Während ich das Auto in der Blechlawine mitschwimmen lasse, fällt mir ein Radiobruchstück in die Ohren. Eine Buchbesprechung mit schönem Ausklang, da das verhandelte Sachbuch mit dem Titel "Spurlos verschwinden" rundum verrissen wird. Also einer jener seltenen Momente, in denen mir mitgeteilt wird, dass ich etwas nicht brauche. Komischer Weise bleibt doch etwas hängen, nämlich der im Buch beschriebene Umstand, dass der radikale Beginn eines neuen Lebens, eingeleitet durch den abrupten Abbruch aller sozialen Beziehungen, durch Namenstausch, Ortswechsel usw. meist nicht vollständig gelingt, da die Spur bestimmter Gewohnheiten und Vorlieben für einen erfahrenen Detektiv zur gesuchten bzw. verschwundenen Person führt.
Einmal in der Welt, können wir ihr kaum entkommen, so scheint es. Was bleibt, lebenslang, ist die Sehnsucht nach einem Anfang. "Man hungert nach dem Beginn" dichtete T.S. Eliot. Und Meister Eckhart wußte schon im 13. Jahrhundert: "Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen." Hannah Arendt prägte, um wieder in das 20. Jahrhundert zu springen, den Begriff der Natalität, ausgehend von der Erfahrung, dass wir als Neuankömmlinge auf dieser Welt mit der Fähigkeit ausgestattet sind, zu Handeln, d.h. in Freiheit einen neuen Anfang zu machen.
Lew Schestow, russisch-jüdischer Philosoph, geboren im Jahre 1866 (und gestorben 1938), beschäftigt sich in einem Gedankensplitter mit der Frage, ob das Postulat, dass Dichter, also die Anfangs-"Macher" schlechthin, geboren und nicht gemacht werden (Poetae nascuntur), einer Überprüfung stand hält (Schestow, Lew: Apotheose der Grundlosigkeit; Berlin 2015, S. 112 f.). Zunächst einmal, so hebt seine Argumentation an, können wir ein Kind nicht zum Dichter erziehen, indem wir ihm verschiedene literarische Ausdrucksweisen eintrichtern. Aber ist deshalb das Dichter-Schicksal mit der Geburt besiegelt? Ist der Dichter mit seiner Geburt schon auserwählt zu seinem Natalitäts-Handwerk? Nein, sagt Schestow, der Zufall ist's, der die entscheidende Rolle spielt: ein eingeschlagener Schädel oder der Sprung aus dem dritten Stock können hier Wunder wirken. Folgerichtig könnte der dichterische Nachwuchs auch weniger durch die Konfrontation mit Büchern, als durch solche Zufalls-Zumutungen erzeugt werden (so er denn das Experiment überlebt, möchte man hinzufügen).
Der Punkt: das Schicksal, und mag es das erhabenste und/oder schwerste sein, und wer könnte das bei einem Dichter wirklich sagen, entscheidet sich nicht mit unserer physischen Geburt - insofern hat Schestow Recht. Andererseits bürgt ein zufälliges Ereignis, das uns widerfährt, keineswegs für einen Dichter oder einen dichterischen Anfang, möchte man Schestow entgegen halten. Der Schlag auf den Schädel, auch wenn man ihn jährlich wiederholt, und manche Menschen würden bei gewissen anderen Menschen schwerlich widerstehen können, wird in den seltensten Fällen zu dichterischen Zeilen führen. Wenn das dichterische Vermögen also weder angeboren ist, noch durch einen reinen Zufall entsteht, so verdankt es sich doch ebenso wenig - und das schwingt in dem "poetae nascuntur" intuitiv mit - unserem Wollen (oder eben einem zu erlernenden Können). Dies scheint mir eine Lehre für einen zu erhandelnden Anfang zu sein: er ist weder reine Aktivität, noch reine Passivität. Wir kommen als Sterbliche weder einfach aus der Welt hinaus (siehe oben), noch einfach erneuernd in sie hinein - es sind Spuren, die wir gewollt/ungewollt auflesen und fortschreiben und die zuweilen anders zu uns zurückkommen und einen anderen Anfang markieren, so wir aufmerken, manchmal verdichtet.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben."
Hermann Hesse
30. August 2018
Der Mensch, ein Mangelwesen. Wir kommen biologisch gesehen zu früh auf die Welt und müssen die ersten Monate, Jahre mit fremder Hilfe über die Runden gebracht werden. Wenn wir dann auf eigenen Füßen stehen, hört der Mangel keineswegs auf. Das Leben, eine zu kurz geratene Bettdecke: wie man sie auch zurechtzupft, zu kurz bleibt zu kurz. Entweder mangelt es oben oder unten an Wärme. Irgendwas ist immer.
