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Im Schattenreich der dunklen Mächte

Wer liest noch Bücher? Ab und zu werden noch Autorennamen in den Ring geworfen, um Landmarken abzustecken oder um bestimmten Argumenten innerhalb einer Diskussion mehr Gewicht zu verleihen. Allerdings funktioniert das natürlich nicht mit allen Autoren. Wer beispielsweise schon mal versucht hat, mit Bezug auf Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab: wie wir unser Land aufs Spiel setzen") oder Rolf Peter Sieferle ("Das Migrationsproblem: über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung") darauf hinzuweisen, dass die derzeitige deutsche Einwanderungspolitik nicht nur in der Gegenwart, sondern verstärkt in der Zukunft zu ganz massiven Problemen führen wird, kann bestimmt von besonderen Erfahrungen berichten. Selbst bei liberalen und toleranten Menschen werden diese Autoren oftmals als Rechte gebrandmarkt, was heutzutage scheinbar soviel heißt wie: "hasserfüllte Rassisten". Oder das Gespräch wird abgebrochen, weil man als moralisch integerer Gesprächspartner nicht länger existiert. Dabei wird offen zugestanden, dass die Bücher gar nicht gelesen wurden, womit sich auch die Frage erübrigt, ob bestimmte Thesen oder Sachverhalte nicht auch anders zu bewerten wären und wenn ja, wie (und in der Tat, die beiden Autoren respektive Bücher sind keineswegs sakrosankt; andererseits scheint mir ihr Erkenntniswert doch größer als ihr Verwirrungspotential. Zudem ist bekanntlich eine moralische Haltung kein Ersatz für die Wirklichkeitswarnehmung und für das Denken.).

Lassen wir dahingestellt, ob sich diese Diskursunfähigkeit im Einzelfall mit sozialpsychologischen Kategorien (Angst, Schuldbewußtsein) erhellen oder sie sich als eine Art Bequemlichkeit mit moralischen Mehrwert fassen lässt, oder ob es sich gar um eine gezielte politische Operation zur Schwächung des vermeintlichen Gegners handelt, ein Erkenntnisgewinn entspringt daraus für beide Seiten nicht.*

Inzwischen führe ich solche Diskussionen eher selten oder nur behutsam bis zu einem bestimmten Punkt. Nichtsdestotrotz verweise ich in anderen Diskurszusammenhängen auf andere strittige Autoren, gerade weil ich deren Denkbewegungen und Schriften für bestimmte Phänomene als überaus wichtig erachte. Dazu gehört zum Beispiel Martin Heidegger, auf dem das Etikett "nationalsozialistischer Philosoph" in einigen Kreisen erstaunlich fest haftet. Nun mag es unbestritten sein, dass Heideggers charakterlichen Eigenschaften und partiell auch seine politischen Einstellungen (zu einer gewissen Zeit) keine vorbildlichen waren, aber dass er zum Denken des 20. Jahrhunderts nichts Grundlegendes beigetragen hätte, das, nein das kann man nicht sagen.**

So es darum geht, die Wirkungsmächtigkeit der modernen Wissenschaft zu beleuchten und seine Bezogenheit auf das vorstellende Herstellen samt der damit einhergehenden Immanenzzuspitzung aufzuweisen, so gibt es kaum einen erhellenderen und präziseren Text als der 1938 entstandene Aufsatz von Martin Heidegger, der mit "Die Zeit des Weltbildes" betitelt ist. Erhellend insbesondere deshalb, weil es kein akademischer Text ist, der sich exklusiv an ein Fachpublikum wendet. Vielmehr ist er eine Einladung zum Nachvollzug einer Denkbewegung, die gewiss nicht einfach sein mag, aber sich dennoch an keiner Stelle in ein esoterisches Expertentum versteigt. Ich erwähne den Text auch deshalb, weil in ihm der schwierig zu fassende moderne Weltbezug behandelt wird, was wiederum mittelbar auf die in vielen Diskussionen - zum Beispiel über Kunst oder das Wesen des Politischen - zur Verwirrung führenden Kategorien Subjekt und Objekt durchschlägt.

In Kürze und Verkürzung: Die spezifische moderne Subjekt-Objekt-Konstellation kann ihre eigene Geschichtlichkeit und Begrenztheit, ihren eigenen, nicht in ihr selbst gründenden Bezug zur Welt, nicht mitdenken, weil ihre ungeheure Produktivität und Mächtigkeit diesen Bezugscharakter verstellt. Gerade die Ungeheuerlichkeit ihres Vermögens scheint als Wahrheit für sie zu bürgen. Auch wenn dies alles schwer zu fassen sein mag, insbesondere in dieser unzulässigen Verkürzung, führt Heidegger am Ende des Textes zu einem Gedanken über, die in vielfacher Hinsicht plausibel und erstaunlich zugleich ist.

Heidegger spricht davon, dass damit, das der Mensch nun darum ringt, allem Seienden das Maß zu geben, das Riesige und Riesenhafte zur Erscheinung kommt und zwar in Form des immer Kleineren. Explizit erwähnt er die Atomphysik. Man kann aber aus heutiger Sicht auch an die Gen- und Computertechnik denken, womit das Kleinste nicht nur in der Physik, sondern auch in der Biologie und im rechnenden Kalkulieren auftaucht und ungeheuere Wirkung entfaltet. Heidegger sieht hier eine Umschlagbewegung, in der das Quantitative zu einer eigenen Qualität wird. Während die Eingriffe und Manipulationen in den Kapillaren unseres Lebens die größten Effekte zeitigen und der umfassenden Planung, Berechnung, Einrichtung und Sicherung aller Lebenszusammenhänge zu dienen scheinen, bekommt es eine eigene Qualität, womit das Berechenbare gerade zum Unberechenbaren wird. Für Heidegger entsteht ein unsichtbarer Schatten, der die Dinge umgibt.

