Vielleicht gibt es eine kollektive Imagination dessen, was für uns Heutigen das Nichts "ist" (Schon die erste Frage: Hat denn das Nichts ein Sein?). Und wahrscheinlich ist diese Imagination nicht weit entfernt von den Bildern, wie sie in der Verfilmung von Michael Endes "Unendlicher Geschichte" gefunden wurden. Die Welt (in diesem Fall eine Phantasiewelt) wird durch das dunkle schwarze "Nichts" zerstört. Immer größer werdende Teile der Welt verschwinden und zurück bleibt schließlich "Nichts". Das ist bedauerlich, ja bedrohlich und so muß der Held sich aufmachen, um das Nichts zu stoppen. Das Nichts muss aufgehalten werden; wo es auftaucht, droht der Untergang; wir erzittern.
Dass die Sache so einfach nicht liegt, bezeugt der Autor, Michael Ende selbst. Mit Blick auf seinen Roman und mit Bezug auf uns Europäer sagte er: "Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wieder erwecken und ein neues Phantásien, das heißt eine neue Wertewelt aufbauen“ (Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unendliche_Geschichte, Abruf:24.02.2021)
Der Vorschlag, in das Nichts hineinzuspringen, scheint mir keine einfache Angelegenheit zu sein. Ich weiß nicht, ob Michael Ende dabei an Martin Heidegger gedacht hat (in Bezug auf die neue Wertewelt jedoch eindeutig nicht, was dem Gedanken etwas von seiner öffnenden Kraft nimmt), der in seinem Buch „Der Satz vom Grund“ das Nichts auf seine Begründbarkeit hin befragte. Am Ende des Buches, nach einem langen und akribischen denkerischen Durchgang, schreibt Heidegger – wir vollziehen hier auch einen großen Sprung:
"Nichts ist ohne Grund. Der Satz sagt jetzt: Jegliches gilt dann und nur dann als seiend, wenn es für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand sichergestellt ist."
Heidegger, Martin. Der Satz vom Grund. 8. Aufl. Stuttgart: Neske, 1997, S. 196
Und - so die Schlussfolgerung die wir hier ziehen - weil das Nichts nicht als berechenbarer Gegenstand sichergestellt werden kann, ist es das Gegenteil von etwas Seiendem, nämlich Nichts. Vermutungsweise gilt aber im Umkehrschluss für eine nicht berechenbar-gründende Denkungsweise, dass das Nichts mehr „sein“ kann als nur Nichts. Also?
Leonard Cohen veröffentlichte 1992 auf dem Album „The Future“ den Song „Anthem“ mit den berühmt gewordenen Songzeilen:
“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”
Das ist zum einen ein schönes Statement gegen den modernen (zukunftsbezogenen) Perfektionswahn. Zum anderen geben die Zeilen auch eine Art Hoffnung oder Versprechen, das man jedoch ganz unterschiedlich interpretieren kann. Eine mehr christlich inspirierte Interpretation würde betonen, dass selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens (Angst, Schmerz, Armut, Krieg) das Licht des Guten auf die Dinge und / oder die Seele fällt (ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Interpretation in zahlreichen Predigten schon seine Auferstehung gefunden hat). Dies ist in letzter Konsequenz eine Erlösungsphantasie. Aber wenn man genau liest, ist es nicht das, was Leonard Cohen sagt. Es sagt nicht, dass selbst in die zerbrochenen Dinge ein Fünkchen Hoffnung hineinscheint, sondern, dass der Riss überhaupt erst die Bedingung dafür bietet, dass Licht hineinkommt.
Bevor ich mit dem 1897 geborenen (und 1982 in Jerusalem gestorbenen) deutsch-israelischer jüdischer Religionshistoriker Gershom Scholem fortfahre, sei daran erinnert, dass Leonard Norman Cohen, geboren 1937, gestorben 2016, nicht nur aus einer jüdischen Familie stammt, sondern dass sein Urgroßvater Lazarus Cohen in Litauen Lehrer an der örtlichen Jeschiwa (religiöse Hochschule) war.
Also Sholem: in einem einem kleinen Essay mit dem Titel "Schöpfung aus Nichts und Selbstverschränkung Gottes" führt er einen Aufweis über die spezifische - historisch-theologische - Verbundenheit des Schöpfungsgedankens mit der „Idee“ des Nichts und zugleich eine Auseinandersetzung mit unseren griechisch-jüdischen Wurzeln. Das Ganze ist ohne Frage sehr verwickelt, insbesondere weil Scholem es aufgrund der mystischen und kabbalistischen Implikationen, denen er primär nachgeht, sehr fachspezifisch erscheinen lässt. Aber wenn der Essay ein Zentrum hat, dann in der These, dass das „Nichts“ als ein Abgrund mehr ist, als ein „Nicht-Sein“ im landläufigen Sinne. Landläufig heißt: aus Nichts kann nichts werden. Oder auch: aus dem Nichts kann man nicht schöpfen. Oder auch: „von Nichts kommt Nichts“.*
Scholem weist gleich zu Anfang darauf, dass der Mythos und das „mythische Denken“ im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen keine Schöpfung aus dem Nichts kennen. Alles ist immer schon „da“ und in gewisser Weise vorbestimmt (Es gibt kein Nichts, sondern ein uranfängliches Chaos).
Im griechischen Denken gibt es die Kette von Schicksalsgliedern, die die Sterblichen an ihre Bestimmung bindet und unser Schicksal vorzeichnet. So sagt Sophokles in der Antigone:
"Erflehe nichts: Aus vorbestimmten Los
Vermag kein Sterblicher sich zu befrein."
Ebenfalls in dieser Spur läuft die stoische Vorstellung einer kosmischen Ordnung, in der wir unseren Platz erkennen und einnehmen müssen.
Hingegen setze die jüdisch-christliche Tradition auf die absolute Freiheit des Schöpfers. Creatio ex nihilo meint, dass die Schöpfung der Welt als Werk des Schöpfergottes absolut voraussetzungslos ist.
„Das Nichts, das die Schöpfung bedingt, das ist er (Gott) selbst.“
Scholem, Gershom. Über einige Grundbegriffe des Judentums. 1. Aufl., [Nachdr.]. Edition Suhrkamp 414. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993 (1970), S. 68
Schließlich wäre Gott kein allmächtiger, so er auf ein vorgängiges Sein angewiesen wäre. Andererseits müssen Sein und Nichts in Gott ineinander verschränkt sein und bleiben. Denn würde man die Verschränkung nach einer Seite hin auflösen, würde man die Freiheit Gottes einschränken oder ihn selbst zum verschwinden bringen. „Es gibt ein Nichts Gottes, das das Sein gebiert, und es gibt ein Sein Gottes, das das Nichts darstellt“, sagt Scholem in Bezug auf Rabi Asriel (ebd. S. 78)
Gott als vollkommenes Sein, also als ein in sich vollkommen gegründetes Sein, duldet eigentlich kein Nichts. Umso mehr die Frage: wie können Dinge bestehen, die nicht Gott selber sind. Antwort: Nur wo Gott sich „von sich selbst auf sich selbst“ zurückzieht, kann er etwas hervorrufen, was nicht göttlichen Wesen und göttliches Sein selber ist. (ebd. S 86)
Hierbei handelt es sich also um die Konzeption eines Gottes, der sich in sich selbst verschränkt, um Raum für die Schöpfung zu lassen. Scholem weist darauf hin, dass hier der Gottesgedanke nicht von einem unbewegten Gott ausgeht, sondern das Göttliche höchst lebendig werden lässt. Der „Rückzug“ Gottes bedeutet, dass Dinge außerhalb des Göttlichen Wesens existieren können, womit die unendliche Vollkommenheit seines Wesens punktuell beschränkt wird. Wenn man so will, hat Gott seine Freiheit für einen partiellen Verzicht seiner Allmacht genutzt, um auf der „anderen“ Seite auch eine wirkliche Freiheit entstehen zu lassen. Und so kommt es zu dem Paradox, dass ein perfektes Wesen seine Perfektion beschränkt, um eine Schöpfung im eigentlichen Sinne entstehen lassen zu können, ohne sie gänzlich loszulassen. Scholem führt diesen Gedanken wie folgt aus: „Es gibt kein reines Sein und kein reines Nichtsein.“ (ebd. S. 87)
Man kann das auch singen:
“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”
Und schließlich – dies ist keine Hymne auf die Erlösung, sondern auf die Freiheit.
