Wenn man so langsam in die Herbstdepression rutscht, die schönsten Trakl-Gedichte nachliest und dabei, na sagen wir mal: "Songs: Ohia"(die heißen wirklich so)-Lieder hört, dann hat der Optimismus eigentlich so gut wie keine Chance. Dies nur zur Einstimmung, weil nun der oft zitierte Hannah Arendt-Satz kommt, der da lautet: "Der Sinn von Politik ist Freiheit". Ich stelle mir Christian Lindner als Finanzminister vor, wie er bei seiner Vereidigung unter seinem Sakko ein T-Shirt trägt, auf dem dieser Satz in gelben, nein in magenta-farbigen Lettern zu lesen ist. Da Joachim Gauck, einstmals Bundespräsident, aber auch Hannah-Arendt-Preisträger von 1997, nicht mehr im Amt ist, könnte er Herrn Lindner bei seiner Ernennung auch nicht erklären, dass der Satz von Hannah Arendt gar nicht so liberal gemeint ist, wie er zunächst klingt (als Politik-Berater würde ich Herrn Lindner deshalb vorschlagen, den Satz abzuändern in "Der Sinn von Politik ist keine Schulden zu machen", nicht weil er so richtig ist, sondern weil Selbstironie mein Gemüt besänftigt).
"Der Sinn von Politik ist Freiheit". Spötter würden sagen, dass Satz aus dem Holz geschnitzt ist, aus dem Sonntagsreden bestehen. Träume weiter, kleiner Bürger, du kleiner Tropf: die große Politik funktioniert doch ganz anders. Glaubt du wirklich, dass Du, ja Du, nur eine klitzekleine Rolle wirst spielen können, wenn es um die großen Zeitläufe geht?
Es ist Herbst - nichts wäre einfacher als sich der sich ausweitenden Dunkelheit hinzugeben und in cioranscher Manier über einige Aphorismen mit dem Titel "Vom Nachteil die Politik verstehen zu wollen" nachzudenken. Aber nein, Dunkelland hat noch nicht gewonnen und ich kann nur darauf hinweisen, dass der Arendt-Satz trotz oder wegen der liberalen Überlagerungen keineswegs selbsterklärend ist. Denn Arendt geht es nicht um eine rein individuelle Freiheit, die sich als negative Freiheit in der Herauslösung aus oder Abstandnahme von allen sozialen und kulturellen Zusammenhängen realisiert. Vielmehr zielt ihre emphatische Betonung des Handelns, in dem sich Freiheit realisieren kann, auf jenen Zwischenraum, der nicht souverän oder willensmäßig besetzt oder okkupiert werden kann, es sein denn auf Kosten seiner Nichtung. Was sich im Handeln offenbart, ist ein Adressierungs-, Berührungs- und Resonanzgeschehen, das im Gegensatz zu unseren Mainstream-Vorstellungen auch denjenigen ergreifen und verwandeln kann, der handelt. Sowieso sind die "Handlungsrollen" nicht so einfach verteilt: dort der Sender, hier der Empfänger und dann auch wieder umgekehrt - so einfach ist es nicht, weil es keinen reinen Sender und keinen reinen Empfänger gibt. Vom Handeln berührt, ist das Resonanzgeschehen integraler Teil des Handelns und nicht nur passive Empfangsmasse. In diesem Sinne trägt, formt und weitet jedes gute Sagen und Antworten den Handlungsraum mit, auch wenn man im "klassischen Sinne" nicht beteiligt ist (Die Schwierigkeit dies zu "verstehen" - so es eine Schwierigkeit gibt - gründet nicht in der Kompliziertheit des Vorgangs, sondern auf seiner weitgehend verdrängten Einfachheit oder besser: auf seiner fehlenden Einfachheitsakzeptanz).
Handeln und Zwischenraum (politischer Raum, politische Nation) sind auf eine eigene Weise miteinander verbunden und lassen - so es glückt - immer wieder etwas in der Welt erscheinen, was nach den Gesetzten der Wahrscheinlichkeit und der Rationalität eigentlich gar nicht hätte erscheinen können: ein neuer gemeinsamer Anfang. Voilà, da ist sie nun, unsere Freiheit! Es gehört im Gegenzug nicht viel Phantasie dazu, diese Freiheit schnell unter dem Geröll unserer Realität zu begraben: die Macht, die Ökonomie, der Kapitalismus … Zugegebenermaßen wäre etwas mehr Exemplifikationstext an dieser Stelle hilfreich, aber die Zeit, der Herbst, der Weinvorrat … Kurzum, es gibt durchaus Grund zu der Annahme (so das hoffnungsvolle Versprechen), dass die politische Freiheit existiert, wenn auch nicht ungefährdet, wenn auch anders als vielleicht gedacht.
In Diskussionen kommt man immer wieder an diesen Punkt, wo man sich tief in die Augen schaut und, implizit, explizit, zugesteht - möglicher Weise ver-glaube ich mich da -, dass die Freiheit unserer Wir-Weisen zu er-handeln ist. Ich füge dann, auch um das schöne letzte Wort zu haben, hinzu, dass die zuverlässigsten Spielarten zur Einebnung dieser Idee darin bestehen, das Politische durch die Moral oder durch die Funktionslogik zu ersetzen. Die Zustimmung kommt so selbstverständlich, dass ich mich immer etwas schäme, es überhaupt erwähnt zu haben.
Allein, kaum schlägt man seine Wochenlektüre beziehungsweise das außer der Reihe erworbene Monats-Periodikum auf, schon sieht man, dass die Pluralität des Lebens darin besteht, dass andere Menschen ganz anders denken. Glücklich fügt sich der Umstand, dass sich hier zwei Positionen vertreten sind, die in fast idealtypischer Weise, das eben gesagt exemplifizieren: dass man durch Moral und Funktionslogik die politische Frage einebnet.
Beginnen wir mit dem letzterem (der Funktionslogik) und mit Armin Nassehi, der in der Zeit eine längere Buchrezension zu Wolfgang Streeks 'Zwischen GLobalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus', erschienen 2021, geschrieben hat (nachzulesen: Armin Nassehi: Das organisierte Idyll, in: DIE ZEIT Nr. 43, 12. Oktober 2021, S. 56).
Nassehi beschäftigt sich dabei mit der Grundthese des Buches, die seiner Meinung nach wie folgt aussieht: Der Globalismus lässt sich nur durch konsequente Wiedereinbettung politischer Entscheidungen in einen (homogenen) Nationalstaat bewerkstelligen (ob Wolfgang Streeck das wirklich so gedacht und geschrieben hat, ist an dieser Stelle nicht relevant, da es um die Rezeption von Nassehi und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen geht).
Diese These - u.a. von Streek -, so Nassehi ist nicht auf der Höhe der Zeit, da sie die Komplexität der modernen Welt nicht berücksichtigt und daher in eine Art Steuerungseuphorie mündet, die zum Scheitern verurteilt ist. Mag die industriegesellschaftliche Moderne, so Nassehi weiter, als Ausnahmezeit diese Illusion partiell unterstützt haben, so setzten sich doch die Differenzierungsfolgen durch. Das heißt, wir haben es mit den Eigenlogiken des Ökonomischen, des Wissenschaftlichen, des Medialen und des Rechts zu tun, die auf einer politischen Ebene nicht mehr integriert werden können. Sein letzter Satz lautet daher: „Die Idee einer Demokratie aus dem Geist der homogenen, abweichungsfeindlichen Form einer prästabilisierten Einheit jedenfalls können wir uns angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen nicht leisten.“
Dazu kann man zwei Dinge anmerken. Zum einen folgt aus der Sachebene, selbst wenn sich die Experten der Sachebenen-Community in der Beurteilung einer Sachlage einig sind, keinesfalls eine Entscheidung darüber, was daraus für das gemeinschaftliche Zusammenleben folgen soll. Die Corona-Debatte hat dies zum Beispiel umfänglich veranschaulicht. Die Entscheidung zwischen Sicherheit (hoher Gesundheitsschutz) und Freiheit (selbstbestimmtes Leben) ist keine, die sich - auch wenn dies permanent versucht wird - von den Bürgern weg-delegieren lässt (In diesem Zusammenhang ist es nur noch ein weiterer kleiner Schritt in der Kapitulation des politischen Denkens, wenn man meint, diese Entscheidungen zum Beispiel durch einen Ethik-Rat fällen zu lassen, so als ob wir nur lange genug nach den richtigen "Experten" suchen müssten).
Zum anderen scheint es inzwischen eine eigenartige Selbstverständlichkeit zu sein (aber sind die vorherrschenden Meinungen nicht immer eigenartig), eine politisch-demokratischen Nation unter Homogenitätsverdacht zu stellen. Jede "Einheit", die nicht funktional oder rational durch-begründbar ist, scheint dann nur als eine Art Exklusionsmaschine denkbar zu sein, die den funktional-rationalen Anforderungen nicht genügt.
Dass aber eine demokratische Nation als eine gefasste politische Einheit ihre Fassung durch den durchaus konflikthaften Raum des politischen Handelns bekommt (und als pluraler politischer Handlungsraum gegründet wurde), und die Tradition dieser Konflikte und Einigungen als haltendes Moment mitträgt, demnach auf Pluralität angewiesen ist, gerät aus dem Blickfeld. Die Erfahrung der Nicht-Integration von Teilen der Gesellschaft dürfte vermutungsweise in den meisten Fällen weniger auf einer Akzeptanzverweigerung der jeweiligen Gruppen beruhen, als auf einen (vielseitigen) Verzicht zur politischen Teilhabe. Dabei ist diese Teilhabe sowohl an kulturelle und soziale Voraussetzungen genknüpft, die keineswegs trivial sind und hängen andererseits von der Offenheit der politischen Handlungsräume ab. Begreift man die Integration aber nicht als politische Integration, existieren die "Identitätsaspekte" unberührt nebeneinander und verlieren sich entweder in einer liberalen gleichgültigen Differenz, was oftmals dazu führt, dass sich die ohnehin privilegierten Gruppen ihre eigene Realität bauen und sich so den Konflikten entziehen, oder die Identitäten setzen sich in ihren Ansprüchen absolut und pochen in ihrem identitären So-Sein auf eine zuvor vorenthaltene Anerkennung, ohne den Weg der handelnden Auseinandersetzung zu beschreiten. Letzteres heißt immer auch, seine eigene Identität zu öffnen, den Verzicht auf die eigene volle Souveränität zu akzeptieren.
