente). Auch oder gerade wenn man darüber nachdenkt, ob nicht jede Ordnung einem fast unendlichem Möglichkeitsraum abgetrotzt ist (also der Entropie entgegen wirkt, auch wenn Unordnung wiederum kein guter physikalischer Begriff ist), liegt es in der Natur der Ordnung, dass aufgrund der "figurierenden Eigenschaften" andere Ordnungs- und/oder Kombinations- oder gar Auflösungsmöglichkeiten verdunkelt, verdeckt oder gar verunmöglicht werden.

Die Ordnung der Dinge wird immer dann fraglich, wenn zeitlich und/oder räumlich sich Ordnungen zersetzen, z.B. weil das "Ordnungsraster" mit Dingen konfrontiert wird, die nicht nur nicht in das Raster passen, sondern die "Logik" des Rasters sprengen. Oder wenn Ordnungen aneinanderstoßen, wie in einem Konflikt. Oder wenn es sich um Zonen handelt, in denen Grenzen und Ordnungen per se immer wieder unscharf werden und verschwimmen. Wo beispielsweise Meer und Land sich treffen, entsteht die Küste, die sicherlich ihre eigene Ordnung etablieren kann - oder sollten wir besser sagen (und wer könnte dies entscheiden): welcher wir eine eigene Ordnung geben könnten -, die aber immer wieder durcheinandergebracht wird und Überraschungen birgt.

"Fischkisten mit der Aufschrift >gestohlen in Whitehaven< oder >gestohlen in Castletownbere< (dabei sind die Kisten nur über Bord gegangen und angeschwemmt worden), Stücke abgedrundetes Treibholz, ein Platikpalmenzweig, eine abgetakelte Krebsreuse, eine verknäueltes, dreißig Meter langes Seil, Wasserflaschen voller Sand, vom Kopf gewehte Käppis, Pinsel ohne Borsten, Topfdeckel ohne Henkel, Eimer ohne Bolden, ein rosa Laufelefant, ein Stück Fangnetz mit einem einzigen Schwimmer daran und zu guter Letzt ein merkwürdiger, winziger Hexenhut."
Miek Zwamborn: Algen, Berlin 2019 (Matthes & Seitz Berlin), S.85

So also präsentiert uns Miek Zwamborn einige Strandschätze nach einem Sturm, wobei der letztgenannte Hexenhut sich auf eine Alge bezieht, dem eigentlichen Thema dieses poetischen und schön illustrierten kleinen Naturkundebuchs. In den Mischzonen lassen sich überraschend(e) Dinge finden, finden Überraschungen statt. Nicht von ungefähr ist das Meer und die Küste auch eine Metapher für das Unbewußte und für die Kreativität. So entstehen ganz neue Konstellationen und neue Ordnungsmuster werden vorstellbar.

Dies wiederum führt zu einem Buch, dessen Titel im Text schon weiter oben auftauchte: "Die Ordnung der Dinge" von Michel Fouault. Berühmtheit erlangten insbesondere zwei Passagen dieses Buches. Zum einen die Bildbeschreibung von "Las Meninas" (1656) von Diego Velázquez, ein wahrlich aufregend-verwirrendes Bild, anhand dessen Foucault virtuos das Wissenssystem der Repräsentation veranschaulicht und die Stelle im Vorwort, in der er Jorge Luis Borges zitiert. Dabei geht es um eine alte chinesische Enzyklopädie, die die Tiere in die folgende Ordnung bringt:

„a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben, m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“
Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge; Frankfurt/M: 1994, S. 17

Der kurze Essay von Jorge Luis Borges, aus dem Foucault wiederum dieses Zitat entnommen hat, heißt "Die analytische Sprache John Wilkins'" - wobei besagter John Wilkins im 17. Jahrhundert lebte und versuchte eine universale philosophische Sprache zu entwickeln - und ist zudem erwähnenswert, weil es mit einem Zitat von G. K. Chesterton endet, in dem dieser sich davon überzeugt zeigt, dass das Schattierungsuniversum der menschlichen Seele nie und nimmer mit den Grund- und Krächzlauten entfaltet werden kann, die wir gemeinhin Sprache nennen. Nun, Foucault wählte aber nicht das Chesterton-Zitat, sondern das "chinesische Tierordnungsschema", um auf mehr oder minder ironische Weise einerseits auf die letztendliche Kontingenz aller Kategorisierungen hinzuweisen und andererseits - und dies betrifft den Kerngedanken der "Ordnung der Dinge" - in die Machtkonstellationen einzuleiten, die von den Wissenssystemen ausgehen und die sich wiederum in sie einschreiben.

Um auf unsere eingangs erwähnte Krisenkonstellation zurückzukommen, könnte man beispielsweise fragen, ob die Hegemonie des medizinischen (hier des medizinische-virologischen) Diskurses - und dies ist ein Thema mit dem sich Foucault ausgiebig beschäftigt hat - nicht aufgrund seiner Mächtigkeit im Sinne seiner Möglichkeiten (Leben retten) besteht , sondern durch das "Primat des nackten Lebens" getragen wird, von der Idee, dass das Leben (ohne den Kontext des sterblichen Lebens weiter zu betrachten), an sich ein hoher, wenn nicht der höchste Wert ist, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man "der" Ökonomie, die wagt, dieses Primat in Frage zu stellen, der Menschenverachtung bezichtigt. Mag jede Ökonomie auch im Namen des "stumpfen" (und auch nackten) Lebens, das heißt im Sinne der Reproduktion funktionieren, so waltet doch uranfänglich immer ein Überschuss in ihr, der das Leben (auch) transzendiert (Man kann diesen Überschuss auch Kapital nennen, wobei jeder Marxist natürlich dies erst ab einer bestimmten Produktionsweise für zulässig erklären würde, und seine Schlüsse daraus ziehen, was aber nicht bedeutet, dass man damit das Kapital der Ökonomie erschöpft hätte).