So profan der Befund, so groß die Hoffnung auf Besserung, einstmals. War es nicht das Versprechen der Moderne, den Mangel, unseren Mangel endlich aus der Welt zu schaffen. Während noch vor hundert Jahren (in Worten: vor hundert Jahren) das Auto, der Fernseher, der Kühlschrank und das Mobiltelefon - eine zufällige Auswahl - für das normal sterbliche Mangelwesen kaum zur Verfügung standen, oder aufgrund technischer Limitiertheiten noch nicht einmal imaginierbar waren, freuten sich die meisten Menschen wohl über ein Bett, ordentliche Kleidung, über ausreichende gute Nahrung, über eine medizinische Notfallversorgung – ebenfalls eine zufällige Auswahl. Letzteres mag für einige Teile der Welt immer noch gelten, aber in jener Welt, die man westlich nennt, hat der große Mangelaufheber, etwas zu pauschal Kapitalismus genannt, die Verhältnisse fast grundlegend bereinigt. Inzwischen werden Mangelzustände produktbezogen versorgt, von denen wir nicht einmal ahnten, dass es sie gibt. Mangel scheint also eine relative Sache zu sein. Strickt man fleißig an der Bettdecke, scheint der Körper im gleichen Maße mitzuwachsen.
Allein, dies ist nur die halbe Wahrheit, maximal. Denn schon früher hieß es: der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Spätestens wenn man nicht mehr weiß, wohin mit all den Produkten, die für unsere Mangelaufhebung konzipiert wurden (best practice: Mülltonne), merkt man, dass der Mangel längst an anderer Stelle an uns nagt, ja schon immer genagt hat. Inzwischen weiß das natürlich auch Kollege ‚Kapitalismus’ und versucht die Produkte identitätsstiftend und für Anerkennungszwecke passend zu vermarkten (Stichwort: branding etc). Der Mehrwert lag noch nie in der Materie beschlossen.
Aber diese Art von Kritik ist billig. Die Vorstellung unendlicher Energieströme, die, um kein Mangelgefühl aufkommen zu lassen, permanent warenförmig in die Wohlstandskollektive eingespeist werden, bricht sich am Unbehagen derer, die postmateriell die Produktsackgasse mit Turboantrieb schon längst erkannt haben. Nein, die aufgeklärten Menschen wissen (und die konservativen schon längst), dass der Mangel keineswegs nur Bedürfnisse erschafft, die mit dem passenden Produkt kurzerhand zu befriedigen wären.
Selbst von immateriellen Bedürfnissen zu sprechen geht am Kern der Sache vorbei, produziert doch unsere Körper-Geist-Maschine in Rückkopplung mit dem, was Gesellschaft zu nennen wir uns angewöhnt haben, nicht nur dynamisch und situativ immer neue Momente des Mangels, sondern zugleich solche, die uns nur selten in aller Klarheit zu Bewusstsein kommen. Vielleicht ist es auch hilfreich den Komplementär-Begriff, nämlich den des Begehrens ins Spiel zu bringen. Ohne Begehren kein Mangel, ohne Mangel kein Begehren. Der Mangel drängt, das Begehren zeigt und spricht.
Dies im Hinterkopf jetzt also zu der der Frage, wie wir mit unserm Mangel/Begehren umgehen können, so wir nicht weiter auf den alten Schlawiner Kapitalismus, wie es liebevoll in einem Lied heißt, setzen können oder wollen. Darüber, keine Übertreibung, wurde schon das ein oder andere Buch geschrieben. Die konservativen Antwort-Varianten mögen existieren, haben es jedoch nicht zu großer Popularität gebracht. Aus gegebenem Anlasse, Vortrag von Götz Kubitschek, gehalten am 15. 02. 2018 in Kopenhagen*, der Versuch einer Auseinandersetzung, wobei besagter Text die Frage nur implizit aufgreift.
Erster Punkt: entschiedene Ablehnung dessen, was die Optimierung und Vernutzung des Menschen vorantreiben will. Dagegen Bejahung der fundamentalen Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben. Ein Ja zum Mangel, zur Last der Geschichte, zur Leidenschaft, zur Trauer, zum Zorn, zum Risiko. Also grundlegende Anerkennung des Mangels und des leidenschaftlichen Begehrens als Voraussetzung für ein Leben, das auch so genannt werden kann.
Schon im „Anschwellenden Bocksgesang“ von Botho Strauß, Kubitschek geht der Frage der Wirkungsmächtigkeit dieses Essays nach, hieß es, dass sich die Rechte keine künftige, heilsgeschichtlich gefärbte Utopie ausmale, sondern Wiederanschluss an die lange, unbewegte Zeit suche:
„Sie ist immer und existentiell eine Phantasie des Verlustes und nicht der (irdischen) Verheißung. Eine Phantasie also des Dichters, von Homer bis Hölderlin.“
(Botho Strauß: Anschwellender Bocksgesang; in: Der Spiegel vom 08.02.1993)
Das ist gesprochen gegen die durchaus ins Totalitäre kippende Idee eines Himmels auf Erden, gegen die phantasmatische irdische Verheißung, wobei die sorgfältig gesetzte Klammer um irdisch den vertikalen Bezug offen lässt. Das, was wir Menschen teilen, ist zunächst und zuerst der Mangel und der Verlust, nicht die Erfüllung. Daran zu erinnern, ewige Dichterpflicht, ist eine Mahnung an die menschliche Hybris und ein Wink an unser gemeinsames Band.