Offensichtlich ist, dass wir es hier, wo Überzeugungen berührt und daseinsrelevante Dinge verhandelt werden, nicht mit Problemlösungen zu tun haben. Entortungen und politischer Austrag entstehen jenseits der Spielfelder der funktionalen Ausdifferenzierungen. An dieser Stelle setzt nun ein anderer entpolitisierender Diskurs ein: Politik im Namen der Moral. Felix Heidenreich hat im Merkur einen kleinen Essay mit dem Titel 'Moralisierung' geschrieben, in dem die Problematik mehr oder minder deutlich zu Tage tritt (nachzulesen: Felix Heidenreich: Moralisierung, in: Merkur, 25. Jahrgang, September 2021; S. 32-42). Gegen die systemtheoretischen Argumente, die sich auf die gesteigerten Problemlösungsfähigkeiten sich ausdifferenzierender Funktionsbereiche beziehen, merkt Heidenreich zunächst an, dass in allen Funktionssystemen immer schon ein Überschuss waltet, immer schon mehr gilt als der bloße Funktionscode. Mit Heidenreich könnte man sagen, dass ein Funktionscode in den Grenzen seines Codes nicht die Voraussetzungen seiner Funktionslogik mitdenken kann. Eine medizinische Diagnose gibt uns keine Auskunft über die Zulässigkeit von Sterbehilfe, mag die Diagnose auch noch so düster ausfallen. In diesem Sinne hat Heidenreich zweifelsohne Recht, wobei die primäre Stoßrichtung seiner Intervention sich keineswegs auf die Kälte systemtheoretischer Funktionslogiken bezieht (spekulativ könnte man vermuten, dass Heidenreich diesen letztendlich rationalen Systemen zur Not die Rationalität übergeordneter Normen beistellen würde).
Heidenreich zeigt zunächst anhand dreier zeitlich aufeinanderfolgender, gemeinhin als konservativ bis rechts einsortierter Autoren, auf welcher Folie bzw. welchen Folien sich die heutige neu-rechte Moralisierungskritik verstehen lässt. Das fängt bei der lebensphilosophisch inspirierten Rechten an (Hans Freyer), in der Moralisierer als blutleere Träumer diffamiert werden. In diesem Framing steht das Leben, die Kraft, die Stärke gegen die nüchternen Werte der Moral, Pflicht und Abstraktion. Das stahlharte Gehäuse des Kapitalismus (Max Weber) fordert den "Lebensimpuls" heraus. Meldet sich die dunkle Seite der Macht, schrillen natürlich bei normativ gesinnten Geistern die Alarmglocken. Aber halten wir mit und nach Heidenreich fest: gegen die Sittlichkeit werden lebensphilosophisch die dunklen und unkontrollierbaren Leidenschaften ins Leben gerufen. Sodann ist Carl Schmitt an der Heidenreichschen Reihe, der, darauf beharrt, dass alle Werte als menschlich gesetzte Werte relativ sind. Und schließlich wird noch Arnold Gehlen hinzugestellt, der wiederum bemängelte, dass Moral eine intellektuelle Waffe ist, die fast kostenlos zu haben ist, da letztendlich mit der Moral keine Verantwortung verbunden ist.
Die Anklageschrift in Bezug auf die Moralkritiker muss also lauten: Entfesselung dunkler Leidenschaften, Werterelativierung und Unlauterbarkeitsunterstellung. Ergo, so Heidenreich weiter: die neue Rechte pfeift auf die Moral und feiert das leidenschaftliche Leben in Form von Enthemmung und Regression (und wir wissen, woher es kommt). Ein bisschen erinnert diese Diagnose an die fast schon ganz alten Zeiten, wo Oma und Opa vorgeworfen wurde, dass die Haare zu lang und das Benehmen unverschämt waren und die Musik zudem schrecklich und zu laut ausfiel. Wie man sieht, kommt man bei den Werten schnell durcheinander, je nachdem wer, an welcher Stelle, zu welcher Zeit sich berufen fühlt, die Wertekarte zu ziehen. Womit wir beim Kern des Problems sind, wenn Heidenreich ganz am Ende feststellt, dass "gegen moralische Argumente (...) nur andere moralische Argumente plausibel" sind.
Mag dies auch ehrenwert gedacht sein, bleibt doch die Frage, ob es sich tatsächlich um eine Werte-Unterversorgung handelt. Sind Werte die Lösung oder das Problem? Zunächst lässt sich auf einer deskriptiven Ebene der Vorwurf der Unlauterbarkeitsunterstellung an die Werte-Vertreter nicht ganz von der Hand weisen: so ist Moral inzwischen eine Sache geworden, die man sich leisten können muss. Die eigene Lebenssituation samt Identitätsvorhof wird selten in aller Offenheit thematisiert (ja, man hat ein Eigenheim und versiegelt die Fläche; ja, man hat zwei Autos und trägt zum Autoterror bei; ja, mein verreist gerne, auch mal fern und befeuert das Klima; ja, man findet die Aufnahme von Flüchtlingen gut, aber eine Bürgschaft?). Stattdessen nimmt man den Moralbonus des Eintretens für die gute Sache gerne mit, ohne dass diese Art der Verantwortung Folgen hätte (vielleicht geringfügig finanzielle).
Auch bezüglich des Werterelativsmus, übrigens ein Vorwurf, der in der Postmoderne-Diskussion gerne angebracht wurde, verhält sich die Sache verwickelter. Das akademische Wissen darum, dass Werte prinzipiell Sozial-Konstrukte und daher relativ sind, dürfte noch niemanden von seinem 'wertegebundenen' Standpunkt abgebracht haben. Für einen Marsbewohner mögen Werte relativ sein, für Menschen innerhalb eines sozialen und kulturellen Kontextes kaum. Schwerer wiegt der - nicht nur konservative - Einwand, dass nämlich eine sehr starke Wertebindung den Fanatismus durchaus befeuert (ein Argument, das Heidenreich Schmitt zuordnet, ohne es zu diskutieren). Treffen Werte als geglaubte Wahrheiten unmittelbar aufeinander, dürfte der politische Austrag eher ins Unerbittliche abdriften. Adressierung und Resonanz wird man hier nicht begegnen.
Nehmen wir noch den dritten Vorwurf an die Moralkritiker hinzu, der da lautet: Dunkel-Trieb-Entfesslung. Auch hierzu gibt es (mindestens) eine längere Geschichte. Albert O. Hirschman zeigt in seinem Buche 'Leidenschaften und Interessen' wie im frühen 17. Jahrhundert das Problem der zerstörerischen Leidenschaften und der wirkungslosen Vernunft nicht nur aufkam, sondern durch die Einführung des Interessensbegriff gelöst werden sollte. Das Interesse als Handlungsmotivation versprach als eine rationalisierte Leidenschaft, die mit der ökonomischen Sphäre verknüpft war, Wirkungsmächtigkeit, Voraussagbarkeit, Beständigkeit (siehe: Albert O. Hirschman: Leidenschaften und Interessen: politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 670. Frankfurt am Main, 1980). Der Kampf um die 'Gefährlichkeit' der Leidenschaften tobt also schon länger. Und natürlich sind wir geneigt, in der politischen Arena auch heute noch in dem Interesse ein kalkulierbares Moment zuzusprechen, weil es scheinbar mit der Rationalität fest verknüpft ist. Aber man muss nicht weit in die Geschichte zurückgehen, um zu sehen, wie das überschaubare und interessgeleitete Erwerbsstreben in reine Gier umschlagen kann (Stichwort Finanzkrise).
Rationalität und Leidenschaft sind nicht die beiden Pole, die es sorgsam zu trennen gilt, um Schlimmes zu verhindern. Wer glaubt durch (gute) Werte oder - in den avancierteren Theorien - mit einem diskursethischen Regelwerk die irrationalen Aspekte unseres Zusammenlebens bannen zu können (German Angst), verkennt, dass es insbesondere im politischen Handeln aufgrund unserer persönlichen und kollektiven Geschichtlichkeit keinen voll durchrationalisierbaren Grund geben kann, was nicht heißt, dass deshalb unser Handeln per se irrational ist. Vielmehr kann man den Werte-Moralisten und Diskurs-Ethikern an dieser Stelle entgegen halten, dass erst das, was im politischen Raum nicht auftaucht, nicht in den gemeinsamen symbolischen Raum eingeschrieben werden kann, weil es moralisch als verwerflich gilt, als abgespaltenes Stück unbearbeiteter Realität umso regressiver und gewaltsamer an anderer Stelle wieder auftaucht. Das heißt wiederum nicht, dass alles sagbar und tolerierbar wäre. Nur sind Werte und Moral nicht das Bollwerk gegen Gewalt und Regression, als das sie sich gerne sehen würden. Statt zur Lockerung und Verflüssigung der Verhältnisse beizutragen, versteinert die Situation weiter.
Herbstzeit ist, es lösen sich die Blätter von den Bäumen. Rainer Maria Rilke schrieb 1902 in einem Herbst-Gedicht: "Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen." So ist es wohl, unsere Unvollkommenheit und Freiheit gehen Hand in Hand. Wir fallen, so oder so.
30. Oktober 2021
Die Grünen sind vollständig im Versprechensmodus der anderen Parteien angekommen. Auf einem Wahlplakat sieht man die grüne Spitzenkandidatin, wie sie über ihre Schulter zurück blickt, so als würde sie auf uns, die ihr folgen sollen oder wollen, warten. Darunter ist zu lesen: "Zukunft passiert nicht. Wir machen sie."