"Durch diesen Schatten legt sich die neuzeitliche Welt selbst in einen der Vorstellung entzogenen Raum hinaus und verleiht so jenem Unberechenbaren die ihm eigene Bestimmtheit und das geschichtlich Einzigartige."
Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes, in: Holzwege; Frankfurt am Main 1994; S. 95

Die Zurichtung und Planbarkeit der Welt lässt sozusagen einen Schattenraum entstehen, der laut Heidegger unserer Vorstellung und damit auch unserem weiterem Zugriff entzogen ist. Das Unberechenbare bricht nicht nur in unsere Welt ein, sondern es ist aufgrund der Art unseres jetzigen Weltbezuges auch nicht einholbar. Das Wissen um das Unberechenbare, das Wissen um das Andere des Schattens, ist uns laut Heidegger verweigert. In einer Anmerkung zu dieser Passage fragt sich Heidegger gar:

"Was aber, wenn die Verweigerung selbst die höchste und härteste Offenbarung des Seins werden müsste?"
Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes, in: Holzwege; Frankfurt am Main 1994; S. 112

Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Heidegger nicht nur darauf zu verweisen scheint, dass selbst die forciertesten Anstrengungen zur Plan- und Kontrollierbarkeit der Welt zwangsläufig immer weiter ihre eigenen (man darf vermuten: mehr oder minder katastrophischen) Unberechenbarkeiten produzieren werden, sondern dass diese Erfahrung des "Entgleitens", sozusagen die Wissensverweigerung im Zuge der Wissenssteigerung, vielleicht auch die einzige Chance ist, dem Teufelskreis der weiteren Zurichtung von Welt zu entgehen, so man diese Erfahrung als Erfahrung und damit als Offenbarung ernst nimmt. Letzteres ist aufgrund des Grundzuges der Moderne, nämlich des Einholens scheinbar noch unbegriffener Außenbestände, schwer zu akzeptieren, wird ihm doch zugleich das Etikett des Irrationalen angehängt. Und so endet der Text von Martin Heidegger zum einen mit der Frage, wie wir mit dem Unberechenbaren umgehen sollen, so wir uns nicht darauf besinnen, dass wir als Sterbliche nie ganz in den Weltbeständen aufgehen werden. Besinnung also:

"Sie versetzt den künftigen Menschen in jenes Zwischen, darin der dem Sein zugehört und doch im Seienden ein Fremdling bleibt."
Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes, in: Holzwege; Frankfurt am Main 1994; S. 96

"Dem Sein zugehörend." Verwirrend der Gedanke, dass das, zu dem wir gehören, nicht bestimmbar ist (wir auf Zuspruch angewiesen sind, selbst wenn es ein unberechenbarer ist) und dass dort, wo wir uns eigentlich bestimm- und vorstellbar einrichten wollen, wir letztendlich Fremde bleiben.

Zum anderen beschließt Heidegger seinen Text - wir befinden uns im Jahre 1938 - mit der drittletzten Strophe eines Gedichtes von Hölderlin, überschrieben mit "An die Deutschen"

"Wenn die Seele dir auch über die eigne Zeit
Sich, die sehnende, schwingt, trauernd verweilest du
Dann am kalten Gestade
Bei den Deinen und kennst sie nie."

Wie auch immer. Wer eine "rechte" Lesart finden möchte, sollte zuvor eine Lektüre vollzogen haben.

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* Welche Volten die sich moralisch gebende Haltung samt der damit einhergehenden Unterschlagung der politischen Dimension erzeugt, war zum Beispiel im April dieses Jahres bei dem Göttinger Tatort-Krimi namens "National feminin" zu bestaunen, als die leitende Ermittlerin den rechtsextremen Täter beim Verhör vorhielt: "Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit." Den beiden Drehbuchautoren ist wahrscheinlich entgangen, wie vollumfänglich dieser Satz in dieser Tonart eben auch auf die Ermittlerin zurückfällt.

** Dass es zwischen seinem Denken und seiner politischen Überzeugung, die er zu einer bestimmten Zeit hatte, vielleicht Verbindungen geben könnte, ist durchaus eine These wert. Nur wird diese Verbindung vermutlich ganz anders aussehen, als sich das ein moralischer Diskurs vorstellen mag.

30. Juni 2020

Prokrastination

Lauttechnisch ist der Begriff auf der Höhe seiner Bedeutung, will sagen, er hört sich unschön an. Gebildet wird er aus der lateinischen Vorsilbe pro "für" und dem crastinum "morgen", was zusammen ein "vertagen" ergibt und das Phänomen des extremen Aufschiebens bezeichnet (Zudem lässt die Prokrastination an die Kastration denken (castrare "verschneiden"), was, auch wenn inhaltlich keine Verbindung besteht, den Assoziationsraum nicht freundlicher macht).

Will man die Prokrastination in der Praxis erleben, ist das ganz einfach: die anstehenden - wichtigen - Aufgaben so lange nach hinten schieben, immer wieder, bis der Aufgabenberg krachend über einen zusammenstürzt* oder man sich heroisch kurz vor Toresschluss in einen Arbeitsrausch hinein beißt, mit dem man die Anforderungen in den letzten Tagen, Stunden, Minuten erfüllen kann (Oder wie Mark Twain schon treffend bemerkte: "Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig".)

Ungeübte Prokrastinator*innen (darf mann negative Eigenschaften gendern?) ergehen sich in dieser "Kurz-vor-Toresschluss-Arbeits-Stress-Phase" in Selbstvorwürfen und fragen sich, warum sie nicht viel früher die Aufgabe in Ruhe angegangen sind. Rechtzeitig begonnen, hätte alles in größter Gelassenheit zu Ende gebracht werden können, so der Gedanke. Daraus entspringt die wichtige Lehre für die Zukunft, die da lautet, dass das nächste Mal auf jeden Fall - Ehrenwort, ich mache es anders - zeitig mit der Arbeit begonnen wird.

Der PP (Prokrastination-Profi) wiederum weiß, dass dieses Gelöbnis an das gestresste Ich eine nur geringe Halbwertszeit besitzt. Statt sich in einer kritischen Phase mit negativen Gedanken und halbgaren Zukunftsversprechen abzugeben, wendet - oder besser: hat er die Situation schon im Vorhinein ins Positive gewendet. Fleißig und strebsam mögen die Mittelmäßigen sein, Grosses lässt sich nur unter großen Druck erschaffen (so wie der Diamant auch ein Produkt der druckvollen Verdichtung ist). In diesem Sinne ist Prokrastination kein Schicksal oder ein pathologisches Verhalten, sondern der halb- oder unbewußt herbeigeführte Zeittrichter, der alle Energien auf ein Werk hin bündelt.

