Ich stelle mir Birk Meinhardt als einen glücklichen Menschen vor. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob Herr Meinhardt wirklich glücklich ist. Der Satz klingt aber zum Einstieg so optimistisch und auch ein bisschen literarisch. Wie immer ist das Unglück aber der verlässlichere Partner. Wenn man Meinhardts Buch "Wie ich meine Zeitung verlor" liest, so kann man unschwer die dunklen Augenblicke in seinem beruflichen Leben der letzten Jahre ausmachen. In dem Buch beschreibt Meinhardt die langsame Entfremdung von "seiner" Süddeutschen Zeitung. Als preisgekrönter Journalist musste er feststellen, dass einige von ihm verfasste Geschichten und Reportagen nicht mehr veröffentlicht wurden. Offensichtlich passte der Chefredaktion der Tenor und die Stoßrichtung der vorgelegten Texte nicht. Inhaltlich ging es bei den drei beanstandeten Reportagen um das Investment-Banking der Deutschen Bank und den daraus resultierenden Schieflagen, um den US-Stützpunkt Rammstein und den amerikanischen Drohnenkrieg und schließlich um den Prozess eines zu Unrecht verurteilten Rechtsextremen (Alle drei Texte sind in dem Buch abgedruckt).
Insbesondere beim letzten "Fall" kann man unschwer erahnen, warum der Text nicht das Papier der Süddeutschen Zeitung erreichen konnte. Birk Meinhardt kommt zu dem Schluss:
"Das ist ja ein Dauerzustand geworden: einer Haltung Ausdruck zu verleihen und nicht mehr der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit um die Teile zu reduzieren, die nicht zur Haltung passen, und dafür die Teile überzubetonen, die sich mit der Haltung decken (...)." S. 87
Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor: ein Jahrebuch. Berlin: Das Neue Berlin, 2020, S. 87
Wobei der Begriff Haltung, wie Birk Meinhardt an anderer Stelle anmerkt, nicht greift, so man Haltung als Ausdruck des Selbstdurchdachten und des Eigenständigen begreift. Stattdessen hat sich "die" Haltung von diesen Mühen befreit und dient nur noch zur selbstgerechten und selbstgewissen narzisstischen Selbsterhöhung, die (persönlich und politisch) kostenlos über jene Standpunkte herfallen kann, die nicht von der Mainstream-Moral gedeckt sind. Dabei handelt es sich bei dieser Art von Haltungsgesinnung keineswegs nur um die passive Übernahme gängiger Meinungen, sondern - siehe Zitat oben - um das aktive Blockieren bzw. aktive Befeuern von unliebsamen bzw. genehmen Wirklichkeitsausschnitten.
Aber wird man einwenden: Haben wir nicht alle unsere Haltungen, die, eben weil sie aus Wirklichkeiten und Meinungen zusammengesetzt sind, nicht 'objektiv' sein können. Ja natürlich: zum einen jedoch ist die Einforderung von unbedingter Objektivität selbst schon das Resultat eines verengten Haltungskorridors. Zum anderen geht es um die Frage, wie und ob ich mich von dem "Anderen" noch adressieren lasse und ob ich diese Adressierung als ein erstrebenswertes Gut anstrebe - die Eröffnung einer möglichen Antwort, nicht einer Reaktion (Abwehr).
Gesinnungshaltung ist also eine Immunisierungsstrategie, die die eigene Identität maximal stabilisiert. Das fällt insbesondere dann ins Gewicht, wenn wir nicht mit einer Außenseitermeinung konfrontiert werden (die Welt ist eine Scheibe), sondern auf eine hegemonische Formation des Denkens und Meinens treffen. Eine beliebte und gängige Form das "gesagte Andere" von vornherein seiner Legitimität zu berauben, ist der Satz, dass diese Aussage, diese Meinung, diese Aktion etc., den falschen Leuten, der falschen Partei, der falschen Seite in die Hände spielen. Die Logik dahinter: die Antwort auf eine Frage darf nicht gehört werden, weil diese Antwort unter Umständen dazu beiträgt, dass davon (politische) Positionen (in größeren Kontexten) profitieren, die auf keinen Fall mehr akzeptabel sind.
Man erkennt die Durchschlagskraft dieser "Strategie“, wenn man eine Argumentations- und Äquivalenzkette bildet, die quer zum Mainstream steht "(das Zeichen einer Meinungsführerschaft besteht auch darin, dass die meisten ihrer Träger vergessen, dass ihrer Meinung nicht ein natürliches Resultat des richtigen Seins ist, sondern auf einer – unbewussten - Entscheidung beruht). Man stelle sich einen "rechten" Menschen vor, dem bewusst ist, dass die Klimakrise ein ernsthaftes Problem ist, dies aber nicht öffentlich aussprechen kann und will, weil damit die "Linke" Auftrieb bekäme, die wiederum die Wirtschaft enteignen und unsere Freiheit massiv beschneiden wollen. Das hört sich absurd an? Ist es aber nicht. Man muss nur die Perspektive drehen. Hier ein weiteres Beispiel aus unserer Realität.