Dieser Satz suggeriert, dass man nur mit den richtigen Konzepten die Souveränität des Machens und Wollens voll ausspielen müsse, um die Zukunft doch noch, diesmal aber besser, wirklich besser, und natürlich nachhaltiger gestalten zu können. So also ob dann alle Probleme und Entortungen (eine kleine unverbindliche Auswahl: Finanzkrise, Euro-Raum, Rente, Klima, Ressourcen, Umwelt & Tiere & Artenvielfalt und Lebensgrundlagen, Industriestandort, Zukunft der Arbeit, Migration & Integration, Außenbeziehungen, Kriege, China, Digitaler Wandel, Corona & Freiheit) bewältigbar wären, mag die Zeit auch im ein oder anderen Fall knapp werden.
Aber es ist mit beiden Händen zu greifen, dass diese "Probleme" eben keine Probleme im herkömmlichen Sinne sind, sondern unsere Art und Weise des Lebens und Denkens grundlegend durcheinander bringen. Deshalb taucht hier der Begriff Entortungen auf, weil wir von den obigen "Problemen" von unseren angestammten Plätzen vertrieben werden. Wer glaubt wirklich, dass man mit den gängigen Problemlösungsstrategien und / oder moralischen Engführungen mehr erreichen kann, als lediglich einen Aufschub, der die Entortungen aber keinesfalls zum Verschwinden bringt.
Die Ratlosigkeit, zuweilen gar Verzweiflung gegenüber den etablierten Parteien und die oft gehört Klage, dass man nicht weiß, wen man wählen soll, entspringt auch dem Gefühl, dass es keine der Parteien oder handelnden Personen geschafft hat, das Feld des Sagbaren und Denkbaren zu weiten. Selbst dieser Satz ist im Kontext der aktuellen Politik missverständlich, als ob es darum ginge, besonders innovative Visionen oder moralisch provokante Dinge zu artikulieren.
Eher wäre es zunächst ein Verzicht auf die volle Souveränität des Machen-Könnens, ein Eingeständnis der eigenen und gemeinsamen Begrenzungen, was zugleich eine Spielraumerweiterung für ein anderes Hören und Sagen mitträgt (Diese Sätze sind in ihrer Abstraktheit vielleicht nicht zielführend und man müsste sie inhaltlich unterfüttern, sie also mit konkreten Signifikanten koppeln. Wer aber meint, dass es sich primär um ein inhaltliches Problem handelt, der irrt). Keine Politikerin oder Politiker kann dies, selbst in Anbindung an konkrete politische Inhalte, unmittelbar gegen die Hegemonie der Souveränität in die politische Arena hineintragen, ohne die eigene politische Karriere zu gefährden oder zu beenden. Aber ein Hauch eines anderen Anfangs hätte zumindest einen hoffnungsvolleren Ausblick gegeben, auch wenn dies sich nicht unmittelbar in Wählerstimmen ausgezahlt hätte ( die Akzeptanz dieser Währung = Wählerstimmen ist ein Zeichen dieser Souveränitätsdiktatur, die, obwohl immer davon gesprochen wird, keine wirkliche Öffnungen zulässt).
Die Grünen hatten das Potential diese Verschiebung, vielleicht auch nur minimal mit anzustoßen (inwieweit sie - jenseits parteipolitscher Programmatik - tatsächlich zu einer Weitung des politischen Feldes seit den 70er Jahren beigetragen und neue Möglichkeiten geschaffen haben und was das bedeutet, ist durchaus eine wichtige Frage. Sehr erhellend dazu und zu dieser Thematik generell: Zoltán Szankay: The Green Treshold. In: Laclau, Ernesto, Hrsg. The making of political identities. Phronesis. London ; New York: Verso, 1994.).
Wenn man sich den Programmentwurf zur Bundestagswahl 2021 der Grünen, betitelt mit "Deutschland. Alles ist drin.", anschaut, so wird schon im Inhaltsverzeichnis das Wir-Machen-Alles-Gut-Desaster deutlich (wie schon am Anfang erwähnt, sind die anderen Parteien in dieser Disziplin schon viel geübter; umso trauriger, dass der Geübteste in dieser Disziplin die Wahl gewinnen wird). Jedes Kapitel beginnt mit einem grünen "Wir", gefolgt von einem Verb und dem entsprechenden "Inhaltsbereich", auf den sich die Anstrengung bezieht. Entfernt man letzteres, lesen sich die Versprechen so:
Wir schaffen
Wir schaffen
Wir sorgen
Wir schützen
Wir stärken
Wir ermöglichen
Wir fördern
Wir geben
Wir bringen
Wir kämpfen
Wir machen
Wir vollenden
Wir haushalten
Wir fördern
Wir sorgen
Wir schaffen
Wir sichern
Wir geben
Wir schaffen
Wir invertieren
Wir fördern
Wir stärken
Wir ermöglichen
Wir verbessern
Wir machen
Wir treten ein
Wir erneuern
Wir gestalten
Wir rücken
Wir stärken
Wir garantieren
Wir fördern
Wir bauen
Wir treiben
Wir stärken
Wir arbeiten
Wir verteidigen
Wir schützen
Wir streiten
Wir treten
26. September 2021
Jean-Luc Nancy starb am 23. August 2021, also vor fast einem Monat. Ich habe ihn, den Philosophen aus Frankreich, nur durch seine Schriften gekannt, aber was heißt schon nur. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie er mich in meinem Denken beeinflusst hat. Da ich ihn gelesen, einige seiner Bücher gekauft, mit Bleistift einige seiner Sätze markiert habe, denke ich: ja wichtig, schade dass er nicht mehr 'da' ist. In einem seiner Essays, den ich heute nochmals gelesen habe, spricht er über die Haltung des Denkens gegenüber jedem Denker: "ihn nicht zitieren, ihn nicht studieren, sondern in auswendig lernen, par coer, mit dem Herzen - also mit dem Organ, das um zu begreifen, ergreifen und sich ergreifen lassen muss." (Nancy, Jean-Luc: Dekonstruktion des Christentums. Zürich Berlin: Diaphanes, 2008, S. 133).
Das gefällt mir schon gut, die Idee, dass unser Gehirn vielleicht steuert, aber nicht das Zentrum unseres Seins bildet, nicht einmal unseres denkerischen Seins, eines Seins, von dem Nancy immer gesagt hat, dass es ein sehr abgründiges Sein ist. Es schlägt, es ist ein Rhythmus. Ein anderer Essay in dem gleichen Buch ist betitelt mit "Trost,Trostlosigkeit" und beschäftigt sich mit dem "Adieu", dem letzten Gruß, von dem er mit Bezug auf Derrida sagt, dass es immer die absolute Abwesenheit von Heil grüßt. Der Grüßende, der den Tod des Anderen grüßt, der den toten Anderen grüßt, bleibt mit seinem Gruß auf einem Rand, dem kein anderer Rand gegenüberliegt. Der Tod rührt an das Intakte, im Sinne einer absoluten Hermetik, zu der wir keinen Zugang haben, so Nancy. Also ein unmenschliches Sein und man ist versucht zu fragen, wo sonst sollen die Götter wohnen, wenn es sie gibt. Der letzte Satz des Textes lautet:
"Ohne uns zu retten, berührt ein solcher Gruß uns immerhin, und indem er uns berührt, weckt er diese fremdartige Aufregung, das Leben für nichts zu durchqueren - für nichts, doch exakt genommen nicht rein als Verlust."
Nancy, Jean-Luc: Dekonstruktion des Christentums. Zürich Berlin: Diaphanes, 2008, S. 177
Der Abschied und die Worte zum Abschied sind für die Lebenden, auch wenn wir uns als Überlebende fühlen und verkennen, dass es nur ein Aufschub ist. Weg-Gabe am Ende des Weges: unser Leben ist auf und für nichts gegründet, wir durchqueren es für nichts, keine Rettung in Sicht. Aber eben kein vollständiger Verlust; wir durchqueren das Leben, so sagt es Nancy, nicht rein als Verlust. Jeder Entzug, jede Erfahrung, dass eine - unsere - Ordnung und die dazugehörenden wohlgeordneten Gründe leise oder laut zusammenbrechen - und ist der Tod nicht der größte Entzug -, hinterlässt Spuren. Auch Verlust, aber nicht rein als Verlust - Berührungen, Herzensangelegenheiten.
Coda
Wann habe ich zum ersten Mal einen Text von Nancy gelesen? Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Aber wahrscheinlich war es der Essay in einer Ausgabe der Zeitschrift Lettre International von 1993. Dort schrieb Nancy einen Text, der mit "Lob der Vermischung. Für Sarajevo, März 1993" betitelt war (Jean-Luc Nancy: Lob der Vermischung: in: Lettre International, Heft 21, II. Vj./93, S. 4-7). Auf den ersten beiden Seiten waren zwei (Tusche-)Zeichnungen der serbischen Künstlerin Marina Abramovic abgebildet - ein weinender Mensch oder eine weinende Frau und ein fünfzackiger Stern mit brustähnlichen Schleifen an den Enden (auf den beiden darauffolgenden Seiten gibt es zum einen eine kleine Anzeige für ein Schuhgeschäft, mit Standorten in vier Straßen. In welcher Stadt? Man erfährt es nicht. Auf der gegenüberliegende Seite ist eine Werbung für einen Bücherschrank bzw. ein Möbelgeschäft platziert, diesmal mit Postleitzahl - noch vierstellig - samt Stadt = Berlin). Also Sarajevo: bekanntlich kam es zum Konflikt zwischen den drei ethnischen Gruppen - den muslimischen Bosniaken, bosnischen Kroaten, bosnischen Serben -, weil die ersten beiden Gruppen sich für die Unabhängigkeit von Jugoslawien aussprachen, letztere mit großer Mehrheit für den Verbleib stimmten. Im Frühjahr 1992 kam es dann zur Belagerung von Sarajewo durch bosnisch-serbische Truppen, die insgesamt 1425 Tage andauerte. Der Wikipedia-Eintrag zu Sarajewo spricht von 10.615 Toten aus allen Volksgruppen, darunter 1.601 Kinder und insgesamt 50.000 teilweise schwer Verletzten.