Betrachtet man die Antworten auf die Krise, so muss man zu dem Schluss kommen, dass es keine wirklichen Antworten sind. Die Kontingenzbewältigung besteht darin, nicht Antworten auf neue (und alte) Fragen zu suchen, sondern die Kontingenz so schnell wie möglich verschwinden zu lassen, um zur alten Ordnung zurückkehren zu können (Ausbreitung verringern, Medikamente und Impfung entwickeln; weiter wirtschaften). Die Unterdeckung an "Sinn" taucht in umgekehrter Form bei all denjenigen auf, die lieber an abstruseste Verschwörungstheorien und strafende Götter glauben, also an bewährte und glaubensgesättigte "Ordnungen", als an unsere Existenz, das heißt an das Rendezvous unseres Lebens mit der Freiheit. Das die Corona-Krise auch eine Zone ist, davon zeugt ein neuer enzyklopädischer Eintrag, der in gewisser Weise aus einem weiteren Essay von Jorge Luis Borges stammt, diesmal zu finden in seiner "Bibliothek von Babel":

- Menschen mit Fieber und mit Husten
- Menschen, die sich selbst die Haare schneiden
- Menschen, die nicht mehr oder nur von zu Hause arbeiten
- Menschen mit Mundschutz
- Menschen die Corona hatten, aber nicht getestet wurden
- Menschen über 63 Menschen, die Rauchen und sich vegetarisch ernähren
- Menschen die Angst vor Corona haben
- Menschen die in diesem Jahr gestorben sind
- Menschen die falsch geschrieben wurden

30. April 2020

Was noch dahin steht ...

Krisenzeiten sind Zeiten, in der Esoterik Konjunktur hat. Wenn die Ungewissheiten einen umschwirren wie die Motten das Licht, dann ist Zuspruch und Weisheit, von welcher Seite auch immer, höchst willkommen. Ein diesbezüglicher Versuch von mir endete ganz erfreulich, zeigte die gezogene Tarot-Karte die 9 Kelche/9 Cups, die Karte für Freude/Happiness. Als Motto im entsprechenden Anleitungsbuch, von denen es natürlich je nach Tarot-Deck und Vorlieben ganz verschiedene Ausführungen gibt, wurde mir mit auf den Weg gegeben: "Happiness is my natural condition." & "I love life & life loves me." Aber eine gutgemeinte Adressierung hilft bekannter Maßen nur, wenn sie auch den Adressaten erreicht. Und als skeptischer Mensch, der zudem dazu neigt, das Glas halb leer zu sehen, fühlte ich mich nicht umfänglich angesprochen. Oder wie Herr Houellebecq sinngemäß formulierte: man muss keine Angst vor dem Glück haben, es existiert nicht.

Wie zur Bestätigung dieser (apodiktischen) Vermutung kamen aus dem fernen Osten diesmal nicht neue Meditationstechniken, die uns erlauben, unsere innere Mitte um ein auffindbares Nichts neu zu zentrieren, sondern das Corona-Virus und die Corona-Krise. Und hat uns damit der Weltzwang nicht umfassender und fester im Griff als je zuvor? Und zeigt sich dabei nicht nochmals besonders deutlich ein unheimlicher Zug der Globalisierung, nämlich der der zwanghaften Alternativlosigkeit, in der jede persönliche, lokale, nationale und zeitliche Besonderheit auf den Status eines Attavismus herabgesetzt wird. Ein Zeichen dafür ist auch die mediale Permanentdurchdringung des Corona-Themas, das wie ein riesiger Krake nicht nur alle Medienkanäle, sondern auch permanent unsere Psyche beansprucht. Mit Covid 19 wird alles andere in den Hintergrund ge(d)rückt.

Alle Aspekte des Themas werden ausführlichst abgehandelt: virologisch, medizinisch, sozial und auch wirtschaftlich. Dabei zeigt sich deutlich das derzeitige Primat des "Lebens an sich", das unabhängig von seinen spezifischen Einbettungen und Sinnbezügen, quasi nackt, das Maß aller Dinge wird. Das "Leben an sich" und die damit einhergehenden Sicherungs- und Distanzierungsmaßnahmen überrollen inzwischen fast mühelos auch alle Nachfragen bezüglich der ökonomischen Auswirkungen dieser Entscheidungen. Menschenleben darf nicht gegen Profit aufgerechnet werden, heißt es, als ob die wirtschaftliche Prosperität (auf welchem Niveau auch immer) nicht ebenfalls für ein körperlich und psychisch gutes Leben unabdingbar wäre (man wird darauf gespannt sein dürfen, wie die weitestgehend häusliche Einschließung nicht nur die Geburten- und Scheidungsraten innerhalb der fraglichen Zeiträume sich entwickeln lässt, sondern auch die Suizidraten).