Der Schauspieler Jan Liefers hat mit anderen Schauspielern kleine 1-2 minütige Videos gedreht und veröffentlicht, in denen auf satirische und auch sehr witzige Weise die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisiert werden (allesdichtmachen.de). Also eine völlig legitime Meinungsäußerung, die man inhaltlich und ästhetisch nicht gut heißen muss, die sich aber auf getroffene politische Entscheidungen bezieht, die für einige Menschen gravierende – wirtschaftliche, psychische - Folgen hat. Zudem wird an keiner Stelle der Videos jemand persönlich beleidigt oder angegriffen. In einem WDR-Interview mit Liefers, geführt von Martin von Mauschwitz, lautet der erste Satz wortwörtlich:
"WDR: Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert."
(nachzulesen: https://www1.wdr.de/nachrichten/allesdichtmachen-interview-liefers-100.html)
Meine erste Frage an Martin von Mauschwitz wäre, ob er ein solches Eingangsstatement beispielsweise Angela Merkel entgegengehalten hätte, nachdem diese eine Entscheidung verkündet hätte, mit der Herr von Mauschwitz nicht einverstanden gewesen wäre: "Frau Bundeskanzlerin, wir haben uns heute über Sie geärgert". Die Unangemessenheit dieser journalistischen Einlassung wäre sofort ins Auge gefallen und es ist zu vermuten, dass Herr von Mauschwitz arge Probleme mit seinem Arbeitgeber bekommen hätte. Das muss er in obiger Causa nicht befürchten. Es wurde in der Presse gemeldet, dass der nordrhein-westfälische SPD-Politiker und WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (53) forderte, dass Jan Josef Liefers (und Ulrich Tukur, der ebenfalls ein allesdichtmachen-Video veröffentlicht hat) zukünftig nicht mehr in ihren "Tatort"-Rollen zu sehen sein sollten, was er einige Stunden später dann relativierte.
Weiter im Interview:
"WDR: Aber in dem Video bedienen Sie exakt das Narrativ der Corona-Leugner, der Rechtsextremen und "Lügenpresse"-Schreihälse. Und die feiern Sie heute richtig ab. Davon haben Sie sich distanziert heute Nachmittag. Sind Sie wirklich so naiv?"
Man könnte nun trefflich darüber streiten, ob erstens das zitierte Narrativ, zudem exakt bedient wird und zweitens, um welches Narrativ es sich genau handelt. Aber es geht hier um die Struktur der "Anklage", die einfach eine Meinung desavouiert, indem sie sie mit einem anderen Kontext in Verbindung bringt.
Auffällig wird die Perfidität dieser Vorgehensweise und ihrer impliziten Unterstellungen // wir bilden eine Äquivalenzkette = kritischer Standpunkt gegen Corona-Maßnahmen > die Rechten sehen das auch so > alle Rechten sind menschenverachtend > kritischer Standpunkt ist menschverachtend // nun deshalb, weil Liefers nicht inhaltlich antwortet, sondern die Struktur dieser Gleichsetzung am Beispiel einer anderen Erfahrung ans Licht bringt:
"Liefers: Wissen Sie, wann jemand zu mir gesagt hat: 'Sind Sie so naiv?' Das war … Zentralkomitee in der DDR an der Schauspielschule. Ich kenne solche Fragen."
Übrigens weiß Birk Meinhardt eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Die FDJ-Zeitung, bei der er als Sportreporter arbeitete, lehnte unliebsame Artikel mit der Begründung ab, dass das den Klassenfeind in die Hände spielen könnte. Es wird also nicht von ungefähr kommen, dass die Menschen mit ostdeutschen Biografien scheinbar ein feineres Sensorium dafür haben, wenn mit der Macht der guten Gesinnung darüber entschieden wird, was der Fall ist.
Während man sich im Namen der offenen Gesellschaft, der Toleranz und der Pluralität auf die Schulter klopft, räumt man auf der anderen Seite alles scham- und gewissenlos ab, was der "guten" und eigenen Sache nicht dient. Schon bei der Flüchtlingskrise war zu beobachten, dass die Medien das erzeugen, was sie sodann umso heftiger bekämpfen, zum Beispiel die zweifelnden Stimmen, die fragten, ob die Folgen dieser ungeplanten Einwanderung für alle Beteiligten wirklich vorteilhaft sein werden. Im Falle von allesdichtmachen.de muss man immerhin sagen, dass der Meinungskorridor sich etwas weitete. Armin Laschet bezeichnete den Berufsverbotsvorschlag als Skandal und nicht wenige Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger fanden die Aktion witzig, legitim und gut.
Das Rätsel stellt sich, warum ausgerechnet jene Kräfte, die den Pluralismus so eindringlich beschwören, ihn so oft mit Füßen treten. Scheinbar wird der politische Streit immer mehr von einer Wertegesinnung abgelöst, von der man in vielen Fällen nicht einmal sagen kann, dass sie sich zu einer Ideologie verdichtet. Auffällig bleibt, dass man von dem politischen Gegner gar nichts empfangen kann und will, auch wenn die Wirklichkeit diesbezüglich eine ganz andere Sprache spricht. So als ob sich auch die Wirklichkeit zuvorderst an der Wertegesinnung auszurichten hätte, unabhängig davon, ob der Gestaltungswille auf einem Fundament ruht, das die Umsetzung auch nur ansatzweise ermöglicht. Pluralismus entsteht in diesem verengten und verengenden Kontext nicht mit und aus der anderen Meinung, sondern bezieht sich allein auf die subalternen und schweigenden „Mitstreiter“, die in ihrer kulturellen und sozialen Differenz nicht stören und paternalistisch betreut werden können.