Nancy schreibt im März 1993 das "Lob der Vermischung". Der Krieg ist seit einem Jahr im Gange. Natürlich verurteilt Nancy die Idee eines reinen Volkes und einer reinen Identität, was philosophisch-denkerisch und politisch erwartbar ist. Zum Ende des Textes kommt er auf die systematische Vergewaltigung der bosnischen Frauen zu sprechen, die auf exemplarische Weise alle Gestalten einer irrsinnigen Bejahung der 'einen' einheitlichen Gemeinschaft vorgeführt hat:
"Nichtiger und nichtender Akt, Negation des Sexus selbst, Negation der Beziehung, Negation des Kindes und der Frau, reine Affirmation des Vergewaltigers, in dem eine 'reine Identität' (eine 'reinrassige' Identität) sich nicht besser zu helfen weiß als dadurch, dass sie das, was sie negiert, auf abscheuliche Weise imitiert: die Beziehung und das Zusammensein."
Jean-Luc Nancy: Lob der Vermischung: in: Lettre International, Heft 21, II. Vj./93, S. 7
Neben der politischen Intervention, wenn man es so nennen will, liegt das Spannende des Textes darin, dass er als Antwort auf die reine Identität keineswegs die Idee einer multikulturellen Gemeinschaft vertritt. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum ich hier darauf zu sprechen komme, warum ich mich an den Text erinnere, warum ich ihn sogar weiter empfohlen habe. Auf den Schrecken gibt es keine einfache moralische Antwort. Die Dinge liegen komplizierter. Nancy spricht davon, dass wir alle fühlen und wissen, dass "die Rassenmischung, das generalisierte Tauschen und Teilen, die transzendentale Buntscheckigkeit" als solche nicht genügen. Die Mischung, weder in Form der Verschmelzung, noch als völlige Unordnung, gibt es einfach nicht; die Mischung ist weder ein Wert, noch ein fixierbarer Zustand. "Die Mischung ist also nicht, Sie geschieht oder ereignet sich: Es gibt Vermischung, Kreuzung, Verwebung, Austausch und Teilung, doch nie ist es ein und dasselbe." (Ebenda S. 5) Es gibt und gab immer nur Vermischung, ohne einen Anfang, ohne ein Ende - auf der anderen Seite gibt es nur den Tod, oder - politisch gesehen - Kräfte, die das Todeswerk lostreten, um die Vermischung zu unterbrechen. Und diese Unterbrechung ist natürlich insofern absurd, als dass eine reine Identität sich nicht mehr identifizieren kann, in sich begraben liegt. "Sie ist nur mit dem identisch, das mit sich identisch ist, das sich also im Kreise dreht (…)." (ebenda S. 6).
Auf der anderen Seite - und nun also der Knackpunkt der ganzen Angelegenheit - gibt es laut Nancy sehr wohl so etwas wie Identität, wenn auch nur in 'Anführungszeichen'. Eine Kultur, ein Volk, eine Nation, eine Zivilisation ist einzigartig: "Die Tatsache und das Recht dieses 'einen' dürfen nicht vernachlässigt, erst recht nicht geleugnet werden im Namen einer Essentialisierung der 'Mischung'." (ebenda S. 6). Was ist also dieses Einzigartige, wodurch zeichnet es sich aus. Die Antwort: es ist der Stil und/oder der Ton der Vermischung und zugleich sind es die pluralen Stimmen und Register, die diesen Ton interpretieren und so die Vermischung weitergeben und weitertreiben, den Ton variieren und modulieren. Nancy schreibt: "Die Unterschiedenheit nicht mit der Grundlage zu verwechseln, ist ohne Zweifel das, worauf es - philosophisch, ethisch und politisch - ankommt (…)." (ebenda S. 6) (An dieser Stelle nur der Hinweis, das von hier aus auch eine jugoslawische Identität denkbar ist und sich die Frage stellt, ob und in welcher Form es sie gab und was mit ihr passiert ist und welche "Rolle" der Westen dabei gespielt hat).
Anhand dieser Unterschiedenheit dürfte auch klar werden, warum Nancy ein post-fundamentalistischer und kein anti-fundamentalistischer Denker ist. Es gibt eine Identität, die sich im Handeln und in den je spezifischen Handlungsräumen, in denen sich das Handeln 'bewegt' und die zugleich durch das Handeln geformt werden, entfaltet, sich jedoch nicht festschreiben lässt. Dieses Zwischen ist nicht steuerbar und unterliegt keiner Souveränität. Es ist eher eine Resonanzraum, ein vielfältiger Einschreibungsraum, in dem sich Spuren finden und verlieren, in dem Traditionslinien sich kreuzen, verworfen werden und wieder aufleben. Trotzdem bleibt dieser Raum in seiner Unreinheit identifizierbar.
Zu Recht hat Oliver Marchart auf die Nähe einiger Zentralbegriffe von Nancy - Mit-Sein, Freiheit, Pluralität - zu Hannah Arendt hingewiesen. (Oliver Marchart: Die politische Differenz: zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp, 2010; zu Nancy insbesondere S. 87-117). In der Tat lassen sich hier Parallelen finden, bis hin zu der von Marchardt aufgeworfenen Frage, ob dieses ent-gründete Freiheits- und Pluralitätsdenken nicht den politischen Streit, die antagonistischen Momente und die Konflikthaftigkeit, unterschlägt, somit als politische Philosophie letztendlich im Philosophieren stecken bleibt. Vielleicht, sofern sich daran zum Beispiel Fragen nach der Qualität der symbolischen Räume knüpfen, daran, was und warum einige Räume Konflikthaftigkeiten besser aushalten als andere, warum einige Räume empfänglicher sind für ideologische Phantasmen als andere, warum zu bestimmten Zeitpunkten ... Schwierig, bis hin zu der Vermutung, dass sich diese Fragen nicht mit einem "rein" ontologischen Register beantworten lassen. Vielleicht auch hier eine Frage des Tons, der Stimmlage, der Stimme.
Nun, eine Stimme wird zukünftig fehlen. Grund genug, um sie nochmals zu hören:
"Nur wenn man die Welt, und nicht ein Subjekt der Welt will (weder Substanz noch Urheber noch Herr), kann man das Widerweltliche [l`immonde] verlassen.“
Jean Luc Nancy: Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung; Zürich - Berlin 2003 (2002), S. 45
19. September 2021
"Vorwärts immer, Rückwärts nimmer." Diese Redewendung aus DDR-Tagen, auch von dem hornbebrillten Staatsratsvorsitzenden genutzt, zeigt die Richtung an, mit der die Welt zu einem vollkommeneren Ort gemacht werden soll: nach vorne muss es gehen, der Fortschritt soll es richten. Dazu muss man nicht nur in Bewegung bleiben - besser ist, wenn gleich eine ganze Bewegung das Vorwärts trägt. So kamen und gingen nicht nur "sozialistische und faschistische Bewegungen", sondern beispielsweise auch die "neuen sozialen Bewegungen"; inzwischen gibt es auch eine "Identitäre Bewegung", die sich paradoxer Weise auf das zubewegen will, was jenseits aller Bewegung Bestand haben soll. Scheinbar gilt für das politische Leben wie für das Autofahren: nach vorne schauen (wenn man vorankommen will).
Umgekehrt wissen schon Kinderreime, dass hinterm Rücken das Unheil lauern kann (natürlich sagt der Fortschritt heute, dass das politisch nicht korrekt ist).
"Dreh' dich nicht um, denn der Plumpsack geht um. Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel schwarz gemacht."
Besser nicht umdrehen. In der griechischen Mythologie und in der jüdisch-christlichen Tradition gibt es jeweils eine berühmte Erzählung, die von der Gefahr der Rückschau berichten. Zunächst der griechische Teil:
Orpheus und Eurydike (Ovid, Metamorphosen, Buch X)
Die Ultra-Kurzfassung: die Ehefrau von Orpheus, Eurydike stirbt an einem Schlangenbiss. Der nun sterbensunglückliche Musiker Orpheus steigt daraufhin in die Unterwelt, um durch götterherzerweichenden Gesang und Lyra-Spiel die Gebieter der Unterwelt zur Rückgabe seiner Frau zu bewegen. Dies gelingt! Die Götter stimmen unter der Bedingung zu, dass Orpheus während des Weges zur Oberwelt nicht zurückschaut (Bei Ovid heißt es: "Orpheus erhält sie und zugleich die Weisung, nicht eher die Augen zu wenden, als bis er das Tal der Toten verlassen habe." Ovid, X 29-62, S. 237). Es gab schon heroischere Aufgaben, die Menschenhand und -schritt zu bewältigen hatten. Warum Orpheus hier versagte und sein/e Liebste/s verlor, bleibt zunächst unklar. Ovid spricht von der Angst und Sehnsucht, die Orpheus zwischenzeitlich ereilten (der Impuls- und Triebaufschub gelingt also nicht und vermasselt das ganze Vorhaben). Weiter im Erklär-Angebot: der pure Wahnsinn, Ungeduld und Mißtrauen, die Liebe. Jetzt die christliche Erzählung:
Die Lots (Genesis 19, 1-29)
Die Geschichte dürfte nicht minder bekannt sein und hat, wenn auch keine erotische, so doch eine sexuelle Komponente. In der sündigen Stadt Sodom nimmt Lot in großer Gastfreundschaft zwei fremde Männer, verkleidete Engel, in seinem Hause auf. Der Sodomer Mob hält von Gastfreundschaft wenig und fordert die Herausgabe der Reisenden zwecks Geschlechtsverkehr. Als guter Gastgeber ist Lot sogar bereit, dem Mob seine Tochter als Ersatz anzubieten, bis schließlich die Engel eingreifen. Der Familie Lot wird nun das Städtchen Zoar (die Kleine) als Schutzzone angeboten, während ganz Sodom zerstört werden soll. Auch hier lautet das Gebot (der Engel): nicht zurückschauen ("Sieh dich nicht um und bleib im ganzen Umkreis nicht stehen!" Genesis 19, 17). Als sie Zoar bereits erreicht haben, dreht sich Lots Ehefrau nochmals um und erstarrt zur Salzsäure. Während bei Orpheus zunächst das Motiv des Umdrehens rätselhaft bleibt, fragt man sich bei Frau Lot eher, warum es überhaupt zu einer solch unsinnigen Strafe kommt.