Damit dieses Werk gelingen kann - und wir sprechen jetzt nicht von Werken, die man mechanisch routiniert so nebenbei abarbeiten kann -, sind weiterhin zwei Dinge von Bedeutung. Erstens muss das Timing stimmen. Zunächst sollte gewartet werden können, damit der Druck entsteht = leichter Teil der Übung. Aber verpasst man sodann den Arbeitsbeginn, wird es irgendwann rein technisch unmöglich, die Aufgabe umzusetzen, auch wenn die treffende Idee und die operativen Arbeitsschritte sich klar im geistigen Auge spiegeln. Problematischer dürfte aber zweitens sein, dass an einer Stelle - wir erinnern uns: die Zeit drängt -, an der etwas hätte passieren müssen, nichts passiert. Der Druck führt nicht zu einer guten Idee, führt nicht zu konzentriertester Arbeitsleistung, führt nicht zu einem Flow.

In diesem Fall hätte das Realitätsprinzip im und als Versagen gesiegt, während im anderen Fall das Lustprinzip quasi in letzter Sekunde sich der Sache angenommen hätte, um den Herausforderungen der Realität mit anderen Vorzeichen zu begegnen. Die Lust braucht den Aufschub, gewährt das gelingende Werk als Anverwandlung der Realität und nimmt das Scheitern in Kauf. Die Realität bedingt das Abarbeiten der Aufgaben, ermöglicht die Sicherheit des Bestands und führt - so übermächtig - zur Erstarrung (oder auch: Burnout).

Ist also die Prokrastination als Problemfall des Aufschubs ein Zeichen für den (oftmals) ausbleibenden Umschlagspunkt, der Arbeit auf etwas anderes hin öffnen kann? Die (oftmals) fehlgeschlagene Sehnsucht nach einer Realität, die sich durch mich verwandelt? Eigentlich sollte hier etwas ganz anderes stehen. Nicht warten bis die Muse küsst, wieder an die Arbeit, keine Zeit verlieren.

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* Dazu gibt es die passende Dostojewski-Erzählung, in der am Anfang noch halbwegs frohgemut heißt: "Ich werde es schon schaffen, bei Gott, ich werde es schaffen …" Fjodor M. Dostojewski: Ein schwaches Herz; in: Sämtliche Erzählungen; München 1984 (1848); S.171
Der ‘Held’ der Geschichte will heiraten und hat sich verlobt. Für den Fortgang seiner Liebe, seiner Existenz ist die Unterhaltssicherung entscheidend, die zukünftig nur funktionieren wird, wenn er als Schreiber eine Abschrift innerhalb von zwei Tagen anfertigt. Der Zeitrahmen ist äußerst knapp bemessen, den Arbeitslohn hat er schon erhalten. Externe Verpflichtungen, innere Beschwichtigungen und Ablenkungsmanöver bestimmen sodann den Lauf der Dinge.

Als ich damals die Geschichte las, musste ich nach 30 von 46 Seiten mit der Lektüre aufhören. Ein Abgabetermin nahte; psychisch wirkte die Geschichte desaströs. Ich habe sie nie zu Ende gelesen.

31. Mai 2020

Corona-Zone

Wahrscheinlich kann man in einem (englischen?) Wettbüro noch Wetten darauf abschließen, ob das Leben nach der Corona-Pandemie noch dem Leben ähneln wird, das wir kannten. Die Ordnung der Dinge ist mächtig durcheinander geraten. Manche sprechen von einer Strafe Gottes für unseren frevelhaften Lebensstil, andere sehen lediglich den Zufall der Natur am Werke, fühlen sich aber durch den umfassenden Staatszugriff in ihrer Freiheit beschränkt, fürchten gar um die Fortschreibung dieser Kontrolle in die Nach-Corona-Zeit, um nur zwei Ordnungs-Unordnungszeichen herauszugreifen. Kontrolle und Kontrollverlust hin oder her, zumindest ist Lesezeit entstanden, womit die Frage auftaucht, ob viele Geschichten und Erzählungen nicht auch Krisengeschichten sind, in denen die Ordnung, die innere und/oder äußere, durcheinander gerät und die Protagonisten versuchen, wieder etwas Halt in der Welt zu finden oder etwas Halt in die Welt zu bringen?

Iris Wolff stellt in ihrem kleinen Erzählband "So tun, als ob es regnet: Roman in vier Erzählungen" (Salzburg Wien 2017) gleich zu Anfang einen Soldaten vor, der im 1. Weltkrieg in Siebenbürgen stationiert ist und dort die Post seiner Kameraden zensieren muss. Im Zuge dieser Tätigkeit klassifiziert er schließlich die Briefeschreiber wie folgt:

1. Selbstverkünder
2. Träumer
3. Trottel
4. Scheinheilige
5. Dichter

Die Typisierung dürfte weder umfassend sein, noch gehorcht sie objektiven Kriterien. Nichtsdestotrotz lässt jede (neue) Ordnung etwas (neues) sehen und wirkt zugleich in Bezug auf die weitere Wahrnehmung und das weitere Denken "figurierend" (im obigen Beispiel sind es Charaktereigenschaften bzw. spezifische Talente). Auch oder gerade wenn man darüber nachdenkt, ob nicht jede Ordnung einem fast unendlichem Möglichkeitsraum abgetrotzt ist (also der Entropie entgegen wirkt, auch wenn Unordnung wiederum kein guter physikalischer Begriff ist), liegt es in der Natur der Ordnung, dass aufgrund der "figurierenden Eigenschaften" andere Ordnungs- und/oder Kombinations- oder gar Auflösungsmöglichkeiten verdunkelt, verdeckt oder gar verunmöglicht werden.