Zudem mutet es auch merkwürdig an, dass die Corona-Todeszahlen umfänglich kommuniziert werden, während andere (Todes)Statistiken schlichtweg unter der Wahrnehmungsschwelle verbleiben. Die 25.000 - 30.000 Todesopfer einer heftigeren Grippeepidemie in Deutschland mögen da fast schon die Ausnahme bilden. Aber wer weiß schon, dass es jährlich in Deutschland ca. 8.000 Todesfälle bei Freizeit- und Haushaltsaktivitäten gibt (die also ursächlich damit im Zusammenhang stehen), dass statistisch in Deutschland jeden Tag über 2.500 Menschen sterben (Tag für Tag, Jahr für Jahr, ganz ohne Pandemien), dass im Syrienkrieg schätzungsweise bis jetzt zwischen 400.000 bis 500.000 Menschen ums Leben gekommen sind? Gut, dieses Virus kann jede und jeden infizieren, wird man einwenden, und dass die Dynamik der Ausbreitung unabsehbar ist und dass es keine schöne Vorstellung ist, dass das eigene Leben nicht gerettet werden kann, weil das Gesundheitssystem überlastet ist. Kurzum, es wird uns bewußt, dass das Leben, das eigene, eine fragile Angelegenheit ist und scheinbar vielfach von Gegebenheiten abhängt, die wir gar nicht mehr wahrnehmen können, wollen oder sollen.

Schön wäre es jetzt - oder wie Gottfried Benn in einem Gedicht mal klagte: Einen neuen Gedanken haben, den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann, wie es die Professoren tun - einen erhabenen Satz zu schreiben: wir heutigen vermögen den Tod nicht mehr. Allein zu pathetisch, zu wissend und zugleich hilflos. Andererseits ist es ein Zeichen der Zeit, dass wir nicht nur mit dem Tod Probleme haben (wobei das Problem schon das Problem ist), sondern uns auch mit den hoffnungsvollen Momenten schwer tun. Krisen: die Krise der Finanzen, die Krise der Flüchtlinge, die Krise des Klimas usw. belehren uns inzwischen sehr gründlich über das Ausbleiben froher Erwartungshorizonte. Und so nimmt es kein Wunder, dass die Anzahl der dystopischen Romane stetig wächst, zweifelsohne auch ein Resultat der modernen Enttäuschungen, der Enttäuschungen mit der sogenannten Moderne. Aber zuweilen zeigt sich durch die Enttäuschungen hindurch ein unsentimentaler und unlarmoyanter, d.h. ein realitätsgesättigter Blick auf die Wirklichkeit. Also nun: rund um die Corona-Krise Sätze - und Lektionen - aus einigen Dystopien der vergangenen Jahrzehnte:

"Erst wenn das Wissen um eine Sache sich langsam im ganzen Körper ausbreitet, weiß man wirklich. Ich weiß ja auch, dass ich, wie jede Kreatur, einmal sterben muss, aber meine Hände, meine Füße und meine Eingeweide wissen es noch nicht, und deshalb erscheint mir der Tod so unwirklich."
Marlen Haushofer: Die Wand; Berlin (Ullstein), 2004 (1968), S. 62

 Lektion 1: Das Wissen, die Theorie und auch der Geist schweben über den Dingen und können sich, da nirgendwo an-eckend, also im eigentlichen Sinne nicht eck-sistierend, auch nicht verankern. Es ist der Körper, es sind die Dinge, es ist die Materie, die letztendlich unser Sein (mit)trägt. Die (Los-)Lösung aus jedweder Verbundenheit ist nicht die vollkommene Freiheit, sondern der Tod. Die Virus-Lektion lässt diese beiden Welten aufeinander prallen - indem das Virus in unsere je eigenen Körper eindringt, schließt es uns zugleich mit den globalen Entortungen unserer Zeit kurz: Dank des globalen Warenverkehrs, des globalen Reisens, allgemein: der globalen Geschwindigkeit und des globalen Austauschs, findet der Virus nicht nur ubiquitäre Verbreitung, sondern tilgt auch ein mögliches Außen, die Ressource des Sinns.

 “Aber in den Geschichten helfen wir andauernd jemanden, dabei tun wir das in Wirklichkeit gar nicht.”
Cormac McCarthy: Die Straße; Hamburg, 2010 (2006);S.237

 Lektion 2: Ja, in Krisen kommen wohl die besten und wohl auch die schlechtesten Seiten der Menschen - meist unvorhersehbar - zum Vorschein. Hier ist, so könnte man vermuten, aber der Unterschied zwischen dem moralischen Anspruch, den man, sofern man nicht dafür einstehen muss, immer relativ leicht hochhalten kann und einer politischen Entscheidung, die in einer ganz konkreten Situation mit all den dazugehörigen Zwängen und Möglichkeiten, gefällt werden muss, gemeint. Wir halten die Moral zu hoch und achten das Politische zu gering, immer auf Kosten unseres (politisches) Gemeinwesens.