Hingegen: Ist politisches Handeln nicht jener Wettstreit, bei dem es um die Adressierungskunst der Akteure geht, jener Wettstreit, bei der die je eigene Identität und Wirklichkeitswahrnehmung mit ausgesetzt wird. Das Skandalon in heutiger Zeit: die genuin politischen Stimmen werden von jenen pseudo-politischen Positionen deshalb diskreditiert, weil die sich selbst, und damit dem Politischen, nicht trauen.
30. April 2021
Die Erfahrung ein Zimmer zu streichen, die Wohnung umzuräumen oder gar umzuziehen, führt unweigerlich zu einer weiteren Erfahrung: man besitzt viel mehr Dinge, als man denkt. Mag sein, dass dies für uns, die wir in diesem expandierenden Land der vielen Dinge aufgewachsen sind, nicht überraschend ist. Schnell findet man im Netz jene Statistiken, die besagen, dass ein durchschnittlicher europäischer Haushalt rund 10.000 Dinge versammelt hat. Und irgendwo in der Wohnung und im Haus müssen diese Dinge ja sein. Überraschend aber bleibt, dass die Auflösung der vertikalen Ordnung, die ein Schrank oder ein Bücherregal bietet, den Flächenverbrauch exorbitant in die Höhe treibt.
Während man zunächst acht- und bedenkenlos die Dinge auf den Boden legt oder großzügig in Kartons verstaut, wird nach kurzer Zeit offensichtlich, dass man damit begonnen hat, sich buchstäblich einzumauern. Wie ein Storch, der bemüht ist, die immer höher werdenden Dinge-Stapel, die zudem aufgrund der ungeplanten Stapeltechnik nicht nur sehr fragil aussehen, sondern sehr fragil sind - ein schmales Fundament muss einem größeren Ding Halt verleihen - wie ein Storch also bewegt man sich langsam und mit halbakrobatischen und staksigen Schrittfolgen durch diese neue Wohnwelt, bedacht darauf nichts umzureißen.
Der Blick auf diesen Wahnsinn besagt: da muss einiges weg; wer braucht diese ganzen Dinge (Stimme aus den Off: warum hast Du das alles gekauft?). Nun ist der konsumkritische Gedanke keineswegs ein neuer. Beispielsweise schrieb Erich Fromm 1976 das populäre Buch "Haben oder Sein", in dem er die These entfaltet, dass in modernen (kapitalistischen) Gesellschaften das besitzanhäufende Haben über das lebensliebende Sein dominiert. Und wer könnte einem Autor widersprechen der, auch wenn er der Frankfurter Schule zuzuordnen ist, das ungemein erfolgreiche Buch "Die Kunst der Liebens" (1956) kreiert hat.
Doch inzwischen hat sich der produzierende und besitzorientierte Kapitalismus mit dem Optimierungskapitalismus verbündet. Nicht nur Lieferketten werden verschlankt, sondern auch der Mensch soll fit für die Zukunft werden. Der Bauch soll weg, die Haare jenseits des Haupthaars auch und Besitztümer müssen nicht angehäuft werden. Die Wirtschaft ist inzwischen so potent, dass die Dinge nicht auf Langlebigkeit hin konzipiert werden müssen, noch muss man sie - auf Konsumentenseite - in letzter Konsequenz dauerhaft besitzen. Die Industriemaschine spuckt so viel Ware aus, dass man Dinge immer wieder neu anschaffen oder auch leihen kann (ein kleines ökologisches Versprechen lässt sich heute überall unterbringen).
Schließlich kommt mit der digitalen Revolution die Entdinglichung der Informationsträger hinzu. Schrift, Musik, Fotos und Bewegtbilder können von nun an auf ein spezielles, auf sie zugeschnittenes Trägermedium (wer wird in 20 Jahren noch das Wort Zelluloid kennen) verzichten. Einmal in die digitale Welt eingespeist, passen die Daten auf die immer kleiner werdenden Speichermedien. Und statt die Daten lokal verfügbar zu halten, verspricht die Cloud-Lösung eine ubiquitäre Verfügbarkeit aller Inhalte, vorausgesetzt die entsprechende Netzverbindung steht. Die Cloud als vertikales Prinzip (siehe oben = Regal) wirkt verschlankend und bringt als transzendentales Surplus die Allgegenwärtigkeit der Schöpfer (unseres digitalen) Seins mit sich. Man kann noch nicht erahnen, welche Herausforderungen und Probleme diese Seins-Entmaterialisierung mit sich bringen wird.