Die Ordnung der Dinge wird immer dann fraglich, wenn zeitlich und/oder räumlich sich Ordnungen zersetzen, z.B. weil das "Ordnungsraster" mit Dingen konfrontiert wird, die nicht nur nicht in das Raster passen, sondern die "Logik" des Rasters sprengen. Oder wenn Ordnungen aneinanderstoßen, wie in einem Konflikt. Oder wenn es sich um Zonen handelt, in denen Grenzen und Ordnungen per se immer wieder unscharf werden und verschwimmen. Wo beispielsweise Meer und Land sich treffen, entsteht die Küste, die sicherlich ihre eigene Ordnung etablieren kann - oder sollten wir besser sagen (und wer könnte dies entscheiden): welcher wir eine eigene Ordnung geben könnten -, die aber immer wieder durcheinandergebracht wird und Überraschungen birgt.

"Fischkisten mit der Aufschrift >gestohlen in Whitehaven< oder >gestohlen in Castletownbere< (dabei sind die Kisten nur über Bord gegangen und angeschwemmt worden), Stücke abgedrundetes Treibholz, ein Platikpalmenzweig, eine abgetakelte Krebsreuse, eine verknäueltes, dreißig Meter langes Seil, Wasserflaschen voller Sand, vom Kopf gewehte Käppis, Pinsel ohne Borsten, Topfdeckel ohne Henkel, Eimer ohne Bolden, ein rosa Laufelefant, ein Stück Fangnetz mit einem einzigen Schwimmer daran und zu guter Letzt ein merkwürdiger, winziger Hexenhut."
Miek Zwamborn: Algen, Berlin 2019 (Matthes & Seitz Berlin), S.85

So also präsentiert uns Miek Zwamborn einige Strandschätze nach einem Sturm, wobei der letztgenannte Hexenhut sich auf eine Alge bezieht, dem eigentlichen Thema dieses poetischen und schön illustrierten kleinen Naturkundebuchs. In den Mischzonen lassen sich überraschend(e) Dinge finden, finden Überraschungen statt. Nicht von ungefähr ist das Meer und die Küste auch eine Metapher für das Unbewußte und für die Kreativität. So entstehen ganz neue Konstellationen und neue Ordnungsmuster werden vorstellbar.

Dies wiederum führt zu einem Buch, dessen Titel im Text schon weiter oben auftauchte: "Die Ordnung der Dinge" von Michel Fouault. Berühmtheit erlangten insbesondere zwei Passagen dieses Buches. Zum einen die Bildbeschreibung von "Las Meninas" (1656) von Diego Velázquez, ein wahrlich aufregend-verwirrendes Bild, anhand dessen Foucault virtuos das Wissenssystem der Repräsentation veranschaulicht und die Stelle im Vorwort, in der er Jorge Luis Borges zitiert. Dabei geht es um eine alte chinesische Enzyklopädie, die die Tiere in die folgende Ordnung bringt:

„a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben, m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“
Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge; Frankfurt/M: 1994, S. 17

Der kurze Essay von Jorge Luis Borges, aus dem Foucault wiederum dieses Zitat entnommen hat, heißt "Die analytische Sprache John Wilkins'" - wobei besagter John Wilkins im 17. Jahrhundert lebte und versuchte eine universale philosophische Sprache zu entwickeln - und ist zudem erwähnenswert, weil es mit einem Zitat von G. K. Chesterton endet, in dem dieser sich davon überzeugt zeigt, dass das Schattierungsuniversum der menschlichen Seele nie und nimmer mit den Grund- und Krächzlauten entfaltet werden kann, die wir gemeinhin Sprache nennen. Nun, Foucault wählte aber nicht das Chesterton-Zitat, sondern das "chinesische Tierordnungsschema", um auf mehr oder minder ironische Weise einerseits auf die letztendliche Kontingenz aller Kategorisierungen hinzuweisen und andererseits - und dies betrifft den Kerngedanken der "Ordnung der Dinge" - in die Machtkonstellationen einzuleiten, die von den Wissenssystemen ausgehen und die sich wiederum in sie einschreiben.

Um auf unsere eingangs erwähnte Krisenkonstellation zurückzukommen, könnte man beispielsweise fragen, ob die Hegemonie des medizinischen (hier des medizinische-virologischen) Diskurses - und dies ist ein Thema mit dem sich Foucault ausgiebig beschäftigt hat - nicht aufgrund seiner Mächtigkeit im Sinne seiner Möglichkeiten (Leben retten) besteht , sondern durch das "Primat des nackten Lebens" getragen wird, von der Idee, dass das Leben (ohne den Kontext des sterblichen Lebens weiter zu betrachten), an sich ein hoher, wenn nicht der höchste Wert ist, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man "der" Ökonomie, die wagt, dieses Primat in Frage zu stellen, der Menschenverachtung bezichtigt. Mag jede Ökonomie auch im Namen des "stumpfen" (und auch nackten) Lebens, das heißt im Sinne der Reproduktion funktionieren, so waltet doch uranfänglich immer ein Überschuss in ihr, der das Leben (auch) transzendiert (Man kann diesen Überschuss auch Kapital nennen, wobei jeder Marxist natürlich dies erst ab einer bestimmten Produktionsweise für zulässig erklären würde, und seine Schlüsse daraus ziehen, was aber nicht bedeutet, dass man damit das Kapital der Ökonomie erschöpft hätte).

Betrachtet man die Antworten auf die Krise, so muss man zu dem Schluss kommen, dass es keine wirklichen Antworten sind. Die Kontingenzbewältigung besteht darin, nicht Antworten auf neue (und alte) Fragen zu suchen, sondern die Kontingenz so schnell wie möglich verschwinden zu lassen, um zur alten Ordnung zurückkehren zu können (Ausbreitung verringern, Medikamente und Impfung entwickeln; weiter wirtschaften). Die Unterdeckung an "Sinn" taucht in umgekehrter Form bei all denjenigen auf, die lieber an abstruseste Verschwörungstheorien und strafende Götter glauben, also an bewährte und glaubensgesättigte "Ordnungen", als an unsere Existenz, das heißt an das Rendezvous unseres Lebens mit der Freiheit. Das die Corona-Krise auch eine Zone ist, davon zeugt ein neuer enzyklopädischer Eintrag, der in gewisser Weise aus einem weiteren Essay von Jorge Luis Borges stammt, diesmal zu finden in seiner "Bibliothek von Babel":

- Menschen mit Fieber und mit Husten
- Menschen, die sich selbst die Haare schneiden
- Menschen, die nicht mehr oder nur von zu Hause arbeiten
- Menschen mit Mundschutz
- Menschen die Corona hatten, aber nicht getestet wurden
- Menschen über 63 Menschen, die Rauchen und sich vegetarisch ernähren
- Menschen die Angst vor Corona haben
- Menschen die in diesem Jahr gestorben sind
- Menschen die falsch geschrieben wurden

30. April 2020

Was noch dahin steht ...