Und ja, in diesem Zusammenhang werden auch die durch die Gegenwartsfixierungen zum Schweigen gebrachten Primärtugenden eines seinsoffenen und -bewahrenden Lebens ins Spiel gebracht, die da lauten: Hinhorchen – Dankbarsein – Wiederherstellen. In anderen Kontexten von anderen Autoren heißt es, dass wir unsere Gespenster pflegen sollten, wollen wir eine Zukunft haben. Hier allerdings sind wir an einen kritischen Punkt angelangt, der in die Frage mündet, ob wir es mit einer rein reaktiven, quasi aufhaltenden Geste zu tun haben: Katechon? Auch Strauß bleibt im „Anschwellenden Bocksgesang“ was den - wenn man es so nennen will – konstruktiven Teil angeht - sicherlich nicht sein primäres Anliegen -, etwas vage. Zumindest gibt er den Hinweis, dass bei der fortgesetzten Erosion von Tradition und Autorität wir in der Not freischwebend werden:
„Aber in wessen Hand, in wessen Mund die Macht und das Sagen, die Schlimmeres von uns abwenden?"
Aber welche Not und welches „Schlimmeres“ ist schließlich gemeint? Handelt es sich um die am Horizont in neuer Gestalt aufziehende Hybris neuer Vervollkommnungsattacken, die durch das richtige Sagen aus der Tradition heraus abgewendet werden müssen. Abwegig ist diese Sorge keineswegs. Man denke nur an die gentechnischen Eingriffe ins Erbgut und an die kühnen bis abstrusen Visionen künstlicher Intelligenzen. „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ und so sieht Götz Kubischek im November die Kreuzkirche in Dresden immerhin voll besetzt, wenn dort das Brahmsche Deutsche Requiem gegeben wird.
Jedoch, was ist der Punkt?. Mag Strauß noch einen poetisch gefärbten Text geschrieben haben, in dem es sich dichterisch sicherlich wohnen lässt, so gilt das für Götz Kubitschek, als einen politisch engagierten Schreiber und Verleger, und seinen Text nicht, mögen auch die poetisch-pathetischen Anteile hoch sein.
Das heißt, in Fragen des Politischen geht es nicht nur um die Abwehr imaginärer, letztendlich destruktiver Verheißungen (konservatives Moment), sondern auch um die Frage der Kreation, des Gestaltens und des Versprechens. Dabei ist ein politisches Versprechen keine ideologische Verheißung, auch wenn, ganz sophisticated, ein Teil des Versprechens die Abwehr der Verheißung umfassen kann. Denn schließlich besteht die in Anspruch genommene Freiheit nicht aus heiliger Mangelbewahrung oder aus reinem Schmerz, sondern auch daraus, auf das Begehren eine neue, gemeinsame Antwort zu finden.
Angefangen bei den Fragen der Mobilität, über die Energieversorgung, die Landwirtschaft, die Tierhaltung bis hin zur medizinischen Versorgung und der Arbeitswelt, um nur einige Stichworte zu nennen, sind andere Weltentwürfe denkbar. Nun erwartet niemand in einem Vortragstext ein ausgearbeitetes Thesenpapier zu politischen Fragen, die an anderer Stelle auch nur unzureichend beantwortet werden. Aber die Einbindung von Kreations- und Versprechensmomenten auf einer theoretischen/abstrakteren Ebene wäre möglich. Denn ansonsten entsteht der nicht unbegründete Verdacht, dass es sich lediglich um eine konservative Verhärtungsstrategie handelt, die das Begehren still stellt. Dann bekommen Schmerz und Verzicht einen Wert an sich, anstatt sie als unausweichliche Momente des Lebens zu sehen, mit denen man sich nolens volens auseinandersetzen muss.**
Eine Ethik angesichts des Mangels? Dem Begehren nicht nachgeben (im Sinne einer Verheißung), das Begehren nicht aufgeben (im Sinne der Konformität oder eines falsch verstandenen Konservatismus). Es ist offensichtlich, dass jedes Zeitalter seine eigenen Schauplätze schafft, auf denen das Begehren sich je spezifisch einzuschreiben sucht.***
Und um eine letzte - etwas forcierte - Schraubendrehung vorzunehmen. Wenn die Tradition weniger ein Hafen, denn eine vielfältige Quelle ist, aus der man immer wieder neu schöpfen kann und die mit jedem Schöpfungsvorgang sich mit anderen Quellen vermischt und neue Quellen entstehen lässt, wie sollte es dann reine Quellen geben? Und warum sollte eine reine Quelle wünschenswert sein? Sind die besten Momente unseres Lebens nicht produktive Mischungen?**** Dies dürfte gelten, solange man den Mangel, sein Begehren und das Begehren des Anderen ernst nimmt. Bezogen auf den politischen Raum und die politische, demokratische Nation, also bezogen auf den gemeinsamen Raum der politischen Freiheit, gibt es keinen „reinen“ Bürger, der durch Abstammung oder intensive Traditionsbewahrung besondere Rechte beanspruchen darf, was aber umkehrt nicht heißt, dass der Zugang zu diesen politischen Raum voraussetzungslos ist.