Fundamentalontologisch gilt jedoch: wir kommen mit nichts und wir gehen mit nichts. Dazwischen klemmt die Vermutung, dass man sein Leben nur leben kann, wenn man sich von den Dingen löst, sich nicht um jeden Preis an das verdinglichte Leben klammert. Nicht umsonst heißt das zwanghafte Festhalten an den Dingen auch Analfixierung. Und wer möchte schon in dieser Form fixiert sein?
Dies die Prolegomena zu dem konkreten Problem: die Regale sind leer geräumt und Unmengen von Büchern ergießen sich auf dem Boden. Altes Denken breitet sich vor mir aus. Zu viel davon. Es müssen einige Bücher weg. Nun, mutig ein Exemplar gegriffen, eine Anthologie: "Im Jahrhundert der Frau: ein Lesebuch". Seit Jahren im Besitz, nie gelesen. Aber einfach so unbesehen aus meiner Obhut entlassen? Meine eigene - ungute - Schlagzeile lautet: "Weißer Mann entsorgt das Jahrhundert der Frau" (Aber in welchem Jahrhundert befinden wir uns nun? Ich ahne hier Schlimmes). Gerechtigkeit muss walten - ein Blick in das Buch, vielleicht gibt das Schicksal einen Wink. Und tatsächlich, S. 130 - ein Gedicht namens "Nachlaß" von Friederike Roth, an dem es zum Schluss heißt:
"Arg ist die Welt
bis sie vergeht"
Friederike Roth: Nachlaß; in; Borchers, Elisabeth, Hrsg. Im Jahrhundert der Frau: ein Lesebuch. 1. Aufl. Weisses Programm, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987., S. 130
Loslassen können! Ist das nicht die Botschaft! Loslassen.
Und ja, ein solches Buch mit solchen Zeilen kann ich nicht weggeben.
31. März 2021
Vielleicht gibt es eine kollektive Imagination dessen, was für uns Heutigen das Nichts "ist" (Schon die erste Frage: Hat denn das Nichts ein Sein?). Und wahrscheinlich ist diese Imagination nicht weit entfernt von den Bildern, wie sie in der Verfilmung von Michael Endes "Unendlicher Geschichte" gefunden wurden. Die Welt (in diesem Fall eine Phantasiewelt) wird durch das dunkle schwarze "Nichts" zerstört. Immer größer werdende Teile der Welt verschwinden und zurück bleibt schließlich "Nichts". Das ist bedauerlich, ja bedrohlich und so muß der Held sich aufmachen, um das Nichts zu stoppen. Das Nichts muss aufgehalten werden; wo es auftaucht, droht der Untergang; wir erzittern.
Dass die Sache so einfach nicht liegt, bezeugt der Autor, Michael Ende selbst. Mit Blick auf seinen Roman und mit Bezug auf uns Europäer sagte er: "Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wieder erwecken und ein neues Phantásien, das heißt eine neue Wertewelt aufbauen“ (Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unendliche_Geschichte, Abruf:24.02.2021)
Der Vorschlag, in das Nichts hineinzuspringen, scheint mir keine einfache Angelegenheit zu sein. Ich weiß nicht, ob Michael Ende dabei an Martin Heidegger gedacht hat (in Bezug auf die neue Wertewelt jedoch eindeutig nicht, was dem Gedanken etwas von seiner öffnenden Kraft nimmt), der in seinem Buch „Der Satz vom Grund“ das Nichts auf seine Begründbarkeit hin befragte. Am Ende des Buches, nach einem langen und akribischen denkerischen Durchgang, schreibt Heidegger – wir vollziehen hier auch einen großen Sprung:
"Nichts ist ohne Grund. Der Satz sagt jetzt: Jegliches gilt dann und nur dann als seiend, wenn es für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand sichergestellt ist."
Heidegger, Martin. Der Satz vom Grund. 8. Aufl. Stuttgart: Neske, 1997, S. 196
Und - so die Schlussfolgerung die wir hier ziehen - weil das Nichts nicht als berechenbarer Gegenstand sichergestellt werden kann, ist es das Gegenteil von etwas Seiendem, nämlich Nichts. Vermutungsweise gilt aber im Umkehrschluss für eine nicht berechenbar-gründende Denkungsweise, dass das Nichts mehr „sein“ kann als nur Nichts. Also?
Leonard Cohen veröffentlichte 1992 auf dem Album „The Future“ den Song „Anthem“ mit den berühmt gewordenen Songzeilen:
“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”
Das ist zum einen ein schönes Statement gegen den modernen (zukunftsbezogenen) Perfektionswahn. Zum anderen geben die Zeilen auch eine Art Hoffnung oder Versprechen, das man jedoch ganz unterschiedlich interpretieren kann. Eine mehr christlich inspirierte Interpretation würde betonen, dass selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens (Angst, Schmerz, Armut, Krieg) das Licht des Guten auf die Dinge und / oder die Seele fällt (ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Interpretation in zahlreichen Predigten schon seine Auferstehung gefunden hat). Dies ist in letzter Konsequenz eine Erlösungsphantasie. Aber wenn man genau liest, ist es nicht das, was Leonard Cohen sagt. Es sagt nicht, dass selbst in die zerbrochenen Dinge ein Fünkchen Hoffnung hineinscheint, sondern, dass der Riss überhaupt erst die Bedingung dafür bietet, dass Licht hineinkommt.