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*An dieser Stelle ergibt sich auch eine Nähe zu Heidegger, was die schwierige Frage aufwirft, was Heidegger dem jüdischen Erbe schuldet. Dazu:
Zarader, Marlène. The Unthought Debt: Heidegger and the Hebraic Heritage. Cultural Memory in the Present. Stanford, Calif: Stanford University Press, 2006.
Sie argumentiert, dass Heideggers Seinsdenken auf Gedächtnis, Freundschaft und Gelassenheit beruht, also nicht so sehr das Seiende (die Inhalte) zum Gegenstand hat (was mit Berechnung, Repräsentation und Meisterschaft verbunden ist), sondern mehr eine bestimmte Denkungsart verkörpert. Dies umfasst laut Zarader mehr als nur die griechischen Ursprünge des Denkens (Logik etc.), was aber durch Heidegger insofern negiert wird, als das dieses Andere des (griechischen) Denkens dem griechischen Denken selbst als ungedachte Bedingung seiner Möglichkeit zu Grunde liegen soll (ebd. S. 193). Das biblische und jüdische Erbe wird somit Außen vor gelassen.
24. Februar 2021
Was bleibt von den gelesenen Büchern? Sind sie nützlich für das gewöhnliche oder gar das ungewöhnliche Leben? Was bleibt im "Geist" und für das Leben haften? Vermutungsweise: für das „wirkliche Leben“ – das vermutungsweise immer woanders ist - unmittelbar nicht viel, so man nicht ein Ratgeber-Buch erwischt hat, dessen Anweisungen man unverzüglich umsetzt. Andererseits würde die Fraktion der Ästheten- und Ästhetinnen-Fraktion darauf verweisen, dass es ist die unmittelbare und zuweilen nachhallende Lust beim Lesen selbst ist, die zum Leben hinzukommt, so dass zumindest der Buchkonsum keine Residualkategorie bildet.
Schließlich, so man sie nicht weggibt oder wegwirft, bleiben die Bücher natürlich als Gegenstand im Raum, meist in den eigenen vier Wänden, und damit in gewisser Weise auch übrig. Somit: ein Bücherregal eine Sammlung von Übrigkeiten.
Aber als Hegelianer, zu denen wir alle mal gemacht wurden*, muss man sich die Dinge natürlich aneignen, bzw. ‚der Geist`’ muss sich die Dinge aneignen, nicht zuletzt um die Widersprüche aufzuheben**. Unter post-modernen Vorzeichen ist dieser Vorsatz eine Art von Hybris, da – schon vor langer Zeit wurde uns das vermittelt – keine großen Erzählungen mehr existieren und die Signifikanz sich höchstens in Bruchstücken zu erkennen gibt, so man Glück hat. Es bleiben die Satz- und Ideenfragmente, die man aus den Buchseiten herausfischen, mit Klebezettelchen oder Anstreichungen markieren kann, um sie in andere Kontexte neu anzupflanzen, damit sie wachsen und zuweilen erblühen können.***
Also, ganz zufällig nach Jahren des einsamen Bücherregal-Dasein ist mir Christian Kracht: Faserland in die Hände gefallen. Ich weiß noch, dass mich das Buch, obwohl für meine Generation gemacht, damals unangenehm kalt gelassen hat. Das lag zum einen daran, dass das kulturelle Milieu der reichen, hochnäsigen, blasierten Internatsschüler (inklusive des Ich-Erzählers), die an Langweile und existentieller Leere leiden, wenig Identifikationsmöglichkeiten bot. Damit fiel der eine Pol der popkulturellen Dechiffrierungsmöglichkeit, wenn man Faserland – Fatherland, Faser, Fäden, Verwebungen, zerfasen, faseln – als postmoderne Popliteratur gelten lässt, weg.
Wenn das große JA der Popkultur, die Feier des Lebens durch Überschreitung und die Versicherung der eigenen Identität durch subtile Distinktionen, natürlich im Namen des wahren Lebens, nicht zugänglich wird, bleibt noch das große NEIN, d.h. der radikale Abgesang auf das So-Sein der Dinge. In Bezug auf Faserland liegt dieses Nein vielleicht in einer besonders vertrackten Form vor. Wenn man nicht davon ausgeht, dass es sich um eine rein beobachtende und oberflächliche Zeitgeistliteratur handelt, die sich mit seinen Protagonisten gemein macht, was bei der Klugheit des Autors schwer vorstellbar ist, so haben wir eine fast schon denunziatorisch zu nennende Literatur vor uns (in einem Interview spricht Kracht selbst von dieser Denunziations-Absicht; aber wer zahlt schon gerne auf das Wort des Autors ein), die uns Oberflächen-Menschen der unangenehmsten Art vor Augen führt, um uns für eine andere Art des Unbehagens an der Kultur zu sensibilisieren: Überdruss an einer gesättigten, aber sinnlosen Welt, bei gleichzeitiger Inanspruchnahme ihrer Annehmlichkeiten mit der schönen Voraussetzung, dass man sich diese Dekadenz auch leisten können muss.
Etwas verstörend an Faserland ist der Umstand, dass dieses So-schrecklich-wollen-wir-nicht-leben-Nein sich nicht auf die etablierte Welt der Elterngeneration bezieht, sondern auf eine Jugend, die doch dafür stehen sollte, neue Formen des JA und NEIN zu entwerfen, wie blödsinnig auch immer. Wenn der ‚Kern’ des Buches aus der Denunziation einer sinnlosen und abstoßenden Oberflächen-Dünkel-Jugend-Kultur bestehen sollte, ohne an irgendeiner Stelle den moralischen Zeigefinger zu heben, so gelingt das deshalb - jetzt also die These -, weil Kracht doch Teil dieser Kultur ist oder war und die Beschreibungen sich nicht nur der kühlen Distanz des teilnehmenden Beobachters verdanken, sondern einer gut verstauten Hass-Liebe. Ein bisschen Weltbindung, die zarte und treue Liebe zum Sein, waltet auch hier.
Jedenfalls - = an Vorangegangenes anknüpfend: nach, trotz dem, was vorher geschehen ist – wird mir Faserland als Jedenfalls-Buch in Erinnerung bleiben, was kein Zufall sein kann. Auf folgenden Seiten (insgesamt umfasst das Buch in dieser Ausgabe 158 Seiten) fängt ein Absatz mit "jedenfalls" an:
Seite 23
Seite 31
Seite 36
Seite 38
Seite 52
Seite 65
Seite 69
Seite 107
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Wer sucht, und ist das Lesen eines Buches nicht immer eine Suchbewegung, findet immer Dinge - vielleicht nicht die erhofften. Aber das macht, im Fall des Buches, seine Stärke und seine Schwäche aus.