Für alle, die das Recht, Rechte zu haben - was nur innerhalb eines politischen Gemeinwesens, nicht in einer Weltbürgergemeinschaft möglich ist -, nicht qua Geburt geschenkt bekommen haben, gibt es formale Voraussetzungen für den Zugang, womit es scheinen könnte, als wäre mit der Erlangung dieses Rechts und der Anerkennung seiner Geltung die Inklusion vollständig. Damit aber eine politische Nation als Freiheits- und Konfliktraum existieren kann, müssen die Bürger, vermittelt durch welchen politischen Diskurs auch immer, ihre eigenen identitätsverknüpften Anliegen artikulieren können und wollen, sowie die Anliegen der Anderen verstehen und partiell akzeptieren können und bereit sein, sich darüber auseinanderzusetzen. Oft wird in diesem Zusammenhang von Zivilgesellschaft gesprochen, was die Sache nicht trifft. Eher: konflikthafter Austrag identitätsberührender Momente mit affektiver Aufladung - das ist weniger politische Romantik, denn demokratischer Glutkern. Kurzum, es gibt für den politischen Austrag, bei dessen Fehlen ein politischer Raum implodiert, anspruchsvolle Voraussetzungen, die insbesondere für Neubürger im ersten Schritt des Ankommens mehr oder minder schwer zu erfüllen sind, aber den Kern der Integration als politische Partizipation ausmachen.*****
Eigenartiger Weise spielt dieser Aspekt der Integration in der Zuwanderungsdebatte kaum eine Rolle. Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund können selbstverständlich eine Bereicherung sein, wenn sie bereit und fähig sind, das Gemeinwesen mitzutragen und mitzugestalten. Damit zusammenhängend ist es ebenfalls unbestreitbar, dass man den Zugang zu einem politischen Gemeinwesen nicht überdehnen darf, will man seine grundlegenden Prinzipien und Möglichkeiten nicht mittel- und langfristig zerstören. Dabei geht es weniger um die anfallenden Kosten oder darum, dass jemanden etwas weggenommen wird (richtig bleibt auch hier, dass man die Einnahmen nur einmal verteilen kann), sondern um die, wenn auch langsame Zerstörung eines Freiheits- und Konfliktraums, den man weder mit funktionalen Mitteln, noch mit moralischen Ressourcen eben mal wieder aufbauen kann, was für alle Seiten desaströse Auswirkungen haben dürfte.
Nun scheint es mir, dies die letzte Anmerkung, dass der rechte Diskurs die Ein- und Zuwanderungsdebatte zuweilen nicht im Namen der (bedrohten) Freiheit, sondern im Namen der kulturellen Identität und einer reinen Tradition führt. Warum das ein entscheidender Unterschied ist? Weil sonst die irdische Verheißung aufkommen könnte, dass das deutsche Volk am besten unter sich bleiben sollte, um so den Mangel doch aus unserer Welt zu eskamotieren oder zumindest am schönen Schmerz sich zu ergötzen. Um Ernst Jandl zu zitieren: „werch ein illtum“.
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* Gefunden auf Sezessions-de: Götz Kubitschek: Nachtgedanken (5): angeschwollener Bocksgesang; 23. Juli 2018; dort auch als PDF verfügbar
** Um zu sich selbst zu kommen, ist es zuweilen notwendig den Riss in sich zu spüren, vielleicht. Aber ob es zielführend ist, auf den Schmerz hinzuarbeiten, um im Land der letzten Dinge das Leben zu spüren, weil ansonsten am Lebensrand so gar nichts mehr gedeiht, ist doch fraglich.
*** Auch wenn die stiftenden Dichter das Selbe sagen, so sagen sie doch nicht das Gleiche. "Das Selbe lässt sich nur sagen, wenn der Unterschied gedacht ist." Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch.“, Vorträge und Aufsätze, GA 7, Frankfurt/M. 2000, S 197
Und noch eine kleine Anmerkung zu einer Art konformistischen Konservatismus, den ich Kubitschek nicht unterstellen möchte. Mentalitäten wie „weil wir das immer so gemacht haben“ oder, einer abstrakten Verzichtslogik folgend: „weil es nicht geht“ sind nicht immer eine gute Antwort. Das weiß jede lebendige Tradition, die zu ihrer Fortschreibung und Umschreibung anstiftet. Und: Die Antwort im Unterschied zur Reaktion lässt immer Spielraum, ist also keine Wiederholung. Um nochmals Botho Strauß und den „Anschwellenden Bocksgesang“ zu zitieren: „Das Genaue ist das Falsche. Es läßt den Hof, den Nimbus nicht zu. Unsere Lebenssphäre ist das Vage, das Ungefähre.“
**** Dies hat nichts mit einer toleranten Beliebigkeit zu tun, wie sie von einem bestimmten Liberalismus gelebt wird. Jede Mischung, die den Namen verdient, ist das Produkt einer - konflikthaften – Durcharbeitung. Daher auch der berechtigte Vorwurf an den Liberalismus, die in Anspruch genommenen Ressourcen nicht zu regenerieren bzw. nichts zu deren Regeneration beizutragen.