Bevor ich mit dem 1897 geborenen (und 1982 in Jerusalem gestorbenen) deutsch-israelischer jüdischer Religionshistoriker Gershom Scholem fortfahre, sei daran erinnert, dass Leonard Norman Cohen, geboren 1937, gestorben 2016, nicht nur aus einer jüdischen Familie stammt, sondern dass sein Urgroßvater Lazarus Cohen in Litauen Lehrer an der örtlichen Jeschiwa (religiöse Hochschule) war.
Also Sholem: in einem einem kleinen Essay mit dem Titel "Schöpfung aus Nichts und Selbstverschränkung Gottes" führt er einen Aufweis über die spezifische - historisch-theologische - Verbundenheit des Schöpfungsgedankens mit der „Idee“ des Nichts und zugleich eine Auseinandersetzung mit unseren griechisch-jüdischen Wurzeln. Das Ganze ist ohne Frage sehr verwickelt, insbesondere weil Scholem es aufgrund der mystischen und kabbalistischen Implikationen, denen er primär nachgeht, sehr fachspezifisch erscheinen lässt. Aber wenn der Essay ein Zentrum hat, dann in der These, dass das „Nichts“ als ein Abgrund mehr ist, als ein „Nicht-Sein“ im landläufigen Sinne. Landläufig heißt: aus Nichts kann nichts werden. Oder auch: aus dem Nichts kann man nicht schöpfen. Oder auch: „von Nichts kommt Nichts“.*
Scholem weist gleich zu Anfang darauf, dass der Mythos und das „mythische Denken“ im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen keine Schöpfung aus dem Nichts kennen. Alles ist immer schon „da“ und in gewisser Weise vorbestimmt (Es gibt kein Nichts, sondern ein uranfängliches Chaos).
Im griechischen Denken gibt es die Kette von Schicksalsgliedern, die die Sterblichen an ihre Bestimmung bindet und unser Schicksal vorzeichnet. So sagt Sophokles in der Antigone:
"Erflehe nichts: Aus vorbestimmten Los
Vermag kein Sterblicher sich zu befrein."
Ebenfalls in dieser Spur läuft die stoische Vorstellung einer kosmischen Ordnung, in der wir unseren Platz erkennen und einnehmen müssen.
Hingegen setze die jüdisch-christliche Tradition auf die absolute Freiheit des Schöpfers. Creatio ex nihilo meint, dass die Schöpfung der Welt als Werk des Schöpfergottes absolut voraussetzungslos ist.
„Das Nichts, das die Schöpfung bedingt, das ist er (Gott) selbst.“
Scholem, Gershom. Über einige Grundbegriffe des Judentums. 1. Aufl., [Nachdr.]. Edition Suhrkamp 414. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993 (1970), S. 68
Schließlich wäre Gott kein allmächtiger, so er auf ein vorgängiges Sein angewiesen wäre. Andererseits müssen Sein und Nichts in Gott ineinander verschränkt sein und bleiben. Denn würde man die Verschränkung nach einer Seite hin auflösen, würde man die Freiheit Gottes einschränken oder ihn selbst zum verschwinden bringen. „Es gibt ein Nichts Gottes, das das Sein gebiert, und es gibt ein Sein Gottes, das das Nichts darstellt“, sagt Scholem in Bezug auf Rabi Asriel (ebd. S. 78)
Gott als vollkommenes Sein, also als ein in sich vollkommen gegründetes Sein, duldet eigentlich kein Nichts. Umso mehr die Frage: wie können Dinge bestehen, die nicht Gott selber sind. Antwort: Nur wo Gott sich „von sich selbst auf sich selbst“ zurückzieht, kann er etwas hervorrufen, was nicht göttlichen Wesen und göttliches Sein selber ist. (ebd. S 86)
Hierbei handelt es sich also um die Konzeption eines Gottes, der sich in sich selbst verschränkt, um Raum für die Schöpfung zu lassen. Scholem weist darauf hin, dass hier der Gottesgedanke nicht von einem unbewegten Gott ausgeht, sondern das Göttliche höchst lebendig werden lässt. Der „Rückzug“ Gottes bedeutet, dass Dinge außerhalb des Göttlichen Wesens existieren können, womit die unendliche Vollkommenheit seines Wesens punktuell beschränkt wird. Wenn man so will, hat Gott seine Freiheit für einen partiellen Verzicht seiner Allmacht genutzt, um auf der „anderen“ Seite auch eine wirkliche Freiheit entstehen zu lassen. Und so kommt es zu dem Paradox, dass ein perfektes Wesen seine Perfektion beschränkt, um eine Schöpfung im eigentlichen Sinne entstehen lassen zu können, ohne sie gänzlich loszulassen. Scholem führt diesen Gedanken wie folgt aus: „Es gibt kein reines Sein und kein reines Nichtsein.“ (ebd. S. 87)
Man kann das auch singen:
“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”
Und schließlich – dies ist keine Hymne auf die Erlösung, sondern auf die Freiheit.