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* Schon vor 40 Jahren benannte Botho Strauß dieses Problem wie folgt: “(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne Sie!)” Botho Strauß: Paare, Passanten; München / Wien 1988 (1981) S. 115
** Geist, an sich schon ein höchst problematischer Begriff – wer es verschnörkelt mag, dazu: Jacques Derrida: Vom Geist: Heidegger und die Frage. Frankfurt am Man, 1988. Des Weiteren: die Aneignung als Einverleibung hat natürlich einen kannibalistischen Zug; was man mag, ist nun ganz nah bei uns. Die Aufhebung ist zudem prozesshaft zukunftsorientiert – die Zukunft wird am Ende abgeschlossen, womit man sich auch die Zeit in gewisser Weise einverleibt. Wenn man zu Freud fortschreitet, heißt dort die Maxime „Durcharbeiten“: erst indem man der Vergangenheit nachträglich neue Zukunftsmöglichkeiten gibt, kann die Gegenwart sich breiter – zukunftsoffener - entfalten. Aneignen oder Durcharbeiten: das Material muss massiert werden.
*** So kann man zum Beispiel in der Stalin-Biografie von Simon Sebag Montefiore nicht nur erfahren, dass Stalin ein regelrechter Vielleser war und gute Literatur durchaus zu schätzen wusste (u.a. Wilde, Maupassant, Steinbeck, Hemingway, Tschechow, Hugo, Gogol, Balzac, Bulgakow, Zola, Goethe – Sebag Montefiore: S. 115 f.), sondern auch fleißig Anstreichungen und Anmerkungen vornahm: "Stalin war nicht nur der oberste Zensor, er genoss auch seine Rolle als Staatslektor, der endlos in Textvorlagen herumfuhrwerkte und nichts mehr liebte, als den Kommentar hinzukritzeln, der die Seiten seiner Bibliothek füllt - das höhnische Gelächter: 'Ha-ha-ha!'"
Simon Sebag Montefiore: Stalin: am Hof des roten Zaren, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 118
**** Christian Kracht: Faserland: Roman, München: Dt. Taschenbuch-Verl, 2014
31. Januar 2021
“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm
31. Dezember 2020
----------------------------------Dez
20.12.2020
Hans Blumenberg: "Es ist merkwürdig, dass Tagebücher, die im Dienst der Erinnerung zu stehen scheinen, die Gegenwarten ihrer Tage überschätzen."
06.12.2020
Man badet in einer Weltwanne voller Ungewissheiten.
----------------------------------Nov
22.11.2020
'Neue' alte Beatles-Songs entdeckt - wenn man neue Bruchstücke aus dem wohlbekannten (und vergangenen) Land seiner Jugend entdeckt, ist dies ein Stück Heimat.
14.11.2020
Der 'earth overshoot day' liegt für Deutschland inzwischen im April; d.h. würden alle Menschen wie in Deutschland leben, wären die Ressourcen der Erde schon im April aufgebraucht.
----------------------------------Okt
18.10.2020
Die Blätter beginnen die Farbe der Hoffnung zu verlieren, werden gelb oder rot, bevor sie zur Erde geweht werden. Corona setzt zum nächsten Sprung an.
03.10.2020
Eine Aneinanderreihung von persönlichen Belanglosigkeiten, die in der Summe mein Leben ergeben sollen - und noch schlimmer: mein Leben ergeben.
----------------------------------Sep
20.09.2020
Eine Woche fast ereignislos durchlaufen - wieder eine Woche geschafft, so als ob man die Lebensmühsal langsam abträgt, bis der Boden zu sehen ist, unter dem man schließlich begraben wird.
13.09.2020
(...) denn: bestehende Identitäten fühlen sich in Konflikten meist besonders wohl.
----------------------------------Aug
09.08.2020
Die beiden haben ihre Land-Ferien-Wohnung abgetreten, werden also nur noch als Gäste kommen. Auch hier: ein Abschnitt geht zu Ende, wer weiß, wie viele Sommer noch kommen.
02.08.2020
Mein neuer Begriff für das Corona-Dasein bei Sonnenschein: übersommern.
----------------------------------Jul
26.07.2020
Vorletzten Samstag mit der Fahrrad zur Post - ein herrlicher Sommertag: seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, fast überwältigend, dass die Welt, so wie sie ist und mir entgegenkommt, vollkommen in Ordnung ist; jede Pore meines Körpers vermittelt mir dies; selbst die Straßen und die Autos sind in ihrem So-Sein perfekt. Andere Stimmungen beißen Stücke ab, es normalisiert sich.
15.07.2020
Auf dem Land kommt der Chef der Heizungsbaufirma für ein Angebot vorbei. Er wirkt fast etwas kühl (ist schließlich der oberste Vertriebler), taut aber auf und erzählt schließlich, dass er noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau kaufen muss. Der Mann im Angesicht der Frau: ein ratloses Wesen.
----------------------------------Jun
14.06.2020
Das Leben ist ein Blindflug über hügeliges Gelände und am Ende kommt ein großer Berg.
01.06.2020
Wer wäre nicht gerne Zuschauer seiner eigenen alternativen Lebenswege. Wahrscheinlich könnte man das entstehende Grundsetting anhand einiger kurzer entscheidenden Szenen erklären. Der Rest des Lebens wäre mehr oder minder stumpfe Wiederholung unserer mentalen und körperlichen Routinen.
----------------------------------Mai
16.05.2020
Gestern die Netflix-Serie Hollywood angefangen. (...) Eine ergreifende Szene, in der einer der Hauptdarsteller einer - ihn für Sex bezahlenden - Frau erklärt, warum er Schauspieler werden will. Als Kind ins Kino gegangen zu sein und gespürt und gewußt zu haben, dass das Leben da draußen auf dich wartet, dass das wahre Leben 'da' ist, dass man dort die wirkliche Lebendigkeit erfahren wird.
Hört das Leben nun auf oder fängt es wirklich erst an, wenn die Suche nach dieser Art von Lebendigkeit sich verflüchtigt.
03.05.2020
Die Corona-Festspiele gehen weiter. Die Informationen darüber, wie und was das Virus 'ist', welche Maßnahmen erhalten, modifiziert oder beendet werden können, welche Auswirkungen das wiederum haben wird - all dies bleibt teilweise sehr widersprüchlich und undurchsichtig.
----------------------------------Apr
18.04.2020
Wie schrieb ein Autor im Sezessions-Blog mit Bezug auf die immer noch alles überlagernde Corona-Krise: "Man darf als Mensch auf Hilfe hoffen, nicht aber auf ewige Gesundheit." Ich werde sehen, ob meine Gesundheit noch etwas am Rand der Ewigkeit kratzen darf.
05.04.2020
Laut einem Virologen ist das Virus, nimmt man die Älteren über 80 und die Menschen mit Vorerkrankungen heraus, nicht tödlicher als ein normaler Grippevirus. Wirtschaftlich bleiben die Folgen unabsehbar - ein Ökonom spricht davon, dass die Auswirkungen des Shutdowns uns die nächsten 10 Jahre beschäftigen werden.