***** Sollte dieser Schritt nicht möglich sein, wäre vielleicht die Assimilationsforderung immerhin noch besser, als die gutmütige Billigung parallelgesellschaftlicher Lebensweisen. Das Unbehagen an den parallelen Lebenswelten besteht m.E. nicht darin, dass hier andere kulturelle Praktiken gepflegt werden. Das Problem taucht vielmehr an den Bruch- und Konfliktlinien auf, die durch diese Praktiken entstehen. Zum einen werden Überschreitungen rechtlich nicht konsequent geahndet und zum anderen werden diese Konflikte auch nicht politisch ausgetragen bzw. können nicht ausgetragen werden können. Was oftmals bleibt ist ein Vakuum, das sich, bis hin zu kriminellen Strukturen verselbständigt.
Enttäuschend ist in diesem Zusammenhang oftmals auch das Verhalten großer Teile der muslimischen Verbände und Gemeinden. Einerseits werden Rechte eingefordert, während andererseits kleine Zeichen der Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen politischen Artikulationsraum ungenutzt bleiben. So kamen zum Beispiel 2017 zur muslimischen Demonstration gegen den fundamental-islamistischen Terror kaum 2.000 Bürger. Die Chance, verunsicherten Mitbürgern zu verstehen zu geben, dass man ihre Befürchtungen und Ängste wahrnimmt und als Bürger mit muslimischen Wurzeln den Terror ebenso entschieden ablehnt, wurde vertan. Wer dazugehören möchte, muss sowohl hinhören als auch adressieren können. Ansonsten bleibt allein der Eindruck der Gleichgültigkeit.
26. Juli 2018
Einige Zeitschriften bieten Schachkolumnen, manchmal gepaart mit einer kleinen Schachaufgabe. Da ich als Jugendlicher Schach spielte, wenn auch auf einem sehr bescheidenen Niveau, versuche ich mich ab und zu an der Schachherausforderung, gleichwohl ahnend, dass hier die sogenannte Herausforderung für mich ein wirkliches Problem ist. Inzwischen weiß ich, dass ich die Aufgabe fast nie lösen kann, selbst wenn ich etwas mehr Zeit investiere. Auch strategische Flexibilität treibt die Erfolgsquote nicht nach oben. Meist fange ich damit an, die naheliegensten Züge durchzurechnen. Das ist natürlich insofern sinnlos, als dass es immer besonders schöne, d.h. ausgefallene und überraschende Kombinationen sind, die veröffentlicht werden. Die Veröffentlichungswürdigkeit besteht gerade aus dieser Unvorhersehbarkeit. Dies im Hinterkopf suche ich dann nach besonders abstrusen und auf den ersten Blick kontrakproduktiven Kombinationseinstiegen, die sich jedoch ins trostlose Niemandsland einer sich ankündigenden Niederlage verflüchtigen, statt in einen überraschenden und triumphalen Sieg zu münden. Dann sage ich mir, dass ich besser das Gesamtbild auf mich wirken lassen sollte, um Kräftelinien der einzelnen Figuren und ihr Beziehungsgefüge in mich aufzunehmen. Ganz intuitiv, so die Hoffnung, formt sich daraus ein Lösungsansatz, so wie die kontemplative Betrachtung von einem Zimmer und den dazugehörigen Möbeln auch zu einem guten Ergebnis hinsichtlich einer Raumgestaltung führen kann. Nicht jeder gute Raumgestalter ist jedoch ein guter Schachspieler, was unter anderem auch daran liegen dürfte, dass das Schachrätsel zumeist nur eine, und zwar die eine richtige Lösung kennt - da kann es keine zwei Meinungen geben. Kurzum, auch die gestaltspsychologisch inspirierte Herangehensweise führt bei mir nicht zum Erfolg. Hinzu kommen noch die aufmunternden Worte des Schachredakteurs, die aber, obgleich Hinweise auf den Lösungsweg zart andeutend, meist jede Hoffnung gründlich vernichten: ""Mit viel Inspiration finden vielleicht auch Sie die so wunderschöne wie schwere, die schwarze Dame erobernde Opferkombination." Mein persönliches Schach-Sprache-Übersetzungs-Programm sagt mir sogleich: versuche es erst gar nicht. Meist beruhige ich mich mit dem Gedanken, dass ich, wenn ich sehr viel Zeit im Schachuniversum verbringen würde, irgendwann fast mühelos in der Lage wäre, die richtigen Kombinationen zu finden, also damit, dass fehlendes Talent zumindest, wenn ich wollte, mit Arbeit und Übung auszugleichen wäre. Aber auch da bin ich mir nicht sicher; aber mit manchen Illusionen lebt es sich besser, solange sie sich nicht als Illusionen erweisen.
