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Auto-Immunität des Heilen

"Wir befinden uns in einem Bereich, in dem jeder Selbstschutz des Gesunden und Geschützten, des Heil(ig)en und Sakralen (holy) sich gegen den eigenen Schutz schützen muss, gegen die eigene Polizei, gegen die eigene Abwehrmacht, gegen das Eigene schlechthin, will sagen gegen die eigene Immunität."
Jacques Derrida: Glaube und Wissen: in: J. Derrida / G. Vattimo: Die Religion; Frankfurt/M. 2001 (1996); S. 71

Beim weihnachtlichen Geschenk kann man nicht recht entscheiden, ob es zum Bereich des originär Heiligen gehört (es wurde uns ein Kind geschenkt, die Logik der Gabe, des Opfers usw.), das es zu schützen gilt, oder ob es als Immundepressor, d.h. zur Unterdrückung des Selbstschutzes, für das Fortbestehen des weihnachtlichen Heils fungiert, das nur aufgrund zahlreicher transplantierter Körperteile (angefangen vom Weihnachtsbaum bis hin zum Weihnachtsmann) sich als versprochener Heilsraum halten kann. 

So spricht diese Ambivalenz des Geschenkes, d.h. die Reinheit und Unreinheit zum Wohle des Heils, immerhin nicht gegen Weihnachten. Empirisch mag das im Einzelfall anders aussehen.

26. Dezember 2023

Ruhe sanft

“Warum lässt man mich nicht in Ruhe.”
Peter Fischli / David Weiss: Findet mich das Glück?; Köln 2003; Nr. 59

Die beiden Künstler Fischli und Weiss kennt man u.a. durch die Installation bzw. durch den dazugehörigen Film “Der Lauf der Dinge” (1987), in dem eine fast halbstündige Kettenreaktion verschiedenster Elemte / Vorrichtungen physikalischer / chemischer Art gezeigt wird. Zum einen veranschaulicht der Film, dass der “Lauf der Dinge”, obwohl ja durch Ursache und Wirkung determiniert, eher einer absurden Abfolge, denn einer strengen Choreografie ähnelt und dass zum anderen “der Lauf der Dinge” an einem seidenen Faden hängt und keineswegs vom ersten Impuls bis zum letzten Effekt vertrauenserweckend linear voran schreitet (Und natürlich noch vieles mehr: das Ganze sieht bedrohlich und fremdartig, billig und fantasievoll aus usf.)

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch obige Frage (das Künstler-Buch besteht nur aus diesen “einfachen” Fragen, zwei auf einer Seite) eine andere Tönung - ist halt eben der “Lauf der Dinge”. Aber weiter: ist diese Frage (die ich zutiefst verstehe) nicht eine genuin männliche Frage. D.h., kann man eine neurotisch gefärbte Exit-Präferenz eher Männern als Frauen zuschreiben. Bevor hier die Fallstricke der Genderdebatte weiter ausgelegt werden, schließe ich mit dem Hinweis: die beiden kommen aus der Schweiz.

26. November 2023

Blauer Herzschlag

“Das Herz ist ein komisches Organ; erst wenn es gebrochen ist, schlägt es in seinem eigenen Ton; wenn es nicht bricht, versteinert es.”
Hannah Arendt: Denktagebuch - Erster Band; S. 467 München 2003 (1954)

 Man könnte auch sagen: das Herz schlägt, wenn es denn schlägt, immer in Blue Notes.

10. November 2023

Keine Masche

“Die jüdische messianische Hoffnung, die hier der Engel der Geschichte symbolisiert, schreitet nicht von einer Etappe zur anderen bis zum zweckbestimmten Ziel der Geschichte, sondern setzt sich in den Rissen der Geschichte fest - dort, wo ihre Maschen sich auflösen und Tausende von Fäden, die ihr Gewebe bilden, lose hängen.”
Stephane Móses: Der Engel der Geschichte; Frankfurt/M. 1994 (1992); S. 22

Wenn Gott am fernsten scheint …

29. Oktober 2023

Das Unbehagen am Raum

“Der Raum der Übermoderne ist von diesem Widerspruch geprägt: Es hat es stets nur mit Individuen zu tun (mit Kunden, Passagieren, Benutzern, Zuhörern), doch er identifiziert, sozialisiert und lokalisiert diese Individuen lediglich am Eingang oder am Ausgang.”
 Marc Augé: Nicht-Orte; München 2010 (1992); S. 110 

Der ‘übermodern’ gestaltete Raum spricht weder an, noch antwortet er. Seine Bruchlosigkeit, sein Bild (ohne Faltungen, ohne Schmutz, ohne Störung, ohne Überschuss) beruht auf einer umso rigideren Trennung derer, die Zugang erhalten. Diese Rigidität gilt auch für den Raum selbst. Sobald seine Perfektion durchbrochen wird, schreibt sich die Zeit nicht als Alterung oder als Spur ein. Stattdessen: Dysfunktion, Verwahrlosung, Schäbigkeit. Imaginäres Gegenmodel: das Landleben.

26. September 2023

Pfeil und Ferse

"Ein stechender Schmerz durchfuhr auf der Stelle Achill bis ans Herz hinan, und wie ein unterhöhlter Turm stürzte er plötzlich zu Boden."  
Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertum; Köln 2011 (1838-40); S. 568

Bekanntlich wurde Achill von seiner Meeresgöttin-Mutter in den Fluss Styx getaucht, der unverwundbar macht; bis auf die Ferse, an der sie ihn hielt. Unsere verletzlichste Stelle: der Ort der Mutterbindung und des Mutterhalts, entstanden, um uns vor den Einschlägen des Lebens zu schützen. Wenn Achill in die Ferse oder wir ins Herz getroffen werden, zerbricht nicht nur ein Stück der Welt, sondern der Ort, von dem aus wir der Welt Begegnen können. Die wertvollste Stelle, nicht nur weil sie so verwundbar macht - sie ist der Ort der höchsten Produktivität (laufen und lieben). Auch: das 'Meer' als Metapher des 'Unbewußten' und der unentwirrbare 'Nabel' des `'Traums`.

31. August 2023