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*An dieser Stelle ergibt sich auch eine Nähe zu Heidegger, was die schwierige Frage aufwirft, was Heidegger dem jüdischen Erbe schuldet. Dazu:
Zarader, Marlène. The Unthought Debt: Heidegger and the Hebraic Heritage. Cultural Memory in the Present. Stanford, Calif: Stanford University Press, 2006.
Sie argumentiert, dass Heideggers Seinsdenken auf Gedächtnis, Freundschaft und Gelassenheit beruht, also nicht so sehr das Seiende (die Inhalte) zum Gegenstand hat (was mit Berechnung, Repräsentation und Meisterschaft verbunden ist), sondern mehr eine bestimmte Denkungsart verkörpert. Dies umfasst laut Zarader mehr als nur die griechischen Ursprünge des Denkens (Logik etc.), was aber durch Heidegger insofern negiert wird, als das dieses Andere des (griechischen) Denkens dem griechischen Denken selbst als ungedachte Bedingung seiner Möglichkeit zu Grunde liegen soll (ebd. S. 193). Das biblische und jüdische Erbe wird somit Außen vor gelassen.
24. Februar 2021
Was bleibt von den gelesenen Büchern? Sind sie nützlich für das gewöhnliche oder gar das ungewöhnliche Leben? Was bleibt im "Geist" und für das Leben haften? Vermutungsweise: für das „wirkliche Leben“ – das vermutungsweise immer woanders ist - unmittelbar nicht viel, so man nicht ein Ratgeber-Buch erwischt hat, dessen Anweisungen man unverzüglich umsetzt. Andererseits würde die Fraktion der Ästheten- und Ästhetinnen-Fraktion darauf verweisen, dass es ist die unmittelbare und zuweilen nachhallende Lust beim Lesen selbst ist, die zum Leben hinzukommt, so dass zumindest der Buchkonsum keine Residualkategorie bildet.
Schließlich, so man sie nicht weggibt oder wegwirft, bleiben die Bücher natürlich als Gegenstand im Raum, meist in den eigenen vier Wänden, und damit in gewisser Weise auch übrig. Somit: ein Bücherregal eine Sammlung von Übrigkeiten.
Aber als Hegelianer, zu denen wir alle mal gemacht wurden*, muss man sich die Dinge natürlich aneignen, bzw. ‚der Geist`’ muss sich die Dinge aneignen, nicht zuletzt um die Widersprüche aufzuheben**. Unter post-modernen Vorzeichen ist dieser Vorsatz eine Art von Hybris, da – schon vor langer Zeit wurde uns das vermittelt – keine großen Erzählungen mehr existieren und die Signifikanz sich höchstens in Bruchstücken zu erkennen gibt, so man Glück hat. Es bleiben die Satz- und Ideenfragmente, die man aus den Buchseiten herausfischen, mit Klebezettelchen oder Anstreichungen markieren kann, um sie in andere Kontexte neu anzupflanzen, damit sie wachsen und zuweilen erblühen können.***
Also, ganz zufällig nach Jahren des einsamen Bücherregal-Dasein ist mir Christian Kracht: Faserland in die Hände gefallen. Ich weiß noch, dass mich das Buch, obwohl für meine Generation gemacht, damals unangenehm kalt gelassen hat. Das lag zum einen daran, dass das kulturelle Milieu der reichen, hochnäsigen, blasierten Internatsschüler (inklusive des Ich-Erzählers), die an Langweile und existentieller Leere leiden, wenig Identifikationsmöglichkeiten bot. Damit fiel der eine Pol der popkulturellen Dechiffrierungsmöglichkeit, wenn man Faserland – Fatherland, Faser, Fäden, Verwebungen, zerfasen, faseln – als postmoderne Popliteratur gelten lässt, weg.
Wenn das große JA der Popkultur, die Feier des Lebens durch Überschreitung und die Versicherung der eigenen Identität durch subtile Distinktionen, natürlich im Namen des wahren Lebens, nicht zugänglich wird, bleibt noch das große NEIN, d.h. der radikale Abgesang auf das So-Sein der Dinge. In Bezug auf Faserland liegt dieses Nein vielleicht in einer besonders vertrackten Form vor. Wenn man nicht davon ausgeht, dass es sich um eine rein beobachtende und oberflächliche Zeitgeistliteratur handelt, die sich mit seinen Protagonisten gemein macht, was bei der Klugheit des Autors schwer vorstellbar ist, so haben wir eine fast schon denunziatorisch zu nennende Literatur vor uns (in einem Interview spricht Kracht selbst von dieser Denunziations-Absicht; aber wer zahlt schon gerne auf das Wort des Autors ein), die uns Oberflächen-Menschen der unangenehmsten Art vor Augen führt, um uns für eine andere Art des Unbehagens an der Kultur zu sensibilisieren: Überdruss an einer gesättigten, aber sinnlosen Welt, bei gleichzeitiger Inanspruchnahme ihrer Annehmlichkeiten mit der schönen Voraussetzung, dass man sich diese Dekadenz auch leisten können muss.
