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Fortschreitendes Zurückschauen - Frau Lot und Herr Orpheus

"Vorwärts immer, Rückwärts nimmer." Diese Redewendung aus DDR-Tagen, auch von dem hornbebrillten Staatsratsvorsitzenden genutzt, zeigt die Richtung an, mit der die Welt zu einem vollkommeneren Ort gemacht werden soll: nach vorne muss es gehen, der Fortschritt soll es richten. Dazu muss man nicht nur in Bewegung bleiben - besser ist, wenn gleich eine ganze Bewegung das Vorwärts trägt. So kamen und gingen nicht nur "sozialistische und faschistische Bewegungen", sondern beispielsweise auch die "neuen sozialen Bewegungen"; inzwischen gibt es auch eine "Identitäre Bewegung", die sich paradoxer Weise auf das zubewegen will, was jenseits aller Bewegung Bestand haben soll. Scheinbar gilt für das politische Leben wie für das Autofahren: nach vorne schauen (wenn man vorankommen will).

Umgekehrt wissen schon Kinderreime, dass hinterm Rücken das Unheil lauern kann (natürlich sagt der Fortschritt heute, dass das politisch nicht korrekt ist).
"Dreh' dich nicht um, denn der Plumpsack geht um. Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel schwarz gemacht."
Besser nicht umdrehen. In der griechischen Mythologie und in der jüdisch-christlichen Tradition gibt es jeweils eine berühmte Erzählung, die von der Gefahr der Rückschau berichten. Zunächst der griechische Teil:

Orpheus und Eurydike (Ovid, Metamorphosen, Buch X)
Die Ultra-Kurzfassung: die Ehefrau von Orpheus, Eurydike stirbt an einem Schlangenbiss. Der nun sterbensunglückliche Musiker Orpheus steigt daraufhin in die Unterwelt, um durch götterherzerweichenden Gesang und Lyra-Spiel die Gebieter der Unterwelt zur Rückgabe seiner Frau zu bewegen. Dies gelingt! Die Götter stimmen unter der Bedingung zu, dass Orpheus während des Weges zur Oberwelt nicht zurückschaut (Bei Ovid heißt es: "Orpheus erhält sie und zugleich die Weisung, nicht eher die Augen zu wenden, als bis er das Tal der Toten verlassen habe." Ovid, X 29-62, S. 237). Es gab schon heroischere Aufgaben, die Menschenhand und -schritt zu bewältigen hatten. Warum Orpheus hier versagte und sein/e Liebste/s verlor, bleibt zunächst unklar. Ovid spricht von der Angst und Sehnsucht, die Orpheus zwischenzeitlich ereilten (der Impuls- und Triebaufschub gelingt also nicht und vermasselt das ganze Vorhaben). Weiter im Erklär-Angebot: der pure Wahnsinn, Ungeduld und Mißtrauen, die Liebe. Jetzt die christliche Erzählung:

Die Lots (Genesis 19, 1-29)
Die Geschichte dürfte nicht minder bekannt sein und hat, wenn auch keine erotische, so doch eine sexuelle Komponente. In der sündigen Stadt Sodom nimmt Lot in großer Gastfreundschaft zwei fremde Männer, verkleidete Engel, in seinem Hause auf. Der Sodomer Mob hält von Gastfreundschaft wenig und fordert die Herausgabe der Reisenden zwecks Geschlechtsverkehr. Als guter Gastgeber ist Lot sogar bereit, dem Mob seine Tochter als Ersatz anzubieten, bis schließlich die Engel eingreifen. Der Familie Lot wird nun das Städtchen Zoar (die Kleine) als Schutzzone angeboten, während ganz Sodom zerstört werden soll. Auch hier lautet das Gebot (der Engel): nicht zurückschauen ("Sieh dich nicht um und bleib im ganzen Umkreis nicht stehen!" Genesis 19, 17). Als sie Zoar bereits erreicht haben, dreht sich Lots Ehefrau nochmals um und erstarrt zur Salzsäure. Während bei Orpheus zunächst das Motiv des Umdrehens rätselhaft bleibt, fragt man sich bei Frau Lot eher, warum es überhaupt zu einer solch unsinnigen Strafe kommt.

Für beide Geschichten wäre eine Erklärung, dass der Verlust (der Liebsten oder des Lebens) eine Konsequenz der mißachteten Göttergebote ist. Die Gebote entziehen sich den menschlichen Maßstäben und der menschlichen Urteilskraft und sollten deshalb einfach befolgt werden. Es handelt sich gleichsam um ein transzendental strukturkonservatives Argument: den göttlichen Geboten hat man sich bedingungslos unterzuordnen; Recht vor Gerechtigkeit. Aber kein Gebot ohne die Möglichkeit der Übertretung. Ungehorsam zu sein heißt auch, seine Freiheit in Anspruch zu nehmen, mögen die "Kosten" auch immens sein. Wir werden am Ende darauf zurückkommen.

Eine weitere Erklärung der Geschichten wäre ihre Verdeutlichung der Konsequenzen einer allzu großen Vergangenheitsfixierung. Die Lots haben schließlich ihr ganzes Leben hinter sich lassen müssen, ihren Hausstand, ihre soziale Bindungen, ihre Arbeit. Mag das Stadtleben ein sündiges gewesen sein, so war es verglichen mit dem Landleben auch damals sicherlich ein angenehmes. Der Blick zurück ist einer, der nicht loslassen will, der noch ein Teil von dem bleibt, was dem Neuanfang im Wege steht. Die Verwandlung zur Salzsäure wäre die Versinnbildlichung der innerlichen Verharrungskräfte, die einen wirklichen Aufbruch - aus der Sünde - verhindern (eine mehr protestantische Interpretation würde vielleicht vermuten, dass Frau Lot als Frau und Mutter ein überwältigendes Mitleid selbst für die größten Sünder entwickelt hat und sich deshalb nochmals umdrehen musste. Gottes Umdrehverbot wäre in dieser Interpretation eher ein Zeichen seiner Güte. Als eine Art Schutzgebot sollte es Frau Lot und die gesamte Familie vor dem großen traumatischen Leid der sich offenbarenden Zerstörung bewahren. Die Verwandlung zur Salzsäule könnte man als symbolische Umschreibung der vielen Tränen verstehen, die Frau Lot beim Anblick vergießen musste - eine Tränenmenge, die nicht nur ihr Gesicht, sondern schließlich ihren ganzen Körper bedeckte. Dazu passt auch, dass Lot übersetzt Hülle heißt).

Kann bei Orpheus ebenfalls eine Vergangenheitsfixierung ausgemacht werden und woraus sollte diese bestehen? Schließlich lag die bessere Zukunft, die Zukunft mit der geliebten Frau, nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt. Man könnte vermuten, dass seine aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichenden Umdrehimpulse, was immer diese auch gewesen sein mögen (vorstellbar: Wahnsinn, Angst, Sehnsucht, Ungeduld, Mißtrauen, Begehren, Liebe, s.o.), ihn an der Aufgabe haben scheitern lassen. Statt wie ein Jetzt-gesättigter Zen-Mönch aus dem Hades zu schreiten, holen ihn die Gefühlsfesseln ein und verhindern das Vorhaben. Aber wie sollte es auch anders sein: ohne diese Gefühle, ohne diese Gefühle in ihrer Gegenwärtig- und Lebendigkeit, hätte er den Versuch der Wiedergewinnung seiner Frau vermutlich erst gar nicht gestartet. So gesehen, war die Aufgabe von Anfang an eine unmögliche. Und hier offenbart sich unter Umständen die eigentliche Fixierung und der eigentliche Grund seines Scheiterns. Orpheus kann nicht akzeptieren, dass seine Frau wirklich, d.h. physisch tot ist und dass er sie nur auf eine symbolische Art und Weise, durch Dichtung und Musik, in die Wirklichkeit zurückholen kann. Eine richtige Wiederauferstehung wäre eine Hybris, an der die Sterblichen scheitern müssen.