Für beide Geschichten wäre eine Erklärung, dass der Verlust (der Liebsten oder des Lebens) eine Konsequenz der mißachteten Göttergebote ist. Die Gebote entziehen sich den menschlichen Maßstäben und der menschlichen Urteilskraft und sollten deshalb einfach befolgt werden. Es handelt sich gleichsam um ein transzendental strukturkonservatives Argument: den göttlichen Geboten hat man sich bedingungslos unterzuordnen; Recht vor Gerechtigkeit. Aber kein Gebot ohne die Möglichkeit der Übertretung. Ungehorsam zu sein heißt auch, seine Freiheit in Anspruch zu nehmen, mögen die "Kosten" auch immens sein. Wir werden am Ende darauf zurückkommen.
Eine weitere Erklärung der Geschichten wäre ihre Verdeutlichung der Konsequenzen einer allzu großen Vergangenheitsfixierung. Die Lots haben schließlich ihr ganzes Leben hinter sich lassen müssen, ihren Hausstand, ihre soziale Bindungen, ihre Arbeit. Mag das Stadtleben ein sündiges gewesen sein, so war es verglichen mit dem Landleben auch damals sicherlich ein angenehmes. Der Blick zurück ist einer, der nicht loslassen will, der noch ein Teil von dem bleibt, was dem Neuanfang im Wege steht. Die Verwandlung zur Salzsäure wäre die Versinnbildlichung der innerlichen Verharrungskräfte, die einen wirklichen Aufbruch - aus der Sünde - verhindern (eine mehr protestantische Interpretation würde vielleicht vermuten, dass Frau Lot als Frau und Mutter ein überwältigendes Mitleid selbst für die größten Sünder entwickelt hat und sich deshalb nochmals umdrehen musste. Gottes Umdrehverbot wäre in dieser Interpretation eher ein Zeichen seiner Güte. Als eine Art Schutzgebot sollte es Frau Lot und die gesamte Familie vor dem großen traumatischen Leid der sich offenbarenden Zerstörung bewahren. Die Verwandlung zur Salzsäule könnte man als symbolische Umschreibung der vielen Tränen verstehen, die Frau Lot beim Anblick vergießen musste - eine Tränenmenge, die nicht nur ihr Gesicht, sondern schließlich ihren ganzen Körper bedeckte. Dazu passt auch, dass Lot übersetzt Hülle heißt).
Kann bei Orpheus ebenfalls eine Vergangenheitsfixierung ausgemacht werden und woraus sollte diese bestehen? Schließlich lag die bessere Zukunft, die Zukunft mit der geliebten Frau, nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt. Man könnte vermuten, dass seine aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichenden Umdrehimpulse, was immer diese auch gewesen sein mögen (vorstellbar: Wahnsinn, Angst, Sehnsucht, Ungeduld, Mißtrauen, Begehren, Liebe, s.o.), ihn an der Aufgabe haben scheitern lassen. Statt wie ein Jetzt-gesättigter Zen-Mönch aus dem Hades zu schreiten, holen ihn die Gefühlsfesseln ein und verhindern das Vorhaben. Aber wie sollte es auch anders sein: ohne diese Gefühle, ohne diese Gefühle in ihrer Gegenwärtig- und Lebendigkeit, hätte er den Versuch der Wiedergewinnung seiner Frau vermutlich erst gar nicht gestartet. So gesehen, war die Aufgabe von Anfang an eine unmögliche. Und hier offenbart sich unter Umständen die eigentliche Fixierung und der eigentliche Grund seines Scheiterns. Orpheus kann nicht akzeptieren, dass seine Frau wirklich, d.h. physisch tot ist und dass er sie nur auf eine symbolische Art und Weise, durch Dichtung und Musik, in die Wirklichkeit zurückholen kann. Eine richtige Wiederauferstehung wäre eine Hybris, an der die Sterblichen scheitern müssen.
Und die Moral von der Geschicht'?
Sind die Geschichten nicht höchst kompatibel mit unserem way of life? Nicht zurückschauen, immer noch vorne blicken, fortschreiten, möglichst sich von den Fesseln der Vergangenheit befreien. Wenn man die obige Orpheus-Interpretation zulässt, wird die Sachlage jedoch komplizierter. Um für einen Neuanfang die Vergangenheit komplett zu opfern, könnte unter Umständen auch heißen, seine eigene Identität und Seele zu verlieren (so gesehen, hätte Orpheus sich seine Seele und seine Liebe letztendlich bewahrt - und so gesehen, hätte Frau Lott die schönste Seele in der Familie). Zudem ist es für moderne Ohren ein befremdlicher Gedanke, dass das scheinbare Unglück durch die Befolgung eines zuvor ausgesprochenen Götter-Gebots hätte verhindert werden können. Ist die Moderne nicht auch die Befreiung von Mythen und Märchen, die uns and Dinge fesseln, die nicht unserer Herrschaft unterstehen, die auf Annahmen fußen, die keinen rationalen Grund vorweisen können? Damit sind wir beim eigentlichen Paradox dieser Geschichten angelangt: obgleich sie die Rückschau und die Vergangenheitsfixierung unterbinden (wollen), sprechen sie im Namen einer Autorität, die ihren Ankerpunkt gleichwohl in der Vergangenheit hat und in die Gegenwart reicht. Aber obwohl das so ist, zeigen sie uns zugleich, dass wir eine Wahl haben, dass unser Schicksal selbst (oder gerade) im Scheitern an einem Stückchen Freiheit hängt (man könnte auch sagen: jede echte Autorität bietet immer auch den Spielraum zur Freiheit).
Die Freiheit stellt damit die Arche, den Ursprung, die Autorität in Frage, fordert sie heraus, selbst wenn sie schlußendlich an der Unmöglichkeit des Lebens und des Todes zerschellen oder ihren Endpunkt finden muss. Und hier besteht ein fundamentaler Unterschied zum modernen Fortschreiten. Denn im genuinen Fortschritt - ebenso wie in der genuinen Bewegung - ist das Ziel zugleich der Ursprung. die Kraft des Antriebs, die Geradlinigkeit des Verlaufs, die Eindeutigkeit der Entscheidungen, die Entschlossenheit des Tuns - all dies verdankt sich dem modernen Kurzschluss von Anfang und Ende. Und bestimmt ist es kein Zufall, dass ein jüdischer Geist schließlich daran ging, seine Autorität in den Dienst des Zuhörens zu stellen, um in der Rückschau jene Momente zu finden und zu verflüssigen, in denen wir unsere Zukunft der Erstarrung und/oder Verzweiflung anheim gegeben haben.
31. August 2021
Es gibt Bücher, deren Verfallsdatum ist schon im Titel untergebracht. "Generation Golf" von Florian Illies gehört dazu. Das Buch wurde im Jahre 2000 veröffentlicht und der Autor ist zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzig Jahre alt. Illies zeichnet für seine GenerationsgenossInnen, also für die Jahrgänge von 1965 bis 1975, das Lebensgefühl der 80er und beginnenden 90er Jahre nach. Das Buch ist flott geschrieben und mit jener ebenso flotten (Selbst)Ironie – und etwas Kleintraurigkeit - durchsetzt, die die Abgeklärtheit dieser Rückschau erträglich macht. Es gibt viele Details, so zum Beispiel die Beschreibung der Pelikan- und Geha-Fraktion im Klassenverbund, an die sich im Jahre 2000 ff. die nun schon großen Kinder mit Wehmut und Sentimentalität erinnern können. Das Buch wurde ein Erfolg. Welche Generation hat schon das Glück, einen Chronisten in ihren Reihen zu haben, der sich so zeitnah an die Arbeit macht. Mögen die Teile der eigenen Geschichte im großen Kontext auch nicht viel bedeuten, immerhin gibt es jetzt neben dem Fotoalbum auch ein Buch.
Die Absetzfolie - oder sollte man besser von der Absetzgeneration, also die Elterngeneration sprechen - sind zum einen jene 68er-Helden*, die die Welt mit ihrer Kulturrevolution - Love & Peace - auf Links ziehen wollten (im Register des Buches stehen zu „68er, Alt-68er“ 13 Einträge, nur übertroffen vom Eintrag „Golf“), zum anderen – sehr, sehr am Rande - die Funktionselite, also der mehr bürgerliche Überbau, die davon überzeugt war, dass man den Laden auch ohne Weltrevolution am Laufen halten konnte und musste. **
Das Politische an diesem Buch ist ein sich aus dieser „Frontstellung“ ergebender antipolitischer Reflex der Illies-Generation. Das titelgebende Mittelklasse-Auto gibt hier die Lebens- und Schreibrichtung vor: solide, langweilig und bequem:
„Solchermaßen gut genährt, ansonsten aber völlig orientierungslos, tapste eine ganze Generation zwischen 1965 und 1975 Geborenen hinein in die achtziger Jahre. Aber irgendwie machte uns das auch nicht viel aus. Wir waren zwar orientierungslos, aber dennoch schlafwandlerisch sicher, dass sich alles, auch die großen Fragen der Menschheit, am Ende lösen lassen. (…) Wir wußten auf jeden Fall, dass wir uns keine übertriebenen Sorgen machen mussten (…).“
Florian Illies: Generation Golf: eine Inspektion. 3. Aufl. Berlin: Argon, 2000, S 18 f.