 “Nichts ist so unnormal, als dass die Leute nicht versuchen würden, es ihrem normalen Leben einzugliedern.”
Doris Lessing: Die Memoiren einer Überlebenden, Frankfurt/M. 2007 (1974), S. 24

 Lektion 3: Parallel zur Eingliederung läuft die Erfahrung, dass sich die Dinge rasend schnell in einer Weise ändern, die wir es uns vor kurzer Zeit nicht haben vorstellen können. Und plötzlich denkt man zurück und gelangt zu einer guten alten Zeit, die so alt gar nicht ist und so gut gar nicht war, aber im Rückblick dennoch als Verheißung für die Zukunft taugt. Dies umso mehr, als dass es sich nicht um einen individuellen Schicksalsschlag handelt, der im alltäglichen und durchschnittlichen Dasein als Ausnahme eingepreist ist, als Arbeitslosigkeit, Depression, Krankheit usw., sondern unser kollektives Dasein betrifft. Die Selbstverständlichkeiten unserer gemeinsamen Welt schmelzen dahin wie Butter in der Sonne. Wir werden Gewahr, wie fragil auch unseres unsere kollektiven (politischen) Seinsweisen sind. Der Versuch zur Normalität zurückzukehren, sei es durch Integration neuer Vorschriften und Handlungsweisen in das Leben, sei es durch (blinden) Aktionismus, offenbart nur die Angst vor dem Verlust. Wenn unsere gemeinsame Welt fraglich wird, werden wir uns selbst noch viel fraglicher.

1970 schrieb Marie Luise Kaschnitz, in einem etwas anderen Kontext, aber mit existentieller Emphase, die in der jetzigen Situation - wie mir scheint - etwas von dem trifft, was uns bewegt: "Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin."

31. März 2020

Der Sprung in die Weltverhältnisse – Teil IV

Abenddämmerung hat sich über die Stadt gesenkt, Dunkelheit kommt; Lichtspuren fahrender Autos, Ampelrhythmen, Geräusche der Beschleunigung, Lärm der Sirenen, Dringlichkeit anmahnend. Stunden werden vergehen, bevor das Dunkel die Strassen beruhigt und eine halbe Stille einkehrt. Vor mir ein Glas Wein, das Butterbrot schon gegessen, zuvor. Noch einmal Rosa und die Frage nach der Resonanz. Und darüber hinaus auch die Frage nach der Schwelle. 

Rosa will die Idee der Beziehung radikalisiert wissen (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 62). Subjekt (sollte man in Klammern einfügen: Leib und Geist?) und Welt sind keine Entitäten, sondern werden erst durch eine wechselseitige Bezogenheit konstituiert. Schaut sich man die Art dieser Bezogenheit von Welt – Leib –Geist (oder Gehirn?) genauer an, so Rosa weiter, kann man nicht von einer Repräsentation oder Kausalität sprechen, die von der einen in die andere Richtung oder umgekehrt läuft (ebd. S. 246; siehe auch: Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil I und die Frage nach der „empirisch-transzendentalen Dublette“ / http://www.schwingungsbreite.de/index.php?archive=201907 ). Stattdessen entsteht unser Zugang zur Welt und zu unserem Leib und zu unserem Denken als Beziehungswesen aus Antwort- und Rückkopplungsverhältnissen und dies von Anfang an, so könnte man mit Rosa sagen und diesen Aspekt weiter fort führen. So ist auch unsere Subjektwerdung davon betroffen. Wir sind keineswegs der selbstbewusste Akteur unseres Werdens vom Säugling zum sich selbst identifizierenden Kleinkind, sondern Zuschauer einer ‚Entwicklung’, die unbedingt von äußeren Umständen abhängig ist. Das ist einerseits insofern trivial, als dass ein Säugling ohne Hilfe nicht lange überleben würde. Andererseits sichert diese Hilfe aber nicht nur das physische Überleben, sondern trägt überhaupt dazu bei, dass sich unser psychischer Apparat entwickeln kann.*

Wenn wir uns als souveräne Subjekte imaginieren, verkennen wir nicht nur unsere radikale Abhängigkeit von einer ‚sorgenden Umwelt’, die uns nicht nur versorgt hat, sondern die uns in und mit einer Beziehungsstruktur überhaupt erst ein Selbstverhältnis ermöglicht hat (insofern hat Subjekt hier die ursprünglichere Bedeutung von lateinisch subiectum ‚das Daruntergeworfene‘). All dies ist mehr oder minder explizit auch Teil der von Hartmut Rosa vertretenen Resonanzpriorität. Interessant ist nun die Rolle, die dieses Verkennungsmoment im weiteren Verlauf der Resonanztheorie spielt. Denn man könnte ja, so das Subjekt erstmal „ausgehärtet“ ist (einige Theorien nennen das Entwicklung), auf die Idee verfallen, dass das Subjekt der Welt selbstbewusst und ausgereift gegenüber stehen kann. 

