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Der Sprung in die Weltverhältnisse - Teil I

Das schöne am Geborensein ist, dass wir auf die Welt kommen und die Welt schon eingerichtet ist. Den Rest unserer Lebenszeit verbringen wir dann damit, unsere Welt wohnlicher zu gestalten. In diesem Sinne ist ein Weltverhältniss immer schon da. Wir sind in dieses Verhältnis von Anfang an eingelassen. Und dieses Verhältnis bietet mannigfache Veränderungsmöglichkeiten, da wir Dinge anders und neu machen können, uns selbst eingeschlossen.

Die Frage, was aber ein Weltverhältnis genau ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Vermuten könnte man beispielsweise, dass es das Verhältnis ist, was ein Mensch zu einem Außen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge) etabliert. Damit wäre der Mensch der exklusive Schöpfer dieses Verhältnisses, was aber angesichts unserer offensichtlichen Kulturgeprägtheit kaum zutreffend sein kann. Umgekehrt könnte man ebenso versuchsweise annehmen, dass das Weltverhältnis von unserer Umwelt und unserer Lebenswelt seinen Ausgang nimmt und uns umfassend formt. Aber die Vorstellung, dass das Außen uns vollständig determiniert, dürften die meisten zu Recht für sehr abwegig halten.

Offensichtlich ist, dass Subjekt und Objekt, um hier auf abstraktere Begriffe zurückzugreifen, sich bei dieser Denkungsart gegenseitig bedingen und durchdringen. Während ein schöpferisches Subjekt in einem kreativen Akt der Welt etwas Neues hinzufügen kann, ist das gleiche Subjekt, welches sich als Konsument dem Konsumrausch hingibt, eher fremdgesteuert. Und nebenbei: nicht selten produzieren jene Menschen, die mit Vehemenz auf die Kreativität ihres Dasein pochen, altbekannten Kitsch, während Menschen in eng begrenzten und determinierten Handlungsräumen zuweilen erstaunliche Kreativitätsleistungen vollbringen, mögen diese auch in den seltensten Fällen einen Werkcharakter annehmen.

Was also ist ein Weltverhältnis? Die Gesamtheit der Prozesse, in denen sich Subjekt und Objekt ineinander verschränken, sich an- und abreichern? Gibt es also so viele Weltverhältnisse wie Erdenbürger? Aber offenbar ist ein Weltverhältnis keine rein individuelle Angelegenheit, sondern verweist auf die Welt als einen gemeinsam geteilten und gemeinsam bewohnten Ort. In diesem Sinne gibt es kein universelles und überzeitliches Weltverhältnis. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass sich räumlich und zeitlich unterschiedliche Weltverhältnisse herausbilden können, die weder individuell beschränkt noch universell ausdehnbar sind. Hier taucht am Horizont ein anderer Grundgedanke auf, der von einigen Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts auf die eine oder andere Art ausgearbeitet wurde. Wenn das Weltverhältnis, als ein Verhältnis, in das etwas eingeschrieben werden kann und das umgekehrt immer auch etwas ins uns einschreibt, grundlegend für unser Sein ist, dann ... Was dann?

Wir sind so sehr daran gewöhnt "unser" (westliches) Weltverhältnis als rational zugängliches Bezugssystem zu sehen, auf dass wir vollen Zugriff haben können, wenn vielleicht auch nur potentiell und zukünftig, dass es äußerst schwierig ist, das Weltverhältnis selbst als eine Art von Gabe zu sehen, als etwas, das wir weder souverän geschaffen haben, noch als etwas, dem wir blind unterworfen sind. Natürlich hört es sich äußerst mysteriös an, von dem Weltverhältnis als Gabe zu sprechen, so als wäre die Welt samt Verhältnis vom Himmel gefallen. Vor allem deshalb mysteriös, weil wir an die Aktivität und Souveränität unseres Denkens gewöhnt sind, also daran, alle Abhängigkeiten unseres geistigen Seins eher als Störungen zu sehen, oder als soziologisch-kulturelle Voraussetzungen, die man wiederum reflexiv einholen kann. Diese Begründungs- und Bereinigungslogik immunisiert sich gegen jedwede Form eines anderen Denkens. Letzteres wird schnell mit dem Vorwurf der Irrationalität konfrontiert. Dass aber auch der rationalste Begründungszusammenhang in etwas eingelassen ist, was ihn mitträgt und somit außerhalb seiner eigenen Begründbarkeit steht, wird zwar formal gesehen - wenn auch nicht immer - zugestanden, findet aber selten Eingang in die Denkungsart selbst.

Ich möchte kurz auf eine philosophiegeschichtlich bedeutsame Positionen hinweisen, die diese Verwicklungen gewissermaßen an ihrem „Ursprung“ spürbarer machen sollen (an dieser Stelle äußerst verkürzt, also in unzulänglicher Weise). Zum einen der Kantsche Einschnitt: Einschnitt deshalb, weil er für uns heute weiterhin bedeutsam ist, selbst wenn viele Menschen nicht im entferntesten ahnen, dass ihr Denken auf diesen Grundlagen ruht. Gemeinhin wird Kants große Leistung (oder eine seiner großen Leistungen) darin gesehen, dass er die erkenntnistheoretischen Grundlagen auf revolutionäre Weise neu gesetzt, im engeren Sinne erfunden hat. Auf die Frage, wie Erkenntnis überhaupt von statten geht, welche Bedingungen und Voraussetzungen ihr zu Grunde liegen, und was wir letztendlich überhaupt erkennen können, also welche Grenzen unserer Erkenntnis gesetzt sind, gab Kant eine geschichtlich neue Antwort. Mit Kant wurde überhaupt erst und in aller Konsequenz eine Subjekt-Objekt-Dichotomie denkbar. Damit verbunden entwickelte sich die äußerst produktive Idee, dass man den äußeren Dingen ihre Wahrheit empirisch abringen und abpressen kann und dass wir andererseits selbst der Ort sind, von dem aus die Wahrheit ihren Ausgang nimmt (also das, was Michel Foucault die „empirisch-transzendentale Dublette“ nannte). 