Und die Moral von der Geschicht'?
Sind die Geschichten nicht höchst kompatibel mit unserem way of life? Nicht zurückschauen, immer noch vorne blicken, fortschreiten, möglichst sich von den Fesseln der Vergangenheit befreien. Wenn man die obige Orpheus-Interpretation zulässt, wird die Sachlage jedoch komplizierter. Um für einen Neuanfang die Vergangenheit komplett zu opfern, könnte unter Umständen auch heißen, seine eigene Identität und Seele zu verlieren (so gesehen, hätte Orpheus sich seine Seele und seine Liebe letztendlich bewahrt - und so gesehen, hätte Frau Lott die schönste Seele in der Familie). Zudem ist es für moderne Ohren ein befremdlicher Gedanke, dass das scheinbare Unglück durch die Befolgung eines zuvor ausgesprochenen Götter-Gebots hätte verhindert werden können. Ist die Moderne nicht auch die Befreiung von Mythen und Märchen, die uns and Dinge fesseln, die nicht unserer Herrschaft unterstehen, die auf Annahmen fußen, die keinen rationalen Grund vorweisen können? Damit sind wir beim eigentlichen Paradox dieser Geschichten angelangt: obgleich sie die Rückschau und die Vergangenheitsfixierung unterbinden (wollen), sprechen sie im Namen einer Autorität, die ihren Ankerpunkt gleichwohl in der Vergangenheit hat und in die Gegenwart reicht. Aber obwohl das so ist, zeigen sie uns zugleich, dass wir eine Wahl haben, dass unser Schicksal selbst (oder gerade) im Scheitern an einem Stückchen Freiheit hängt (man könnte auch sagen: jede echte Autorität bietet immer auch den Spielraum zur Freiheit).

Die Freiheit stellt damit die Arche, den Ursprung, die Autorität in Frage, fordert sie heraus, selbst wenn sie schlußendlich an der Unmöglichkeit des Lebens und des Todes zerschellen oder ihren Endpunkt finden muss. Und hier besteht ein fundamentaler Unterschied zum modernen Fortschreiten. Denn im genuinen Fortschritt - ebenso wie in der genuinen Bewegung - ist das Ziel zugleich der Ursprung. die Kraft des Antriebs, die Geradlinigkeit des Verlaufs, die Eindeutigkeit der Entscheidungen, die Entschlossenheit des Tuns - all dies verdankt sich dem modernen Kurzschluss von Anfang und Ende. Und bestimmt ist es kein Zufall, dass ein jüdischer Geist schließlich daran ging, seine Autorität in den Dienst des Zuhörens zu stellen, um in der Rückschau jene Momente zu finden und zu verflüssigen, in denen wir unsere Zukunft der Erstarrung und/oder Verzweiflung anheim gegeben haben.

31. August 2021

Generation Älter werden

Es gibt Bücher, deren Verfallsdatum ist schon im Titel untergebracht. "Generation Golf" von Florian Illies gehört dazu. Das Buch wurde im Jahre 2000 veröffentlicht und der Autor ist zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzig Jahre alt. Illies zeichnet für seine GenerationsgenossInnen, also für die Jahrgänge von 1965 bis 1975, das Lebensgefühl der 80er und beginnenden 90er Jahre nach. Das Buch ist flott geschrieben und mit jener ebenso flotten (Selbst)Ironie – und etwas Kleintraurigkeit - durchsetzt, die die Abgeklärtheit dieser Rückschau erträglich macht. Es gibt viele Details, so zum Beispiel die Beschreibung der Pelikan- und Geha-Fraktion im Klassenverbund, an die sich im Jahre 2000 ff. die nun schon großen Kinder mit Wehmut und Sentimentalität erinnern können. Das Buch wurde ein Erfolg. Welche Generation hat schon das Glück, einen Chronisten in ihren Reihen zu haben, der sich so zeitnah an die Arbeit macht. Mögen die Teile der eigenen Geschichte im großen Kontext auch nicht viel bedeuten, immerhin gibt es jetzt neben dem Fotoalbum auch ein Buch.

Die Absetzfolie - oder sollte man besser von der Absetzgeneration, also die Elterngeneration sprechen - sind zum einen jene 68er-Helden*, die die Welt mit ihrer Kulturrevolution - Love & Peace - auf Links ziehen wollten (im Register des Buches stehen zu „68er, Alt-68er“ 13 Einträge, nur übertroffen vom Eintrag „Golf“), zum anderen – sehr, sehr am Rande - die Funktionselite, also der mehr bürgerliche Überbau, die davon überzeugt war, dass man den Laden auch ohne Weltrevolution am Laufen halten konnte und musste. **

Das Politische an diesem Buch ist ein sich aus dieser „Frontstellung“ ergebender antipolitischer Reflex der Illies-Generation. Das titelgebende Mittelklasse-Auto gibt hier die Lebens- und Schreibrichtung vor: solide, langweilig und bequem:

„Solchermaßen gut genährt, ansonsten aber völlig orientierungslos, tapste eine ganze Generation zwischen 1965 und 1975 Geborenen hinein in die achtziger Jahre. Aber irgendwie machte uns das auch nicht viel aus. Wir waren zwar orientierungslos, aber dennoch schlafwandlerisch sicher, dass sich alles, auch die großen Fragen der Menschheit, am Ende lösen lassen. (…) Wir wußten auf jeden Fall, dass wir uns keine übertriebenen Sorgen machen mussten (…).“
Florian Illies: Generation Golf: eine Inspektion. 3. Aufl. Berlin: Argon, 2000, S 18 f.

In den 90er Jahren, als diese Golf-Generation dann vollumfänglich ans Steuer des Autos und des eigenen Lebens darf, entwickelt sich nach Illies eine narzißtische Genussgeneration, die in den Subtiteln der Kapitelüberschriften wie folgt charakterisiert wird: Körperkult, Fit for fun, Eitelkeit, Stil, Kleidung, ewige gute Laune, Markenkult, das Ende der Bescheidenheit. Das Fazit dieser Yuppie-Kultur wir im letzten Absatz des Buches zusammengefasst:

„Die Suche nach dem Ziel hat sich erledigt. Veränderung wird die Zukunft kaum bringen. Und deswegen kann man sich ganz umso intensiver um die eigene, ganz persönliche Vergangenheit kümmern.“
Florian Illies: Generation Golf: eine Inspektion. 3. Aufl. Berlin: Argon, 2000, S 197

Wie schön. Aber so etwas muss man sich natürlich leisten können. Wahrscheinlich ist es nicht für alle Heranwachsenden möglich, das Auto der Mutter schrottreif zu fahren, um anschließend den Leihwagen des VW-Händlers vor eine Mauer zu setzen (ebda. S. 52 f.) *** Und auch nicht jede junge Frau und jeder junger Mann wird in Bonn und Oxford Kunstgeschichte studieren können. Sozialneid ist eine prima Sache, um die es hier aber nicht gehen soll. Vielmehr zunächst um die Frage, ob der soziokulturelle Status unseres Autors nicht schlichtweg mindestens die andere Hälfte der Generationserfahrung zum Verschwinden gebracht hat.

In meiner 80er Jahre Jugend hießen die Themen NATO-Doppelbeschluss (1979) und Aufrüstung, Waldsterben (1983 ff.) und Tschernobyl (1986) – alles begleitet und überdeckt von dem dunkel eingefärbten und depressiven Lebensgefühl der Punk-, Post-Punk, Industrial- und New-Wave-Bewegung = no future. Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 wurde zwar der Sieg der Demokratie und des Liberalismus verkündet ****, wodurch die 90er Jahre aber nicht automatisch zu einem Jahrzehnt der hedonistisch eingefärbten Lebensfreude für alle wurden. Wie sollte man denn auch in kurzer Zeit die Seelenfarbe von schwarz auf sonnig-gelb ummalen können. Kurzum, die äußeren - zweiter Golfkrieg 1991, Bosnien-Krieg von 1992-1995 mit dem Massaker von Srebrenica 1995, Völkermord in Ruanda 1994 - und inneren Lebenssignale versprachen auch weiterhin eine Ausgangslage, in der das halbleere Glas sich weiter entleerte. Mag dieses Lebensgefühl nicht unbedingt für die Mehrheit der Generation zutreffen, so ragte es doch aus den 80er in die 90er Jahre hinein und entfaltete Wirkung. *****

Statt allein von einem sorglosen, ichzentrierten Hedonismus zu sprechen, scheint mir das pessimistisch-depressive Lebensgefühl doch eine Generationsalternative gewesen zu sein. ****** Ob sich daraus eine bessere oder umfassendere Generationsgeschichte ergibt, sei dahingestellt. Seit ich das Illies-Buch gelesen habe, beschäftigt mich eine andere Frage. Dazu eine kleine Geschichte eines ehemaligen Kommilitonen, der damals Anfang der 90er Jahre in Bremen von einem Wochenendausflug mit einigen Bekannten ins Münsterland berichtete. Er kannte die Gastgeber, die sie besuchen wollten, persönlich nicht. Es stellte sich heraus, dass sie zu einem richtig feinen Landgut gefahren waren, wo er Leute kennen lernen sollte, die aus einer ganz anderen Schicht kamen und offenbar sehr, sehr reich waren. Was ihn aber nachhaltig beeindruckte, war nicht der Reichtum, sondern die selbstverständliche Lebensfreude und Freundlichkeit, mit der diese Menschen, ohne jedwedes Ressentiment das Wochenende gestalteten und verbrachten. Er kannst so etwas nicht und wie es schien, war es für ihn - fast - ein persönliches Erweckungserlebnis.