In den 90er Jahren, als diese Golf-Generation dann vollumfänglich ans Steuer des Autos und des eigenen Lebens darf, entwickelt sich nach Illies eine narzißtische Genussgeneration, die in den Subtiteln der Kapitelüberschriften wie folgt charakterisiert wird: Körperkult, Fit for fun, Eitelkeit, Stil, Kleidung, ewige gute Laune, Markenkult, das Ende der Bescheidenheit. Das Fazit dieser Yuppie-Kultur wir im letzten Absatz des Buches zusammengefasst:
„Die Suche nach dem Ziel hat sich erledigt. Veränderung wird die Zukunft kaum bringen. Und deswegen kann man sich ganz umso intensiver um die eigene, ganz persönliche Vergangenheit kümmern.“
Florian Illies: Generation Golf: eine Inspektion. 3. Aufl. Berlin: Argon, 2000, S 197
Wie schön. Aber so etwas muss man sich natürlich leisten können. Wahrscheinlich ist es nicht für alle Heranwachsenden möglich, das Auto der Mutter schrottreif zu fahren, um anschließend den Leihwagen des VW-Händlers vor eine Mauer zu setzen (ebda. S. 52 f.) *** Und auch nicht jede junge Frau und jeder junger Mann wird in Bonn und Oxford Kunstgeschichte studieren können. Sozialneid ist eine prima Sache, um die es hier aber nicht gehen soll. Vielmehr zunächst um die Frage, ob der soziokulturelle Status unseres Autors nicht schlichtweg mindestens die andere Hälfte der Generationserfahrung zum Verschwinden gebracht hat.
In meiner 80er Jahre Jugend hießen die Themen NATO-Doppelbeschluss (1979) und Aufrüstung, Waldsterben (1983 ff.) und Tschernobyl (1986) – alles begleitet und überdeckt von dem dunkel eingefärbten und depressiven Lebensgefühl der Punk-, Post-Punk, Industrial- und New-Wave-Bewegung = no future. Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 wurde zwar der Sieg der Demokratie und des Liberalismus verkündet ****, wodurch die 90er Jahre aber nicht automatisch zu einem Jahrzehnt der hedonistisch eingefärbten Lebensfreude für alle wurden. Wie sollte man denn auch in kurzer Zeit die Seelenfarbe von schwarz auf sonnig-gelb ummalen können. Kurzum, die äußeren - zweiter Golfkrieg 1991, Bosnien-Krieg von 1992-1995 mit dem Massaker von Srebrenica 1995, Völkermord in Ruanda 1994 - und inneren Lebenssignale versprachen auch weiterhin eine Ausgangslage, in der das halbleere Glas sich weiter entleerte. Mag dieses Lebensgefühl nicht unbedingt für die Mehrheit der Generation zutreffen, so ragte es doch aus den 80er in die 90er Jahre hinein und entfaltete Wirkung. *****
Statt allein von einem sorglosen, ichzentrierten Hedonismus zu sprechen, scheint mir das pessimistisch-depressive Lebensgefühl doch eine Generationsalternative gewesen zu sein. ****** Ob sich daraus eine bessere oder umfassendere Generationsgeschichte ergibt, sei dahingestellt. Seit ich das Illies-Buch gelesen habe, beschäftigt mich eine andere Frage. Dazu eine kleine Geschichte eines ehemaligen Kommilitonen, der damals Anfang der 90er Jahre in Bremen von einem Wochenendausflug mit einigen Bekannten ins Münsterland berichtete. Er kannte die Gastgeber, die sie besuchen wollten, persönlich nicht. Es stellte sich heraus, dass sie zu einem richtig feinen Landgut gefahren waren, wo er Leute kennen lernen sollte, die aus einer ganz anderen Schicht kamen und offenbar sehr, sehr reich waren. Was ihn aber nachhaltig beeindruckte, war nicht der Reichtum, sondern die selbstverständliche Lebensfreude und Freundlichkeit, mit der diese Menschen, ohne jedwedes Ressentiment das Wochenende gestalteten und verbrachten. Er kannst so etwas nicht und wie es schien, war es für ihn - fast - ein persönliches Erweckungserlebnis.
Natürlich war dies eine sehr individuelle Erfahrung und es wäre mehr als gewagt, Lebensfreude und Freundlichkeit als Resultat von Vermögenswerten zu beschreiben. So gibt es Studien, die zu zeigen scheinen, dass Zufriedenheit und Glück ab einer gewissen Einkommensstufe stagnieren usw.
Aber – und dies die Frage – gibt es eine Korrelation einer geschichtlich geprägten bürgerlichen Einkommens- und Lebenslagen-Struktur mit „Weitergabe-Faktoren“ wie Anerkennung, Ermutigung, Leidenschaftsvermittlung und Lebensfreude, die wiederum mit dem Begriff der Liebe nicht ganz umfänglich beschrieben sind. Und gibt es umgekehrt sozio-kulturelle Konstellationen, die das Ressentiment gegen die Lebensbejahung zwar nicht kultivieren, aber konsequent beiläufig befördern, was erstens selbstredend das Leben nicht einfacher macht und zweitens selbstverständlich nicht als ein bewußter Prozess abläuft. ******* Auf dieser Ebene dürfte sich primär entscheiden, ob man sich mit der „Generation Golf“ identifizieren kann oder nicht - mal ausgenommen diejenigen, die sich origineller Weise für so individuell halten, dass sie sowieso durch alle Raster fallen.
Kommen wir zum Ende: die Terroranschläge auf das WTC am 11. September 2001, die Finanzkrise 2008 usw. Der schöne Generation-Golf-Satz „Veränderung wird die Zukunft kaum bringen“ (siehe oben) verliert im Laufe der Jahre leider etwas von seiner jugendlich frischen und selbstbewussten Arroganz. 2012 veröffentlicht Florian Illies das formal und inhaltlich gute und schöne Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“, in dem kulturelle und politische Ereignisse am Vorabend des 1. Weltkriegs beschrieben werden. Daraus erfährt man nicht unbedingt, wie es dem männlichen Teil der „Du wirst Dein Leben bald verlieren“-Generation geht, aber sonst allerhand. Zum Ende des Buches wird von Thomas Mann erzählt, der im November 1913 in keiner guten Verfassung ist.
"Und an seinen Bruder Heinrich schreibt er: 'Mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für den Fortschritt zu interessieren.'"
Florian Illies: 1913: der Sommer des Jahrhunderts,. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2015 (2012), S.283
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* Gab es auch Heldinnen, wird man später fragen: mit Gudrun Ensslin, beteiligt an fünf Bombenanschlägen mit vier Todesopfern, und Ulrike Meinhof, 1975 des vierfachen Mordes und 54-fachen Mordversuchs angeklagt, gibt es in diesem spezifisch deutschem Kontext zumindest bekannte Protagonistinnen; siehe auch die entsprechenden Wikipedia-Einträge.
** Dies wird im Buch nicht ganz so deutlich, da es sich, so die Selbstbeschreibung, um eine Generation ohne Generationskonflikt handeln soll. Der Vater von Florian ist der Biologe, Entomologe, Hochschullehrer und Sachbuchautor Joachim Illies.
*** Ich erinnere mich an einen Klassenkameraden, dem nach dem Erwerb seines Motorradführerscheins von seinem Vater eine Yamaha mit 1000 ccm Hubraum geschenkt wurde, die er, wenig überraschend, ebenfalls in einer Kurve vor die Mauer setzte.
**** Niemals wurde ein Fachbuchtitel von seinen Freunden und Gegnern dankbarer aufgenommen, als das 1992 erschienene Buch von Francis Fukuyama mit dem Titel „The End of History and the Last Man“. Für viele war der Ostblockzusammenbruch eine Identitätskatastrophe, womit sich wiederum weitere schöne Buchtitel erklären lassen. Der renommierte deutsche Politologe Claus Offe titelte 1994 beherzt: „Der Tunnel am Ende des Lichts. Erkundungen der politischen Transformationen im Neuen Osten“.
***** Natürlich war der Hedonismus ein effektiver Tritt gegen das Schienbein der 68er-Recken*_*Innen, die nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten massive Defizite aufwiesen. Nicht erst seit 1989 war offensichtlich, dass große Teile der Linken einen falschen Kampf für falsche Hoffnungen führte, der zudem von einer gesunden Portion innerer Verlogenheit begleitet wurde, scheinbar auch heute noch eine Spezialdisziplin linker Politik. Dass der Postmodernismus und der Post-Strukturalismus nicht nur auf akademischer Ebene in diesen Kreisen auf tiefe Ablehnung stieß, die auch nach 1989 anhielt, nachdem viele Linke nun auf die Seite der moralisch blitzsauberen Diskursethik gewechselt waren, ist wenig verwunderlich.
****** Eine Absage an den Fortschrittsgedanken und das -versprechen der Moderne - der 68er - liegt aber in beiden Fällen vor. Das Hier und Jetzt wird gefeiert oder dem Untergang geweiht.