----------------------------------Mrz
08.03.2020
Aber keine Panik, Ruhe bewahren, das Weltende kommt sowieso - die Sonne brennt noch 5 Milliarden Jahre und auf der persönlichen Ebene liegt die Mortalitätsquote immer noch bei 100 %.
01.03.2020
Ansonsten schwebt die dunkle Wolke des Coronavirus über Deutschland, Europa und der Welt. Am Samstag drängte G. tatsächlich auf Hamsterkäufe, so dass wir jetzt gut versorgt mit Reis, Linsen, Nudeln und diversen Dosen sind. H. hat seine Aktien verkauft, weil die Weltwirtschaft einzubrechen droht.
----------------------------------Feb
24.02.2020
Ich sollte wieder regelmäßig am Tagesanfang dafür beten, dass die (persönlichen) Tragödien und Katastrophen doch ausbleiben (oder zumindest aufgeschoben werden).
02.02.2020
Welch ein schönes Datum, postdigital, nur 0en und 2en. In der Wochenzeitschrift die Wiedergabe eine Kafka-Bemerkung: "Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für mich."
----------------------------------Jan
11.01.2020
Hegen, pflegen, kümmern, sorgen und dann der Impuls, dass die Welt mich mal kreuzweise kann - aber um ehrlich zu sein: gefährlich wird es erst, wenn das Land der Gleichgültigkeit sich großflächig ausbreitet.
06.01.2020
Die letzten drei Tage schaut mich das Wetter trüb, nass und halbkalt an, als wollte das neue Jahr wettervermittelt mitteilen, dass es nur bergauf gehen kann.
30. Dezember 2020
Wenn etwas über Jahrzehnte im Gedächtnis bleibt, kann man es wohl als nachhaltig bezeichnen. So diese vielzitierten Sätze von Oscar Wilde: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ ("Everything is going to be fine in the end. If it's not fine, it's not the end.") Es ist die ausgebaute Variante der Sentenz „Ende gut, alles gut“, wobei dieses „Egag“ vordergründig davon ausgeht, ganz zukunftsoptimistisch, dass allein schon die Finalität, also die Abgeschlossenheit einer Handlung, eines Projekts, eines Vorhabens usw. für die Erfreulichkeit des Ausgangs bürgt. Doch das „Ende gut, alles gut“ wird meist in einem etwas anderen Zusammenhang gebraucht, nämlich um zu betonen, dass der Weg zum guten Ende keineswegs ein leichter war, oder um daran zu erinnern, dass zwischendurch Nichts, oder nicht viel nach einem guten Ende ausgesehen hat. In der englischen Version wird dieser Bedeutungsstrang offensichtlicher, da es dort heißt: „All's Well That Ends Well“. Ganz dialektisch gesehen sind alle Verwicklungen, Probleme, Unmöglichkeiten, Fraglich- und Mutlosigkeiten, Depressionen und Versagensängste usw. letztendlich nur notwendige und daher im Nachhinein zu akzeptierende, zu bejahende Schritte auf dem Weg zum guten Ende. „Egag“ ist so gesehen die retrospektive Antwort auf das aufmunternde: „Wird schon gut gehen“ (Kölsche Version: „Et hätt noch immer jot jejange“).
Willkommen im richtigen Leben. Denn: die meisten Dinge, Vorhaben und Projekte laufen nicht glatt, sondern werden von allerhand Misslichkeiten begleitet und können Scheitern, was sie auch manchmal tun. Oscar Wilde hat die Möglichkeit eines guten Endes, das, wie wir oben gesehen haben, zumindest gleichwertig von der Möglichkeit eines traurigen Scheiterns begleitet wird, auf eine moderne Art und Weise fortgeschrieben. Das Scheitern sei demnach nur eine Form des falschen Timings, der fehlende Glaube an die Erlösungsfähigkeit allen Geschehens: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Oscar Wilde hat in diesen Sätzen zwei Züge der Moderne perfekt zur Geltung gebracht und auf eigentümliche Weise kombiniert. 1. Absoluter Fortschrittsoptimismus - der Hegelsche Weltgeist kommt sogar ohne das Jüngste Gericht aus; dafür aber mit Dialektik und Verzeitlichung (Prozeß) 2. Die Ironisierung der Zustände – wir wissen um die Fatalitäten des Lebens und um die Fragilitäten aller Gewissheiten. Der unausgesprochene dritte Wildesche Satz müsste lauten: „Vielleicht erlebst Du es sogar, das gute oder Dein gutes Ende.“
Nun ist das mit dem guten Ende für die Welt als Ganze eine sehr schwierige Sache. Nachdem die Fans eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens in den letzten Jahrzehnten an Zahl und in mit Bezug auf ihre Überzeugungsfestigkeit eher abgenommen haben dürften, tendiert der gemeine Wohlstandsbürger jedoch umgekehrt zu einer zu pessimistischen Weltsicht, könnte man meinen, so man Hans Rosling folgt. Dieser hat anhand umfangreicher Statistiken nachgewiesen, dass die Umstände (Lebenserwartung, Lebensniveau, medizinische Versorgung, Ausbildung) in vielen Bereichen sich durch die Jahre weit besser entwickelt haben, als wir annehmen (Siehe: Hans Rosling/ Anna Rosling Rönnl/ Ola Rosling: „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ Ullstein, Berlin 2018).
Allein beim Thema Ökologie, Ressourcenverbrauch und nachhaltige Lebensweisen sehen die Daten nicht ganz so rosig aus (siehe auch den von Rosling genutzten Datenpool: https://www.gapminder.org/data/), weshalb Rosling diese Themen eher defensiv diskutiert. Zum ansteckenden Optimismus gibt es wenig Anlass. Schaut man sich zum Beispiel den Earth Overshoot Day für 2020 an, also den Tag im Jahr, an dem die versammelte Menschheit ihr Ressourcen-Budget aufgebraucht hat, so fällt dieser auf den 22. August (sprich: am 22. August hat die Menschheit die von der Erde erneuerbaren Ressourcen aufgebraucht). Noch 1987 fiel der Earth Overshoot Day auf den 19. Dezember. Für Deutschland wurde dieses Jahr, vorbehaltlich der „Corona-Effekte“, der 3.Mai errechnet (d.h. wenn alle Menschen so wie die Deutschen leben und wirtschaften würden). Hinzu kommt: CO2 Ausstoß und der damit prognostizierte Klimawandel, Mikrosplastik in den Meeren, Artensterben und, und, und …
Aber auch hier leistet die Zitat-Waffe wertvolle Dienste, wenn es bei Hölderlin heißt:
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Die jungen Menschen haben das Rettende erstmal auf den Freitag ge- und verlegt, während der Rest sich mit weniger sichtbaren Zeichen um bessere Zustände bemüht (An dieser Stelle müsste man mit und gegen Hölderlins „Ein Zeichen sind wir, deutungslos“ sagen, dass die Zeichen schon gesehen und gedeutet werden wollen und sollen):
- Wir kaufen umweltfreundlich verpackte Waren
- Wir verzichten beim Einkauf auf Plastiktüten
- Wir stellen Rekorde im Schnellduschen auf
- Wir wechseln zu einem Ökostromanbieter
- Wir nutzen vermehrt Glas- statt Plastikgefäße
- Wir trinken Leitungswasser
- Wir versorgen uns mit Lebensmitteln aus der Region
- Wir fahren vermehrt mit dem Fahrrad
- Wir trennen den Müll
Wir spenden für die grüne Welt Inzwischen kann man auch diverse Bücher kaufen, in denen diverse Listen für ein nachhaltiges Leben zusammengestellt sind (Wäre das nicht noch ein Weihnachtsgeschenk?). Zuweilen sind es jedoch die gleichen engagierten Ich-tue-etwas-für-die-Umwelt-Menschen, die sich zwei Tonnen schwere Autos kaufen, die Flugreisen nach Südafrika, Australien und Südamerika gemacht oder geplant haben, die sehr viel Wert auf ein gepflegtes Einfamilienhaus mit entsprechender Wohnfläche legen und, und, und …
Aber wer möchte ernsthaft über die Doppelmoral des gemeinen Lebens sprechen und hier zur Anklage übergehen? Das hieße Kapital aus einer billigen Ausgangslage schöpfen. Schon ahnt der Leser, dass der sensible Autor auf die eigenen Widersprüche überleiten möchte, mit denen wir uns doch alle mehr oder minder in vielfältigen Lebenskonstellationen herumplagen müssen (also nicht nur in Bezug auf die Nachhaltigkeit): die kleinen Alltagslügen, die faulen und bequemen Kompromisse, die regressionsgesättigten Unterhaltungsparadiese usw. Lieb hat sich, wer seine Schwächen akzeptiert; Idiot ist, wer sich darin wohl fühlt usw. Psychologische Leitplanken für das gelingende Leben gibt es reichlich, auch in Buchform (Wäre das nicht noch ein Weihnachtsgeschenk? Part II).