Obwohl Rosa diese Position nicht ganz zu Eigen macht, schwankt er jedoch bezüglich der Bedeutung des Verkennungs- bzw. des Öffnungsmoments, was auch für den weiteren Fortgang seiner Untersuchung von Bedeutung ist. Exemplarisch sei hier kurz auf das Kapitel IV – 1, Angst und Begehren als elementare Formen der Weltbeziehung (ebd. S. 187 ff.), eingegangen. Er rekurriert dabei unter anderem auf Fritz Riemann und seinem Klassiker „Grundformen der Angst“ (München 1961). Bei Riemann, so Rosa, werden auf den beiden Achsen „Bindung“ und „Ordnung“ die Qualität der Weltbeziehung bestimmt (ebd. S. 192). Die Subjekte würden sowohl hinsichtlich der Achse der Ordnung, als auch bezüglich der Achse der Bindung Ängste entwickeln (können), wenn ein Zuviel oder Zuwenig im Spiel ist. Ist ein Zuviel an Bindung im Spiel, droht Selbstverlust (schizoide Persönlichkeit), während Bindungslosigkeit zur Vereinsamung führt (depressiver Typ). Ist hingegen eine Ordnung zu starr, findet eine einengende Überregulierung statt (hysterische Persönlichkeit), während zuwenig Halt zum Chaos führt (zwanghafter Charakter). Für Rosa präsentieren diese vier Formen misslingende Weltbeziehungen, was zunächst auch nachvollziehbar ist. Hingegen wäre der angstfreie und ausgeglichene Schnittpunkt der beiden Achsen eine Form der intakten Weltbeziehung (ebd. S. 193).

Wenn Angst also ein Zeichen dafür sein soll, dass etwas mit unserer Weltbeziehung nicht stimmt, heißt das dann, dass ein angstfreies in-der-Welt-sein auf eine intakte Weltbeziehung hindeutet? Oder wäre es nicht ebenso legitim zu sagen, dass die vier Defizitär-Typen nicht Resultate der Angst darstellen, sondern aus ‚falschen’ Antworten auf die Angst resultieren. Oder sollte es grundsätzlich so sein, dass aus der Angst keine resonanzfähigen Antworten gegeben, keine Resonanzen aufgebaut werden können? Wenn umgekehrt in einer intakten Weltbeziehung die Resonanz schon immer ‚da‘ wäre, d.h. die Beziehung nach Rosa nicht zu starr und auch nicht zu chaotisch ist, wie können sich dann Beziehungsformen ändern? 

Kurzum, müsste man nicht in aller Konsequenz von den Menschen als „geöffnete Wesen“ sprechen, durch die ein Riss geht, deren Oberfläche nicht nur in mehrfacher Hinsicht durchlässig und durchbrochen ist, sondern in die die Seinsunabgeschlossenheit konstitutiv ins Innerste miteingeschrieben ist. In dieser Hinsicht wäre zum Beispiel die Angst nicht ein Ausdruck eines defizitären Lebens, sondern ein unhintergehbares Zeichen unserer Existenz (diese „Idee“ ist keineswegs neu, siehe: Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1986 (1927)).

Ähnlich verhält es sich mit dem, in dem obigen Kapitel des Rosa-Buches ebenfalls angeführten Komplementärbegriff zur Angst, mit dem Begehren. Nicht nur wäre darauf hinzuweisen, dass auch das Begehren, ebensowenig wie die Angst, einfach durch den Willen zu steuern ist und / oder auf den Willen verweist (deshalb führt die Erfüllung des Habens-Wollens auf Dauer selten zu einem stabil glücklichen Zustand). Das Begehren ist nicht nur „da“, unabhängig von unserem Willen, sondern es verschiebt sich, schiebt sich auf, maskiert sich und operiert hinter unserem Rücken, sozusagen in und auf den abschüssigen Ebenen unseres Seins. Gerade die Unverfügbarkeit des Begehrens (und auch der Angst) sind paradoxer Weise zugleich die Bedingung der Möglichkeit unserer eigenen Freiheit, die Bedingung der Möglichkeit für die Freiheit unseres Selbstbezugs. Denn – entgegen der scheinbar intuitiven Annahmen – dass wir erst dann wirklich bei uns sind, wenn wir so denken und handeln wie es unserem Selbstverständnis und unseren Idealvorstellungen entspricht (das gute Leben wäre von der richtigen Entwicklung eines ursprünglichen Ich-Kerns abhängig, wäre also nur die praktische Umsetzung einer präexistenten Vorgabe), ist es gerade die strukturelle Uneinholbarkeit des Begehrens, die uns den Freiheitsspielraum überhaupt erst ermöglicht.

Unser „wahres Ich“ ähnelt eher einer revoltierenden Instanz, von der „Ich“ (also mein reflektierendes Ich) im besten Fall erst im Nachhinein weiß, wohin „es“ mich geführt bzw. revoltiert hat. Daher auch das von dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan in diesem Zusammenhang so gern verwendete Futur II: ich werde gewesen sein. Weiterhin nimmt es kein Wunder, dass Lacan gerne und in immer neuen Wendungen auf die Dezentrierung dieses Ichs verwiesen hat:

„Ich bin nicht, dort wo ich das Spielzeug meines Denkens bin, ich denke an das, was ich bin, (nur) dort, wo ich nicht denke, dass ich denke.“
Jacques Lacan: Schriften II, S. 43; zitiert in: Samuel Weber: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse; Wien 1990 (Passagen Verlag), S. 115