Dieses Denken lieferte seine eigene Legitimation mit, da von nun an andere Erkenntnisformen als defizitär, da ohne zureichenden Grund, verworfen wurden. Schließlich gab der Erfolg, d.h. die wahnsinnige Produktivität dieses Realitätszugangs den Anhängern zweifelsohne Recht. Obwohl es sich um eine neue Art und Weise handelte, die Welt zu sehen und zu bearbeiten, Wissen und Wissensdiskurse zu organisieren, mithin um ein neues Weltverständnis und -verhältnis, wird von vielen Wissenschaftlern der kantsche Einschnitt als ein Erkenntniseinschnitt, als eine Erkenntnistheorie behandelt. Das heißt, es wird auf eine (fundierte) "Erkenntnisart und -wahrheit" rekurriert, an der sich andere Denkungsarten zu orientieren haben, obwohl diese Erkenntnisart nur auf der "Folie" eines nicht eigens artikulierten Weltverhältnisses aufruht, ja dieses neue Weltverhältnis "ist". Die Schwierigkeit besteht in der nicht vollständigen Einholbarkeit des Ortes, von dem aus die Welt betrachtet und gestaltet wird. Der Ort von dem aus ich sehe (und handle), ist nicht im Blickfeld. Weiterhin heißt das auch, dass selbst ein maximal begründetes Erkenntnisfeld in seiner Wahrheit bedingt und nur partiell zugänglich ist. Das was scheinbar fehlt, ist konstitutiv für das "funktionieren" der angeschlossenen und von dort aus sich entfaltenden Wahrheiten.

Mit Kant stellte sich schließlich die Frage, wo der Ort der Wahrheit seinen Platz hat, im Innen oder im Außen, und wie sich diese Wahrheit an ihren beiden Polen jeweils vermittelt. Die Hegelsche Antwort, um noch einen Schritt weiter zu gehen, bestand aus einer Dynamisierung und Finalisierung der Weltverhältnisse. Wenn die Wahrheit nicht durch Erkenntnis zur unmittelbaren Offenbarung führen kann – und das tat sie bei Kant zweifelsohne nicht – dann konnte sich ein emphatischerer Wahrheitsanspruch, der nicht „unkritisch“ hinter Kant zurückfallen wollte, fortan nur dadurch ins Werk setzen, dass er die geschichtlichen Unzulänglichkeiten unseres Seins selbst als ein Motor der Entwicklung begriff. Begriffe wie Negativität, Aufhebung und Prozess zeugen von der Ausarbeitung dieser Idee. 

Seither ist es für uns selbstverständlich geworden in Subjekt-Objekt-Kategorien zu denken, Prozesse für den Fortgang unserer Geschichte ausfindig zu machen, Rationalitätsfolien für unser Zusammenleben zu erforschen. Natürlich können wir davon ausgehen, dass dies bedeutsame Bestandteile unseres derzeitigen Weltverhältnisses „sind“. Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man, um die gegenwärtigen großen politischen Probleme lösen zu können (89er Nachwirkungen, globale Machtverschiebungen, Internetökonomie, Geldströme, Verschuldungdilemma; ökologische Verschiebungen und Verwerfungen, Migrationsbewegungen), man entweder die in unserem derzeitigen Weltverhältnis waltende Logik radikal vertiefen oder man aus dem jetzigen Weltverhältnis aussteigen müsste und könnte, um sodann ein neues zu installieren. Während ersteres, also die Forcierung der Fortschrittsidee, zu Recht aus der Mode gekommen ist, verkennt letzteres, dass der „Zugang“ zu einem Weltverhältnis kein voluntaristisches Projekt ist, generell kein Projekt sein kann. Daher wirken die immer neuen Angänge zu gutgemeinten und hochdurchdachten Problemlösungen zumeist nicht nur utopisch hilflos, sondern nach kurzer Zeit auch langweilig.

31. Juli 2019

Großstadtliebe auf Speed

Ideal - Berlin (vom Album "Ideal" 1980)

Der Song "Berlin" von Ideal (aus dem Album "Ideal" von 1980) war zweifellos geniales Aufbruchlied der einsetzenden neuen deutschen Welle. Konventionelle Rock-Musik war out und es wurde wieder deutsch gesungen - in der liebevollen Song-Analyse von Dirk von Petersdorff und Christiane Wiesenfeldt - 2018, online zu finden im FAZ-Blog - wird dies auch ausführlich gewürdigt. Dort ist zu lesen, dass die Zeit Anfang der 80er reif war, um sich auch in der Pop-Musik wieder mit Heimat und der deutschen Sprache zu beschäftigen. Die weitere Song-Analyse wandert von der musikalischen (Mischung aus Post-Punk-, New-Wave-, Rock-Elementen) über die textliche (Wahrnehmung und Beschreibung einer politisch, religiös und sozial heterogenen deutschen Gesellschaft) zur politischen Ebene (kein Anspruch mehr auf Polit-Rock) und kommt zu dem Schluss, dass der Song am ehesten ein Bekenntnis zur (Sprach-)Musik selbst wäre und immer noch beim Hörer das Gefühl der Refrain-Zeile "Ich fühl mich gut" auslösen würde.

Weshalb also noch weitere Zeilen verschwenden? Nun, weil diese Wahrnehmung meines Erachtens nur die Hälfte der und dieser "Song- und Pop-Wahrheit" trifft. Wenn es stimmt, dass guter Pop beide Seiten des Lebens zusammenklingen lässt, den bejahenden Lebensrausch und die destruktiven Impulse, die Affirmation und die Negation - der Gefühle und Verhältnisse -, das große und das kleine Ja und Nein, so tut man auch dem "Berlin"-Song Unrecht, will man ihn auf eine "Gut-Fühl-Hymne" runterbrechen. 

Zunächst sei an die Zeit Anfang der 80er Jahre erinnert: Krise allenthalben; Krise der Ökonomie (Öl-Krise 73, 79), Krise der Ökologie bzw. Auftauchen der ökologischen Frage (Club of Rome 72 > Waldsterben Anfang 80er), Krise der Politik (Gewalt der RAF = Deutscher Herbst, NATO-Doppelbeschluss 79). Kein Wunder, dass die Punkbewegung Ende der 70er Jahre die Systemfrage mit dem Slogan 'No Future' beantwortete. Deshalb relevant, als dass die NDW an Punk-Musik und -Weltsicht durchaus anknüpfte. Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist auch der Status Berlins als geteilte Stadt. Wer vor dem Mauerfall West-Berlin erleben durfte, kann sich an das eigenartige Inselgefühl erinnern, das einen latenten und schizophrenen Ausnahmezustand erzeugte: auf der einen Seite ein zuweilen euphorisches Freiheitsgefühl, da geographisch und mental losgelöst von der zugehörigen Restrepublik, und auf der anderen Seite eine schwelende Drohung und Beengung, da die Stadtgrenzen zugleich Todesstreifen waren und jeder Grenzübertritt ein unangenehmes Abenteuer heraufbeschwor. Dies also der kulturell-politische Hintergrund der Zeit. Kann man ernsthaft davon ausgehen, dass damals eine Berliner Band ein Berlin-Lied mit einem ungebrochenen "Ich fühl mich gut" präsentierte? Auch der Song selbst ist in sich keinesfalls ohne Ambivalenzen. Zweifelsohne spiegelt sich im Text Lebenslust und -Energie wieder, aber ebenso die Schattenseiten der Stadt, als da wären: Alkohol, Kontrolle, Betrug, Junkie, Ruinen, Hundekot, Neonlicht. Keine Idylle, sondern eine in sich gebrochene Großstadt, weniger Bild, denn Scherbenhaufen, durch den man sich illusionslos-lustvoll und drogenaffin bewegt. Wie überhaupt der Text an die expressionistische Großstadtlyrik der 20er Jahr erinnert, ebenfalls eine unruhige Zeit. Schließlich musikalisch: tanzbare Energie verströmt der Song unbestritten, aber ebenso eine Hektik, die droht ins Hysterische umzukippen, so also ob alles unter Speed stünde und es nur noch einer kleinen Schraubendrehung bedürfte, um den Klippenrand zu überschreiten. So ist "Berlin" auch der Tanz auf dem Vulkan und das "Ich fühl mich gut" die trotzige Antwort auf die Frage, ob es denn ein richtiges Leben im falschen geben könnte.