Aber nein, hier wird nicht wie vorgesehen abgebogen. Der Twist, um uns auf der Höhe der Zeit zu halten, ist hier ein anderer. Um mit den mehr „konservativen“ Lebensweisheiten zu beginnen. Das Leben ist nicht immer gerecht. Und: Schmerz und Leid sind Teil des Lebens. Dem Konservatismus wird zuweilen vorgeworfen, Dinge zu naturalisieren und damit zu verstetigen, die in unserer Hand liegen und damit auch zu ändern sind. Das mag zum Teil richtig sein - wobei schon die „Handlungsidee“ ein „schwieriges“ Thema ist und in den seltensten Fällen annähernd ausreichend bedacht wird -, lenkt aber davon ab, dass die Akzeptanz bestimmter Lebensunumgänglichkeiten zu einer besseren Wirklichkeitswahrnehmung führt (und auch hier: die Antwort darauf, was Wirklichkeitswahrnehmung „ist“, ist keinesfalls trivial). Das fängt damit an, dass die Erde, trotz aller Dinge, die wir ihr zumuten, auch weiterhin in irgendeiner Form existieren wird. Die Folgen unserer jetzigen westlichen Lebensweise mögen für Flora und Fauna (und auch für uns selbst) gravierende sein, die Erde „stört“ das wenig. Die Erde ist ein physikalisch robustes Ding. Die Erde wird erst dann untergehen, wenn die Sonne sich zu einer Supernova aufbläht.
Kein Grund also im Namen einer leidenden Erde permanent unser moralisches Gewissen nachzuschärfen. Auch nimmt sich der erhobene ökologische Zeigefinger mitunter als Kompensationsleistung für das eigene misslingende Leben aus, s.o. Denn wie soll man individuell auch etwas geradebiegen, was auf einer grundlegenderen Ebene sehr sattelfest kodiert ist. Zwar mag oberflächlich gesehen unsere Gesellschaft auf große Flexibilität ausgerichtet sein, jedoch wird weder wirtschaftlich noch kulturell die Variable Wachstum ernsthaft in Frage gestellt. Von Verzicht ist weiterhin kaum die Rede. Das ausgerechnet der technische Fortschritt nicht nur für Ressourceneffizienz, sondern auch für großflächige Ressourcen-Einsparungen sorgen soll, wo er doch seit Jahrzehnten den Ressourcenverzehr zuverlässig ankurbelt, ist daher mehr Hoffnung denn begründetes Wissen.*
Und so werden wir – Europa, der Westen - vielleicht in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft feststellen müssen, dass unsere Lebensweise nicht nur für inakzeptable Produktions- und Reproduktionsbedingungen an anderen Erdenrändern verantwortlich ist, worauf wir uns in einem Akt der moralischen Großzügigkeit zum Beispiel um einen besseren Konsum und ein besseres Lieferantenmonitoring bemüht haben, sondern, dass diese Länder Ressourcen für sich beanspruchen, von denen wir glaubten, dass sie primär uns zustehen. Jenseits von Zynismus wird man vermuten können, dass der Megatrend der Nachhaltigkeit dann abgelöst wird von einer knappheitsbedingten Verteilungsfrage, bei der die moralische Komponente – bitte uns auch etwas abgeben – nur noch eine Randnotiz sein wird. Wer weiß schon was eine ungewisse Zukunft bringt; der prophetische Ton bleibt so, was er schon immer war: eine Art billige Beruhigung oder auch: eine billige Verheißung. Aber um am Ende auf das Ende zu kommen, könnte man in Abwandlung eines Wolfgang Herrndorf-Satzes sagen: „Alles wird am Ende gut, nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle.“**
Diesen Gedanken auch in Nachhaltigkeitsfragen in Erwägung zu ziehen, hieße sich auf einen anderen Ausgang vorzubereiten und nicht auf ein universell gutes oder schlechtes Ende.
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* Wenn man sich die Ressourcenfrage am Beispiel "Auto" vor Augen führt, werden die Dimensionen sichtbar. Zur Zeit gibt es auf der Welt über 1,3 Milliarden Autos (u.a. https://www.live-counter.com/autos/). 1970 betrug die Zahl noch ca. 250 Millionen, 1980 410 Millionen, 1990 580 Millionen, 2000 753 Millionen, 2010 1 Milliarde (https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftszahlen_zum_Automobil). Dabei werden zur Zeit jährlich ca. 70 Millionen neue Autos weltweit gebaut ( 2017 73 Millionen / 2018: 70 Millionen / 2019: 67 Millionen. Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/159780/umfrage/weltweit-jaehrlich-hergestellte-pkw/). Davon wurden in Deutschland 2019 von deutschen Herstellern ca. 4,7 Millionen im Inland produziert (https://www.vda.de/de/services/zahlen-und-daten/jahreszahlen/automobilproduktion.html). Zur wichtigen Frage, wieviel Ressourcen die Herstellung eines Autos wirklich benötigt, ist die Datenlage natürlich begrenzter, da es sich zum einen um ein komplexes Thema handelt, bei dem es nicht reicht, Stück- oder Zulassungszahlen zusammenzutragen. Zum anderen veröffentlicht die Automobilindustrie zwar Zahlen, die ihre steigende Ressourceneffizienz belegen, geben aber kaum an, wieviel Ressourcen absolut gesehen auf die Produktion eines konkreten Automodells entfallen.