Wenn also unser „unbewußtes“ und „wahres“ Ich als halbanonyme Instanz mit revoltierender Kreativität neue Wege in die Freiheit bahnt, so wäre der Begriff der Entfremdung zumindest ein sehr fragwürdiger. Ich bin entfremdet, wenn ich aufhöre zu werden – oder etwas antimetaphysischer: wenn ich aufhöre mich zu ereignen (damit im Zusammenhang: wir sind am sozialkonformsten dort, wo wir uns glauben verwirklicht zu haben). Ich bin dort entfremdet, wo ich allzu sicher bei mir bin. Umgekehrt wäre Freiheit die sich ereignende Differenz. Das körperliches Symptom - beispielsweise - ein Zeichen für die ausbleibende Einschreibung in den sozialen und politischen Körper. Weites Feld.**

Als geöffnete und sterbliche Wesen wohnt also ein abgründiger Überschuss von Freiheit in uns, der zuweilen im Namen der Stabilität und Stabilisierung an unscheinbare Ränder gedrängt wird und weiter vor sich hin schwelt. Zuweilen aber auch mit Kreativität und Witz sich handelnd in die Welt schlägt. Rosa schreibt nun:

„An der Wurzel der Resonanzerfahrung liegt der Schrei der Nichtversöhnten und der Schmerz des Entfremdeten. Sie hat ihre Mitte nicht im Leugnen oder Verdrängen des Widerstehenden, sondern in der momenthaften, nur erahnten Gewissheit eines aufhebenden >Dennoch<.“
(Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 322; Kursiv im Original)

Auch wenn die Differenz nur unscheinbar und marginal erscheinen mag und Rosa die folgende Interpretation nicht ganz gelten lassen würde, so zeigt sich doch in diesem Satz letztendlich eine hegelsche Denkfigur, die weniger in ein Substanz-, denn in ein Prozessdenken mündet. Das Subjekt „ist“ (mit seiner Resonanzerfahrung) zwar auch hier die „Differenz“ zu den Verhältnissen, entwirft sich aber nicht auf etwas Neues hin (was natürlich auch heißt, dass man in Freiheit scheitern kann), sondern erfährt sich als entfremdet. Während das „dezentrierte Subjekt“ in der (Wurzel der) Resonanz die Möglichkeit eines anderen Seins, die Pluralität anderer Ausgänge erfahren könnte, ahnt das Rosa-Subjekt die „Gewissheit eines aufhebenden >Dennoch<“. Und „Aufhebung“ heißt bekanntlich, so man hier einer hegelschen Lesart folgt, wozu Rosa allen Anlass gibt, die Subsumierung des geschichtlichen Seins als Baustein zu einem sich – durch die Negativität - vervollkommnenden Prozess. Die Freude und / oder der Schmerz liegt nicht im Handeln selbst, in der Freiheit des Handelns mit all seinen Unwägbarkeiten, sondern in der Gewissheit, dass vom Ende her gesehen sich noch etwas „aufheben“ lässt. Kurzum, in guter schwarzer Tradition der Dialektik der Aufklärung wird die Wurzel allen Seins mit Schrei und Schmerz amalgiert, um so den dialektischen Prozess zumindest mit einem moralischen Mehrwert auszustatten (wer leidet büßt).

Die Frage also: werden hier nicht jene Zugänge verschlossen, die mit dem Begriff der Resonanz als Anti-Überschreitungs-, Anti-Substanz- und Anti-Prozess-Begriff erfahrbar gemacht werden sollten? Resonant sprechen, wie?

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* So weist Joachim Bauer in seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“ darauf hin, dass die Erzeugung von Vorstellungen erst durch die Verbindung von Nervenzellen geschehen kann, wobei die Nervenzellen-Netzwerke in einer simultanen, synchronen und rhythmischen bioelektrischen Aktivität sich befinden müssen, damit eine Vorstellung entstehen kann (Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers; Frankfurt/M. 2002, S. 76). Bei der Frage, wie Säuglinge Signale „verstehen“ können, scheint es interessanter Weise so zu sein, dass die eigenen Säuglings-Körpersignale im Gehirn mit Signalen und Handlungen der Mutter verknüpft werden, wobei die Muttersignale und -handlungen den Empfindungen des Säuglings rückwirkend (!), so sie für den Säugling erfreulich und problemlösend sind, eine >Bedeutung< verleihen (Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers; Frankfurt/M. 2002, S. 87).

Das heißt, unsere ersten ‚inneren’ Vorstellungen sind von einem Außen abhängig, dass ihnen (rückwirkend) überhaupt erst Bedeutung verleiht. An dieser Stelle sei auch auf den britischen Psychoanalytiker D. W. Winnicott hingewiesen, der davon spricht, dass für das (psychische) Wohl des Kindes das Handeln der Mutter (oder einer anderen primären Bezugsperson) ‚gut genug’ sein muss. Die Mutter erfüllt die Wünsche des Kindes auf eine (keineswegs perfekte) Art und Weise, dass dieses im Laufe der Zeit die aufgeschobene Versorgung nicht als traumatisches Fehlen, sondern als Abwesenheit erfahren kann. Läuft alles gut, wird die Erfahrung der Abwesenheit und des “Kommens” (dessen was man sich wünscht, was wünschbar ist) als psychische Rahmenstruktur vom Kind übernommen, die auch und gerade dann ‘funktioniert’, wenn die Mutter nicht mehr da ist (siehe zum Beipsiel: D. W. Winnicott: Reifungsprozess und fördernde Umwelt; Frankfurt/M. 1990 (1960)).