16 Juni 2019

Schlimme Dinge und die Sache mit der räumlichen Distanz

Funny van Dannen - Räumliche Distanz 

Der Song "Räumliche Distanz" von Funny van Dannen (aus dem Album "Clubsongs" von 1995), vermittelt auf einfache Art und Weise einen wichtigen Gedanken: unsere Gefühlswelt, ja unser Leben wäre nicht auszuhalten, wenn es nicht Distanzmechanismen geben würde, die allzu Bedrängendes und Leidvolles für uns - zumindest ab und zu - auf Abstand halten würden. Denn die räumliche Distanz steht hier nicht einfach für eine physikalische Größe, die dafür sorgt, dass wir von bestimmten Dingen gar nichts wissen können, sondern bezeichnet die, zumeist unbewußte, Distanznahme selbst. Denn im Song werden die Ambivalenzen des Lebens benannt, die wir, eben weil sie in ihrer Universalität meist trivial sind, kennen dürften: man lacht, andere sind traurig. Da unser Leben aber ein umögliches wäre, würden wir permanent um jede Tragik und Ungerechtigkeit weinen, ist Distanznahme, Vergessen und auch Nichtwissen(-wollen) unumgänglich.

Andererseits muss man betonen, dass es sich keineswegs um ein reaktionäres Lied handelt, das sich dem Leid der Anderen gegenüber verhärtet. Vielmehr zeigt der Song ganz anschaulich (und musikalisch melancholisch), dass wir die Tragik des Lebens letztendlich nicht lösen können, erinnert uns aber zugleich daran, dass diese Tragik unausweichlich existiert. Dies ist der Stachel des Liedes, der so tief sitzt, dass wir beim Refrain unseren Affekthaushalt nur durch ein lautes Lachen über unser - in der Tat - 'unmögliches Leben' ins Gleichgewicht bringen können. Große Kunst die schweren Dinge leicht zu machen.

Kunst bedroht - die Verklärung der Vielen

Es gibt bestimmt vielfältige Gründe, um über den politischen Zustand dieses Landes und über die Verfasstheit der politischen Kultur sich zu sorgen. Mit der "Erklärung der Vielen", einem Aufruf, der am 9. November von zahlreiche Kulturinstitutionen veröffentlicht wurde, ist ein weiterer hinzugekommen. Dort ist ein Teil von jener Kraft zu spüren, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Dieser Satz ist wiederum ein Ausdruck der Enttäuschung darüber, dass Menschen, die der Kultur beruflich verbunden sind, einen so gedankenlosen Text mittragen. Im Folgenden beziehe ich mit auf die Berliner Ausprägung der Erklärung (-- https://www.kulturrat.de/pressemitteilung/berliner-erklaerung-der-vielen/ --).

Die Erklärung beginnt mit der kraftvollen Überschrift "Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt". Vielleicht müsste richtiger gesagt werden, dass Kunst, in ihren besten Momenten, die Welt verändert, allerdings in einer Art und Weise, die sich jeder Vorhersehbarkeit entzieht. Das wiederum kann in einer solchen Erklärung kaum die Anfangsüberschrift sein, denn erstens sprechen hier primär die Kulturmanager von Kulturinstitutionen und nicht die Künstler, und zweitens würde diese Aussage in Bezug auf die nachfolgend politische Ausrichtung des Textes doch anmaßend wirken.

Um von Anfang an keinen Zweifel daran zu lassen, was auf dem Spiel steht, stellen die "Aktiven der Kulturlandschaft" klar, dass sie "nicht über den Dingen (stehen), sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden." Egal was nun folgt, der Grundton ist angeschlagen, die absolute Lauterkeit der Motive wird von Niemanden mehr in Frage gestellt werden können. "Millionen Menschen wurden ermordet" - All in.

Beim Brückenschlag zur Gegenwart wird ein Gang zurückgeschaltet. "Heute", beginnt der Absatz, sind die Kunsteinrichtungen "offene Räume, die Vielen gehören".* Was und wer könnte nun mit den Vielen gemeint sein, denn offenbar sind nicht alle gemeint, und, wie später klar wird, auch nicht alle erwünscht. **

Wer also sind die Vielen? Die Spannung steigt. Allerdings fällt die Antwort, so man sie denn Antwort nennen will, etwas rätselhaft aus. Wo auf engen Raum Grundsätzliches geklärt werden muss, tritt neben die Verschiebung auch die ungute Verdichtung. Daher hier im Wortlaut wie folgt: "Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen."

Ich bezweifle, ob einer der Autor*inn*en* hier die eigentümliche Verschränkung zweier Begriffsuniversen aufgefallen ist, die zu einer etwas schrägen Argumentationskette führt. Auf der einen Seite haben wir das klassische Vokabular der Soziologie, das allemal davon ausgeht, dass unser Mitsein ein verobjektivierbarer Zusammenhang nachvollziehbarer Sachverhalte ist: die Gesellschaft, unterschiedliche Interessen. Im Kontext der Kunst und nach Einführung der (noch unbestimmten) Vielen, klingt das natürlich nicht nur unspektakulär, sondern droht auch die zuvor mit voller Wucht eingeführte moralische Engführung versickern zu lassen. Daher wird nun ein politischeres Vokabular mit den Begriffen der Gesellschaft und den Interessen zusammengeführt. Zum einen: "Plurale Versammlung", um die Vielfalt und die identitätsbezogenen Momente des gemeinsamen Seins zu betonen. Zum anderen: das großartige "Dazwischen", in dem man sich befinden soll, wenn man mit seinen Interessen aufeinander trifft. Ich vermute, dass hier die Anklänge zu einer Arendtschen Denkungsart gesucht wurden, und ich fürchte: erfolglos. Worum geht es: Das Arendtsche "Zwischen" markiert den Handlungsraum als einen offenen Raum, der nicht von souveränen (Interessens-) Individuen besetzt wird, sondern von (sprechend) Handelnden. Daher ist die Handlung selbst samt ihrer Trag- und Wirkungsweite nicht kalkulierbar. Ein Handlungsraum ist im eigentlichen Sinne also kein Verhandlungsraum. Kurzum, der Text kann sich nicht entscheiden, ob es um einen verobjektivierbaren Gesellschaftszusammenhang oder um einen Handlungsraum gehen soll, dem man schließlich noch eine moralische Note hinzufügen kann. Diese Unschärfe hat Methode, da man, wie nachfolgend zu sehen, einige unbequeme Fragen einfach umschifft werden.***