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH hat 2007 im Rahmen einer Förderprojekts, das u.a. von Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wurde, diese Frage untersucht. Die Kenngröße ist dabei die TMR (Total Material Requirement), in der versuchsweise alle Stoff- und Energieströme miteinbezogen worden sind (die Studie ist verfügbar unter: https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/2702/file/2702_Automobilsektor.pdf). Ergebnis: Allein für die Produktion werden zwischen 18.000 kg TMR (Kleinwagen) bis 43.000 kg TMR (Oberklassewagen) verbraucht. Rechnet man die anschließende Nutzung mit einer Laufleistung von 150.000 km mit ein (inklusive Benzin-, Diesel- und Ölverbrauch), dann kommt man auf ein Gesamt-TMR (Herstellung und Nutzung) zwischen 31.000 kg bis 62.000 Kg. Auch wenn man die Richtigkeit dieser Zahlen nicht umfänglich belegen kann, auch wenn man in Anschlag bringt, dass es eine politische Stoßrichtung der Studie gab (Ressourcenschonung) und auch wenn man schließlich zugesteht, dass die Hersteller sehr viel effizienter mit den Ressourcen umgehen (jedoch: zwischen 1980 und 2010 wurden die Fahrzeuge um 30 bis 50 % schwerer, was den Ressourceneinsparungseffekt aufbrauchen dürfte: siehe: https://vcoe.at/service/fragen-und-antworten/wie-viele-ressourcen-werden-bei-der-pkw-produktion-verbraucht Dort wird davon ausgegangen, dass ein 1,5 Tonnen-Auto im Schnitt 70 Tonnen an Ressourcen verbraucht) grenzt diese Art der Individual-Mobilisierung an Wahnsinn.
Natürlich kann man darauf hoffen, dass es mit technischen Lösungen gelingt (E-Mobilität, umfassende Kreislaufwirtschaft, neue Materialien), das (automobile) Ressourcen- und Nachhaltigkeitsproblem zu lösen. So heißt es auf der Webseite der Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit halbwegs optimistisch: " Studien zeigen: Auch bei einem schnellen weltweiten Zuwachs an Elektrofahrzeugen und anderen Elektrogeräten übersteigen die weltweiten Vorkommen an den für die Elektromobilität wichtigen Rohstoffen, also etwa Lithium, Kobalt oder Gallium, den prognostizierten Bedarf deutlich." (https://www.bmu.de/themen/luft-laerm-verkehr/verkehr/elektromobilitaet/ressourcenbilanz/). Andererseits sieht die Ressourcenverfügbarkeit anderer wichtiger Rohstoffe nicht ganz so gut aus. Die statistische Reichweite von Erdgas: 51 Jahre, Erdöl 54 Jahr, Kupfer: 43 Jahre, Chrom: 13 Jahre, Uran: 26 Jahre, laut Wikipepdia (Werte ausgehend von 2018 - https://de.wikipedia.org/wiki/Reichweite_(Rohstoff)). In einem Artikel der Welt aus dem Jahre 2017 heißt es: "Demnach hat sich der Bedarf der Menschheit an Energierohstoffen, an Baustoffen und Metallen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts verzehnfacht auf nun etwa 85 Milliarden Tonnen pro Jahr. Allein in den vergangenen 30 Jahren hat sich der Bedarf an natürlichen Stoffen wie Kohle, Kupfer oder Holz damit verdoppelt." Und weiter "Laut UN-Prognose dürfte sich der Ressourcenverbrauch deshalb bis 2030 noch einmal mehr als verdoppeln auf dann 186 Milliarden Tonnen." (https://www.welt.de/wirtschaft/article162921498/Unserer-Welt-gehen-die-Rohstoffe-aus.html).
Wie in der Vergangenheit schon geschehen, wird man neue Rohstoffquellen entdecken und mit Hilfe neuer Techniken auch heben können; es werden Alternativmaterialien gefunden werden; die technischen Möglichkeiten des Recyclings werden zunehmen. Kurzum: im Prinzip handelt es sich nicht um unlösbare Probleme; kein Fatalismus, dem das Wort geredet werden muss. Jedoch ist zu bezweifeln, dass man global gesehen ohne Verzichtsleistungen der industriellen und post-industriellen Nationen, von denen zurzeit wenig zu sehen ist, diese Ausrichtung wird flächendeckend umsetzen können. Bis dahin begnügen wir uns damit, die Papiertüte zu greifen, um die Weihnachtsgeschenke nach Hause zu tragen.
** Im Original: „Alles ist gut, nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle.“ Wolfgang Herrndorf: Sand; Berlin 2011, S. 118
30. November 2020
Noch etwas Zeit haben
Christlich gesehen steht die Apokalypse noch bevor. Man könnte aber auch sagen, dass die Christenheit seit 2.000 Jahren – manche würden sagen: vergeblich – auf die Apokalypse wartet. Während man die Offenbarung des Johannes als Antwort auf die Frage verstehen kann, wie in einer dem Christentum feindlich gesinnten Umwelt der christliche Gott dem christlichen Menschen und seinen Feinden seine Macht (und alttestamentarische Stärke) zeigen kann und zeigen wird, und das in einer weltlichen, also von allen Menschen geteilten Form, so gibt es zugleich eine weitere christliche Antwort, die das „Erlösungs-Versprechen“ der Apokalypse zeitlich relativiert. Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass es der Missionar Paulus ist, der diesen anderen Akzent setzt. Denn schließlich geht es (ihm) nicht nur darum, sich seines eigenen Seelenheils zu vergewissern oder eine in sich geschlossene, randständige post-jüdische Sekte zu kreieren, sondern um die frohe Botschaft, welche allen Menschen, auch den Nichtjuden verkündet werden soll. Dieser mehr „politische“ Ansatz knüpft die Bande zur Welt wiederum stärker. Daran zu sehen, dass Paulus nicht nur christliche Gemeinden gründet, sondern diese durch seine Briefe auch immer wieder instruiert. Wenn Paulus sich also im Wahlkampfmodus für das Christentum befindet, dann könnte das bevorstehende Ende der Welt eine demotivierende Färbung für all jene darstellen, die, vielleicht durchaus offen für neue Heilsideen, noch nicht mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Zudem wird jede Organisationstheorie nachweisen können, dass die sorgfältige Beschäftigung mit den Anforderungen einer gemeinsamen Unternehmung, und jede christliche Gemeinde ist das auch, durch die bevorstehende Abwicklung dieser Organisationsform zum baldigen Stillstand kommen wird.
Paulus schreibt also in seinem zweiten Brief and die Thessalonischer, dass sich die Gemeinde nicht verwirren lassen soll durch Aussagen, die da behaupten, dass der Tag des Herrn, also das Jüngste Gericht, schon (fast) da sei. Dagegen führt Paulus folgendes ins Feld.
„Ihr wisst auch, was ihn jetzt noch zurückhält, damit er erst zur festgesetzten Zeit offenbar wird. Denn die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch zurückhält.“
2. Thess 2,6-7, Lutherbibel
Die Argumentation ist gar nicht so einfach zu verstehen und bleibt letztendlich etwas rätselhaft. Auf einen einfachen Nenner gebracht, lautet sie: Bevor Christus wieder erscheint und die Erlösung naht, betritt noch der „Widersacher Christi“ (der Antichrist) die Bühne und wird eine Zeitlang herrschen. Dieser Widersacher ist die notwendige Bedingung für alles weitere, letztendlich auch für die Erlösung, wird aber zur Zeit noch aufgehalten (Luther: zurückgehalten), so Paulus. Durch wen oder was wird der Antichrist aufgehalten? Durch das oder den Katechon, also durch ein Prinzip oder eine Person. Paulus hat der Gemeinde und den Christen damit etwas Zeit verschafft und ihnen eine schöne Paradoxie geschenkt. Denn einerseits ist klar, dass alles was gegen das inkarnierte Böse kämpft und es aufhält auf der Seite der göttlichen Ordnung steht und unterstützt werden muss. Andererseits sorgt die Bekämpfung zugleich für den Aufschub der Erlösung, die an die vorhergehende Erscheinung des Satans gebunden ist. Und schließlich: wie und warum kämpfen, wenn, so das Erlösungsversprechen gilt, das absolut Böse irgendwann unumgänglich kommen wird.