******* Selbst dort, wo anfänglich noch ein mehr oder minder spaßiges Nein an die Verhältnisse gesendet wird, so bei der Düsseldorfer Punkband die „Die Toten Hosen“ (und ihrer Vorläuferband „ZK“), verdankt sich, so die Vermutung, das sich durchsetzende gutmenschliche Spaßprinzip samt Welterfolg dem Satz von Odo Marquard, der da lautet: „Zukunft braucht Herkunft“. Campino (Jahrgang 1962). Der Sänger der Toten Hosen, mit bürgerlichen Namen Andreas Frege, wuchs, so Wikipedia, „als Sohn des Richters Joachim Frege und der Hausfrau Jennie Frege auf. Seine Mutter war gebürtige Engländerin, hatte an der Universität in Oxford studiert und erzog ihre Kinder zweisprachig.“
31. Juli 2021
Die Mauer der Wahrheit
Zu jener Zeit als die deutsche Mauer noch stand und ich als Jugendlicher das Gymnasium besuchte, begab es sich, dass im Rahmen der Theater-AG die jährliche Schulaufführung vorbereitet wurde. Ich fand damals diese Art der hochkulturellen Betätigung eher lächerlich – jeder und jede, der oder die einen Hauch von Coolness für sich beanspruchte, war natürlich nicht mit von der Partie. Gespielt werden sollte „Die chinesische Mauer“ von Max Frisch. Bekanntlich wird das Stück nicht von Optimismus getragen und angesichts der damaligen historischen Kalt-Kriegs-Bedrohung durch die Atombombe ist der von Max Frisch getätigte Rückblick auf die Geschichte nicht gerade ein Mutmacher. Der zyklische Kreislauf der immer wieder durchbrechenden menschlichen Unzulänglichkeiten - Gewalt, Zynismus - begleitet die Menschheit zuverlässig durch die Geschichte.
Schließlich mussten noch einige kleinere Rollen besetzt werden und so wurden nochmals diejenigen gefragt, deren Ablehnung oder Desinteresse nicht vollumfänglich schien. Ich stimmte also zu, vielleicht um die soziale und konstruktive Ader meines Seins nicht gänzlich versiegen zu lassen – ich weiß es nicht mehr genau. Ich sollte demnach den Pontius spielen, was erstens nur wenig Text-Repetition verlangte und zweitens auch inhaltlich ganz in Ordnung war. Aus Kostengründen bestand meine römische Rüstung aus bemalter Pappe, was bei der Aufführung dazu führte, dass ich beim Erschienen auf der Bühne einige unfreiwillige Lacher auf meiner Seite hatte, die mich so irritierten, dass ich mich bei dem kurzen Text auch noch verhaspelte.
Mein Texteinsatz hob an mit der Frage „"Was ist Wahrheit?" (Max Frisch: Die Chinesische Mauer: eine Farce; ( Version für Paris, 1972), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003, S. 20) Einige Zeilen später fragte sich Pontius dann: „Wie kann ich entscheiden, was Wahrheit ist." (ebda.) Zumindest ahnte ich schon damals, dass diese doch sehr grundsätzlichen Fragen und Erwägungen gar nicht einfach zu beantworten sind. Die entsprechende Passage aus der Bibel, Johannesevangelium, stellt sich wie folgt dar. Pilatus fragt als Vertreter der weltlichen Ordnung, ob Jesus der König der Juden sei. Darauf kommt die geschichtsträchtige und berühmte Antwort „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18, 36). Jesus macht also dem römischen Statthalter klar, dass er überhaupt keine Ambitionen auf eine politische Intervention hat und zudem auch gar keine weltliche Macht besitzt. Nun fragt Pilatus nochmals nach, warum er dennoch ein König sei. Und an dieser Stelle kommt die Wahrheit ins Spiel. Bibel, bzw. Jesus: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ (Joh. 18, 37).
Für Pilatus, also einem Organisator, Kommandeur und Politiker, muss diese Antwort reichlich unverständlich gewesen sein. Wahrheit hatte in seinem täglichen Leben wahrscheinlich so viel Relevanz, wie die Frage nach einem schönen Fernsehabend. Bestimmt gab es für ihn so etwas wie Wahrheit, in der Form, dass die (beobachtbaren) Tatsachen mit den Aussagen übereinstimmen können, oder eben auch nicht – aber die Verkündung einer spirituellen Wahrheit, die keinen unmittelbaren (Macht-) Anspruch auf die Welt geltend machte, musste für ihn wie ein Hirngespinst wirken. In diesem Sinne wird auch seine Antwort etwas plausibler, die bekanntlich in der oben schon gestellten Frage mündete: „Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18, 37) Das ist keineswegs nur ein opportunistischer Relativismus, sondern das Erstaunen darüber, dass jemand Energie investiert, um einen „neuen“ weltlosen Wahrheitsbegriff zu verkünden und sich damit auch noch Ärger einhandelt. Was immer dieser Wahrheit auch sein mag, unter rechtlich, politischen Gesichtspunkten schien Pilatus diese Wahrheit nicht relevant gewesen zu sein. Wie anders ist seine Antwort auf die an die jüdischen Ankläger zu verstehen, denen er in Bezug auf Jesus kurz mitteilt: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh. 18, 37)
Hannah Arendt schrieb in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“:
„Wer nichts will als die Wahrheit sagen, steht außerhalb des politischen Kampfes, und er verwirkt diese Position und die eigene Glaubwürdigkeit, sobald er versucht, diesen Standpunkt zu benutzen, um in die Politik selbst einzugreifen.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 364 (1966)
Offenbar war Jesus nicht daran gelegen, seine Glaubwürdigkeit in dieser Hinsicht zu schmälern.
Es ist Zeit. Der grüne Parteitag.
Parteitage dienen sicherlich nicht der Wahrheitsfindung. Vielmehr handelt es sich um eine Inszenierung, bei welcher der eigenen Partei und dem eigenen Personal möglichst viel öffentliche Aufmerksamkeit zugeführt werden soll. Gezeigt und gesagt werden plakativ die wichtigsten politischen Antworten, möglichst untermalt von der allumfassenden Begeisterung der restlichen Parteimitglieder. Um die Angelegenheit noch etwas bunter, schillernder, weltläufiger und kompetenzgesättigter zu gestalten und um zu zeigen, dass man keineswegs nur im eigenen Saft schmort, empfiehlt sich der Einsatz von Gastredner!innen. So auch beim Parteitag von Bündnis 90 / Die Grünen, der vom 11. bis 13. Juni 2021 aufgrund der Corona-Lage als ein digitaler Parteitag abgehalten wurde. Zum einen konnte der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser gewonnen werden, der über den Anspruch einer „sozial-ökologischen Marktwirtschaft“ sprach und appellierte, das marktwirtschaftliche Element bei diesem Dreiklang nicht zu vergessen. Als weitere Gastrednerin trat die Autorin und Publizistin Dr. Carolin Emcke auf. Die Vita u.a. wie folgt: Magister-Abschluss bei Jürgen Habermas, Promotion bei Axel Honneth, Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2016 und des Verdienstkreuzes am Bande 2017 (Letzteres ist in ihrem wohlgepflegten Wikipedia-Eintrag zu Ihrem Leben nicht aufgeführt). Aufsehen erregte ihr kleiner Video-Vortrag bei den Grünen durch den folgenden Satz, mit dem Sie auf die Denunziationskraft antiaufklärerischer Elemente hinweisen wollte:
„Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feminist:innen und die Virolog:innen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher:innen.“*
CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kritisierte dies als Verharmlosung des Antisemitismus, was als politisches Manöver dann auch ziemlich schnell nach hinten los ging. Aber auch Ex-Grünenchef Cem Özdemir sprach davon, dass Vergleiche mit dem Hass, dem Menschen jüdischen Glaubens ausgesetzt sind, sind nicht angemessen seien. Dieser Sturm im Wasserglas legte sich schnell, womit aber auch über die ernsthafteren Einwände bezüglich der Rede und des obigen Satzes hinweggegangen wurde. So merkt Bernd Stegemann auf cicero.de an, dass Carolin Emcke sich selbst und ihrem politischen Milieu, also auch den Grünen. einen Opferstatus zugesprochen hat, der auf eine Art Unkritisierbarkeit hinausläuft. Thomas Wessel - auf ruhrbarone.de - sieht bei Emcke eine eigenartige Zuspitzungslogik am Werk, die sich bewusst im Ungefähren aufhält. So spricht sie von der Macht der Plattformökonomien, die die Kommunikation privatisiert und an der Unterscheidung von richtig und falsch kein Interesse haben. Wessel weist zu Recht daraufhin, dass Emcke in diesem Zusammenhang zwar von populistischen Manipulatoren und antiaufklärerische Bewegungen spricht, aber nicht genauer auf diese eingeht. Es heißt bei Emcke einfach:
„Die antiaufklärerischen Bewegungen brechen nicht lokal und spontan auf, sondern sie werden international und strategisch gezüchtet, um Misstrauen zu schüren. Das ist die Ambition aller autoritären Bewegungen und Regime, dass es nichts mehr Gemeinsames geben soll.“
Thomas Wessel kommt zu dem Fazit, dass die Rolle der Kassandra durch Emcke bei solch trüber Ausgangslage noch etwas Schubkraft braucht, um nicht an ungefährer Langeweile einzugehen, womit dann wiederum die Erwähnung der Juden durch Emcke plausibel wird.
Schaut man sich das Emcke-Video an, wie sie schwarz gekleidet, eingerahmt von zwei Bücherregalen, streng in die Kamera schaut und mit eindringlichen Worten anhebt: „Es ist Zeit für eine neue Aufklärung“, so sehen wir hier in der Tat eine reife Mischung aus protestantisch-gestrenger Predigt und kassandrischer 5-vor-12 Rhetorik. Denn laut Emcke geht es in der politischen Arena inzwischen nicht mehr nur darum, sich mit einzelnen Falschaussagen zu beschäftigen. Es ist alles viel dramatischer. Nach 18 Sekunden heißt es:
„Es ist Zeit endlich die Frage nach der Verbindung von Demokratie und Wahrheit zu stellen.“
Und in Minute 4:40, nachdem die Subjekte der Wahrheitsverdrehung als international agierende und strategisch gezüchtete antiaufklärerische Bewegungen entlarvt wurden (s.o.) stellt Carolin Emcke fest:
„In Frage gestellt wird die Möglichkeit des verbindlichen Wissens selbst.“
Und nach 6:30 Minuten heißt es schließlich:
„Nur eine Demokratie, die sich der Wahrheitsorientierung verpflichtet fühlt, ist eine.“
Muss man diese Dramatik wirklich ernst nehmen? Gehört Klappern nicht zum Handwerk? Und Frau Emcke wird nicht von Luft und Liebe leben. Nur ist es eine gute Idee, die Wahrheit so in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung zu stellen? Und handelt es sich bei der Wahrheitsrhetorik nicht um eine Verkennung der politischen Sache selbst?
