Wie sollen Sätze beschaffen sein?
- ich möchte einen Satz, der in der Kälte wie eine warme Decke sich um mich legt
- ich möchte einen Satz, der mich kühlt in der Hitze der Ausweglosigkeiten
- ich möchte einen Satz, der so intensiv leuchtet, dass alles erstrahlt
- ich möchte einen Satz, der wie ein Sack über dem Kopf mich blind loslaufen lässt
- ich möchte einen Satz, der duftet wie Blumen auf einer Sommerwiese
- ich möchte einen Satz, der den Kitsch schnittert, wie die Sense den Halm
- ich möchte einen Satz, der die dunklen Momente fasst, wie die Hand den Hammer
- ich möchte einen Satz, der mich taub macht gegen die Schläge der Faktizität
- ich möchte einen Satz, der aussieht, als hätte er etwas mit der Realität zu tun
- ich möchte einen Satz, der mir morgens einen Kaffee verspricht und dass der Tag ein guter wird
Nein, nicht mal das.
- ich möchte einen Satz, der mich fröhlich anschweigt
Wie nur in diesen Zeiten.
29. April 2024
"Die kontinuierliche Geschichte ist das unerläßliche Korrelat für die Stifterfunktion des Subjekts: die Garantie, dass alles, was ihm entgangen ist, ihm wiedergegeben werden kann; die Gewißheit, dass die Zeit nichts auflösen wird, ohne es in einer erneut rekomponierten Einheit wiederherzustellen; das Versprechen, dass all diese in der Ferne durch den Unterschied aufrechterhaltenen Dinge eines Tages in der Form des historischen Bewußtseins vom Subjekt erneut angeeignet werden können und dieses dort seine Herrschaft errichten und darin das finden kann, was man durchaus seine Bleibe nennen könnte."
Michel Foucault: Archäologie des Wissens; Frankfurt/M. 1988 (1969); S. 23
Der Glaube an den Fortschritt, die kontinuierliche Geschichte, an 'das' Subjekt: schon längst dahin. Man könnte diesen Satz in die Schublade eines "postmodernen Wissens" (was immer das ist) einsortieren und sich der verwirrten Ordnung der Dinge widmen. So man ihn jedoch persönlich schultert, wird es witziger: Ich bin ein dezentriertes Subjekt, ich kann nicht eine, d.h. meine konsistente Geschichte erzählen, ich habe Dinge und Momente an mir vorbei ziehen sehen, die niemals wiederkommen werden, ich habe Dinge vergessen, die mich wieder einholen werden, um mir die Umumkehrbarkeit meines Lebens schmerzhaft vor Augen zu führen, ich habe Dinge erlebt, die ich nicht sinnvoll in meine Biographie einordnen kann, die ich nicht verstehe, dich ich nie verstehen werde, die meinem Selbstbild widersprechen und mein Alter wird mich nicht einer verheißungsvollen Zukunft entgegenführen, sondern im Gegenteil meinen Geist und meinen Körper Tag für Tag mehr limitieren.
Glaubt doch keiner.
22. März 2024
"Die Fama, die dem ‘Oblomow’ vorangeht, in diesem Roman ereigne sich nichts, aber auch gar nichts, der Inhalt lasse sich in wenigen Zeilen wiedergeben, hat bewirkt, dass die wenigsten sich noch die Mühe machen, dieses Buch wirklich von Anfang bis Ende zu lesen, weil jeder es zu kennen, jeder sich unter den (längst in alle russischen Diktionäre aufgenommenen) Wörtern ‘Oblomow’ und ‘Oblomowschtschina’ etwas vorstellen zu können glaubt."