Das Schöne an den obigen paulinischen - nennen wir es - politischen Briefzeilen ist, dass sie sich in der Folgezeit als brauchbar erweisen sollten. Denn wie von Paulus erhofft, trat das Christentum seinen Siegeszug an und entwickelte sich zu einem staatstragenden Element. Wenn die Welt nun keine mehr ist, in der Christen als Mitglieder einer randständigen Sekte getötet und ermordet wurden, dann kann die Weltverfassung nicht so schrecklich sein. Oder vielmehr: wenn die Welt und die Institutionen das Christentum unterstützen und von ihm durchdrungen sind, dann wäre es sicherlich gut, dieser Konstellation auch göttliche Legitimität zukommen zu lassen.*
Von daher ist es plausibel, dass der Katchon vom Frühchristentum nun auf das Römische Reich bezogen wurde. Immerhin wurde der Restwelt so die Chance geboten, die frohe Botschaft und die göttlichen Gebote noch rechtzeitig vernehmen zu können. Diese Interpretation des Katechon wurde bis ins Mittelalter weiter getragen und popularisiert, da man nun die römische Reichsidee samt Legitimationspotential auf die Nachfolgereiche übertragen konnte, also auf die karolingischen, ottonischen und staufischen Nachfolger (translatio imperii).
Populisator Schmitt
Vielleicht wäre der Begriff des Katechon als ein theologischer mit angrenzenden Spezialdiskursen in Vergessenheit geraten, hätte er im 20. Jahrhundert nicht durch die Entortungserfahrungen der Weimarer Republik innerhalb konservative Kreise wieder Auftrieb bekommen. Damit im Zusammenhang, jedoch noch wichtiger, da von größerer Resonanz, dürfte die Beschäftigung Carl Schmitts mit dem Katechon gewesen sein. Obgleich es keinesfalls so ist, dass Schmitt diesen Begriff systematisch entwickelt hätte, taucht er in seinem Werk an verschiedenen Stellen auf. In dem Buch „Die Politische Theologie des Paulus“ spricht Jacob Taubes davon, dass Schmitt 1932 die radikalen Kräfte des Kommunismus und des Nazismus verhindern wollte und stattdessen ein Präsidialregime vorschlug. Daran anknüpfend schreibt Taubes:
„Das Interesse von Schmitt war nur eines: dass die Partei, dass das Chaos nicht nach oben kommt, dass Staat bleibt. Um welchen Preis auch immer. (…) Das ist das, was er später das Kat-echon nennt: der Aufhalter, der das Chaos, das von unten drängt, niederdrängt.“
Jacob Taubes: Die politische Theologie des Paulus: Vorträge, gehalten an der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, 23.-27. Februar 1987. München: Wilhelm Fink, 1993, S. 139
Neben dieser geschichtlichen Erfahrungen, die zur Verwendung des Begriffs führt, fügt sich das Katechon aber auch in das Schmittschen Theoriegebäude ein, insofern er davon ausgeht, dass die wichtigen Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe sind. So wie man den Forschritt, den Fortschrittsglauben und die damit verbundenen Vollendungsideen als eine säkularisierte Form der jüdischen und christlichen Eschatologie begreifen kann, so kann auch das Katechon dazu dienen, (staatliche) Souveränität und Entscheidungsgewalt im Angesicht des Chaos zu legitimieren (siehe das obige Zitat von Jacob Taubes). Allerdings stellt sich hier die Frage, inwiefern Schmitt mit dem Konzept des Katechons seinen eigenen Theorieanspruch unterläuft. Wenn Schmitts politische Theologie darauf zielt, einen legalen Positivismus / positivistischen Legalismus und eine instrumentelle Vernunft zu kritisieren, so fragt sich, ob die Aufrechterhaltung der Ordnung um jeden Preis nicht auch einem Instrumentalismus, einem Ordnungsinstrumentalismus verfällt. Von daher ist es dann nicht überraschend, wenn Helmut Schelsky in Schmitt den deutschen Hobbes des 20. Jahrhunderts erkennen will.**
Wenn es um die Legitimation der Ordnung geht und man nicht per se jedweder Ordnung durch ihr faktisches Bestehen und damit durch ihre Ordnungsleistung Legitimität zusprechen möchte, dann fragt sich, wie in der politischen Theologie, die von einer Unverzichtbarkeit der Transzendenz (und von der Unmöglichkeit der rationalen Letztbegründung unserer Lebensweisen) ausgeht, Legitimität als „vertikaler Zuspruch“ gedacht werden kann. Wie kommt göttliche Herrschaft zur Erscheinung? Wenn nicht jede „Ordnung an sich“ die Wahrheit in sich trägt, welche Wahrheit muss sich in der Ordnung erkennbar manifestieren, um legitim zu sein?
Interessanter als diese fragliche Legitimitätszuspitzung sind jedoch die Ausführungen, die Carl Schmitt in seinem 1950 erschienenen Buch der „Der Nomos der Erde gibt.“ In den einleitenden Corollarien heißt es über die Respublica Christiana:
„Die umfassende völkerrechtliche Einheit des europäischen Mittelalters wurde Respublica Christiana und Populus Christianus genannt. Sie hatte klare Ortungen und Ordnungen.“
Schmitt, Carl. Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. 3. Aufl., unveränd. Nachdr. der 1950 ersch. 1. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot, 1988, S. 27
Auf den folgenden Seite wirft Schmitt anhand der beiden Stränge, Ortung und Ordnung, und den daran anknüpfenden Unterscheidungen und Ordnungsreihen wie Imperium und Sacerdotium, Kaiser und Papst, potestas und autctoritas (letztendlich auch Legalität und Legitimität) ein Blick auf die christlich mittelalterliche Geschichte. Er betont, dass diese beiden Reihen keineswegs Gegensätze, sondern die Einheit der Respublica Christiana bildeten. Das Resultat dieser Bezogenheit von Ortung und Ordnung ist die spannungsvolle und produktive zeitliche und räumliche Begrenzung des Seins, die so vor der Überspannung einer Immanzversuchung oder einer spirituellen (christlichen) Anarchie (Apokalypseversuchung) bewahrt. Dieser spannungssichernde Überspannungsschutz kommt in der Form des Katechons zum Vorschein. Schmitt schreibt:
„Ich glaube nicht, dass für einen ursprünglich christlichen Glauben ein anderes Geschichtsbild als das des Kat-echon überhaupt möglich ist. Der Glaube, dass ein Aufhalter das Ende der Welt zurückhält, schlägt die einzige Brücke, die von der eschatologischen Lähmung alles menschlichen Geschehens zu einer so großartigen Geschichtsmächtigkeit wie der des christlichen Kaisertums der germanischen Könige führt.“ Schmitt, Carl. Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. 3. Aufl., unveränd. Nachdr. der 1950 ersch. 1. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot, 1988, S. 29
Das Katechon zeigt uns sowohl unsere Abhängigkeit - Apokalypse und Gnade sind nur zwei Zeichen dieses Ausgesetztseins -, als auch unsere Handlungspflicht - das Katechon ist Teil der göttlichen Ordnung - und unsere Handlungsmöglichkeiten. Als Aufruf in die Welt zu wirken ruft das Katechon nicht zur Fertigstellung der Welt auf, sondern dazu, das Schlimmste zu verhindern. Das heißt, dass kein Mensch (zu früh) der Hölle auf Erden ausgesetzt werden soll, was wiederum Missionaufgaben nach sich zieht. Kurzum, die Erfahrung des Aufschubs ist zugleich eine, die besagt, dass in der Welt noch etwas aussteht und etwas im Kommen ist (der Ausblick auf das Ende ist auch ein Ausblick auf den noch ausstehenden Sinn und die noch ausstehende Gerechtigkeit, so wie der Sinn eines Satzes nur von seinem Ende her sich bestimmt).