Natürlich war dies eine sehr individuelle Erfahrung und es wäre mehr als gewagt, Lebensfreude und Freundlichkeit als Resultat von Vermögenswerten zu beschreiben. So gibt es Studien, die zu zeigen scheinen, dass Zufriedenheit und Glück ab einer gewissen Einkommensstufe stagnieren usw.
Aber – und dies die Frage – gibt es eine Korrelation einer geschichtlich geprägten bürgerlichen Einkommens- und Lebenslagen-Struktur mit „Weitergabe-Faktoren“ wie Anerkennung, Ermutigung, Leidenschaftsvermittlung und Lebensfreude, die wiederum mit dem Begriff der Liebe nicht ganz umfänglich beschrieben sind. Und gibt es umgekehrt sozio-kulturelle Konstellationen, die das Ressentiment gegen die Lebensbejahung zwar nicht kultivieren, aber konsequent beiläufig befördern, was erstens selbstredend das Leben nicht einfacher macht und zweitens selbstverständlich nicht als ein bewußter Prozess abläuft. ******* Auf dieser Ebene dürfte sich primär entscheiden, ob man sich mit der „Generation Golf“ identifizieren kann oder nicht - mal ausgenommen diejenigen, die sich origineller Weise für so individuell halten, dass sie sowieso durch alle Raster fallen.

Kommen wir zum Ende: die Terroranschläge auf das WTC am 11. September 2001, die Finanzkrise 2008 usw. Der schöne Generation-Golf-Satz „Veränderung wird die Zukunft kaum bringen“ (siehe oben) verliert im Laufe der Jahre leider etwas von seiner jugendlich frischen und selbstbewussten Arroganz. 2012 veröffentlicht Florian Illies das formal und inhaltlich gute und schöne Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“, in dem kulturelle und politische Ereignisse am Vorabend des 1. Weltkriegs beschrieben werden. Daraus erfährt man nicht unbedingt, wie es dem männlichen Teil der „Du wirst Dein Leben bald verlieren“-Generation geht, aber sonst allerhand. Zum Ende des Buches wird von Thomas Mann erzählt, der im November 1913 in keiner guten Verfassung ist.

"Und an seinen Bruder Heinrich schreibt er: 'Mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für den Fortschritt zu interessieren.'"
Florian Illies: 1913: der Sommer des Jahrhunderts,. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2015 (2012), S.283


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* Gab es auch Heldinnen, wird man später fragen: mit Gudrun Ensslin, beteiligt an fünf Bombenanschlägen mit vier Todesopfern, und Ulrike Meinhof, 1975 des vierfachen Mordes und 54-fachen Mordversuchs angeklagt, gibt es in diesem spezifisch deutschem Kontext zumindest bekannte Protagonistinnen; siehe auch die entsprechenden Wikipedia-Einträge.

** Dies wird im Buch nicht ganz so deutlich, da es sich, so die Selbstbeschreibung, um eine Generation ohne Generationskonflikt handeln soll. Der Vater von Florian ist der Biologe, Entomologe, Hochschullehrer und Sachbuchautor Joachim Illies.

*** Ich erinnere mich an einen Klassenkameraden, dem nach dem Erwerb seines Motorradführerscheins von seinem Vater eine Yamaha mit 1000 ccm Hubraum geschenkt wurde, die er, wenig überraschend, ebenfalls in einer Kurve vor die Mauer setzte.

**** Niemals wurde ein Fachbuchtitel von seinen Freunden und Gegnern dankbarer aufgenommen, als das 1992 erschienene Buch von Francis Fukuyama mit dem Titel „The End of History and the Last Man“. Für viele war der Ostblockzusammenbruch eine Identitätskatastrophe, womit sich wiederum weitere schöne Buchtitel erklären lassen. Der renommierte deutsche Politologe Claus Offe titelte 1994 beherzt: „Der Tunnel am Ende des Lichts. Erkundungen der politischen Transformationen im Neuen Osten“.

***** Natürlich war der Hedonismus ein effektiver Tritt gegen das Schienbein der 68er-Recken*_*Innen, die nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten massive Defizite aufwiesen. Nicht erst seit 1989 war offensichtlich, dass große Teile der Linken einen falschen Kampf für falsche Hoffnungen führte, der zudem von einer gesunden Portion innerer Verlogenheit begleitet wurde, scheinbar auch heute noch eine Spezialdisziplin linker Politik. Dass der Postmodernismus und der Post-Strukturalismus nicht nur auf akademischer Ebene in diesen Kreisen auf tiefe Ablehnung stieß, die auch nach 1989 anhielt, nachdem viele Linke nun auf die Seite der moralisch blitzsauberen Diskursethik gewechselt waren, ist wenig verwunderlich.

****** Eine Absage an den Fortschrittsgedanken und das -versprechen der Moderne - der 68er - liegt aber in beiden Fällen vor. Das Hier und Jetzt wird gefeiert oder dem Untergang geweiht.

******* Selbst dort, wo anfänglich noch ein mehr oder minder spaßiges Nein an die Verhältnisse gesendet wird, so bei der Düsseldorfer Punkband die „Die Toten Hosen“ (und ihrer Vorläuferband „ZK“), verdankt sich, so die Vermutung, das sich durchsetzende gutmenschliche Spaßprinzip samt Welterfolg dem Satz von Odo Marquard, der da lautet: „Zukunft braucht Herkunft“. Campino (Jahrgang 1962). Der Sänger der Toten Hosen, mit bürgerlichen Namen Andreas Frege, wuchs, so Wikipedia, „als Sohn des Richters Joachim Frege und der Hausfrau Jennie Frege auf. Seine Mutter war gebürtige Engländerin, hatte an der Universität in Oxford studiert und erzog ihre Kinder zweisprachig.“

31. Juli 2021

Zu Besuch: Heute, die Wahrheit bei den Grünen

Die Mauer der Wahrheit

Zu jener Zeit als die deutsche Mauer noch stand und ich als Jugendlicher das Gymnasium besuchte, begab es sich, dass im Rahmen der Theater-AG die jährliche Schulaufführung vorbereitet wurde. Ich fand damals diese Art der hochkulturellen Betätigung eher lächerlich – jeder und jede, der oder die einen Hauch von Coolness für sich beanspruchte, war natürlich nicht mit von der Partie. Gespielt werden sollte „Die chinesische Mauer“ von Max Frisch. Bekanntlich wird das Stück nicht von Optimismus getragen und angesichts der damaligen historischen Kalt-Kriegs-Bedrohung durch die Atombombe ist der von Max Frisch getätigte Rückblick auf die Geschichte nicht gerade ein Mutmacher. Der zyklische Kreislauf der immer wieder durchbrechenden menschlichen Unzulänglichkeiten - Gewalt, Zynismus - begleitet die Menschheit zuverlässig durch die Geschichte.

Schließlich mussten noch einige kleinere Rollen besetzt werden und so wurden nochmals diejenigen gefragt, deren Ablehnung oder Desinteresse nicht vollumfänglich schien. Ich stimmte also zu, vielleicht um die soziale und konstruktive Ader meines Seins nicht gänzlich versiegen zu lassen – ich weiß es nicht mehr genau. Ich sollte demnach den Pontius  spielen, was erstens nur wenig Text-Repetition verlangte und zweitens auch inhaltlich ganz in Ordnung war. Aus Kostengründen bestand meine römische Rüstung aus bemalter Pappe, was bei der Aufführung dazu führte, dass ich beim Erschienen auf der Bühne einige unfreiwillige Lacher auf meiner Seite hatte, die mich so irritierten, dass ich mich bei dem kurzen Text auch noch verhaspelte.

Mein Texteinsatz hob an mit der Frage „"Was ist Wahrheit?" (Max Frisch: Die Chinesische Mauer: eine Farce; ( Version für Paris, 1972), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003, S. 20) Einige Zeilen später fragte sich Pontius dann: „Wie kann ich entscheiden, was Wahrheit ist." (ebda.) Zumindest ahnte ich schon damals, dass diese doch sehr grundsätzlichen Fragen und Erwägungen gar nicht einfach zu beantworten sind. Die entsprechende Passage aus der Bibel, Johannesevangelium, stellt sich wie folgt dar. Pilatus fragt als Vertreter der weltlichen Ordnung, ob Jesus der König der Juden sei. Darauf kommt die geschichtsträchtige und berühmte Antwort „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18, 36). Jesus macht also dem römischen Statthalter klar, dass er überhaupt keine Ambitionen auf eine politische Intervention hat und zudem auch gar keine weltliche Macht besitzt. Nun fragt Pilatus nochmals nach, warum er dennoch ein König sei. Und an dieser Stelle kommt die Wahrheit ins Spiel. Bibel, bzw. Jesus: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ (Joh. 18, 37).