Was mich schließlich vollends zu einem staunenden Bewunderer der Schachwelt macht, ist nicht nur der Umstand, dass viele Schachspieler die Schachrätsel in relativ kurzer Zeit lösen können, sondern, dass der involvierte Schachspieler, also der eigentliche Erfinder des je einzigartigen Schachrätsels, insofern es sich nicht um eine Schachaufgabe handelt, die am Reißbrett entworfen wurde, sondern um eine, die aus einer realen und dokumentierten Spiel- und Turniersituation entnommen ist, die Lösung finden konnte, ohne zu wissen, dass es die Lösung gibt. Ein riesiger Unterschied ist es, eine Aufgabe zu bearbeiten, die fest umgrenzt ist und von der man weiß, dass es auf jeden Fall die eine Lösung geben muss. Oder ob man sich in einem, wenn auch strikt regelbasierten, offenen Feld bewegt, das bei jedem Zug neue Möglichkeiten und neue Konstellationen gebiert, von denen nicht klar ist, ob und welche finalen Gewinnmöglichkeiten in ihnen schlummern. Jede Spielsituation kann, so man Talent und vielleicht auch etwas Glück hat, ein außerordentliches Ereignis hervorbringen. Ereignis deshalb, weil (fast) nichts in der (Spiel)Konstellation auf diesen Ausgang hindeutete.
Und jetzt sage niemand, Schach habe nichts mit dem Leben zu tun, das sich, so betrachtet, keineswegs als ein normales erweist. Jeder Augenblick kann eine neue und schöne Kombination hervorbringen, die alles ändern wird, sofern man über das Talent verfügt, das Leben richtig zu spielen. Und der letzte Gedanke lautet, dass der Tod schließlich gewinnt (und dass Computer inzwischen die besseren Schachspieler sind, aber eben nicht Schach spielen).
22. Juni 2018
In einem Gesprächskreis wird über die geistige Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert, u.a. über das 'Heilige' von Rudolf Otto, über das 'Sein' von Martin Heidegger und über das 'Unbewußte' von Sigmund Freud. Denkweisen, die ein Mißtrauen gegenüber einer allesverschlingenden Rationalität und einer alles beanspruchenden Vernunft artikulieren. Der Jurist in der Runde ist mit dieser Einschätzung nicht einverstanden. Schließlich sei Freud doch ein Naturwissenschaftler und kein Philosoph oder Theologe. Zuerst habe ich den Einwand gar nicht begriffen, da die Entwertung der Freudschen Denkungsart meist umgekehrt vollzogen wird: Freud sei unwissenschaftlich und höchstens literarisch interessant (wobei diese Abwehrhaltung viel wahrer ist, als sie ahnt). Schließlich ging mir auf, dass es vermutungsweise mit einer spezifisch christlichen Einstellung zu tun haben muss: Der Körper kann nicht der Ort eines "anderen Wissens", kann kein Ort eines exzentrischen Denkens sein. Denn christlich gedacht wird das transzendierende Moment als Geist quasi von Außen in die Körperhülle hineingetragen. Das Unbewußte, so es denn existiert, untergräbt im und mit dem Körper die Souveränität des Geistes und berührt die christliche Körperabwehr (mit Freud: die "Transzendenz" ist ein Produkt der Fleisch-Kultur-Fleisch-Reibung). Spannend weiterhin die Frage, ob und wie der Glaube (ein bestimmter Glaube?) an diese Souveränität gekoppelt ist oder ohne diese Souveränität ab- bzw. zusammenbricht - kann man an das Unbewußte glauben wie an den lieben Gott, sozusagen als ein Versprechen auf ein gutes Ende (Die Freudsche Psychoanalyse trägt möglicher Weise ein anderes Versprechen in sich. Das Unbewußte wäre nur insofern ein Ort der Wahrheit und des Guten, als dass es als ein Marker für einen ausstehenden Sinn fungiert: nicht alles wird gut, aber wir können daraus etwas Sinnvolles "machen" - höre und fühle, der Himmel wartet nicht).
Der Sinn einer Sache stellt sich erst nachträglich ein, die passende Replik meist auch. Besagter Jurist ist zugleich Nietzsche-Kenner. Zu sagen, dass Sigmund Freud ein Naturwissenschaftler ist, kommt der Behauptung nahe, dass Friedrich Nietzsche ein Biologe sei, weil er vom Übermenschen spricht. Christlich gesehen ist das nicht unplausibel.
31. Mai 2018
"Das Leben war, wie es war, und es ist geworden, wie es geworden ist. Schließlich konnte man nicht zurückgehen und es irgendwo reparieren. Das Lebenselend."