Wenn die weltlichen Dinge ihr eigenes Recht haben, so heißt das nicht, dass das Katechon nicht auch in dieser Sphäre zurückwirkt. Der politische Binnnenraum wird zivilisiert, obgleich er nicht homogenisiert wird.
„Wesentlich ist, dass innerhalb des christlichen Bereiches die Kriege zwischen christlichen Fürsten umhegte Kriege sind. Sie werden von den Kriegen gegen nichtchristliche Fürsten und Völker unterschieden. Die internen, umhegten Kriege heben die Einheit der Respublica Christiana nicht auf.“
Schmitt, Carl. Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. 3. Aufl., unveränd. Nachdr. der 1950 ersch. 1. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot, 1988, S. 28
Ein Feind, der die umfassende Ordnung nicht aufhebt oder bedroht, also der einen umhegten Krieg veranlasst, verkörpert nicht das Böse. Zudem bildet die Respublica Christiana, als eine Einheit von Imperium und Sacerdotium, keine zentralistische Machtanhäufung aus, wie Schmitt betont. Stets handelt es sich um konkrete Aufgaben und Missionen, die aus dem Katechon entspringen, und die den Träger zwar erhöhen, aber nicht auf einer weltlichen Ebene dauerhaft über die anderen Fürsten und Könige erhebt, so Schmitt weiter. Der Auftrag kommt aus einer anderen Sphäre und die damit verbundenen Leistungen können machttechnisch nicht konserviert werden.
„Der Kaiser kann daher auch (…) nach Vollendung eines Kreuzzuges seine Kaiserkrone in aller Demut und Bescheidenheit niederlegen, ohne sich etwas zu vergeben.“
Schmitt, Carl. Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. 3. Aufl., unveränd. Nachdr. der 1950 ersch. 1. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot, 1988, S. 31 f.
In diesem Sinne kann die aus dem Katechon entsprungene Legitimität wiederum nur temporär in Anspruch genommen werden, um sie nach der Erledigung der Aufgabe, man könnte auch sagen, nach Bewältigung der außerordentlichen Situation, und hier kommt sowohl ein Außenbezug als auch der „äußere Feind“ ins Spiel, wieder abzugeben. ***
Das Erbe des Katechon?
Sicherlich kann man auch in der Moderne das Katechon als Chaos-Aufhalter in Stellung bringen. Soziale und politische Verwerfungen werden im Namen eines ordnenden Handelns, das im Namen der Ordnung und im Kampf gegen das Böse bis zum Äußersten gehen kann, wieder begradigt. Das Christentum verleiht dem Ganzen noch einen Hauch Legitimität.
Andererseits geht in diesem Ordnungsvoluntarismus – und mal dahingestellt, ob Schmitt das Katechon wirklich in dieser Art gedacht hat - jene Momente unter, die Schmitt in seinem Nomos-Buch an einigen Stellen durchaus prominent betont. Denn schließlich entsteht aus jenem Aufeinandertreffen und aus jenem Bündnis von politisch-weltlicher Logik und radikaler Spiritualität ein Zwischenraum, der sowohl zeitlich produktiv wirkt, nämlich handlungs- und verheißungsstiftend, als auch gewalt- und allmachts-relativierende Erfahrungen ermöglicht. Akzeptiert werden die Pluralität der Machtzentren, die Einhegung von innerchristlichen Konflikten und die Ab- und Aufgabe der temporären katechonischen Machtfülle.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass in diesem mehr ordnungstheoretischen und theologischen Rahmen das genuin politische Moment der Freiheit nur in sehr vermittelter und defensiver Form denkbar ist, als Verhütung des Schlimmsten. Neben der Chaos-Furcht gibt es jedoch weitere Erfahrungs- und Diskursstränge, die sehr wohl mit einem demokratisches Momentum in Verbindung stehen können, als da sind: die Abneigung gegen die Immanenz- und Macht-Gier, Abneigung gegen die Welt-Flucht, die Vereinheitlichungs-Wut, die Feindlosigkeit, den Perfektionismus. Wenn sich die Gewissheiten auflösen, und für Claude Lefort ist es das Wesentliche der Demokratie, dass sie “sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlagen aller Gewissheit auflöst”****, dann kann uns das Katechon vielleicht weniger über den Ursprung der Legitimität etwas lehren, sondern vielmehr darüber, wie wir mit den aus der Ungewissheit entstehenden Ambivalenzen in ihrer Spannung umgehen können. *****
Man wird fragen dürfen, ob man Schmitt hier nicht fehl- oder überinterpretiert. Aber was macht man nicht alles, um etwas Ordnung in die Dinge zu bringen.
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* Peter Sloterdijk weist darauf hin, dass dieser frühe christliche Siegeszug keinesfalls nur unter der Fahne der Liebe und Vergebung von statten ging: „Die Wahrheit ist: Das Christentum stellte für das Imperium das neue Verfassungsorgan Hölle bereit.“ Sloterdijk, Peter. Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011. Berlin: Suhrkamp, 2012, S 427 f. Unter den ersten christlichen Kaisern, so Sloterdijk weiter, setzte im vierten Jahrhundert eine Brutalisierung der Strafgesetzgebung ein, die zuvor so nicht bekannt war. Die Höchststrafen für diverse Vergehen künden nicht von einer barmherzigen Zurückhaltung: Kreuzigung, Lebenderbrennung, Zerfleischung durch wilde Tiere, Eingenähtwerden in Ledersäcke. Amen.
**siehe: Siegried Gerlich: Zur Politischen Theologie Carl Schmitts, in: Sezssion, 9. Jahrgang, Juni 2011, Heft 42, S. 28 ff.
*** Nach Schmitt beginnt der Anfang vom Ende dieser inhomogenen Ortung/Ordnung-Einheit damit, dass die aristotelische Lehre von der „societas perfectae“ seit dem 13. Jahrhundert dazu benutzt wurde, die beiden Sphären zu trennen, so dass eine weltliche und eine spirituelle Sphäre jeweils in ihrer Eigenlogik fortbestehen und funtkionieren sollte. Siehe: Schmitt, Carl. Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. 3. Aufl., unveränd. Nachdr. der 1950 ersch. 1. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot, 1988, S. 30 f.
**** Claude Lefort: Die Frage der Demokratie; in: U. Rödel (Hg.): Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie; Frankfurt/M. 1990 (1983); S. 296
***** Daran schließen sich natürlich noch weitere diffizile Fragen an: Wie kann man Ortung und Ordnung aufeinander beziehen, ohne in eine Exklusivität oder Inklusivität zurückzufallen. Wie funktioniert Freiheit ohne ein Erbe, ohne Auctoritas? ...
31. Oktober 2020