Für Pilatus, also einem Organisator, Kommandeur und Politiker, muss diese Antwort reichlich unverständlich gewesen sein. Wahrheit hatte in seinem täglichen Leben wahrscheinlich so viel Relevanz, wie die Frage nach einem schönen Fernsehabend. Bestimmt gab es für ihn so etwas wie Wahrheit, in der Form, dass die (beobachtbaren) Tatsachen mit den Aussagen übereinstimmen können, oder eben auch nicht – aber die Verkündung einer spirituellen Wahrheit, die keinen unmittelbaren (Macht-) Anspruch auf die Welt geltend machte, musste für ihn wie ein Hirngespinst wirken. In diesem Sinne wird auch seine Antwort etwas plausibler, die bekanntlich in der oben schon gestellten Frage mündete: „Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18, 37) Das ist keineswegs nur ein opportunistischer Relativismus, sondern das Erstaunen darüber, dass jemand Energie investiert, um einen „neuen“ weltlosen Wahrheitsbegriff zu verkünden und sich damit auch noch Ärger einhandelt. Was immer dieser Wahrheit auch sein mag, unter rechtlich, politischen Gesichtspunkten schien Pilatus diese Wahrheit nicht relevant gewesen zu sein. Wie anders ist seine Antwort auf die an die jüdischen Ankläger zu verstehen, denen er in Bezug auf Jesus kurz mitteilt: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh. 18, 37)

Hannah Arendt schrieb in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“:
„Wer nichts will als die Wahrheit sagen, steht außerhalb des politischen Kampfes, und er verwirkt diese Position und die eigene Glaubwürdigkeit, sobald er versucht, diesen Standpunkt zu benutzen, um in die Politik selbst einzugreifen.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 364 (1966)

Offenbar war Jesus nicht daran gelegen, seine Glaubwürdigkeit in dieser Hinsicht zu schmälern.

Es ist Zeit. Der grüne Parteitag.

Parteitage dienen sicherlich nicht der Wahrheitsfindung. Vielmehr handelt es sich um eine Inszenierung, bei welcher der eigenen Partei und dem eigenen Personal möglichst viel öffentliche Aufmerksamkeit zugeführt werden soll. Gezeigt und gesagt werden plakativ die wichtigsten politischen Antworten, möglichst untermalt von der allumfassenden Begeisterung der restlichen Parteimitglieder. Um die Angelegenheit noch etwas bunter, schillernder, weltläufiger und kompetenzgesättigter zu gestalten und um zu zeigen, dass man keineswegs nur im eigenen Saft schmort, empfiehlt sich der Einsatz von Gastredner!innen. So auch beim Parteitag von Bündnis 90 / Die Grünen, der vom 11. bis 13. Juni 2021 aufgrund der Corona-Lage als ein digitaler Parteitag abgehalten wurde. Zum einen konnte der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser gewonnen werden, der über den Anspruch einer „sozial-ökologischen Marktwirtschaft“ sprach und appellierte, das marktwirtschaftliche Element bei diesem Dreiklang nicht zu vergessen. Als weitere Gastrednerin trat die Autorin und Publizistin Dr. Carolin Emcke auf. Die Vita u.a. wie folgt: Magister-Abschluss bei Jürgen Habermas, Promotion bei Axel Honneth, Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2016 und des Verdienstkreuzes am Bande 2017 (Letzteres ist in ihrem wohlgepflegten Wikipedia-Eintrag zu Ihrem Leben nicht aufgeführt). Aufsehen erregte ihr kleiner Video-Vortrag bei den Grünen durch den folgenden Satz, mit dem Sie auf die Denunziationskraft antiaufklärerischer Elemente hinweisen wollte:

„Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feminist:innen und die Virolog:innen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher:innen.“*

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kritisierte dies als Verharmlosung des Antisemitismus, was als politisches Manöver dann auch ziemlich schnell nach hinten los ging. Aber auch Ex-Grünenchef Cem Özdemir sprach davon, dass Vergleiche mit dem Hass, dem Menschen jüdischen Glaubens ausgesetzt sind, sind nicht angemessen seien. Dieser Sturm im Wasserglas legte sich schnell, womit aber auch über die ernsthafteren Einwände bezüglich der Rede und des obigen Satzes hinweggegangen wurde. So merkt Bernd Stegemann auf cicero.de an, dass Carolin Emcke sich selbst und ihrem politischen Milieu, also auch den Grünen. einen Opferstatus zugesprochen hat, der auf eine Art Unkritisierbarkeit hinausläuft. Thomas Wessel - auf ruhrbarone.de - sieht bei Emcke eine eigenartige Zuspitzungslogik am Werk, die sich bewusst im Ungefähren aufhält. So spricht sie von der Macht der Plattformökonomien, die die Kommunikation privatisiert und an der Unterscheidung von richtig und falsch kein Interesse haben. Wessel weist zu Recht daraufhin, dass Emcke in diesem Zusammenhang zwar von populistischen Manipulatoren und antiaufklärerische Bewegungen spricht, aber nicht genauer auf diese eingeht. Es heißt bei Emcke einfach:

„Die antiaufklärerischen Bewegungen brechen nicht lokal und spontan auf, sondern sie werden international und strategisch gezüchtet, um Misstrauen zu schüren. Das ist die Ambition aller autoritären Bewegungen und Regime, dass es nichts mehr Gemeinsames geben soll.“

Thomas Wessel kommt zu dem Fazit, dass die Rolle der Kassandra durch Emcke bei solch trüber Ausgangslage noch etwas Schubkraft braucht, um nicht an ungefährer Langeweile einzugehen, womit dann wiederum die Erwähnung der Juden durch Emcke plausibel wird.

Schaut man sich das Emcke-Video an, wie sie schwarz gekleidet, eingerahmt von zwei Bücherregalen, streng in die Kamera schaut und mit eindringlichen Worten anhebt: „Es ist Zeit für eine neue Aufklärung“, so sehen wir hier in der Tat eine reife Mischung aus protestantisch-gestrenger Predigt und kassandrischer 5-vor-12 Rhetorik. Denn laut Emcke geht es in der politischen Arena inzwischen nicht mehr nur darum, sich mit einzelnen Falschaussagen zu beschäftigen. Es ist alles viel dramatischer. Nach 18 Sekunden heißt es:

„Es ist Zeit endlich die Frage nach der Verbindung von Demokratie und Wahrheit zu stellen.“

Und in Minute 4:40, nachdem die Subjekte der Wahrheitsverdrehung als international agierende und strategisch gezüchtete antiaufklärerische Bewegungen entlarvt wurden (s.o.) stellt Carolin Emcke fest:
„In Frage gestellt wird die Möglichkeit des verbindlichen Wissens selbst.“
Und nach 6:30 Minuten heißt es schließlich:
„Nur eine Demokratie, die sich der Wahrheitsorientierung verpflichtet fühlt, ist eine.“

Muss man diese Dramatik wirklich ernst nehmen? Gehört Klappern nicht zum Handwerk? Und Frau Emcke wird nicht von Luft und Liebe leben. Nur ist es eine gute Idee, die Wahrheit so in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung zu stellen? Und handelt es sich bei der Wahrheitsrhetorik nicht um eine Verkennung der politischen Sache selbst?

Die Axt bei den Grünen

In dem schon weiter oben erwähnten Essay von Hannah Arendt beschäftigt sich diese ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Wahrheit und Politik. Für Arendt ist klar, dass die Meinung, nicht die Wahrheit, zu den unersetzlichen Voraussetzungen aller politischen Macht gehört.

„Das heißt aber, dass innerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten jeder Anspruch auf absolute Wahrheit, die von den Meinungen der Menschen unabhängig zu sein vorgibt, die Axt an die Wurzeln aller Politik und der Legitimität aller Staatsformen legt.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 364 (1966)

Man könnte die Sache mit dem Hinweis beenden, dass der Versuch, Wahrheit in die Politik einzuführen, die konstitutiven „Zutaten“ der Demokratie, wie Meinungen, Pluralismus und Freiheit mittelfristig vernichtet.** Aber Arendt hätte nicht einen relativ umfangreichen Essay geschrieben, wenn die Sache mit der Wahrheit und der Politik nicht noch andere Aspekte umfassen würde. Sie schreibt, dass Wahrheitsansprüche durchaus unterschiedlicher Art sein können: es gibt die mathematische Wahrheit (Dreiecks-Winkelsumme = 180°), die wissenschaftliche Wahrheit (Erde dreht sich um die Sonne), die philosophische Wahrheit (besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun) und die Tatsachenwahrheit (Im Ausgust 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein). (ebda. S. 340).