Etwas verstörend an Faserland ist der Umstand, dass dieses So-schrecklich-wollen-wir-nicht-leben-Nein sich nicht auf die etablierte Welt der Elterngeneration bezieht, sondern auf eine Jugend, die doch dafür stehen sollte, neue Formen des JA und NEIN zu entwerfen, wie blödsinnig auch immer. Wenn der ‚Kern’ des Buches aus der Denunziation einer sinnlosen und abstoßenden Oberflächen-Dünkel-Jugend-Kultur bestehen sollte, ohne an irgendeiner Stelle den moralischen Zeigefinger zu heben, so gelingt das deshalb - jetzt also die These -, weil Kracht doch Teil dieser Kultur ist oder war und die Beschreibungen sich nicht nur der kühlen Distanz des teilnehmenden Beobachters verdanken, sondern einer gut verstauten Hass-Liebe. Ein bisschen Weltbindung, die zarte und treue Liebe zum Sein, waltet auch hier.
Jedenfalls - = an Vorangegangenes anknüpfend: nach, trotz dem, was vorher geschehen ist – wird mir Faserland als Jedenfalls-Buch in Erinnerung bleiben, was kein Zufall sein kann. Auf folgenden Seiten (insgesamt umfasst das Buch in dieser Ausgabe 158 Seiten) fängt ein Absatz mit "jedenfalls" an:
Seite 23
Seite 31
Seite 36
Seite 38
Seite 52
Seite 65
Seite 69
Seite 107
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Wer sucht, und ist das Lesen eines Buches nicht immer eine Suchbewegung, findet immer Dinge - vielleicht nicht die erhofften. Aber das macht, im Fall des Buches, seine Stärke und seine Schwäche aus.
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* Schon vor 40 Jahren benannte Botho Strauß dieses Problem wie folgt: “(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne Sie!)” Botho Strauß: Paare, Passanten; München / Wien 1988 (1981) S. 115
** Geist, an sich schon ein höchst problematischer Begriff – wer es verschnörkelt mag, dazu: Jacques Derrida: Vom Geist: Heidegger und die Frage. Frankfurt am Man, 1988. Des Weiteren: die Aneignung als Einverleibung hat natürlich einen kannibalistischen Zug; was man mag, ist nun ganz nah bei uns. Die Aufhebung ist zudem prozesshaft zukunftsorientiert – die Zukunft wird am Ende abgeschlossen, womit man sich auch die Zeit in gewisser Weise einverleibt. Wenn man zu Freud fortschreitet, heißt dort die Maxime „Durcharbeiten“: erst indem man der Vergangenheit nachträglich neue Zukunftsmöglichkeiten gibt, kann die Gegenwart sich breiter – zukunftsoffener - entfalten. Aneignen oder Durcharbeiten: das Material muss massiert werden.
*** So kann man zum Beispiel in der Stalin-Biografie von Simon Sebag Montefiore nicht nur erfahren, dass Stalin ein regelrechter Vielleser war und gute Literatur durchaus zu schätzen wusste (u.a. Wilde, Maupassant, Steinbeck, Hemingway, Tschechow, Hugo, Gogol, Balzac, Bulgakow, Zola, Goethe – Sebag Montefiore: S. 115 f.), sondern auch fleißig Anstreichungen und Anmerkungen vornahm: "Stalin war nicht nur der oberste Zensor, er genoss auch seine Rolle als Staatslektor, der endlos in Textvorlagen herumfuhrwerkte und nichts mehr liebte, als den Kommentar hinzukritzeln, der die Seiten seiner Bibliothek füllt - das höhnische Gelächter: 'Ha-ha-ha!'"
Simon Sebag Montefiore: Stalin: am Hof des roten Zaren, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 118
**** Christian Kracht: Faserland: Roman, München: Dt. Taschenbuch-Verl, 2014
31. Januar 2021
“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm
31. Dezember 2020
----------------------------------Dez
20.12.2020
Hans Blumenberg: "Es ist merkwürdig, dass Tagebücher, die im Dienst der Erinnerung zu stehen scheinen, die Gegenwarten ihrer Tage überschätzen."
06.12.2020
Man badet in einer Weltwanne voller Ungewissheiten.
----------------------------------Nov
22.11.2020
'Neue' alte Beatles-Songs entdeckt - wenn man neue Bruchstücke aus dem wohlbekannten (und vergangenen) Land seiner Jugend entdeckt, ist dies ein Stück Heimat.
14.11.2020
Der 'earth overshoot day' liegt für Deutschland inzwischen im April; d.h. würden alle Menschen wie in Deutschland leben, wären die Ressourcen der Erde schon im April aufgebraucht.
----------------------------------Okt
18.10.2020
Die Blätter beginnen die Farbe der Hoffnung zu verlieren, werden gelb oder rot, bevor sie zur Erde geweht werden. Corona setzt zum nächsten Sprung an.
03.10.2020
Eine Aneinanderreihung von persönlichen Belanglosigkeiten, die in der Summe mein Leben ergeben sollen - und noch schlimmer: mein Leben ergeben.
----------------------------------Sep
20.09.2020
Eine Woche fast ereignislos durchlaufen - wieder eine Woche geschafft, so als ob man die Lebensmühsal langsam abträgt, bis der Boden zu sehen ist, unter dem man schließlich begraben wird.