Lars Gustaffson: Nachmittag eines Fliesenlegers; München 1993; S. 55
30. April 2018
Es gibt Tage, da möchte ich den ganzen Zivilisationsmüll einfach hinter mir lassen. Ich gehe auf die Suche nach einer entschlackten Ruhe, die nicht müde, sondern aufmerksam macht und mich gelassen durch den Tag trägt. Nehme ich ein Buch zur Hand, stellen sich solche Momente zuweilen ein. Die Dinge beruhigen sich, manchmal nur für kurze Zeit, bevor ein Überschuss oder ein Mangel wieder Bewegung in die Sache bringt. Und dann suche ich nach einem Buch, das genau diese Bewegung durchdenkt, sie von einer anderen Seite beleuchtet und neu austariert. Kein Geheimnis auch, dass man sich oftmals von fremden Weltzugängen mehr verspricht, als von den schon bekannten. (begleitet von der Ahnung, dass die Frage des Zugangs und die Frage des Denkens mitten in die hier verhandelte Problematik führt). Vielleicht gab es mal eine Zeit, in der der Begriff der 'erbaulichen Lektüre' diesen Sachverhalt ironiefrei zum Ausdruck bringen konnte.
Zweifelsohne versprechen von Zeit zu Zeit die fernöstlichen Zugangsweisen und Lektüren mehr Verheißungen als westliche Praktiken: Lieber Yoga als Bodybuilding, lieber Meditation als Gehirnjogging, lieber ein "Buch vom Tee" als ein Buch zu den Grundlagen der Chemie. So führt Kakuzo Okakura in seinem Teebuch den Leser nicht zur Fülle der (Tee-)Welt, sondern verweilt zum Beispiel bei dem taoistischen Gedanken der Raumgebung, der das Wesentliche nicht im physischen Vorhandensein eines Dinges zu fassen sucht.
"Der Nutzen eines Wasserkrugs liege im Hohlraum, der mit Wasser gefüllt werden kann, nicht in der Form des Kruges und auch nicht im Material, aus dem der Krug hergestellt ist."
Kakuzo Okakura: Das Buch vom Tee; Köln, 2011 (1906); S. 40
Nun geht es hier zunächst um einen Nutzen und um den Hohlraum des Kruges, aber weiter gedacht auch um den Horizont einer Leere und Offenheit. Der in Deutschland lehrende Philosoph Byung-Chul Han spricht in seinem Buch "Philosophie des Zen-Buddhismus" von der Leere als einen unsichtbaren Atemraum der Formen. Bekanntlich setzt das abendländische Denken hingegen mehr auf die Anwesenheit, auf die Präsenz und Geschlossenheit der Dinge. Das Wirkliche ist gerade jenes, was sich als Substanz jeder Veränderung entzieht oder auch jeder Veränderung als Unveränderliches zu Grunde liegt.
Nicht von ungefähr hat sich auch Martin Heidegger, einer der Anti-Präsenzdenker schlechthin, mit dem Ding auseinandergesetzt, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass er in Bezug auf seine 'Motivwahl' von einem östlichen Denken inspiriert wurde. Denn in seinem berühmten Ding-Aufsatz von 1951 geht es zunächst, man ahnt es schon, um den Krug:
"Doch was ist ein Ding? (...) Ein Ding ist der Krug? Was ist der Krug?"
Heidegger, Martin: Das Ding, in: Vorträge und Aufsätze; Pfullingen 1954 (1951), S. 164
Für Heidegger reduziert der Sprachgerbrauch der abendländischen Metaphysik das Ding und damit auch den Krug, auf etwas, das "überhaupt und irgendwie ist", d.h. auf das Seiende. Dagegen spinnt Heidegger in einer poetische-denkerischen Weise das Ding, konkret hier den Krug, in ein Bezugs- und Bedeutungsgeflecht ein, legt Bedeutungsschichten an und frei, durchaus auch anknüpfend an die weiter oben zitierte Teestelle:
"Die Leere ist das Fassende des Gefäßes."
Heidegger, Martin: Das Ding, in: Vorträge und Aufsätze; Pfullingen 1954 , S. 167
Und weiter heißt es bei ihm:
"Im Schenken des Gusses west das Fassen des Gefäßes."
Heidegger, Martin: Das Ding, in: Vorträge und Aufsätze; Pfullingen 1954 (1951), S. 170
Das Geschenk des Gusses versammelt dabei Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen, wobei die Zusammegehörigkeit dieser Momente die Einheit der Vier, das Geviert vereignet.
"Das Ding verweilt das Geviert. Das Ding dingt Welt. Jedes Ding verweilt das Geviert in ein je Weiliges von Einfalt der Welt."
Heidegger, Martin: Das Ding, in: Vorträge und Aufsätze; Pfullingen 1954 (1951), S. 179
Im Rahmen der hier vorgenommenen (Ver-)Kürzung mögen sich die Heideggerschen Denkausschnitte wie DaDa-Philosophie ausnehmen - warum auch nicht -, so man nicht vergisst, wie präzise Heidegger - auch mit Bezug auf andere Philosophen - denkt*.
Gut, halten wir mehr proklamierend als nach-denkend fest, dass Heidegger das Ding und den Krug aus den Fängen eines präsenzbehafteten her- und vorstellenden Denkens lösen möchte, eines Denkens, das Dinge zum Stand bringt und nur die so stehenden Dinge gelten lässt (Geltung also nur für das, was der Fall ist; die Nähe zum Phallus ergibt sich nicht nur unter DaDa-Gesichtspunkten).