Arendt interessiert sich dabei insbesondere für den Unterschied zwischen den Vernunftwahrheiten, deren Gegensätze für sie Irrtum, Illusion oder bloße Meinung sind, zu den Tatsachenwahrheiten, deren Gegensatz die Lüge ist. Dabei mag es zunächst erstaunlich anmuten, dass Arendt am Lügen ausdrücklich hervorhebt, dass es ein Handeln ist und es „zu den wenigen Daten gehört, die uns nachweislich bestätigen, dass es so etwas wie Freiheit gibt.“ (ebda. S. 353) Wahrhaftigkeit, so Arendt weiter, trägt hingegen wenig zum politischen Geschehen der Veränderung der Welt bei.

Halten wir also fest, dass für Arendt mathematische oder wissenschaftliche Wahrheiten keine Rolle in der politischen Praxis, also im Handeln, spielen können. Das besagt nicht, dass zum Beispiel die falsche statische Berechnung eines Hauses, das daraufhin einstürzt, nicht zu politischen Diskussionen führen kann. Vielleicht geht es dabei um Verantwortlichkeiten, Qualifikationen etc. Aber die mathematischen Prinzipien der Berechnung selbst werden dabei kaum Diskussionsgegenstand sein. Allerdings kann man gegen Arendt kritisch einwenden, dass die Wissenschaften keineswegs ein machtfreier Raum sind. Inzwischen ist hinlänglich bekannt, dass in vielen Wissenschaften das Handeln in Form von Netzwerken, Veröffentlichungspraxis, Reputationsmanagement etc. zur Durchsetzung der eigenen Wahrheitsansprüche durchaus eine große Rolle spielt. *** Insofern befinden sich die Wissenschaften keineswegs in macht- und handlungsfreien Räumen, was umso mehr gelten dürfte, je mehr diese Wissenschaften den oder die Menschen und seine Handlungsweisen zum Subjekt ihrer Forschung auserkoren haben.

In Bezug auf die philosophischen Wahrheiten weist Arendt darauf hin, dass allein die Moralphilosophie hier so etwas wie Evidenz und Beweise liefern kann, indem sie ihre Wahrheit in Form eines Beispiels manifestieren kann. Wenn die philosophische Wahrheit in ihrer reinsten Form nur für den Menschen im Singular gilt, kann die Moralphilosophie immerhin durch Exempel und Beispiele die Abstraktheit der Prinzipien auf konkrete Zusammenhänge herunterbrechen und so versuchen die Vielen zu überreden. Damit sind aber nicht die prinzipiengeleiteten Wahrheiten an sich für die „Verbreitung“ verantwortlich, sondern das Handeln derjenigen, die die Anderen zu überzeugen versuchen. Das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren dieser „Logik“ ist immer dann gut zu beobachten, wenn die hochgehaltenen moralisch universelle Grundsätze, die auf einer abstrakten Ebene quasi kostenlos zu haben sind (wer kann z.B. ernsthaft etwas gegen die Würde des Menschen haben), dann in „Vergessenheit“ geraten oder fraglich werden, wenn die daraus folgenden Konsequenzen unmittelbar das eigenen Leben betreffen (Natürlich lassen sich im Umkehrschluss die moralischen Grundsätze vertreten, wenn die Suppe der Konsequenzen von anderen ausgelöffelt werden muss).

Wenn Emcke in dem Video eine neue Aufklärung anmahnt und dabei den moralischen und epistemischen Relativismus anklagt, handelt es sich um ein doppeltes Missverständnis. Entweder gilt die Wahrheit, dann sind die moralischen und epistemischen Ansprüche dieser Art im politischen Raum deplatziert und letztendlich gefährlich. Oder diesen Ansprüchen betreten explizit die politische Arena, womit sie nicht relativistisch, sondern politisch sind. Dann müssen sie auch bereit sein, sich den unterschiedlichsten Standpunkten und Meinungen aussetzen und sich diesen zu stellen.

Kommen wir zu den Tatsachenwahrheiten zurück, die Arendt in diesem Essay so wichtig sind. Wie schon erwähnt, ist die Lüge, die die Tatsachenwahrheit negiert, weder eine a-politische, noch eine dramatische Handlungsweise. Eine singuläre Lüge verletzt die Welt nicht umfänglich und wird unsere Weltbezüge auch nicht grundlegend erschüttern. Jedoch sieht Arendt in der organisierten Lüge, in der umfassenden Propaganda, so wie sie totalitären und diktatorischen Systemen zu eigen ist (also ein exklusiv modernes Phänomen), sehr wohl eine große Gefahr. Lügen und Totalfiktionen ersetzen nicht die Wahrheit, sondern wirken welt-destabilisierend und führen zum Zynismus:

„Denn das Resultat ist keineswegs, dass die Lügen nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 361 (1966)

Werden die Tatsachenwahrheiten permanent destabilisiert, so gerät die gesamte Wirklichkeit aus den Fugen. Damit zeigt sich aber auch ein anderer Aspekt dieser geschichtlichen Tatsachenwahrheiten. Sie sind also solche das Resultat vorhergehender (politischer) Entscheidungen, und damit weder geschichtlich notwendig oder von der Geschichte determiniert, noch können sie den weiteren Fortgang der Geschichte vorgeben. Sie sind realitätsgesättigte Verdichtungen, die dank ihrer bezeugten Gravitationskraft weiteres gemeinsames Handeln herausfordern und inspirieren. Vor allem, und auch dies betont Arendt, kann man die (geschichtliche gewordene) Wirklichkeit nur Verstehen, wenn die Fakten und Ereignisse als eine Geschichte erzählt werden, in dem die Fakten ihre ursprüngliche Beliebigkeit verlieren (ebda. S. 367).

Auch in diesem Zusammenhang noch ein Beispiel aus dem Video. Emcke beklagt die Lüge vom „Bevölkerungsaustausch“ und die Lüge von der „Hygienediktatur.“ Nun kann man sowohl den einen als auch den anderen Begriff aus guten Gründen in die Nähe von verschwörungstheoretischen Wirklichkeitsverzerrungen stellen. Unbestreitbar bleibt aber, dass beide Begriffe von einer Tatsachenwahrheit motiviert werden – in einem Fall die Zuwanderung nach Deutschland 2015, die im Saldo 1,14 Mio. betrug und im anderen Fall die einschneidenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise. In diesem Sinne könnte man alternative Erzählungen - z.B.: die Migration als Glückfalls oder: das Hygienevernunftregime - ebenfalls als Lügen bezeichnen: Besser aber als das, was sie sind: politische Meinungen, mit den es sich auseinanderzusetzten gilt.

Wird die Wahrheit in die Politik hineingetragen, handelt es sich meist um angstbesetzte Diskurse, die jene Probleme verstärken, die sie vorgeben zu bekämpfen. Von daher würde ich es gerne hören, wenn Carolin Emcke auf der Bühne als Pontius Pilatus in „Die Chinesische Mauer“ sagen würden: „Wie kann ich entscheiden, was Wahrheit ist." Das ist keine Diffamierung, sondern eine Hoffnung.


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* Scheinbar gibt es das Video auf Youtube nur noch in einer kritisch kommentierten Fassung - https://www.youtube.com/watch?v=uF3Hlelg5yc

** Der französische Theoretiker Claude Lefort schreibt:
"In meinen Augen ist das Wesentliche, dass die Demokratie sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlagen aller Gewissheit auflöst.” Claude Lefort: Die Frage der Demokratie; in: U. Rödel (Hg.): Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie; Frankfurt/M. 1990 (1983); S. 296
In diesen Zusammenhang gehört auch der Hinweis von Lefort, dass in der Politik der Platz des Souveräns leer ist.

*** Das sich wissenschaftliche Wahrheit nicht aus sich selbst ergibt, hat am provokantesten wohl Paul Feyerabend auf den Punkt gebracht:
"Es gibt also keinen klar formulierbaren Unterschied zwischen Myhten und wissenschaftlichen Theorien."
Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang =: Against method.; Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 597. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016, S.385

30. Juni 2021

Wirklichkeitsbejahung und Adressierungskunst

Ich stelle mir Birk Meinhardt als einen glücklichen Menschen vor. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob Herr Meinhardt wirklich glücklich ist. Der Satz klingt aber zum Einstieg so optimistisch und auch ein bisschen literarisch. Wie immer ist das Unglück aber der verlässlichere Partner. Wenn man Meinhardts Buch "Wie ich meine Zeitung verlor" liest, so kann man unschwer die dunklen Augenblicke in seinem beruflichen Leben der letzten Jahre ausmachen. In dem Buch beschreibt Meinhardt die langsame Entfremdung von "seiner" Süddeutschen Zeitung. Als preisgekrönter Journalist musste er feststellen, dass einige von ihm verfasste Geschichten und Reportagen nicht mehr veröffentlicht wurden. Offensichtlich passte der Chefredaktion der Tenor und die Stoßrichtung der vorgelegten Texte nicht. Inhaltlich ging es bei den drei beanstandeten Reportagen um das Investment-Banking der Deutschen Bank und den daraus resultierenden Schieflagen, um den US-Stützpunkt Rammstein und den amerikanischen Drohnenkrieg und schließlich um den Prozess eines zu Unrecht verurteilten Rechtsextremen (Alle drei Texte sind in dem Buch abgedruckt).