Aber weiter im Text: "Demokratie muss täglich neu verhandelt werden - " - muss sie vielleicht auch erhandelt und erstritten werden? - "aber immer unter einer Voraussetzung:" - und wieder steigt die Spannung; was ist die Voraussetzung, was wird nicht verhandelt? "Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten." Wow, da fühlt man sich nicht zu Unrecht gleich "Dazwischen". Es geht um Alle und zugleich um jede*n Einzelne*n* und zugleich noch um das Wesen der vielen Möglichkeiten. Wie ist das zu verstehen?

Wenn mit „Alle“ nicht die ganze Menschheit gemeint sein soll, wäre doch zumindest die Nennung des Bezugsraums, indem sich dieses „Alle“ aufhält, erhellend gewesen. Andererseits wird suggeriert, dass das Umfassende lediglich aus Einzelnen besteht, also quasi eine Summe der kleinsten Einheit des Vergesellschaftungszusammenhangs darstellt. Damit wird fast unmerklich die oben schon angesprochenen politischen Räume, die, obgleich symbolisch, immer auch konkret verortbare Räume des Handelns und der Auseinandersetzung sind, einfach ausgelassen. So als würde sich die demokratische Frage quasi in einem luftleeren Raum stellen, zu dem jeder und jede voraussetzungslos Zugang haben kann. Demokratie ist aber historisch immer an ein politisches Gemeinwesen, an eine politische Nation gekoppelt und nicht freischwebend. Dies ist insofern von höchster Bedeutung, als dass die „Erklärung der Vielen“ mit diesem „kleinen Überspringen“ den eigenen moralischen Inklusionsanspruch innerhalb eines politischen Feldes artikuliert, ohne die eigenen Bedingtheiten und Voraussetzungen zu akzeptieren. Denn auf universeller und singulärer Ebene ist immer alles möglich, da scheinbar kein Zwischen, keine Negativität, keine Vermittlung diese Vision stören kann. Andererseits lässt sich nun der politischen Gegner, der durch den obigen Taschenspielertrick zu einer moralisch defizitären Gruppierung gemacht worden ist, recht einfach denunzieren.

"Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur."

Keine Frage, es gibt keine Entschuldigung für Drangsalierung von oder gar Gewalt gegen Menschen und gegen die willkürliche Beschädigung oder Zerstörung von Eigentum. Allerdings scheinen Teile der Linken viel weniger Bedenken zu haben, wenn es zum Beispiel um die Störung von Veranstaltungen der als Rechts identifizierten Gegner geht, so zum Beispiel geschehen auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. Oder wenn nicht genehme rechte Politiker bis in die Privatsphäre hinein massiv unter Druck gesetzt oder angegriffen werden.****

Neben dieser Auslassung wird in diesem Absatz aber noch etwas ganz anderes deutlich. Recht unverblümt und offen wird eine legitime politische Meinung diskreditiert, nur weil jene davon überzeugt ist, dass die sogenannte „gesellschaftliche Vision“ vielleicht keine ganz so gute Idee sein könnte. Ob der eigenen gefühlten moralischen Überlegenheit scheint es für die Autor*innen der Erklärung gar nicht denkbar zu sein, da es sich bei ihrer Vision um eine höchst unpolitische Idee eines blinden Universalismus / Liberalismus handeln könnte, der wiederum im schlimmsten Fall zur Zerstörung des Raumes beiträgt, den er selbst in Anspruch nimmt.*****

Zudem bleibt im weiteren Verlauf des Textes unklar, wer der Gegner genau sein soll. Erwähnt wird: „rechter Populismus, rechte Strategien, Rechtsnationale, rechtsextreme Politik“, ohne dass genauer gesagt wird, ob und wo Unterschiede zwischen diesen Positionen liegen. Klar scheint für die Erklärer aber folgendes zu sein:

"Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Künstler*innen, mit allen Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden.“

Und auch an dieser Stelle möchte man freundlich zurückfragen, ob jene „Rechten“, zumindest die meisten von Ihnen, wenn man diesen Begriff so undifferenziert gebraucht wie hier, nicht auch unter die Kategorie der Andersdenkenden fallen, denen man zumindest den Respekt einer anderen Meinung zuzubilligen hat. Und ganz nebenbei: erfahrbar ist allemal, nicht zuletzt im Text selber, wie ein bestimmter linker hegemonischer Diskurs mit jenen umgeht, die nicht seiner Meinung sind: nicht gut. Während die Erklärung durchaus aus einer Position der Stärke spricht, denn selbst aus dem Regierungsumfeld wird die Initiative wohlwollend begleitet ******, suggeriert jedoch die oben eingeführte Äquivalenzkette von „Menschen auf der Flucht“, „engagierten Künstler*innen“ und „Andersdenkenden“, dass die hier aneinander gereihten „Positionen“ sich auf der Seite der Opfer befinden. Richtig ist, dass Asyl-, Schutzsuchende und Migranten zunächst keine politischen Rechte für sich in Anspruch nehmen können und vielfach auf Hilfe angewiesen sind. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass alle Akteure, die sich für eine umfassende Inklusion dieser Menschen einsetzen, qua Moral ebenfalls einen Schutz- und Hilfeanspruch in Bezug auf eine politische Auseinandersetzung für sich in Anspruch nehmen dürfen. Die Migrationsfrage ist sehr wohl eine strittige, die in ihren vielen Facetten zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen kann. *******

Uwe Tellkamp, ein Schriftsteller, der von den „Erklärern“ bestimmt nicht zu den oben genannten engagierten Künstlern gezählt wird (und auch nicht zu den Andersdenkenden), obgleich er seine Stimme vernehmbar erhebt, hat in einem anderen Kontext, jedoch mit Bezug auf die Erklärung der Vielen, darauf aufmerksam gemacht********, dass das "Wehret den Anfängen" ein "Wehret dem Ende" schon längst abhanden gekommen ist. Zu sehen sei ein moralischer und intellektueller Bankrott der Initiatoren, die sich selbstgerecht ob der institutionell ins Werk gesetzten Intoleranzmaßnahme auf die Schulter klopfen.