Hans J. Fröhlich: Iwan A. Gontscharow - Oblomow (1859); in: Fritz J. Raddatz (Hg.): ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher; Frankfurt/M. 1980; S. 260
Oblomow ist mit unvorstellbarer Trägheit gesegnet. Er verbringt sein Leben damit zu schlafen, zu träumen, zu dämmern und zu grübeln, meist im Bett. Kritische Geister werden sagen, dass er dem Leben nichts Positives hinzuzufügen vermag. Dabei geht es doch schon seit längerem darum, das Schlimmste zu verhindern. Und wenn jemand dem Schlimmen nicht noch etwas Schlimmes hinzufügt, ist das auch gut. Einzig die lebenspraktische Herausforderung, die entsprechenden Ressourcen für diese Lebensweise zu finden, bleibt bestehen. Aber ach, wenn man immer nur die Hindernisse sieht …
(Ich glaube, dass ich das Buch auch nicht gänzlich gelesen habe - ca. 700 Seiten -; ich habe es im Regal auch nicht gefunden, obwohl ich es besitze oder besitzen müsste. Aber vielleicht ist es durchaus im Geiste Oblomows, wenn man auf eine Zusammenfassung zurückgreift.)
27. Februar 2024
"Doch Freuds Müdigkeit wurde immer wieder gemildert durch die interessanten Wendungen, die der Lauf der Dinge nahm."
Peter Gay: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit; Frankfurt/M. 2006 (1989);S. 416
Das Jahr 1916 - an dieser Stelle der Biographie befinden wir uns, Freud ist 60 Jahre alt - bot wahrscheinlich auch genug Anlass, um die Müdikgeit zurückzudrängen (u.a. kämpften seine beiden Söhne an der Front). Fast könnte man meinen, dass das letzte Jahrhundert noch einen weiteren Weltkrieg brauchte, um die Müdigkeit endlich und kollektiv zuzulassen. Inzwischen leben wir wieder in nervösen Zeiten. Wohl dem, der müde sein kann.
30. Januar 2024
"Wer macht sich die Mühe, ständig unter den Umständen zu leiden?"
Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 - 2011; Berlin 2012; S. 21
Das umfassend leidende Leben ist ein formgebender Prozeß und verlangt Disziplin und Anstrengung. Allerdings sollten die Anhänger dieser quasi doppelten Lebensaufgabe bedenken, dass das Resultat für Außenstehende oftmals nicht als der Entschluss zu einer tiefen Ernsthaftigkeit, sondern als kindische Bockigkeit wahrgenommen wird, wobei die Wahrheit der Wahrnehmung die der Intention oftmals übertrifft. Mann kann also jene beneiden, die die Möglichkeit zu einem schönen Vorsatz haben, nämlich sich einer Mühe zu entledigen. Aber wie so oft im Leben, dürfte auch hier gelten: die, die können, wollen nicht, und die, die wollen, können nicht.
Nach einigen Sätzen hat das Leben uns wieder, so wie wir sind.
31. Dezember 2023
"Wir befinden uns in einem Bereich, in dem jeder Selbstschutz des Gesunden und Geschützten, des Heil(ig)en und Sakralen (holy) sich gegen den eigenen Schutz schützen muss, gegen die eigene Polizei, gegen die eigene Abwehrmacht, gegen das Eigene schlechthin, will sagen gegen die eigene Immunität."
Jacques Derrida: Glaube und Wissen: in: J. Derrida / G. Vattimo: Die Religion; Frankfurt/M. 2001 (1996); S. 71
Beim weihnachtlichen Geschenk kann man nicht recht entscheiden, ob es zum Bereich des originär Heiligen gehört (es wurde uns ein Kind geschenkt, die Logik der Gabe, des Opfers usw.), das es zu schützen gilt, oder ob es als Immundepressor, d.h. zur Unterdrückung des Selbstschutzes, für das Fortbestehen des weihnachtlichen Heils fungiert, das nur aufgrund zahlreicher transplantierter Körperteile (angefangen vom Weihnachtsbaum bis hin zum Weihnachtsmann) sich als versprochener Heilsraum halten kann.
So spricht diese Ambivalenz des Geschenkes, d.h. die Reinheit und Unreinheit zum Wohle des Heils, immerhin nicht gegen Weihnachten. Empirisch mag das im Einzelfall anders aussehen.
26. Dezember 2023