Insbesondere beim letzten "Fall" kann man unschwer erahnen, warum der Text nicht das Papier der Süddeutschen Zeitung erreichen konnte. Birk Meinhardt kommt zu dem Schluss:

"Das ist ja ein Dauerzustand geworden: einer Haltung Ausdruck zu verleihen und nicht mehr der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit um die Teile zu reduzieren, die nicht zur Haltung passen, und dafür die Teile überzubetonen, die sich mit der Haltung decken (...)." S. 87
Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor: ein Jahrebuch. Berlin: Das Neue Berlin, 2020, S. 87

Wobei der Begriff Haltung, wie Birk Meinhardt an anderer Stelle anmerkt, nicht greift, so man Haltung als Ausdruck des Selbstdurchdachten und des Eigenständigen begreift. Stattdessen hat sich "die" Haltung von diesen Mühen befreit und dient nur noch zur selbstgerechten und selbstgewissen narzisstischen Selbsterhöhung, die (persönlich und politisch) kostenlos über jene Standpunkte herfallen kann, die nicht von der Mainstream-Moral gedeckt sind. Dabei handelt es sich bei dieser Art von Haltungsgesinnung keineswegs nur um die passive Übernahme gängiger Meinungen, sondern - siehe Zitat oben - um das aktive Blockieren bzw. aktive Befeuern von unliebsamen bzw. genehmen Wirklichkeitsausschnitten.

Aber wird man einwenden: Haben wir nicht alle unsere Haltungen, die, eben weil sie aus Wirklichkeiten und Meinungen zusammengesetzt sind, nicht 'objektiv' sein können. Ja natürlich: zum einen jedoch ist die Einforderung von unbedingter Objektivität selbst schon das Resultat eines verengten Haltungskorridors. Zum anderen geht es um die Frage, wie und ob ich mich von dem "Anderen" noch adressieren lasse und ob ich diese Adressierung als ein erstrebenswertes Gut anstrebe - die Eröffnung einer möglichen Antwort, nicht einer Reaktion (Abwehr).

Gesinnungshaltung ist also eine Immunisierungsstrategie, die die eigene Identität maximal stabilisiert. Das fällt insbesondere dann ins Gewicht, wenn wir nicht mit einer Außenseitermeinung konfrontiert werden (die Welt ist eine Scheibe), sondern auf eine hegemonische Formation des Denkens und Meinens treffen. Eine beliebte und gängige Form das "gesagte Andere" von vornherein seiner Legitimität zu berauben, ist der Satz, dass diese Aussage, diese Meinung, diese Aktion etc., den falschen Leuten, der falschen Partei, der falschen Seite in die Hände spielen. Die Logik dahinter: die Antwort auf eine Frage darf nicht gehört werden, weil diese Antwort unter Umständen dazu beiträgt, dass davon (politische) Positionen (in größeren Kontexten) profitieren, die auf keinen Fall mehr akzeptabel sind.

Man erkennt die Durchschlagskraft dieser "Strategie“, wenn man eine Argumentations- und Äquivalenzkette bildet, die quer zum Mainstream steht "(das Zeichen einer Meinungsführerschaft besteht auch darin, dass die meisten ihrer Träger vergessen, dass ihrer Meinung nicht ein natürliches Resultat des richtigen Seins ist, sondern auf einer – unbewussten - Entscheidung beruht). Man stelle sich einen "rechten" Menschen vor, dem bewusst ist, dass die Klimakrise ein ernsthaftes Problem ist, dies aber nicht öffentlich aussprechen kann und will, weil damit die "Linke" Auftrieb bekäme, die wiederum die Wirtschaft enteignen und unsere Freiheit massiv beschneiden wollen. Das hört sich absurd an? Ist es aber nicht. Man muss nur die Perspektive drehen. Hier ein weiteres Beispiel aus unserer Realität.

Der Schauspieler Jan Liefers hat mit anderen Schauspielern kleine 1-2 minütige Videos gedreht und veröffentlicht, in denen auf satirische und auch sehr witzige Weise die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisiert werden (allesdichtmachen.de). Also eine völlig legitime Meinungsäußerung, die man inhaltlich und ästhetisch nicht gut heißen muss, die sich aber auf getroffene politische Entscheidungen bezieht, die für einige Menschen gravierende – wirtschaftliche, psychische - Folgen hat. Zudem wird an keiner Stelle der Videos jemand persönlich beleidigt oder angegriffen. In einem WDR-Interview mit Liefers, geführt von Martin von Mauschwitz, lautet der erste Satz wortwörtlich:

"WDR: Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert."
(nachzulesen: https://www1.wdr.de/nachrichten/allesdichtmachen-interview-liefers-100.html)

Meine erste Frage an Martin von Mauschwitz wäre, ob er ein solches Eingangsstatement beispielsweise Angela Merkel entgegengehalten hätte, nachdem diese eine Entscheidung verkündet hätte, mit der Herr von Mauschwitz nicht einverstanden gewesen wäre: "Frau Bundeskanzlerin, wir haben uns heute über Sie geärgert". Die Unangemessenheit dieser journalistischen Einlassung wäre sofort ins Auge gefallen und es ist zu vermuten, dass Herr von Mauschwitz arge Probleme mit seinem Arbeitgeber bekommen hätte. Das muss er in obiger Causa nicht befürchten. Es wurde in der Presse gemeldet, dass der nordrhein-westfälische SPD-Politiker und WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (53) forderte, dass Jan Josef Liefers (und Ulrich Tukur, der ebenfalls ein allesdichtmachen-Video veröffentlicht hat) zukünftig nicht mehr in ihren "Tatort"-Rollen zu sehen sein sollten, was er einige Stunden später dann relativierte.
Weiter im Interview:

"WDR: Aber in dem Video bedienen Sie exakt das Narrativ der Corona-Leugner, der Rechtsextremen und "Lügenpresse"-Schreihälse. Und die feiern Sie heute richtig ab. Davon haben Sie sich distanziert heute Nachmittag. Sind Sie wirklich so naiv?"

Man könnte nun trefflich darüber streiten, ob erstens das zitierte Narrativ, zudem exakt bedient wird und zweitens, um welches Narrativ es sich genau handelt. Aber es geht hier um die Struktur der "Anklage", die einfach eine Meinung desavouiert, indem sie sie mit einem anderen Kontext in Verbindung bringt.
Auffällig wird die Perfidität dieser Vorgehensweise und ihrer impliziten Unterstellungen // wir bilden eine Äquivalenzkette = kritischer Standpunkt gegen Corona-Maßnahmen > die Rechten sehen das auch so > alle Rechten sind menschenverachtend > kritischer Standpunkt ist menschverachtend // nun deshalb, weil Liefers nicht inhaltlich antwortet, sondern die Struktur dieser Gleichsetzung am Beispiel einer anderen Erfahrung ans Licht bringt:

"Liefers: Wissen Sie, wann jemand zu mir gesagt hat: 'Sind Sie so naiv?' Das war … Zentralkomitee in der DDR an der Schauspielschule. Ich kenne solche Fragen."

Übrigens weiß Birk Meinhardt eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Die FDJ-Zeitung, bei der er als Sportreporter arbeitete, lehnte unliebsame Artikel mit der Begründung ab, dass das den Klassenfeind in die Hände spielen könnte. Es wird also nicht von ungefähr kommen, dass die Menschen mit ostdeutschen Biografien scheinbar ein feineres Sensorium dafür haben, wenn mit der Macht der guten Gesinnung darüber entschieden wird, was der Fall ist.

Während man sich im Namen der offenen Gesellschaft, der Toleranz und der Pluralität auf die Schulter klopft, räumt man auf der anderen Seite alles scham- und gewissenlos ab, was der "guten" und eigenen Sache nicht dient. Schon bei der Flüchtlingskrise war zu beobachten, dass die Medien das erzeugen, was sie sodann umso heftiger bekämpfen, zum Beispiel die zweifelnden Stimmen, die fragten, ob die Folgen dieser ungeplanten Einwanderung für alle Beteiligten wirklich vorteilhaft sein werden. Im Falle von allesdichtmachen.de muss man immerhin sagen, dass der Meinungskorridor sich etwas weitete. Armin Laschet bezeichnete den Berufsverbotsvorschlag als Skandal und nicht wenige Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger fanden die Aktion witzig, legitim und gut.