Die Axt bei den Grünen
In dem schon weiter oben erwähnten Essay von Hannah Arendt beschäftigt sich diese ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Wahrheit und Politik. Für Arendt ist klar, dass die Meinung, nicht die Wahrheit, zu den unersetzlichen Voraussetzungen aller politischen Macht gehört.
„Das heißt aber, dass innerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten jeder Anspruch auf absolute Wahrheit, die von den Meinungen der Menschen unabhängig zu sein vorgibt, die Axt an die Wurzeln aller Politik und der Legitimität aller Staatsformen legt.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 364 (1966)
Man könnte die Sache mit dem Hinweis beenden, dass der Versuch, Wahrheit in die Politik einzuführen, die konstitutiven „Zutaten“ der Demokratie, wie Meinungen, Pluralismus und Freiheit mittelfristig vernichtet.** Aber Arendt hätte nicht einen relativ umfangreichen Essay geschrieben, wenn die Sache mit der Wahrheit und der Politik nicht noch andere Aspekte umfassen würde. Sie schreibt, dass Wahrheitsansprüche durchaus unterschiedlicher Art sein können: es gibt die mathematische Wahrheit (Dreiecks-Winkelsumme = 180°), die wissenschaftliche Wahrheit (Erde dreht sich um die Sonne), die philosophische Wahrheit (besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun) und die Tatsachenwahrheit (Im Ausgust 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein). (ebda. S. 340).
Arendt interessiert sich dabei insbesondere für den Unterschied zwischen den Vernunftwahrheiten, deren Gegensätze für sie Irrtum, Illusion oder bloße Meinung sind, zu den Tatsachenwahrheiten, deren Gegensatz die Lüge ist. Dabei mag es zunächst erstaunlich anmuten, dass Arendt am Lügen ausdrücklich hervorhebt, dass es ein Handeln ist und es „zu den wenigen Daten gehört, die uns nachweislich bestätigen, dass es so etwas wie Freiheit gibt.“ (ebda. S. 353) Wahrhaftigkeit, so Arendt weiter, trägt hingegen wenig zum politischen Geschehen der Veränderung der Welt bei.
Halten wir also fest, dass für Arendt mathematische oder wissenschaftliche Wahrheiten keine Rolle in der politischen Praxis, also im Handeln, spielen können. Das besagt nicht, dass zum Beispiel die falsche statische Berechnung eines Hauses, das daraufhin einstürzt, nicht zu politischen Diskussionen führen kann. Vielleicht geht es dabei um Verantwortlichkeiten, Qualifikationen etc. Aber die mathematischen Prinzipien der Berechnung selbst werden dabei kaum Diskussionsgegenstand sein. Allerdings kann man gegen Arendt kritisch einwenden, dass die Wissenschaften keineswegs ein machtfreier Raum sind. Inzwischen ist hinlänglich bekannt, dass in vielen Wissenschaften das Handeln in Form von Netzwerken, Veröffentlichungspraxis, Reputationsmanagement etc. zur Durchsetzung der eigenen Wahrheitsansprüche durchaus eine große Rolle spielt. *** Insofern befinden sich die Wissenschaften keineswegs in macht- und handlungsfreien Räumen, was umso mehr gelten dürfte, je mehr diese Wissenschaften den oder die Menschen und seine Handlungsweisen zum Subjekt ihrer Forschung auserkoren haben.
In Bezug auf die philosophischen Wahrheiten weist Arendt darauf hin, dass allein die Moralphilosophie hier so etwas wie Evidenz und Beweise liefern kann, indem sie ihre Wahrheit in Form eines Beispiels manifestieren kann. Wenn die philosophische Wahrheit in ihrer reinsten Form nur für den Menschen im Singular gilt, kann die Moralphilosophie immerhin durch Exempel und Beispiele die Abstraktheit der Prinzipien auf konkrete Zusammenhänge herunterbrechen und so versuchen die Vielen zu überreden. Damit sind aber nicht die prinzipiengeleiteten Wahrheiten an sich für die „Verbreitung“ verantwortlich, sondern das Handeln derjenigen, die die Anderen zu überzeugen versuchen. Das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren dieser „Logik“ ist immer dann gut zu beobachten, wenn die hochgehaltenen moralisch universelle Grundsätze, die auf einer abstrakten Ebene quasi kostenlos zu haben sind (wer kann z.B. ernsthaft etwas gegen die Würde des Menschen haben), dann in „Vergessenheit“ geraten oder fraglich werden, wenn die daraus folgenden Konsequenzen unmittelbar das eigenen Leben betreffen (Natürlich lassen sich im Umkehrschluss die moralischen Grundsätze vertreten, wenn die Suppe der Konsequenzen von anderen ausgelöffelt werden muss).
Wenn Emcke in dem Video eine neue Aufklärung anmahnt und dabei den moralischen und epistemischen Relativismus anklagt, handelt es sich um ein doppeltes Missverständnis. Entweder gilt die Wahrheit, dann sind die moralischen und epistemischen Ansprüche dieser Art im politischen Raum deplatziert und letztendlich gefährlich. Oder diesen Ansprüchen betreten explizit die politische Arena, womit sie nicht relativistisch, sondern politisch sind. Dann müssen sie auch bereit sein, sich den unterschiedlichsten Standpunkten und Meinungen aussetzen und sich diesen zu stellen.
Kommen wir zu den Tatsachenwahrheiten zurück, die Arendt in diesem Essay so wichtig sind. Wie schon erwähnt, ist die Lüge, die die Tatsachenwahrheit negiert, weder eine a-politische, noch eine dramatische Handlungsweise. Eine singuläre Lüge verletzt die Welt nicht umfänglich und wird unsere Weltbezüge auch nicht grundlegend erschüttern. Jedoch sieht Arendt in der organisierten Lüge, in der umfassenden Propaganda, so wie sie totalitären und diktatorischen Systemen zu eigen ist (also ein exklusiv modernes Phänomen), sehr wohl eine große Gefahr. Lügen und Totalfiktionen ersetzen nicht die Wahrheit, sondern wirken welt-destabilisierend und führen zum Zynismus:
„Denn das Resultat ist keineswegs, dass die Lügen nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“
Hannah Arendt. Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. Serie Piper 1421. München: Piper, 1994, S. 361 (1966)
Werden die Tatsachenwahrheiten permanent destabilisiert, so gerät die gesamte Wirklichkeit aus den Fugen. Damit zeigt sich aber auch ein anderer Aspekt dieser geschichtlichen Tatsachenwahrheiten. Sie sind also solche das Resultat vorhergehender (politischer) Entscheidungen, und damit weder geschichtlich notwendig oder von der Geschichte determiniert, noch können sie den weiteren Fortgang der Geschichte vorgeben. Sie sind realitätsgesättigte Verdichtungen, die dank ihrer bezeugten Gravitationskraft weiteres gemeinsames Handeln herausfordern und inspirieren. Vor allem, und auch dies betont Arendt, kann man die (geschichtliche gewordene) Wirklichkeit nur Verstehen, wenn die Fakten und Ereignisse als eine Geschichte erzählt werden, in dem die Fakten ihre ursprüngliche Beliebigkeit verlieren (ebda. S. 367).
Auch in diesem Zusammenhang noch ein Beispiel aus dem Video. Emcke beklagt die Lüge vom „Bevölkerungsaustausch“ und die Lüge von der „Hygienediktatur.“ Nun kann man sowohl den einen als auch den anderen Begriff aus guten Gründen in die Nähe von verschwörungstheoretischen Wirklichkeitsverzerrungen stellen. Unbestreitbar bleibt aber, dass beide Begriffe von einer Tatsachenwahrheit motiviert werden – in einem Fall die Zuwanderung nach Deutschland 2015, die im Saldo 1,14 Mio. betrug und im anderen Fall die einschneidenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise. In diesem Sinne könnte man alternative Erzählungen - z.B.: die Migration als Glückfalls oder: das Hygienevernunftregime - ebenfalls als Lügen bezeichnen: Besser aber als das, was sie sind: politische Meinungen, mit den es sich auseinanderzusetzten gilt.
Wird die Wahrheit in die Politik hineingetragen, handelt es sich meist um angstbesetzte Diskurse, die jene Probleme verstärken, die sie vorgeben zu bekämpfen. Von daher würde ich es gerne hören, wenn Carolin Emcke auf der Bühne als Pontius Pilatus in „Die Chinesische Mauer“ sagen würden: „Wie kann ich entscheiden, was Wahrheit ist." Das ist keine Diffamierung, sondern eine Hoffnung.
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* Scheinbar gibt es das Video auf Youtube nur noch in einer kritisch kommentierten Fassung - https://www.youtube.com/watch?v=uF3Hlelg5yc
** Der französische Theoretiker Claude Lefort schreibt:
"In meinen Augen ist das Wesentliche, dass die Demokratie sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlagen aller Gewissheit auflöst.” Claude Lefort: Die Frage der Demokratie; in: U. Rödel (Hg.): Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie; Frankfurt/M. 1990 (1983); S. 296
In diesen Zusammenhang gehört auch der Hinweis von Lefort, dass in der Politik der Platz des Souveräns leer ist.
*** Das sich wissenschaftliche Wahrheit nicht aus sich selbst ergibt, hat am provokantesten wohl Paul Feyerabend auf den Punkt gebracht:
"Es gibt also keinen klar formulierbaren Unterschied zwischen Myhten und wissenschaftlichen Theorien."
Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang =: Against method.; Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 597. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016, S.385
30. Juni 2021