** Insofern werden politischer Kämpfer und Kämpferinnen vermutungsweise wenig von neurotischen Problemen geplagt. Sicher, sie haben besseres zu tun. Aber: ist der Gedanke einer gewünschten Veränderung – und hier die Frage die an anderer Stelle anzugehen wäre: was ist eine gewünschte Veränderung - erst mal artikuliert und symbolisiert, verschwindet das Symptom (der Verdrängung).

31. Januar 2020

Intermezzo 2b: Auch Gott setzt auf die 2

Wenn die 2 und ihre Verbindung zur Wiederholung als Zahl des ereignishaften Konflikts und der sich verschiebenden Fortschreibung gesehen werden kann, so zeigen sich diese Momente geradezu paradigmatisch in einer der ältesten und bekanntesten Geschichten aus dem Alten Testament, im Buch Exodus und zwar wie folgt:

Also, die Kinder Israels landen im dritten Monat nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste Sinai. Gott bietet, vermittelt durch Mose, dem Volk Israel einen Bund an (Exodus, 19, 5), wobei ein Bund bekanntlich aus (mindestens) zwei Parteien bestehen muss (zum Aspekt des Bundes und seiner politischen Implikationen siehe auch: Michael Walzer: Exodus und Revolution, Frankfurt/M (Fischer), 1995 (1985)). Gott verkündet, dass er am dritten Tag daher herabfahren werde (Exodus 19,11), wobei das Volk, als es denn soweit ist, aus Furcht und Angst Mose bittet, alles weitere zu regeln. Mose empfängt und übermittelt die Worte und die Rechtsvorschriften des Herrn (Exodus 24,3) und schreibt alle Worte des Herrn auf. (Exodus 24,4). Das Volk ist mit dem Bund einverstanden und Mose geht, Gott befohlen, wieder auf den Berg, um von Gott die steinernen Tafeln und Gesetze und Gebote, die ER (Gott) selbst geschrieben hat, zu empfangen (Exodus 24,12). Mose bleibt vierzig Tage oben (Exodus 24,18) und empfängt detaillierte Anweisungen zur Ausgestaltung des Bundes.

Zwischenzeitlich ist das Volk eigene Wege gegangen und hat das sprichwörtlich gewordene goldene Kalb erschaffen (Exodus 32,1-6). Gott wird darüber zornig (Exodus 32,7-10), wird aber von Mose besänftigt (Exodus 32,11-14). Mose steigt schließlich den Berg mit den zwei Tafeln, die nicht nur von Gott selbst gemacht, sondern auch auf beiden Seiten von Gott selbst beschrieben worden sind, hinunter (Exodus 32,15). Allerdings entbrennt daraufhin der Zorn Mose, als er das gotteslästerliche Malheur sieht und er zerschmettert die Tafeln am Fuß des Berges (Exodus 32,19).

Was dann geschieht ist, so Michael Walzer, die erste „revolutionäre Säuberung“ in der Geschichte (Michael Walzer: a.a.O., S. 65) (Exodus 32, 26). Die Götzenanbeter werden ohne Warnung und ohne Urteil getötet, wobei Mose im Namen Gottes dazu aufruft, erbarmungslos vorzugehen, d.h. selbst Brüder, Freunde und Nächste nicht zu schonen. Am nächsten Tag schaut Mose was er in der Kommunikation mit Gott für das um 3.000 Menschen reduzierte Volk tun kann, wobei sich Gott recht unversöhnlich zeigt. Nach einigem hin und her befiehlt Gott schließlich Mose zwei neue steinerne Tafeln zu hauen, auf die Gott nochmals die Worte der ersten Tafeln schreiben will (Exodus 34,1) „Ich werde darauf die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln standen, die du zerschmettert hast.“( Exodus 34,1, zitiert nach: Die Bibel, Einheitsübersetzung, Stuttgart (Katholische Bibelanstalt GmbH), 1980). Mose haut und steigt am nächsten Tag auf den Berg Sinai. Gott erneuert den Bund Exodus (34,10) und trägt Mose verschiedene Anweisungen auf. Schließlich ergeht von Gott die Anweisung: „Schreib diese Worte auf.“ (Exodus 34,27) Daraufhin bleibt Mose beim Herrn wiederum 40 Tage und Nächte: „Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln.“ (Exodus 34,28). Danach steigt Mose mit den beiden Tafeln der Bundesurkunde vom Berg und übergibt den Israeliten die Gebote (Exodus 34, 32).

Kann man diese Geschichte nicht als ein Lehrstück über die Zahl 2 und über die ‚Geheimnisse’ der Wiederholung lesen, über die „Wiederholungseffekte“ in Form von Verbindungen, Trennungen, Konflikte, Um- und Fortschreibungen, Geboten?
Schon der anfängliche Bundesgedanke ist auf zwei Entitäten angewiesen, hier„Gott“ und die „Menschen“ (ein Volk, nicht ein Individuum), die im Bund aber nicht zu etwas Drittem verschmelzen, sondern dem Anderen in seinem „So-Sein“ beistehen (heißt auch: Beibehaltung eines Freiheitsmoments; man folgt dem Bund aus freien Stücken, kann ihn aber auch brechen). Als das Volk dann schließlich mit Gott in Berührung kommen kann, also kurz vor (s)einer unmittelbaren Kontaktaufnahme, wird es den Menschen doch unheimlich, sie fürchten sich und Mose soll alles Weitere übernehmen. Letzterer fungiert, wie die Engel auch, als Vermittler einer „Wahrheit“, die in ihrer Unmittelbarkeit nicht nur unaussprechlich, sondern bedrohlich daher kommt.*