Das Rätsel stellt sich, warum ausgerechnet jene Kräfte, die den Pluralismus so eindringlich beschwören, ihn so oft mit Füßen treten. Scheinbar wird der politische Streit immer mehr von einer Wertegesinnung abgelöst, von der man in vielen Fällen nicht einmal sagen kann, dass sie sich zu einer Ideologie verdichtet. Auffällig bleibt, dass man von dem politischen Gegner gar nichts empfangen kann und will, auch wenn die Wirklichkeit diesbezüglich eine ganz andere Sprache spricht. So als ob sich auch die Wirklichkeit zuvorderst an der Wertegesinnung auszurichten hätte, unabhängig davon, ob der Gestaltungswille auf einem Fundament ruht, das die Umsetzung auch nur ansatzweise ermöglicht. Pluralismus entsteht in diesem verengten und verengenden Kontext nicht mit und aus der anderen Meinung, sondern bezieht sich allein auf die subalternen und schweigenden „Mitstreiter“, die in ihrer kulturellen und sozialen Differenz nicht stören und paternalistisch betreut werden können.

Hingegen: Ist politisches Handeln nicht jener Wettstreit, bei dem es um die Adressierungskunst der Akteure geht, jener Wettstreit, bei der die je eigene Identität und Wirklichkeitswahrnehmung mit ausgesetzt wird. Das Skandalon in heutiger Zeit: die genuin politischen Stimmen werden von jenen pseudo-politischen Positionen deshalb diskreditiert, weil die sich selbst, und damit dem Politischen, nicht trauen.

30. April 2021

Im Land der vielen Dinge

Die Erfahrung ein Zimmer zu streichen, die Wohnung umzuräumen oder gar umzuziehen, führt unweigerlich zu einer weiteren Erfahrung: man besitzt viel mehr Dinge, als man denkt. Mag sein, dass dies für uns, die wir in diesem expandierenden Land der vielen Dinge aufgewachsen sind, nicht überraschend ist. Schnell findet man im Netz jene Statistiken, die besagen, dass ein durchschnittlicher europäischer Haushalt rund 10.000 Dinge versammelt hat. Und irgendwo in der Wohnung und im Haus müssen diese Dinge ja sein. Überraschend aber bleibt, dass die Auflösung der vertikalen Ordnung, die ein Schrank oder ein Bücherregal bietet, den Flächenverbrauch exorbitant in die Höhe treibt.

Während man zunächst acht- und bedenkenlos die Dinge auf den Boden legt oder großzügig in Kartons verstaut, wird nach kurzer Zeit offensichtlich, dass man damit begonnen hat, sich buchstäblich einzumauern. Wie ein Storch, der bemüht ist, die immer höher werdenden Dinge-Stapel, die zudem aufgrund der ungeplanten Stapeltechnik nicht nur sehr fragil aussehen, sondern sehr fragil sind - ein schmales Fundament muss einem größeren Ding Halt verleihen - wie ein Storch also bewegt man sich langsam und mit halbakrobatischen und staksigen Schrittfolgen durch diese neue Wohnwelt, bedacht darauf nichts umzureißen.

Der Blick auf diesen Wahnsinn besagt: da muss einiges weg; wer braucht diese ganzen Dinge (Stimme aus den Off: warum hast Du das alles gekauft?). Nun ist der konsumkritische Gedanke keineswegs ein neuer. Beispielsweise schrieb Erich Fromm 1976 das populäre Buch "Haben oder Sein", in dem er die These entfaltet, dass in modernen (kapitalistischen) Gesellschaften das besitzanhäufende Haben über das lebensliebende Sein dominiert. Und wer könnte einem Autor widersprechen der, auch wenn er der Frankfurter Schule zuzuordnen ist, das ungemein erfolgreiche Buch "Die Kunst der Liebens" (1956) kreiert hat.

Doch inzwischen hat sich der produzierende und besitzorientierte Kapitalismus mit dem Optimierungskapitalismus verbündet. Nicht nur Lieferketten werden verschlankt, sondern auch der Mensch soll fit für die Zukunft werden. Der Bauch soll weg, die Haare jenseits des Haupthaars auch und Besitztümer müssen nicht angehäuft werden. Die Wirtschaft ist inzwischen so potent, dass die Dinge nicht auf Langlebigkeit hin konzipiert werden müssen, noch muss man sie - auf Konsumentenseite - in letzter Konsequenz dauerhaft besitzen. Die Industriemaschine spuckt so viel Ware aus, dass man Dinge immer wieder neu anschaffen oder auch leihen kann (ein kleines ökologisches Versprechen lässt sich heute überall unterbringen).

Schließlich kommt mit der digitalen Revolution die Entdinglichung der Informationsträger hinzu. Schrift, Musik, Fotos und Bewegtbilder können von nun an auf ein spezielles, auf sie zugeschnittenes Trägermedium (wer wird in 20 Jahren noch das Wort Zelluloid kennen) verzichten. Einmal in die digitale Welt eingespeist, passen die Daten auf die immer kleiner werdenden Speichermedien. Und statt die Daten lokal verfügbar zu halten, verspricht die Cloud-Lösung eine ubiquitäre Verfügbarkeit aller Inhalte, vorausgesetzt die entsprechende Netzverbindung steht. Die Cloud als vertikales Prinzip (siehe oben = Regal) wirkt verschlankend und bringt als transzendentales Surplus die Allgegenwärtigkeit der Schöpfer (unseres digitalen) Seins mit sich. Man kann noch nicht erahnen, welche Herausforderungen und Probleme diese Seins-Entmaterialisierung mit sich bringen wird.

Fundamentalontologisch gilt jedoch: wir kommen mit nichts und wir gehen mit nichts. Dazwischen klemmt die Vermutung, dass man sein Leben nur leben kann, wenn man sich von den Dingen löst, sich nicht um jeden Preis an das verdinglichte Leben klammert. Nicht umsonst heißt das zwanghafte Festhalten an den Dingen auch Analfixierung. Und wer möchte schon in dieser Form fixiert sein?

Dies die Prolegomena zu dem konkreten Problem: die Regale sind leer geräumt und Unmengen von Büchern ergießen sich auf dem Boden. Altes Denken breitet sich vor mir aus. Zu viel davon. Es müssen einige Bücher weg. Nun, mutig ein Exemplar gegriffen, eine Anthologie: "Im Jahrhundert der Frau: ein Lesebuch". Seit Jahren im Besitz, nie gelesen. Aber einfach so unbesehen aus meiner Obhut entlassen? Meine eigene - ungute - Schlagzeile lautet: "Weißer Mann entsorgt das Jahrhundert der Frau" (Aber in welchem Jahrhundert befinden wir uns nun? Ich ahne hier Schlimmes). Gerechtigkeit muss walten - ein Blick in das Buch, vielleicht gibt das Schicksal einen Wink. Und tatsächlich, S. 130 - ein Gedicht namens "Nachlaß" von Friederike Roth, an dem es zum Schluss heißt:

"Arg ist die Welt
bis sie vergeht"

Friederike Roth: Nachlaß; in; Borchers, Elisabeth, Hrsg. Im Jahrhundert der Frau: ein Lesebuch. 1. Aufl. Weisses Programm, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987., S. 130

Loslassen können! Ist das nicht die Botschaft! Loslassen.
Und ja, ein solches Buch mit solchen Zeilen kann ich nicht weggeben.

31. März 2021

Etwas Besseres als das Nichts finden wir n/irgendwo

Vielleicht gibt es eine kollektive Imagination dessen, was für uns Heutigen das Nichts "ist" (Schon die erste Frage: Hat denn das Nichts ein Sein?). Und wahrscheinlich ist diese Imagination nicht weit entfernt von den Bildern, wie sie in der Verfilmung von Michael Endes "Unendlicher Geschichte" gefunden wurden. Die Welt (in diesem Fall eine Phantasiewelt) wird durch das dunkle schwarze "Nichts" zerstört. Immer größer werdende Teile der Welt verschwinden und zurück bleibt schließlich "Nichts". Das ist bedauerlich, ja bedrohlich und so muß der Held sich aufmachen, um das Nichts zu stoppen. Das Nichts muss aufgehalten werden; wo es auftaucht, droht der Untergang; wir erzittern.