Krisenzeiten sind Zeiten, in der Esoterik Konjunktur hat. Wenn die Ungewissheiten einen umschwirren wie die Motten das Licht, dann ist Zuspruch und Weisheit, von welcher Seite auch immer, höchst willkommen. Ein diesbezüglicher Versuch von mir endete ganz erfreulich, zeigte die gezogene Tarot-Karte die 9 Kelche/9 Cups, die Karte für Freude/Happiness. Als Motto im entsprechenden Anleitungsbuch, von denen es natürlich je nach Tarot-Deck und Vorlieben ganz verschiedene Ausführungen gibt, wurde mir mit auf den Weg gegeben: "Happiness is my natural condition." & "I love life & life loves me." Aber eine gutgemeinte Adressierung hilft bekannter Maßen nur, wenn sie auch den Adressaten erreicht. Und als skeptischer Mensch, der zudem dazu neigt, das Glas halb leer zu sehen, fühlte ich mich nicht umfänglich angesprochen. Oder wie Herr Houellebecq sinngemäß formulierte: man muss keine Angst vor dem Glück haben, es existiert nicht.

Wie zur Bestätigung dieser (apodiktischen) Vermutung kamen aus dem fernen Osten diesmal nicht neue Meditationstechniken, die uns erlauben, unsere innere Mitte um ein auffindbares Nichts neu zu zentrieren, sondern das Corona-Virus und die Corona-Krise. Und hat uns damit der Weltzwang nicht umfassender und fester im Griff als je zuvor? Und zeigt sich dabei nicht nochmals besonders deutlich ein unheimlicher Zug der Globalisierung, nämlich der der zwanghaften Alternativlosigkeit, in der jede persönliche, lokale, nationale und zeitliche Besonderheit auf den Status eines Attavismus herabgesetzt wird. Ein Zeichen dafür ist auch die mediale Permanentdurchdringung des Corona-Themas, das wie ein riesiger Krake nicht nur alle Medienkanäle, sondern auch permanent unsere Psyche beansprucht. Mit Covid 19 wird alles andere in den Hintergrund ge(d)rückt.

Alle Aspekte des Themas werden ausführlichst abgehandelt: virologisch, medizinisch, sozial und auch wirtschaftlich. Dabei zeigt sich deutlich das derzeitige Primat des "Lebens an sich", das unabhängig von seinen spezifischen Einbettungen und Sinnbezügen, quasi nackt, das Maß aller Dinge wird. Das "Leben an sich" und die damit einhergehenden Sicherungs- und Distanzierungsmaßnahmen überrollen inzwischen fast mühelos auch alle Nachfragen bezüglich der ökonomischen Auswirkungen dieser Entscheidungen. Menschenleben darf nicht gegen Profit aufgerechnet werden, heißt es, als ob die wirtschaftliche Prosperität (auf welchem Niveau auch immer) nicht ebenfalls für ein körperlich und psychisch gutes Leben unabdingbar wäre (man wird darauf gespannt sein dürfen, wie die weitestgehend häusliche Einschließung nicht nur die Geburten- und Scheidungsraten innerhalb der fraglichen Zeiträume sich entwickeln lässt, sondern auch die Suizidraten).

Zudem mutet es auch merkwürdig an, dass die Corona-Todeszahlen umfänglich kommuniziert werden, während andere (Todes)Statistiken schlichtweg unter der Wahrnehmungsschwelle verbleiben. Die 25.000 - 30.000 Todesopfer einer heftigeren Grippeepidemie in Deutschland mögen da fast schon die Ausnahme bilden. Aber wer weiß schon, dass es jährlich in Deutschland ca. 8.000 Todesfälle bei Freizeit- und Haushaltsaktivitäten gibt (die also ursächlich damit im Zusammenhang stehen), dass statistisch in Deutschland jeden Tag über 2.500 Menschen sterben (Tag für Tag, Jahr für Jahr, ganz ohne Pandemien), dass im Syrienkrieg schätzungsweise bis jetzt zwischen 400.000 bis 500.000 Menschen ums Leben gekommen sind? Gut, dieses Virus kann jede und jeden infizieren, wird man einwenden, und dass die Dynamik der Ausbreitung unabsehbar ist und dass es keine schöne Vorstellung ist, dass das eigene Leben nicht gerettet werden kann, weil das Gesundheitssystem überlastet ist. Kurzum, es wird uns bewußt, dass das Leben, das eigene, eine fragile Angelegenheit ist und scheinbar vielfach von Gegebenheiten abhängt, die wir gar nicht mehr wahrnehmen können, wollen oder sollen.

Schön wäre es jetzt - oder wie Gottfried Benn in einem Gedicht mal klagte: Einen neuen Gedanken haben, den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann, wie es die Professoren tun - einen erhabenen Satz zu schreiben: wir heutigen vermögen den Tod nicht mehr. Allein zu pathetisch, zu wissend und zugleich hilflos. Andererseits ist es ein Zeichen der Zeit, dass wir nicht nur mit dem Tod Probleme haben (wobei das Problem schon das Problem ist), sondern uns auch mit den hoffnungsvollen Momenten schwer tun. Krisen: die Krise der Finanzen, die Krise der Flüchtlinge, die Krise des Klimas usw. belehren uns inzwischen sehr gründlich über das Ausbleiben froher Erwartungshorizonte. Und so nimmt es kein Wunder, dass die Anzahl der dystopischen Romane stetig wächst, zweifelsohne auch ein Resultat der modernen Enttäuschungen, der Enttäuschungen mit der sogenannten Moderne. Aber zuweilen zeigt sich durch die Enttäuschungen hindurch ein unsentimentaler und unlarmoyanter, d.h. ein realitätsgesättigter Blick auf die Wirklichkeit. Also nun: rund um die Corona-Krise Sätze - und Lektionen - aus einigen Dystopien der vergangenen Jahrzehnte:

"Erst wenn das Wissen um eine Sache sich langsam im ganzen Körper ausbreitet, weiß man wirklich. Ich weiß ja auch, dass ich, wie jede Kreatur, einmal sterben muss, aber meine Hände, meine Füße und meine Eingeweide wissen es noch nicht, und deshalb erscheint mir der Tod so unwirklich."
Marlen Haushofer: Die Wand; Berlin (Ullstein), 2004 (1968), S. 62

 Lektion 1: Das Wissen, die Theorie und auch der Geist schweben über den Dingen und können sich, da nirgendwo an-eckend, also im eigentlichen Sinne nicht eck-sistierend, auch nicht verankern. Es ist der Körper, es sind die Dinge, es ist die Materie, die letztendlich unser Sein (mit)trägt. Die (Los-)Lösung aus jedweder Verbundenheit ist nicht die vollkommene Freiheit, sondern der Tod. Die Virus-Lektion lässt diese beiden Welten aufeinander prallen - indem das Virus in unsere je eigenen Körper eindringt, schließt es uns zugleich mit den globalen Entortungen unserer Zeit kurz: Dank des globalen Warenverkehrs, des globalen Reisens, allgemein: der globalen Geschwindigkeit und des globalen Austauschs, findet der Virus nicht nur ubiquitäre Verbreitung, sondern tilgt auch ein mögliches Außen, die Ressource des Sinns.

 “Aber in den Geschichten helfen wir andauernd jemanden, dabei tun wir das in Wirklichkeit gar nicht.”
Cormac McCarthy: Die Straße; Hamburg, 2010 (2006);S.237

 Lektion 2: Ja, in Krisen kommen wohl die besten und wohl auch die schlechtesten Seiten der Menschen - meist unvorhersehbar - zum Vorschein. Hier ist, so könnte man vermuten, aber der Unterschied zwischen dem moralischen Anspruch, den man, sofern man nicht dafür einstehen muss, immer relativ leicht hochhalten kann und einer politischen Entscheidung, die in einer ganz konkreten Situation mit all den dazugehörigen Zwängen und Möglichkeiten, gefällt werden muss, gemeint. Wir halten die Moral zu hoch und achten das Politische zu gering, immer auf Kosten unseres (politisches) Gemeinwesens.

 “Nichts ist so unnormal, als dass die Leute nicht versuchen würden, es ihrem normalen Leben einzugliedern.”
Doris Lessing: Die Memoiren einer Überlebenden, Frankfurt/M. 2007 (1974), S. 24

 Lektion 3: Parallel zur Eingliederung läuft die Erfahrung, dass sich die Dinge rasend schnell in einer Weise ändern, die wir es uns vor kurzer Zeit nicht haben vorstellen können. Und plötzlich denkt man zurück und gelangt zu einer guten alten Zeit, die so alt gar nicht ist und so gut gar nicht war, aber im Rückblick dennoch als Verheißung für die Zukunft taugt. Dies umso mehr, als dass es sich nicht um einen individuellen Schicksalsschlag handelt, der im alltäglichen und durchschnittlichen Dasein als Ausnahme eingepreist ist, als Arbeitslosigkeit, Depression, Krankheit usw., sondern unser kollektives Dasein betrifft. Die Selbstverständlichkeiten unserer gemeinsamen Welt schmelzen dahin wie Butter in der Sonne. Wir werden Gewahr, wie fragil auch unseres unsere kollektiven (politischen) Seinsweisen sind. Der Versuch zur Normalität zurückzukehren, sei es durch Integration neuer Vorschriften und Handlungsweisen in das Leben, sei es durch (blinden) Aktionismus, offenbart nur die Angst vor dem Verlust. Wenn unsere gemeinsame Welt fraglich wird, werden wir uns selbst noch viel fraglicher.

1970 schrieb Marie Luise Kaschnitz, in einem etwas anderen Kontext, aber mit existentieller Emphase, die in der jetzigen Situation - wie mir scheint - etwas von dem trifft, was uns bewegt: "Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin."

31. März 2020

Der Sprung in die Weltverhältnisse – Teil IV

Abenddämmerung hat sich über die Stadt gesenkt, Dunkelheit kommt; Lichtspuren fahrender Autos, Ampelrhythmen, Geräusche der Beschleunigung, Lärm der Sirenen, Dringlichkeit anmahnend. Stunden werden vergehen, bevor das Dunkel die Strassen beruhigt und eine halbe Stille einkehrt. Vor mir ein Glas Wein, das Butterbrot schon gegessen, zuvor. Noch einmal Rosa und die Frage nach der Resonanz. Und darüber hinaus auch die Frage nach der Schwelle. 

Rosa will die Idee der Beziehung radikalisiert wissen (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 62). Subjekt (sollte man in Klammern einfügen: Leib und Geist?) und Welt sind keine Entitäten, sondern werden erst durch eine wechselseitige Bezogenheit konstituiert. Schaut sich man die Art dieser Bezogenheit von Welt – Leib –Geist (oder Gehirn?) genauer an, so Rosa weiter, kann man nicht von einer Repräsentation oder Kausalität sprechen, die von der einen in die andere Richtung oder umgekehrt läuft (ebd. S. 246; siehe auch: Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil I und die Frage nach der „empirisch-transzendentalen Dublette“ / http://www.schwingungsbreite.de/index.php?archive=201907 ). Stattdessen entsteht unser Zugang zur Welt und zu unserem Leib und zu unserem Denken als Beziehungswesen aus Antwort- und Rückkopplungsverhältnissen und dies von Anfang an, so könnte man mit Rosa sagen und diesen Aspekt weiter fort führen. So ist auch unsere Subjektwerdung davon betroffen. Wir sind keineswegs der selbstbewusste Akteur unseres Werdens vom Säugling zum sich selbst identifizierenden Kleinkind, sondern Zuschauer einer ‚Entwicklung’, die unbedingt von äußeren Umständen abhängig ist. Das ist einerseits insofern trivial, als dass ein Säugling ohne Hilfe nicht lange überleben würde. Andererseits sichert diese Hilfe aber nicht nur das physische Überleben, sondern trägt überhaupt dazu bei, dass sich unser psychischer Apparat entwickeln kann.*

Wenn wir uns als souveräne Subjekte imaginieren, verkennen wir nicht nur unsere radikale Abhängigkeit von einer ‚sorgenden Umwelt’, die uns nicht nur versorgt hat, sondern die uns in und mit einer Beziehungsstruktur überhaupt erst ein Selbstverhältnis ermöglicht hat (insofern hat Subjekt hier die ursprünglichere Bedeutung von lateinisch subiectum ‚das Daruntergeworfene‘). All dies ist mehr oder minder explizit auch Teil der von Hartmut Rosa vertretenen Resonanzpriorität. Interessant ist nun die Rolle, die dieses Verkennungsmoment im weiteren Verlauf der Resonanztheorie spielt. Denn man könnte ja, so das Subjekt erstmal „ausgehärtet“ ist (einige Theorien nennen das Entwicklung), auf die Idee verfallen, dass das Subjekt der Welt selbstbewusst und ausgereift gegenüber stehen kann. 