13.09.2020
(...) denn: bestehende Identitäten fühlen sich in Konflikten meist besonders wohl.
----------------------------------Aug
09.08.2020
Die beiden haben ihre Land-Ferien-Wohnung abgetreten, werden also nur noch als Gäste kommen. Auch hier: ein Abschnitt geht zu Ende, wer weiß, wie viele Sommer noch kommen.
02.08.2020
Mein neuer Begriff für das Corona-Dasein bei Sonnenschein: übersommern.
----------------------------------Jul
26.07.2020
Vorletzten Samstag mit der Fahrrad zur Post - ein herrlicher Sommertag: seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, fast überwältigend, dass die Welt, so wie sie ist und mir entgegenkommt, vollkommen in Ordnung ist; jede Pore meines Körpers vermittelt mir dies; selbst die Straßen und die Autos sind in ihrem So-Sein perfekt. Andere Stimmungen beißen Stücke ab, es normalisiert sich.
15.07.2020
Auf dem Land kommt der Chef der Heizungsbaufirma für ein Angebot vorbei. Er wirkt fast etwas kühl (ist schließlich der oberste Vertriebler), taut aber auf und erzählt schließlich, dass er noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau kaufen muss. Der Mann im Angesicht der Frau: ein ratloses Wesen.
----------------------------------Jun
14.06.2020
Das Leben ist ein Blindflug über hügeliges Gelände und am Ende kommt ein großer Berg.
01.06.2020
Wer wäre nicht gerne Zuschauer seiner eigenen alternativen Lebenswege. Wahrscheinlich könnte man das entstehende Grundsetting anhand einiger kurzer entscheidenden Szenen erklären. Der Rest des Lebens wäre mehr oder minder stumpfe Wiederholung unserer mentalen und körperlichen Routinen.
----------------------------------Mai
16.05.2020
Gestern die Netflix-Serie Hollywood angefangen. (...) Eine ergreifende Szene, in der einer der Hauptdarsteller einer - ihn für Sex bezahlenden - Frau erklärt, warum er Schauspieler werden will. Als Kind ins Kino gegangen zu sein und gespürt und gewußt zu haben, dass das Leben da draußen auf dich wartet, dass das wahre Leben 'da' ist, dass man dort die wirkliche Lebendigkeit erfahren wird.
Hört das Leben nun auf oder fängt es wirklich erst an, wenn die Suche nach dieser Art von Lebendigkeit sich verflüchtigt.
03.05.2020
Die Corona-Festspiele gehen weiter. Die Informationen darüber, wie und was das Virus 'ist', welche Maßnahmen erhalten, modifiziert oder beendet werden können, welche Auswirkungen das wiederum haben wird - all dies bleibt teilweise sehr widersprüchlich und undurchsichtig.
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18.04.2020
Wie schrieb ein Autor im Sezessions-Blog mit Bezug auf die immer noch alles überlagernde Corona-Krise: "Man darf als Mensch auf Hilfe hoffen, nicht aber auf ewige Gesundheit." Ich werde sehen, ob meine Gesundheit noch etwas am Rand der Ewigkeit kratzen darf.
05.04.2020
Laut einem Virologen ist das Virus, nimmt man die Älteren über 80 und die Menschen mit Vorerkrankungen heraus, nicht tödlicher als ein normaler Grippevirus. Wirtschaftlich bleiben die Folgen unabsehbar - ein Ökonom spricht davon, dass die Auswirkungen des Shutdowns uns die nächsten 10 Jahre beschäftigen werden.
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08.03.2020
Aber keine Panik, Ruhe bewahren, das Weltende kommt sowieso - die Sonne brennt noch 5 Milliarden Jahre und auf der persönlichen Ebene liegt die Mortalitätsquote immer noch bei 100 %.
01.03.2020
Ansonsten schwebt die dunkle Wolke des Coronavirus über Deutschland, Europa und der Welt. Am Samstag drängte G. tatsächlich auf Hamsterkäufe, so dass wir jetzt gut versorgt mit Reis, Linsen, Nudeln und diversen Dosen sind. H. hat seine Aktien verkauft, weil die Weltwirtschaft einzubrechen droht.
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24.02.2020
Ich sollte wieder regelmäßig am Tagesanfang dafür beten, dass die (persönlichen) Tragödien und Katastrophen doch ausbleiben (oder zumindest aufgeschoben werden).
02.02.2020
Welch ein schönes Datum, postdigital, nur 0en und 2en. In der Wochenzeitschrift die Wiedergabe eine Kafka-Bemerkung: "Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für mich."
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11.01.2020
Hegen, pflegen, kümmern, sorgen und dann der Impuls, dass die Welt mich mal kreuzweise kann - aber um ehrlich zu sein: gefährlich wird es erst, wenn das Land der Gleichgültigkeit sich großflächig ausbreitet.
06.01.2020
Die letzten drei Tage schaut mich das Wetter trüb, nass und halbkalt an, als wollte das neue Jahr wettervermittelt mitteilen, dass es nur bergauf gehen kann.
30. Dezember 2020