Im weiteren Verlauf der Erzählung wird viel dafür getan, diese unmittelbare und unheimliche Bedrohlichkeit durch Vermittlungsinstanzen zu entschärfen. Im Beisein des Mittlers Mose werden die Vereinbarungen, die Gesetze und Gebote, zunächst durch Gott selbst in steinerne Tafeln gefasst. Dabei ist die Schrift einerseits Abstandnahme zur Präsenz des gesprochenen Wortes und bürgt andererseits für eine größere Halt- und Tradierbarkeit als die bloß mündliche Weitergabe. Es dürfte ebenfalls kein Zufall sein, dass es sich um zwei Tafeln handelt, die zudem von beiden Seiten beschrieben wurden. Alles verdoppelt sich mit dem Ziel, zwar eine Bindung und einen Bund auf Dauer zu etablieren (obwohl beide Tafeln für das Volk bestimmt sind, haben sie doch– wie bei einem Vertrag –einen „Durchschriftcharakter“), jedoch zugleich den Interpretations- und Freiheitsspielraum zu vergrößern. Das was geschrieben steht, kann und muss interpretiert werden, damit es im täglichen Leben, in immer neuen und anderen Kontexten auch umgesetzt werden kann.

Und um die Ernsthaftigkeit des Bundes zu verdeutlichen, wird der Akt der Tafel-Übergabe ebenfalls ein zweites Mal vollzogen, weil bekannter Maßen inzwischen das Volk abtrünnig geworden ist. Die Ursprungstafeln werden durch Mose zerstört. Wie auch immer der Konflikt im Anschluss an das goldene Kalb interpretiert werden mag (als ‚pädagogischer Hinweis’ an all diejenigen, die nicht an den Bund glauben; als Aussortierung derjenigen, die mit ihrer ägyptischen Sklavenmoral die neue Freiheit des Bundes nicht leben wollen), er veranschaulicht, dass ein Neubeginn ohne Ursprung, ohne die Reinheit der unmittelbaren Übereinstimmung möglich ist, ja vielleicht sogar, dass ein Neubeginn – ein neuer Bund - notwendiger Weise konflikthafte Momente umfasst. Im Anschluss daran werden die Tafeln also nochmals gefertigt, was jedoch kein Akt der reinen Wiederholung ist, da Mose diesmal die Tafeln nicht nur anfertigen, sondern auch selbst beschreiben muss. Somit wird das Wort Gottes, Gottes Spur, zwar erhalten, diesmal aber durch eine menschliche Hand niedergeschrieben; es erscheint durch Menschenhand. Wäre es also abwegig zu behaupten, dass die Exodus-Geschichte auch eine zutiefst anti-apoklyptische Geschichte ist, da die Wahrheit weniger enthüllt, als durch immer neue Wendungen und Konflikte (in der Schrift, im Bund) verdoppelt und vermittelt wird, um sie den Interpretationen zugänglich zu machen?

Zum Schluss sei dem Ganzen mit Paul Chaim Eisenberg noch eine mehr alltagspraktische Wendung mitgegeben. Eisenberg zitiert eine Lehre des Talmud, die sich mit der Wichtigkeit der Wiederholung befasst:
„Es ist nicht dasselbe, ob man etwas hundertmal oder hundertundeinmal lernt.“
Paul Chaim Eisenberg: Das ABC vom Glück. Jüdische Weisheiten für jede Lebenslage; Wien, 2019, S. 125

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* Der Gedanke, dass die absolute Unmittelbarkeit nah an den Tod heranreicht, ist ein klassischer Topos der Kunst und Literatur. Man denke an Friedrich Schiller und „Das verschleierte Bild zu Sais“. Massimo Cacciari schreibt, dass die Myriaden himmlischer Heerscharen zeigen, dass die Wahrheit sich in Namen verhüllen muss, damit der Mensch ihr beipflichten kann (Massimo Cacciari: Der notwendige Engel, Klagenfurt 1987 (1986), S 13).

Im Grunde genommen ist die Frage der unmittelbare Wahrheit ein apokalyptisches Motiv, bedeutet Apokalypse doch: die Enthüllung des Wahren, womit die Schöpfung ihr Ende findet (Off. 21,4). Siehe dazu auch: Johannes Fried: Dies Irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs; München, 2016; und: Jacques Derrida: Apokalypse, Wien 2009 (1983). Dazu noch zwei Gedanken: zum einen die Frage, ob und wie die Parusierverzögerung überhaupt den Spielraum für die Moderne geschaffen hat, und ob die Parusierverzögerung des Fortschritts nicht die Frage der Apokalypse wieder drängender macht. Zur Enthysteriesierung des „Es-ist-kurz-vor-Zwölf-Diskurses“ müsste man mit Derrida sagen: “Es gibt nur die Apokalypse ohne Apokalypse.” (Jacques Derrida: Apokalypse, Wien 2009 (1983), S. 74)

30. Dezember 2019