Kultur und Kunst muss in ihren verschiedensten Ausprägungen nicht jeder und jedem genehm sein. Aber wenn moralisch verbrämte politische Meinungen als Kampf für die Kultur verkauft werden soll („Die Kunst bleibt frei!“ lautet der Schlusssatz), dann kann ich auf diese Art von Kultur gerne verzichten. Statt den demokratischen Diskurs zu vertiefen, werden Antagonismen forciert. Die so vorgetragene moralische Gesinnung wird weder der Kunst, noch dem politischen Raum gerecht und beschädigt beides.

 

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* Wortgenau heißt es: "Kunst und ihre Einrichtungen", wobei man vorsichtig anmerken möchte, dass Kunst, also das Kunstwerk, ja kein offener Raum ist und weiterhin, dass die meisten Kunstwerke einem wohldefinierten Besitzer zugeordnet werden können; ebenso haben die Kunsteinrichtungen einen Eigentümer, der zum Beispiel ein Hausrecht ausüben kann.

**Empirisch gesehen wird jeder Besucher von Vernisagen und Kunst- und Theateraufführungen etc. bestimmt festgestellt haben, dass die "Vielen" meist aus einer wohldefinierten Gruppe vom Menschen mit bestimmten sozio-kulturellen Ausprägungen sind, die so wahnsinnig unterschiedlich nicht sind.

*** Um die eigenständige Qualität dieses Raumes zu betonen, verwendet Arendt den Begriff des "Zwischen" und verzichtet auf das "Da". Denn ein "Dazwischen" zeigt lediglich eine unbestimmte Lücke zwischen zwei Entitäten an und besitzt eben nicht jene identitätsaffizierende Macht, die Arendt dem Zwischen zuspricht.

**** Es besteht generell eine spezielle Wahrnehmungsweise vieler Linker in Bezug auf die Gewaltfrage. Oftmals wird nach der Zweck-heiligt-die-Mittel-Idee die Gewaltausübung als legitim oder als gar nicht so schlimm empfunden – aber selbstverständlich nur, wenn es um die eigenen hehren linken Ziele geht -, oder man spricht im nachhinein der gewaltausübenden Ideologie ihr linkes Wesen einfach ab. Diese Immunisierungsstrategie mündet dann häufig in dem eigenartigen Satz, dass „die Rechten“ Menschen Gewalt antun, während „die Linke“ maximal zur Sachbeschädigung neigen würde. Jedoch ist weder historisch noch in der Gegenwart wahr.

***** Auch die Sprachwahl ist bezeichnend: die Vision wird angegriffen, so als ob es per se gewaltsam wäre, hier anderer Meinung zu sein. Und wird wirklich der Kunst der Vielen feindselig gegenüber getreten? Oder bezieht sich die Feindseligkeit nicht vielmehr auf den darin verborgenen politischen Anspruch, was eine ganz andere Sache ist. .

****** Der SPD-Politiker Dr. Carsten Brosda, seines Zeichens Senator für Kultur und Medien, also nicht unbedingt ein andersdenkender Außenseiter, äußerst sich zustimmend: „Kunst kann uns helfen, ein gemeinsames Verständnis für unsere vielfältige Gesellschaft zu finden. Dazu braucht sie die Freiheit, Stellung zu beziehen und anzuecken. Wir stehen deshalb in der Pflicht, einen gesellschaftlichen Grundkonsens zu sichern, der diese Freiheit nicht in Frage stellt, sondern als wesentlichen Wert unseres Zusammenlebens erkennt und fördert. Ich freue mich über die breite Unterstützung der Initiative ‚Die Vielen‘ auch in Hamburg (...).“
-- https://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/11846094/erklaerung-der-vielen/ -- Mutig wäre gewesen, wenn zum Beispiel ein SPD-Politiker*in einige differenzierende Wort zu der Erklärung gefunden hätte. Auch ist es doch keineswegs belanglos, dass viele dieser Erklärungsinstitutionen von staatlichen Fördermitteln abhängig sind, wobei die Kulturförderung zweifelsohne notwendig und richtig ist. Jedoch handelt es sich eben nicht um marginalisierte und ausgegrenzte Kunst- und Kulturorte.

*******Die oben erwähnte Äquivalenzkette taucht prominent in einem Buch von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe auf, das, aus einer einstmals linken Perspektive kommend, die Determinationsgedanken des Marxismus in eine politische ‚Logik’ überführen will. Darin findet sich auch folgendes Zitat, das die Spaltungseffekte der obigen Äquivalenzketten beschreibt. Auch deshalb interessant, weil der Erklärungstext genau das nichtet, was er zuvor doch einfordert: demokratische Pluralität:
"Wir werden folglich dann von demokratischen Kämpfen sprechen, wenn diese eine Pluralität politischer Räume implizieren und von popularen Kämpfen, wo bestimmte Diskurse tendenziell die Spaltung eines einfachen politischen Raums in zwei entgegengesetzte Felder konstruieren." S 196
Laclau, Ernesto; Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie: zur Dekonstruktion des Marxismus; Wien 1991 (1985), S. 196

******** Siehe dazu den offenen Brief von Uwe Tellkamp --https://www.google.com/search?q=Offener+Brief+von+Uwe+Tellkamp&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b --

Staunend habe ich im März zur Kenntnis nehmen müssen, wie schnell und gnadenlos jemand abgeschrieben wird, der nicht mehr mit dem linken Mainstream heult. So beispeilsweise geschehen im Feuilleton der ZEIT vom 15. März 2018 (Nr. 12/2018), in dem Thomas Assheuer im Tellkamp-Roman "Der Eisvogel" nach Spuren rechter Gesinnung sucht und fündig wird. Ungerührt lautet das eigentlich ungeheure Fazit seines Artikels: „Dass Wiggo (der Protagonist des Romans) aus Angst und einem fanatischen Verlangen nach Sicherheit und Ordnung zum Rechtsradikalen wird – dies ist das Schonendste, was man über ihn sagen kann. Der Spiegel zitiert Tellkamp mit der Bemerkung (14/2005), diese Figur sei ihm beim Schreiben oft sehr nahe gekommen und er habe sich von Wiggo innerlich distanzieren müssen. Das ist ein rühmenswert ehrlicher Satz, denn er beichtet die Angst des Autors vor seiner eigenen Verführbarkeit. Der Schoß ist fruchtbar noch.“ Inzwischen soll scheinbar nicht nur die äußere Wirklichkeit nach moralischen Kriterien schöngefärbt werden; nein, auch die inneren Ambivalenzen sollen am besten überhaupt nicht mehr auftauchen. Der angstbesetzte und zugleich anklagend vernichtende Schlusssatz „Der Schoß ist fruchtbar noch“ ist in diesem Kontext eine Denunziation der Kunst. Man möchte dem entgegen halten: was nicht symbolisiert wird, kehrt im Realen wieder, wobei das Reale im Gegensatz zur Realität eben jenes Moment ist, das die Angst entfacht und zur zwanghaften Wiederholung führt.