Obwohl Rosa diese Position nicht ganz zu Eigen macht, schwankt er jedoch bezüglich der Bedeutung des Verkennungs- bzw. des Öffnungsmoments, was auch für den weiteren Fortgang seiner Untersuchung von Bedeutung ist. Exemplarisch sei hier kurz auf das Kapitel IV – 1, Angst und Begehren als elementare Formen der Weltbeziehung (ebd. S. 187 ff.), eingegangen. Er rekurriert dabei unter anderem auf Fritz Riemann und seinem Klassiker „Grundformen der Angst“ (München 1961). Bei Riemann, so Rosa, werden auf den beiden Achsen „Bindung“ und „Ordnung“ die Qualität der Weltbeziehung bestimmt (ebd. S. 192). Die Subjekte würden sowohl hinsichtlich der Achse der Ordnung, als auch bezüglich der Achse der Bindung Ängste entwickeln (können), wenn ein Zuviel oder Zuwenig im Spiel ist. Ist ein Zuviel an Bindung im Spiel, droht Selbstverlust (schizoide Persönlichkeit), während Bindungslosigkeit zur Vereinsamung führt (depressiver Typ). Ist hingegen eine Ordnung zu starr, findet eine einengende Überregulierung statt (hysterische Persönlichkeit), während zuwenig Halt zum Chaos führt (zwanghafter Charakter). Für Rosa präsentieren diese vier Formen misslingende Weltbeziehungen, was zunächst auch nachvollziehbar ist. Hingegen wäre der angstfreie und ausgeglichene Schnittpunkt der beiden Achsen eine Form der intakten Weltbeziehung (ebd. S. 193).

Wenn Angst also ein Zeichen dafür sein soll, dass etwas mit unserer Weltbeziehung nicht stimmt, heißt das dann, dass ein angstfreies in-der-Welt-sein auf eine intakte Weltbeziehung hindeutet? Oder wäre es nicht ebenso legitim zu sagen, dass die vier Defizitär-Typen nicht Resultate der Angst darstellen, sondern aus ‚falschen’ Antworten auf die Angst resultieren. Oder sollte es grundsätzlich so sein, dass aus der Angst keine resonanzfähigen Antworten gegeben, keine Resonanzen aufgebaut werden können? Wenn umgekehrt in einer intakten Weltbeziehung die Resonanz schon immer ‚da‘ wäre, d.h. die Beziehung nach Rosa nicht zu starr und auch nicht zu chaotisch ist, wie können sich dann Beziehungsformen ändern? 

Kurzum, müsste man nicht in aller Konsequenz von den Menschen als „geöffnete Wesen“ sprechen, durch die ein Riss geht, deren Oberfläche nicht nur in mehrfacher Hinsicht durchlässig und durchbrochen ist, sondern in die die Seinsunabgeschlossenheit konstitutiv ins Innerste miteingeschrieben ist. In dieser Hinsicht wäre zum Beispiel die Angst nicht ein Ausdruck eines defizitären Lebens, sondern ein unhintergehbares Zeichen unserer Existenz (diese „Idee“ ist keineswegs neu, siehe: Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1986 (1927)).

Ähnlich verhält es sich mit dem, in dem obigen Kapitel des Rosa-Buches ebenfalls angeführten Komplementärbegriff zur Angst, mit dem Begehren. Nicht nur wäre darauf hinzuweisen, dass auch das Begehren, ebensowenig wie die Angst, einfach durch den Willen zu steuern ist und / oder auf den Willen verweist (deshalb führt die Erfüllung des Habens-Wollens auf Dauer selten zu einem stabil glücklichen Zustand). Das Begehren ist nicht nur „da“, unabhängig von unserem Willen, sondern es verschiebt sich, schiebt sich auf, maskiert sich und operiert hinter unserem Rücken, sozusagen in und auf den abschüssigen Ebenen unseres Seins. Gerade die Unverfügbarkeit des Begehrens (und auch der Angst) sind paradoxer Weise zugleich die Bedingung der Möglichkeit unserer eigenen Freiheit, die Bedingung der Möglichkeit für die Freiheit unseres Selbstbezugs. Denn – entgegen der scheinbar intuitiven Annahmen – dass wir erst dann wirklich bei uns sind, wenn wir so denken und handeln wie es unserem Selbstverständnis und unseren Idealvorstellungen entspricht (das gute Leben wäre von der richtigen Entwicklung eines ursprünglichen Ich-Kerns abhängig, wäre also nur die praktische Umsetzung einer präexistenten Vorgabe), ist es gerade die strukturelle Uneinholbarkeit des Begehrens, die uns den Freiheitsspielraum überhaupt erst ermöglicht.