Dass die Sache so einfach nicht liegt, bezeugt der Autor, Michael Ende selbst. Mit Blick auf seinen Roman und mit Bezug auf uns Europäer sagte er: "Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen, und nun müssen wir hineinspringen, und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wieder erwecken und ein neues Phantásien, das heißt eine neue Wertewelt aufbauen“ (Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unendliche_Geschichte, Abruf:24.02.2021)

Der Vorschlag, in das Nichts hineinzuspringen, scheint mir keine einfache Angelegenheit zu sein. Ich weiß nicht, ob Michael Ende dabei an Martin Heidegger gedacht hat (in Bezug auf die neue Wertewelt jedoch eindeutig nicht, was dem Gedanken etwas von seiner öffnenden Kraft nimmt), der in seinem Buch „Der Satz vom Grund“ das Nichts auf seine Begründbarkeit hin befragte. Am Ende des Buches, nach einem langen und akribischen denkerischen Durchgang, schreibt Heidegger – wir vollziehen hier auch einen großen Sprung:

"Nichts ist ohne Grund. Der Satz sagt jetzt: Jegliches gilt dann und nur dann als seiend, wenn es für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand sichergestellt ist."
Heidegger, Martin. Der Satz vom Grund. 8. Aufl. Stuttgart: Neske, 1997, S. 196

Und - so die Schlussfolgerung die wir hier ziehen - weil das Nichts nicht als berechenbarer Gegenstand sichergestellt werden kann, ist es das Gegenteil von etwas Seiendem, nämlich Nichts. Vermutungsweise gilt aber im Umkehrschluss für eine nicht berechenbar-gründende Denkungsweise, dass das Nichts mehr „sein“ kann als nur Nichts. Also?

Leonard Cohen veröffentlichte 1992 auf dem Album „The Future“ den Song „Anthem“ mit den berühmt gewordenen Songzeilen:

“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”

Das ist zum einen ein schönes Statement gegen den modernen (zukunftsbezogenen) Perfektionswahn. Zum anderen geben die Zeilen auch eine Art Hoffnung oder Versprechen, das man jedoch ganz unterschiedlich interpretieren kann. Eine mehr christlich inspirierte Interpretation würde betonen, dass selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens (Angst, Schmerz, Armut, Krieg) das Licht des Guten auf die Dinge und / oder die Seele fällt (ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Interpretation in zahlreichen Predigten schon seine Auferstehung gefunden hat). Dies ist in letzter Konsequenz eine Erlösungsphantasie. Aber wenn man genau liest, ist es nicht das, was Leonard Cohen sagt. Es sagt nicht, dass selbst in die zerbrochenen Dinge ein Fünkchen Hoffnung hineinscheint, sondern, dass der Riss überhaupt erst die Bedingung dafür bietet, dass Licht hineinkommt.

Bevor ich mit dem 1897 geborenen (und 1982 in Jerusalem gestorbenen) deutsch-israelischer jüdischer Religionshistoriker Gershom Scholem fortfahre, sei daran erinnert, dass Leonard Norman Cohen, geboren 1937, gestorben 2016, nicht nur aus einer jüdischen Familie stammt, sondern dass sein Urgroßvater Lazarus Cohen in Litauen Lehrer an der örtlichen Jeschiwa (religiöse Hochschule) war.

Also Sholem: in einem einem kleinen Essay mit dem Titel "Schöpfung aus Nichts und Selbstverschränkung Gottes" führt er einen Aufweis über die spezifische - historisch-theologische - Verbundenheit des Schöpfungsgedankens mit der „Idee“ des Nichts und zugleich eine Auseinandersetzung mit unseren griechisch-jüdischen Wurzeln. Das Ganze ist ohne Frage sehr verwickelt, insbesondere weil Scholem es aufgrund der mystischen und kabbalistischen Implikationen, denen er primär nachgeht, sehr fachspezifisch erscheinen lässt. Aber wenn der Essay ein Zentrum hat, dann in der These, dass das „Nichts“ als ein Abgrund mehr ist, als ein „Nicht-Sein“ im landläufigen Sinne. Landläufig heißt: aus Nichts kann nichts werden. Oder auch: aus dem Nichts kann man nicht schöpfen. Oder auch: „von Nichts kommt Nichts“.*

Scholem weist gleich zu Anfang darauf, dass der Mythos und das „mythische Denken“ im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen keine Schöpfung aus dem Nichts kennen. Alles ist immer schon „da“ und in gewisser Weise vorbestimmt (Es gibt kein Nichts, sondern ein uranfängliches Chaos).

Im griechischen Denken gibt es die Kette von Schicksalsgliedern, die die Sterblichen an ihre Bestimmung bindet und unser Schicksal vorzeichnet. So sagt Sophokles in der Antigone:

"Erflehe nichts: Aus vorbestimmten Los
Vermag kein Sterblicher sich zu befrein."

Ebenfalls in dieser Spur läuft die stoische Vorstellung einer kosmischen Ordnung, in der wir unseren Platz erkennen und einnehmen müssen. 

Hingegen setze die jüdisch-christliche Tradition auf die absolute Freiheit des Schöpfers. Creatio ex nihilo meint, dass die Schöpfung der Welt als Werk des Schöpfergottes absolut voraussetzungslos ist. 

„Das Nichts, das die Schöpfung bedingt, das ist er (Gott) selbst.“ 
Scholem, Gershom. Über einige Grundbegriffe des Judentums. 1. Aufl., [Nachdr.]. Edition Suhrkamp 414. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993 (1970), S. 68

Schließlich wäre Gott kein allmächtiger, so er auf ein vorgängiges Sein angewiesen wäre. Andererseits müssen Sein und Nichts in Gott ineinander verschränkt sein und bleiben. Denn würde man die Verschränkung nach einer Seite hin auflösen, würde man die Freiheit Gottes einschränken oder ihn selbst zum verschwinden bringen. „Es gibt ein Nichts Gottes, das das Sein gebiert, und es gibt ein Sein Gottes, das das Nichts darstellt“, sagt Scholem in Bezug auf Rabi Asriel (ebd. S. 78) 

Gott als vollkommenes Sein, also als ein in sich vollkommen gegründetes Sein, duldet eigentlich kein Nichts. Umso mehr die Frage: wie können Dinge bestehen, die nicht Gott selber sind. Antwort: Nur wo Gott sich „von sich selbst auf sich selbst“ zurückzieht, kann er etwas hervorrufen, was nicht göttlichen Wesen und göttliches Sein selber ist. (ebd. S 86)

Hierbei handelt es sich also um die Konzeption eines Gottes, der sich in sich selbst verschränkt, um Raum für die Schöpfung zu lassen. Scholem weist darauf hin, dass hier der Gottesgedanke nicht von einem unbewegten Gott ausgeht, sondern das Göttliche höchst lebendig werden lässt. Der „Rückzug“ Gottes bedeutet, dass Dinge außerhalb des Göttlichen Wesens existieren können, womit die unendliche Vollkommenheit seines Wesens punktuell beschränkt wird. Wenn man so will, hat Gott seine Freiheit für einen partiellen Verzicht seiner Allmacht genutzt, um auf der „anderen“ Seite auch eine wirkliche Freiheit entstehen zu lassen. Und so kommt es zu dem Paradox, dass ein perfektes Wesen seine Perfektion beschränkt, um eine Schöpfung im eigentlichen Sinne entstehen lassen zu können, ohne sie gänzlich loszulassen. Scholem führt diesen Gedanken wie folgt aus: „Es gibt kein reines Sein und kein reines Nichtsein.“ (ebd. S. 87)

Man kann das auch singen:

“ There is a crack, a crack in everything. That's how the light gets in”

Und schließlich – dies ist keine Hymne auf die Erlösung, sondern auf die Freiheit.

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*An dieser Stelle ergibt sich auch eine Nähe zu Heidegger, was die schwierige Frage aufwirft, was Heidegger dem jüdischen Erbe schuldet. Dazu: 
Zarader, Marlène. The Unthought Debt: Heidegger and the Hebraic Heritage. Cultural Memory in the Present. Stanford, Calif: Stanford University Press, 2006.
Sie argumentiert, dass Heideggers Seinsdenken auf Gedächtnis, Freundschaft und Gelassenheit beruht, also nicht so sehr das Seiende (die Inhalte) zum Gegenstand hat (was mit Berechnung, Repräsentation und Meisterschaft verbunden ist), sondern mehr eine bestimmte Denkungsart verkörpert. Dies umfasst laut Zarader mehr als nur die griechischen Ursprünge des Denkens (Logik etc.), was aber durch Heidegger insofern negiert wird, als das dieses Andere des (griechischen) Denkens dem griechischen Denken selbst als ungedachte Bedingung seiner Möglichkeit zu Grunde liegen soll (ebd. S. 193). Das biblische und jüdische Erbe wird somit Außen vor gelassen.

24. Februar 2021