30. Novemeber 2018

Der Spuk der Dekonstruktion (nur für Gläubige)

Heute ist Halloween, eine Unruhenacht, in der Geister, Gespenster und Untote ihr Unwesen treiben. Meist sind es wohl Kinder, die das Spukgeschäft, d.h. den Tausch „Süßes sonst gibt`s es Saures“ betreiben, bevor „All Hallows’ Eve“, also der Abend vor Allerheiligen, um Mitternacht zum ersten November und damit zum christlichen Festtag wird, an dem aller Heiligen gedacht wird. Heilige sind diejenigen, die es christlich gesehen schon zur Vollendung gebracht haben, für die der Spuk also vorbei ist. Während sich für die Heiligen die Dinge in guter Weise erledigt haben, spukt es für die Gläubigen weiter, ist die Welt doch beseelt von unerledigten Dingen. Umgekehrt gilt: Ungläubig ist nur der, der meint, die Heimsuchung, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart reicht, nicht zu kennen. Wer könnte sich unter solchen Vorzeichen wirklich als Ungläubiger bezeichnen? I’m a believer!?

Die Anschlussfrage für alle Gläubigen lautet nun, wie werde ich zu einem Heiligen? Oder, um die Aussichtslosigkeit der Sache etwas freundlicher zu gestalten: Wie bekomme ich das Unerledigte aus der Welt, wie bereite ich dem Spuk ein Ende? - Als Parenthese: ein spuk- und spaßbefreiter Zug des Protestantismus besteht darin, hart und fleißig zu arbeiten, redlich zu leben und ansonsten auf die Gnade Gottes zu vertrauen. So geht’s auch, aber ist das noch ein Leben? - Auf einer mehr theoretischen und denkerischen Ebene hat Jacques Derrida sich dieser Frage angenommen - also der Spuk-Frage -, Meister und Begründer der Hantologie und Experte für dekonstruktive Angelegenheiten.

Um es vorweg zu beantworten: für Derrida kann (und muss) das Unerledigte angedacht und angegangen werden; es kann (und muss) im Namen der Gerechtigkeit besprochen, bearbeitet und schließlich begraben werden. Da wir es aber mit weltlichen Angelegenheiten zu tun haben, wird es – so man mit dem Anti-Hegelianer Derrida denkt - zu keiner Erlösung kommen – wir leben phylogenetisch gesehen in einer Fortsetzungswelt. *

Die interessante und im eigentlichen Sinne höchst politische Frage: wie stehen wir zu den unerledigten Dingen und wie können wir sie angehen? Bekanntlich bestehen Welt und unser gemeinsames Zusammenleben auch aus der organisatorischen Anstrengung möglichst viel erledigt zu bekommen. Die Gesellschaft und erst Recht die Ökonomie ist (auch) ein Erledigungszusammenhang. Ein kurzer Blick auf die Gegenwart, und - so Zeit vorhanden - ein längerer in die Vergangenheit, zeigt, dass das nicht richtig funktioniert (hat): irgendwas ist immer, zum Teil auch deshalb, weil die Kategorie der Erledigung nicht zu den Dingen passt, mit denen wir konfrontiert werden. Als nicht ganz unrelevant hat sich die Frage herausgeschält, welche Art von Reste-Verwertung und Mangel-Management wir zuneigen. Die klassisch metaphysische Antwort lautet grob: die Vollkommenheit ist greifbar, die Erlösung machbar. Das was nicht passt, also der Rest, muss eliminiert, das was fehlt, also was mangelt, noch hinzugefügt werden. Als Mechanismus zur Herstellung wünschbarer Verhältnisse hat sich in diesem Zusammenhang die Kritik durchgesetzt, verstanden als konstruktive Anleitung zur Komplementierung unvollständiger Lebenslagen und -welten. **

Und die Dekonstruktion? Genau, die Welt ist nicht zur Vervollkommbarkeit, zur Erlösung bestimmt, sondern gezeichnet durch die produktiven, wenn auch nicht immer „schmerzfreien“ Momente der Differenz und des Aufschubs. Ausgehend davon und getrieben durch unsere Heimsuchungen, gilt es die erledigungstechnischen Vereisungen, Sedimente und Verhärtungen aufzutauen (Arendt), abzubauen (Heidegger) und zu dekonstruieren (Derrida), damit es wieder Frühling werden kann, wir das Spielfeld sehen und mit scheinbar alten Steinen neu beginnen können.***

Doch die Dekonstruktion eignet sich schlecht, um lediglich Ideologien zu öffnen und zu zerlegen, ohne sich selbst aufs Spiel zu setzen. Wir sind alle Metaphysiker, die von verschiedensten Dingen heimgesucht werden und deshalb - vielleicht - zu Dekonstruktivisten werden, um andere Anfänge bzw. Ausgänge suchen und zuweilen auch zu finden: Neubeginn. Aber wir werden auch dann nicht jenseits „der Ideologie“ landen oder leben können. Unvermeidlich fallen wir wieder auf oder in (neue) „Konstruktionen“ zurück, also zurück in unsere Erledigungs- und Entscheidungszusammenhänge. Hier würde uns die Dekonstruktion daran erinnern, dass wir davon lassen sollten, unsere „Konstruktionen“ in der Hoffnung auf Vervollkommnung immer weiter abzudichten, mit der Folge, uns und anderen Gewalt anzutun; uns an das Versprechen erinnern, dass es jenseits des Zwangs und/oder der Versuchung auf Vervollkommnung immer andere Ausgänge geben kann.