Unser „wahres Ich“ ähnelt eher einer revoltierenden Instanz, von der „Ich“ (also mein reflektierendes Ich) im besten Fall erst im Nachhinein weiß, wohin „es“ mich geführt bzw. revoltiert hat. Daher auch das von dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan in diesem Zusammenhang so gern verwendete Futur II: ich werde gewesen sein. Weiterhin nimmt es kein Wunder, dass Lacan gerne und in immer neuen Wendungen auf die Dezentrierung dieses Ichs verwiesen hat:

„Ich bin nicht, dort wo ich das Spielzeug meines Denkens bin, ich denke an das, was ich bin, (nur) dort, wo ich nicht denke, dass ich denke.“
Jacques Lacan: Schriften II, S. 43; zitiert in: Samuel Weber: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse; Wien 1990 (Passagen Verlag), S. 115

Wenn also unser „unbewußtes“ und „wahres“ Ich als halbanonyme Instanz mit revoltierender Kreativität neue Wege in die Freiheit bahnt, so wäre der Begriff der Entfremdung zumindest ein sehr fragwürdiger. Ich bin entfremdet, wenn ich aufhöre zu werden – oder etwas antimetaphysischer: wenn ich aufhöre mich zu ereignen (damit im Zusammenhang: wir sind am sozialkonformsten dort, wo wir uns glauben verwirklicht zu haben). Ich bin dort entfremdet, wo ich allzu sicher bei mir bin. Umgekehrt wäre Freiheit die sich ereignende Differenz. Das körperliches Symptom - beispielsweise - ein Zeichen für die ausbleibende Einschreibung in den sozialen und politischen Körper. Weites Feld.**

Als geöffnete und sterbliche Wesen wohnt also ein abgründiger Überschuss von Freiheit in uns, der zuweilen im Namen der Stabilität und Stabilisierung an unscheinbare Ränder gedrängt wird und weiter vor sich hin schwelt. Zuweilen aber auch mit Kreativität und Witz sich handelnd in die Welt schlägt. Rosa schreibt nun:

„An der Wurzel der Resonanzerfahrung liegt der Schrei der Nichtversöhnten und der Schmerz des Entfremdeten. Sie hat ihre Mitte nicht im Leugnen oder Verdrängen des Widerstehenden, sondern in der momenthaften, nur erahnten Gewissheit eines aufhebenden >Dennoch<.“
(Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Berlin 2019 (2016), S. 322; Kursiv im Original)

Auch wenn die Differenz nur unscheinbar und marginal erscheinen mag und Rosa die folgende Interpretation nicht ganz gelten lassen würde, so zeigt sich doch in diesem Satz letztendlich eine hegelsche Denkfigur, die weniger in ein Substanz-, denn in ein Prozessdenken mündet. Das Subjekt „ist“ (mit seiner Resonanzerfahrung) zwar auch hier die „Differenz“ zu den Verhältnissen, entwirft sich aber nicht auf etwas Neues hin (was natürlich auch heißt, dass man in Freiheit scheitern kann), sondern erfährt sich als entfremdet. Während das „dezentrierte Subjekt“ in der (Wurzel der) Resonanz die Möglichkeit eines anderen Seins, die Pluralität anderer Ausgänge erfahren könnte, ahnt das Rosa-Subjekt die „Gewissheit eines aufhebenden >Dennoch<“. Und „Aufhebung“ heißt bekanntlich, so man hier einer hegelschen Lesart folgt, wozu Rosa allen Anlass gibt, die Subsumierung des geschichtlichen Seins als Baustein zu einem sich – durch die Negativität - vervollkommnenden Prozess. Die Freude und / oder der Schmerz liegt nicht im Handeln selbst, in der Freiheit des Handelns mit all seinen Unwägbarkeiten, sondern in der Gewissheit, dass vom Ende her gesehen sich noch etwas „aufheben“ lässt. Kurzum, in guter schwarzer Tradition der Dialektik der Aufklärung wird die Wurzel allen Seins mit Schrei und Schmerz amalgiert, um so den dialektischen Prozess zumindest mit einem moralischen Mehrwert auszustatten (wer leidet büßt).

Die Frage also: werden hier nicht jene Zugänge verschlossen, die mit dem Begriff der Resonanz als Anti-Überschreitungs-, Anti-Substanz- und Anti-Prozess-Begriff erfahrbar gemacht werden sollten? Resonant sprechen, wie?

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* So weist Joachim Bauer in seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“ darauf hin, dass die Erzeugung von Vorstellungen erst durch die Verbindung von Nervenzellen geschehen kann, wobei die Nervenzellen-Netzwerke in einer simultanen, synchronen und rhythmischen bioelektrischen Aktivität sich befinden müssen, damit eine Vorstellung entstehen kann (Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers; Frankfurt/M. 2002, S. 76). Bei der Frage, wie Säuglinge Signale „verstehen“ können, scheint es interessanter Weise so zu sein, dass die eigenen Säuglings-Körpersignale im Gehirn mit Signalen und Handlungen der Mutter verknüpft werden, wobei die Muttersignale und -handlungen den Empfindungen des Säuglings rückwirkend (!), so sie für den Säugling erfreulich und problemlösend sind, eine >Bedeutung< verleihen (Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers; Frankfurt/M. 2002, S. 87).

Das heißt, unsere ersten ‚inneren’ Vorstellungen sind von einem Außen abhängig, dass ihnen (rückwirkend) überhaupt erst Bedeutung verleiht. An dieser Stelle sei auch auf den britischen Psychoanalytiker D. W. Winnicott hingewiesen, der davon spricht, dass für das (psychische) Wohl des Kindes das Handeln der Mutter (oder einer anderen primären Bezugsperson) ‚gut genug’ sein muss. Die Mutter erfüllt die Wünsche des Kindes auf eine (keineswegs perfekte) Art und Weise, dass dieses im Laufe der Zeit die aufgeschobene Versorgung nicht als traumatisches Fehlen, sondern als Abwesenheit erfahren kann. Läuft alles gut, wird die Erfahrung der Abwesenheit und des “Kommens” (dessen was man sich wünscht, was wünschbar ist) als psychische Rahmenstruktur vom Kind übernommen, die auch und gerade dann ‘funktioniert’, wenn die Mutter nicht mehr da ist (siehe zum Beipsiel: D. W. Winnicott: Reifungsprozess und fördernde Umwelt; Frankfurt/M. 1990 (1960)).

** Insofern werden politischer Kämpfer und Kämpferinnen vermutungsweise wenig von neurotischen Problemen geplagt. Sicher, sie haben besseres zu tun. Aber: ist der Gedanke einer gewünschten Veränderung – und hier die Frage die an anderer Stelle anzugehen wäre: was ist eine gewünschte Veränderung - erst mal artikuliert und symbolisiert, verschwindet das Symptom (der Verdrängung).

31. Januar 2020