Die hier fast bis zur Erbaulichkeit herbeizitierten Dinge haben jedoch, wer hätte es gedacht, eine Kehrseite, die relativ früh in der Geschichte auftaucht.
"Das Weib aber trug in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel versehen."
Schwab, Gustav: Sagen des klassischen Altertums; Köln 2011 (1838), S. 20
Das Weib hieß Pandora und bekanntlich entflog dem Gefäß, dem Pithos, also einem Tonkrug, eine Schar von Übeln, wo doch die Geschlechter der Menschen bis dahin übelfrei auf Erden wandeln durften (und nur, weil Promotheus Zeus hintergangen hat). 'Alles Gute kommt von oben' gilt also nur eingeschränkt, sofern in der Büchse als letzte Zutat immerhin die Hoffnung enthalten war. Das Verhältnis Götter-Sterbliche darf also keineswegs als ein permanent harmonisches verstanden werden. Zumindest kann mit Bezug auf Pandora den oben zitierten Heidegger-Satz "Im Schenken des Gusses west das Fassen des Gefäßes" nicht eine gewisse Dramatik und/oder Komik absprechen**.
Wo Zwietracht gesät wird, wo Streit ausbricht, ist es mit dem "Dingen", sozusagen das handelnde Wesen des Dings, als "versammelnd-ereignenden Verweilen", Stichwort Nähe, zumindest schwierig. Interessanter Weise gibt es in dem Ding-Aufsatz eine Passage über die Bedeutungsgeschichte der Wörter Ding, res, causa, coa, chose, thing, wo Heidegger das Ding als Angang und Angelegenheit beleuchtet, und zwar als eine Sache, die alle angeht (res publica), die öffentlich verhandelt wird, ja als ein Streitfall. Allerdings bügelt er diesen Bedeutungsstrang relativ schnell wieder ab, indem er den ursprünglich römisch erfahrenen Angang als unzureichend kennzeichnet, da das Wesen des Anwesenden verschüttet bliebe. Aber ist nicht der Streitfall, als ein Ding das angeht, nicht ebenfalls die Öffnung zu einem "(Noch-)Nicht-Seienden"? Befreit der Streitfall die Dinge nicht aus ihrer Eindimensionalität, lässt er nicht auch Verluste spüren, also den Entzug des Dings / der Dinge?
"Frau Marthe
:
Seht ihr den Krug, ihr wertgeschätzten Herren?
Seht ihr den Krug?
Adam:
O ja, wir sehen ihn.
Frau Marthe:
Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr;
(...)"
Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug; 1811, Siebenter Auftritt
"Der zerbrochene Krug" von Heinrich Kleist dreht sich bekanntlich um Begierde, Korruption, Hochmut, Erpressung, Recht und Gerechtigkeit. Der zerbrochene Krug kann vor allem als Anspielung auf die mögliche verlorene Unschuld der Protagonistin Eve verstanden werden (fußend auf der damals gängigen Analogie zwischen dem Krug und der Gebärmutter). Daneben hat der Krug noch eine buchstäbliche, nun im zerbrochenen Zustand nicht mehr sichtbare Geschichte zu erzählen, die von Eves Mutter Marthe ausführlich geschildert wird, nämliche die der niederländischen Provinzen.
So "sind" die Dinge auch: Geschichte ist immer auch Verlust-Geschichte (wobei der Verlust die Nähe zu dem Ding durchaus befördern kann) und Gerechtigkeit immer auch ein Ding im Kommen. Genauso wie die Ruhe.
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* Wer's nicht glaubt, möge Heidegger lesen. Byung-Chul Han, der dies sicherlich gründlich getan hat, kommt am Ende seiner Auseinandersetzung über die Leere zu der Vermutung, dass trotz der Parallelen zwischen Zen und Heidegger in dieser Frage, letzterer doch einen metaphysischen Haftgrund oder besser Hafthimmel beibehält. Die Welt, so Byung-Chul Han, ist bei Heidegger nicht wirklich leer, da sie noch auf Gott verwiese, also um eine verborgene theologische Achse kreisen würde. Das dafür hinzugezogene Zitat stammt allerdings, für den Leser nicht kenntlich, aus dem Aufsatz "... dicheterisch wohnet der Mensch ...". In dem Ding-Aufsatz spricht Heidegger von den Göttlichen und den Sterblichen, nutzt also in beiden Fällen den Plural. Davon abgesehen müssten man an dieser Stelle wahrscheinlich den Fragen der Begegnung, des Anspruchs und des Zuspruchs nachgehen.
** Zumindest erwähnenswert in diesem Zusammenhang, ist quasi die Umkehrung der Gottesfrage im Namen des Kruges. Allerdings entsteht dadurch weniger ein prometheushaftes Aufbegehren - Ich dich ehren? Wofür? -, sondern eine mehr melancholisch eingefärbte lose-lose-Situation:
"Was wirst du tun Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.
(...)
Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange. "
Rilke, Rainer Maria: Als du mich einst gefunden hast. Die schönsten Gedichte; Köln 2016 (1899), S. 43
29. März 2018