Die Konstruktionen metaphysischer und ideologischer Art können also nicht einfach verworfen werden. Unser Leben ist geprägt von Entscheidungen, geprägt von den Ausschließungen, die damit einhergehen, von den Grenzen, die davon zeugen. Ein Großteil der Moderne war (und ist teilweise noch) von der Illusion geprägt, dass diese einschränkenden Grenzziehungen im Zuge des Fortschritts und der Vervollkommnung verschwinden werden, ebenso wie die Gespenster und der Spuk. Wenn Dekonstruktion hingegen die Kunst des öffnenden Umgangs mit den Konstrukten, die Begegnung mit den Gespenstern „ist“, nicht der Wille zur Überschreitung oder Verwerfung, dann liegt auch der Gedanke nahe, dass unsere metaphysischen Konstrukte nicht nur „Funktionen“, sondern auch spezifische Qualitäten haben, die keineswegs voraussetzungsfrei sind. Peter Sloterdijek schreibt in seinem lesenswerten Derrida-Essay „Der Denker im Spukschloss“:

„In Wahrheit sind, wie Derrida zeigt, die Träume der Metaphysik unruhige Fabrikationen, die nicht wirklich vom Selbstgenuss des Wissens oder der Macht Zeugnis geben, sie sind vielmehr Manifestationen einer allumfassenden Sorge um sich und um das Gebäude der Welt und des Wissens – mit einem Wort, sie stellen eher kompensatorische Gebilde dar, die gegen die Gefahren der Unwissenheit und der Unübersichtlichkeit Abwehren errichten.“
Peter Sloterdijk: Der Denker im Spukschloß (2009); in: Was geschah im 20. Jahrhundert; Berlin 2016; S 168

Ich bin mir nicht sicher, ob Derrida diesen Satz in seiner Eindeutigkeit unterschrieben hätte. Worauf Sloterdijk zu Recht verweist: unsere Konstrukte, keineswegs naturgegeben oder substanzgegründet, deshalb im eigentlichen Sinne symbolische Ordnungen, haben als geschichtlich geprägte immunitäre Bündnisse nicht nur einschränkende, sondern zugleich ermöglichende Potentiale.**** Weltoffenheit ist nur durch sphärische Sicherungen lebbar, wobei umgekehrt die Sicherungen immer wieder am Offenen sich zu orientieren haben, so Sloterdijk weiter. Wenn also im Zusammenspiel von Sicherung und Offenheit die Qualität symbolischer Ordnungen in den Blick gerät, dann könnte man fast versucht sein, diese Qualität am Umgang mit den unvermeidlichen Gespenstern festzumachen. Kurzum: wenn die Gespenster zu Halloween klingeln, auf jeden Fall Süßigkeiten rausrücken.

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* Vielleicht könnte man sagen, dass das messianische Moment, das aus der Zukunft auf uns zukommt, uns nicht erlöst, sondern als erlösendes Versprechen uns immer nur ein Stück einer Lösung zukommen lässt. Und für Christen: die Auferstehung vollzieht sich nicht in dieser Welt; hier unten bleiben immer nur die Untoten.

** An dieser Stelle ein kurzer Hinweis zu den Kantschen Kritiken: Bekanntlich besteht die „Kritik der reinen Vernunft“, um eine Kritik herauszunehmen, nicht daraus, die Vernunft zu desavouieren, sondern ihren Geltungsbereich zu umgrenzen; insofern hält sich hier die Kritik noch am Rande der Immanenz.

*** Inzwischen hat es der Begriff, oder sagen wir besser das Wort „Dekonstruktion“ es fast bis in den Alltagsprachgebrauch geschafft, zumindest jedoch die feuilletonistischen Höhen erklommen, wobei es einer eigenen Untersuchung bedürfte, um jene schönen Verwechslungen nachzuzeichnen, die aus ihm einen kritischen Terminus machen: „Es ist notwendig diese Sicht der Dinge zu dekonstruieren (böse Meinungen, böse Meinungen), wobei ich schon im voraus weiß, dass mich nichts weiter erwarten wird, als die Richtigkeit meiner eigenen Wahrheit.“

**** Es ist offensichtlich, dass die geschichtliche Antwort auf eine einstmalige totalitäre Schließung nicht darin bestehen kann, im Namen der Offenheit alle Grenzen und Sicherungen zu negieren. Letzteres bleibt in unguter Weise an das gekettet, was unbedingt vermieden werden soll. Die Verachtung der eignenen symbolische Ordnung (im Namen eines universell Guten), wird jenes Moment schwächen, was das Zusammenspiel von Offenheit und Sicherung trägt. Nicht das Gespenst der totalitäre Schließung, sondern das der Nichtung der demokratischen/politischen Nation steht vor der Tür.

31. Oktober 2018

Bewegung, Geist und Müdigkeit, Lebenskraft

Unser Körper spricht mit uns, mal mehr, mal weniger, mal sanft, mal nachdrücklicher. Wir haben Hunger, wir haben Lust auf Sex, wir müssen unsere Notdurft verrichten und wir haben Schmerzen. Da kann sich unser Geist so ziemlich auf den Kopf stellen, man muß diese Körpersignale zumindest zu Kenntnis nehmen - nein, man muß gar nicht, sie sind einfach da. Nun hat wohl jeder seine eigenen Strategien entwickelt mit diesen Dringlichkeiten umzugehen - in den meisten Fällen wird man einen Weg finden, dem Körper das zu geben, was er verlangt.

Nun haben einige Menschen die Angewohnheit, den Körper mehr zu bewegen, als es die Lebensumstände verlangen. Der Fachbegriff dafür lautet Sport. So man sich entschieden hat, sich sportlich zu betätigen, stehen fast unendliche Möglichkeiten zur Verfügung. Man kann Schwimmen, Segeln, Golfen oder auch Schach spielen - alles Sport. Für mich ist es das Laufen, teils weil ich aus Jugendzeiten diese Sportart intensiv betrieben habe, also mit ihr vertraut bin, teils weil sie relativ einfach umzusetzen ist, man kaum technisches Equipment braucht und man seine Trainingseinheiten frei einteilen kann.

Wie bei so vielen Dingen, und erst recht beim Sport, und ganz besonders bei Ausdauersportarten, lernt man schnell, dass der Körper seine eigenen, uns oftmals sehr unvertrauten Ansprüche und Gewohnheiten hat. Zunächst erfährt man nachdrücklich, dass der Körper ein Beharrungswesen ist. In gewisser Weise könnte man sogar sagen: wo Körper ist, da ist Todestrieb. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Körper, erstmal auf dem Sofa geparkt, höchst selten sich zu sportlichen Aktivitäten überreden lässt. Nein, viele kennen auch die Momente innerhalb des Trainings und des Wettkampfs, wo der Körper nicht mehr so Recht weiter will; man fühlt sich erschöpft, der Rhythmus stimmt nicht mehr, die Beine fühlen sich schwer an oder brennen - man möchte am liebsten die Bewegung abbrechen und sich und dem Körper etwas Ruhe gönnen. Zurück zum Urzustand.

Aber ein erfahrener Sportler muss man nicht sein, um zu wissen, dass mit dem 'Nachgeben' der Trainingseffekt ziemlich schnell gegen null tendiert, ja der Angang zum Training erschwert, gar verunmöglicht wird. Eigentlich besteht das Training oftmals daraus, diese Schwelle - der Körper meldet: es ist anstrengend, bitte aufhören - zu betreten und sich in ihr einzurichten. Zuweilen kommt es vor, dass der Körper quasi nachgibt und die negativen Signale ganz einfach wieder verschwinden. Der magische Flow stellt sich ein und alles geht von ganz alleine. Aber bei mir ist das eher die Ausnahme. Gleichwohl ist es so, dass dem Körper auch das Training zur Gewohnheit wird und dass er, erstmal im Training, gerne weiter bewegt werden möchte, sich gar Unwohl fühlt, wenn das Training ausbleibt. Nichtsdestotrotz steht mein 'Ich', also mein geistiges Ich im Gegensatz zum Körper-Ich, oft genug vor der Aufgabe, mit den 'unangenehmen' Körpersignalen umzugehen.*

Erstaunlicher Weise wird dieses Thema bei den meisten Lauftipps sehr stiefmütterlich behandelt und beispielsweise mit dem Hinweis abgetan, dass man sich mental auf seine Laufstrecke vorbereiten soll, was immer das genau heißen soll. Oder es wird empfohlen, dass Laufen maximal entspannt anzugehen, es als eine Variante des ambitionierten Spazierengehens zu betreiben, was weder zu einer Verausgabung, noch zu anderen Arten von negativer Rückkopplung führen kann.

Diese Wellness-Sportidee ist mir ob ihrer Anstrengungslosigkeit immer etwas suspekt geblieben. Oder wie Haruki Murakami in seinem Laufbuch schreibt:

„Ich erreiche allmählich das Alter, in dem man nur etwa bekommt, wenn man auch dafür bezahlt hat.“
Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede; Köln 2008, S. 53

Was also tun, wenn der Körper signalisiert: "genug" und dein Geist darauf anspringt und ernsthaft überlegt, beispielsweise die Strecke abzukürzen. Wahrscheinlich gibt es ganz viele Antworten darauf. Meiner Erfahrung nach sind die Möglichkeiten überschaubar und nicht eindeutig voneinander zu trennen, sondern gehen ineinander über, als da wären: ignorieren – konzentrieren – verschmelzen. Naheliegend ist es, den Körper-Unmut zunächst als kleinen, fehlgeleiteten Wink zu betrachten, sozusagen als eine Falschmeldung, die sich im weiteren Fortgang des Laufens von alleine korrigieren, das heißt verschwinden wird. Kennt jeder auch aus anderen Kontexten: ein leichtes Stechen im Bauchbereich, ein Anflug von Kopfweh und dann wieder weg. Das Ignorieren eignet sich also für den Anfang, da es mit der Hoffnung verbunden ist, dass der Körper mit sich und seinem Tun auch wieder ins Reine kommt und das Quengeln einstellt. Sollte dies nicht der Fall sein, kann man im eigentlichen Sinne nicht mehr von Ignorieren sprechen. Ich lasse meine Gedanken schweifen, werde ‚unterbrochen’, ignoriere den ‚Köperhinweis’, versuche an andere Dinge zu denken, werde wieder ‚unterbrochen’ usw. Setzt sich dieses Spiel über einen gewissen Zeitraum fort, weiß ich, dass diese Strategie nicht aufgeht und ich mich mit meinem Körper anders ins Einvernehmen setzten muss.

Statt also nur so vor mich hinzudenken, schalte ich in den Modus der Konzentration. Ich lade meinen Körper ein, ebenfalls mitzumachen, indem ich mich zum Beispiel voll und ganz auf das Atmen konzentriere und diese ‚Bewegung’ noch mit einer ‚Satzformel’ unterlege, damit mein Geist nicht auf die Idee kommt, wiederum selbst Gedanken fortzuspinnen, die mit der Atmung nichts zu tun haben. Und damit mein Körper sich nicht durch meinen Geist gegängelt fühlt, benutze ich immer eine passivische ‚Satzformel’ wie zum Beispiel ‚es läuft mich gut’. Der Körper lässt sich darauf ein und ich laufe ganz zufrieden vor mich hin, bis ‚Ich’ - ja welches Ich - merke, dass mein Geist ganz unauffällig das Thema gewechselt hat und sich mit anderen Dingen beschäftigt. Das ist natürlich nicht in Ordnung, da auch der Körper wieder anfängt auf sein Recht zu pochen. Also heißt es, Konzentration aufbauen und sich die Dinge fügen lassen. Oft wechseln sich diese Phasen der Konzentration und des Abschweifens eine Zeit lang ab, manchmal bis ins Ziel. Auch gut. Schließlich gibt es die glücklichen, jedoch seltenen Augenblicke, in denen die Konzentration sich quasi verselbständigt und zu einer Art Verschmelzung führt. Ein beglückendes Gefühl, da Körper, Geist, Bewegung und Umwelt sich nicht mehr wie verschiedene Dinge gegenüberstehen, sondern sich ineinander verschränken, ohne ineinander aufzugehen und doch zusammengehörig. Daher mag Verschmelzung auch nicht ganz der richtige Begriff sein; jedoch zeigt er an, dass ich in etwas eingelassen bin, das mich trägt, ohne dass ich es wollen muss oder kann. Insofern ‚läuft es mich dann wirklich gut’. Selten, sehr selten.

Der Körper ist ein sehr ehrlicher Begleiter (Bin ‚Ich’ das auch immer? Aber was weiß ‚Ich’? Sprechen wir nicht ganz oft miteinander, ohne dass ‚Ich’ es merke?). Wenn ich schließlich meine Sportaktivitäten beendet habe, belohnt er mich, je nach Trainingsintensität und nach Tageszeit, mit einer tiefen und umfassenden Müdigkeit. Diese unterscheidet sich von der Erschöpfung, weil sie in sich eine Zufriedenheit vermittelt, die ich mit allen Fasern spüre. Ich weiß, dass ich mich dieser Müdigkeit nicht nur bedenkenlos hingeben kann, sondern ich mich hingeben möchte. Es ist ein Versprechen auf einen tiefen Schlaf und auf eine umfassende Erholung. Zweifelsohne, abseits der Couch und abseits der Trägheit offenbart der Körper seine thymotische Dimension.

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* An dieser Stelle der pädagogische Hinweis, dass man bestimmte Körpersignale keinesfalls überhören oder ignorieren sollte, insbesondere wenn etwa schmerzt. Beendet man dann die sportliche Aktivität nicht, können sich Verletzungen verschlimmern oder gar chronisch werden. Schwieriger wird es bei der Frage, inwieweit man seinen inneren „Schweinehund“ bis zur welchen Grenze überwinden sollte. Es gibt Marathonläufer, die sich zur finalen Verausgabung führen, weil sie kurz vor dem Ziel voller Euphorie die buchstäblich letzten Signale überhören und sich in den Tod laufen

30. September 2018