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Nicht nur immer schwarzsehen

Es ist traurig, wenn man immer so negativ gestimmt ist. Ja, die Zeiten geben das Negativ-Sein her. Aber permanent das Glas halb leer sehen, darüber spekulieren, wann die Ökonomie, das Klima, die Natur, die Rente, die Gesellschaft, die (eigene) Gesundheit auseinanderbricht (bald schon, bald ...), sich in den Vorhöfen dunkler Depressionen herumzuschleichen - nein, das ist auf Dauer kein Leben, auch wenn man natürlich in Betracht ziehen muss, dass jedes Leiden ganz untergründig einen lustvollen Mehrwert abwirft. Aber, nochmals aber: wie soll sich etwas zum Positiven wenden, wenn man nicht selbst positiv ist und / oder etwas Positives beiträgt. Und ist es nicht schon seit langem bekannt, dass die positive (Selbst)Verstärkung im Sinne einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung zu fabelhaften Resultaten führt, sagen wir: führen kann. Das vorm Spiegel schnell hergesagte "Ich bin schön, klug und erfolgreich" ist auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten fast unschlagbar, selbst wenn der gewünschte Effekt nicht, oder nicht sogleich, oder nur in äußerst kleinen Dosen eintreten sollte.

Jedoch hat ein sich so inszenierter selbsterfüllender Zauber es nicht leicht auf und in dieser Welt, steht doch das Positive, das Geglückte, das Schöne und insbesondere das Heile oftmals unter Kitsch-Verdacht, was auch heißt, dass die sich dazu bekennenden Anhänger oftmals nicht als Heroen der Kultur gelten, sondern eher als Menschen gesehen werden, die - wie eine Bekannte formulierte - ein Mallorca-Gehirn ihr eigen nennen können, was man falsch verstehen würde, so man es als Kompliment auffasst. Die individuelle Glückssuggestion stößt an ihre Grenzen, so man nicht davon ausgehen kann, dass die sprießenden Blüten des eigenen Glücks das Mullah-Regime zum Abdanken bringen, Putin veranlasst den Krieg zu beenden, China zu demokratischen Wahlen animiert und das Klima zu einem spontanen CO2-Reduktionswunder. Ganz dialektisch wirkt der Weltenlauf eben - mal mehr, mal weniger - auf das eigene Schicksal durchaus wirkungsmächtig zurück, während umgekehrt der eigene Beitrag zu einer glücklichen Welt nur schwer einzuschätzen ist.

Auf Seiten der Kultur lassen sich daher insgesamt nur wenige Beispiele anführen, die vorbehaltslos für ein positives Denken antreten. Selbst dort wo dies geschieht, ist ein ironischer Unterton selten zu überhören, wie beispielsweise bei jenem 'An einen Pessimisten' gerichtete Heinz Erhardt-Gedicht, das zunächst bei den Lämmern auf der Weide eine Fröhlichkeit vor dem Schlachten konstatiert, um damit zu schließen, dass es auch ziemlich dumm wäre, wollten die Lämmer erst hinterher fröhlich sein. Aber wer will schon als glückliches Lamm oder als glücklicher Idiot anfangen oder enden? Viel näher liegt uns der Shakespeare-Schlachtruf aus dem Munde von Hamlet: "Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram, / Dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!"

Auch Arno Schmidt, der heute Geburtstag hat - oder gehabt hätte - d.h. am 18. Januar 2023 wäre er 108 Jahre alt geworden, Glückwunsch -, ist durchaus skeptisch, was das Glücksversprechen des Lebens angeht. In seiner 1946 entstandenen Erzählung 'Leviathan oder Die beste der Welten' - in der er aus der Sicht eines deutschen Soldaten eine Bahnfahrt im Februar 1945 schildert = Flucht, Chaos, Hunger, Zerstörung, NS-Diktatur, Tod - steht gar die ganze Schöpfung auf dem Prüfstand:

"Diese Welt ist etwas, das besser nicht wäre; wer anders sagt, der lügt!"
Arno Schmidt: Arno: Leviathan oder Die beste der Welten, in: Enthymesis Leviathan Gadir. Bargfelder Ausgabe. 01 I, Romane, Erzählungen, Gedichte, Juvenilia, 1.1. Zürich: Haffmanns, 1987, S 48

Schwerlich wird man bei Arno Schmidt im weiteren Schaffensverlauf eine heile Welt finden. Vielmehr erschließen sich die Dinge durch ihre Ambivalenz, was heißt: ein halbleeres Glas beinhaltet immerhin noch Flüssigkeit. Auf Fauna und Flora gewendet, etwa so:

“Kühe in Halbtrauer, zwischen und verdorrten Sumpf=Birken.”
Arno Schmidt: Kühe in Halbtrauer; in: Ländliche Erzählungen; Bargfeld 1987 (1964); S. 341

Nun gut, beim 'Porst' handelt es sich um ein Heidekrautgewächs, deren Blätter leicht giftig sind, und die 'verdorrten Sumpf=birken' wissen das Gemüt gewiss nicht aufzuheitern. Aber: die Kühe sind nur halbtraurig. Und, so die Vermutung: nur weil die Farbe Weiß nach allgemeiner Konvention nicht umstandslos der Fröhlichkeit zuzuordnen ist, sprechen wir hier nicht von Kühen in Halbfreude. Sonst könnten wir die schwarz-weiß gemusterten Milchkühe auch als ein Zeichen des Glücks lesen, zur Hälfte. Es sind auch die kleinen Dinge im Leben, die zählen. Nicht immer nur schwarzsehen.

18. Januar 2023

Gute Vorsätze

Vieles ist über dieses Jahr gesagt worden. Ein schlimmes Jahr: Corona, Krieg, Energiekrise, Klimawandel, Fluten in Pakistan, Inflation, staatlich beauftragte Morde im Iran, Messerattentat auf Salman Rushdie ... Zuversicht grenzt an Naivität, so man prognostiziert, dass das nächste Jahr bestimmt besser wird. Umgekehrt besteht der Verdacht, dass wir vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft auf dieses Jahr zurückblicken und uns liebevoll an die Endphase der guten, alten Zeit erinnern werden. Das Weltschicksal mischt sich energisch in unsere privaten Angelegenheiten, während wir ohnmächtig dem großen Treiben zusehen. Der berühmte Shakespeare-Satz "Die Zeit ist aus den Fugen", bewahrheitet sich in seiner vollen Wucht, wobei man gerne vergisst, dass er oftmals auch in anderen Büchern zu anderen Zeiten herbeizitiert worden ist. Nicht zu unterschlagen ist die darauffolgende Hamletsche Klage, die da lautet: "Schmach und Gram, Daß ich zur Welt, sie einzurichten kam!" So stehen auch wir vor einer Aufgabe und wissen nicht, an welchem klitzekleinen Ende wir den Problemfaden aufzurollen beginnen sollen.

Aber: neigen sich die Aktivitätszeiten dem Ende entgegen? Haben uns unsere Bewegungsmuster - nach vorne gehen, Wachstum generieren, proaktives Problemlösen - nicht zuverlässig an jenen Rand geführt, dessen Überschreitung keineswegs mehr als Verheißung gesehen werden kann? Das populäre Denken, oftmals unterschätzt und oftmals am Puls der Zeit, hat diese Einsicht schon längst mit einem Witz bedacht: Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter. Zeit das Resilienz-Zeitalter auszurufen? Statt der Welt und den Menschen noch etwas zuzufügen oder hinzuzufügen, gilt nun die Tugend des Ertragens, vorzugsweise den Schmerz oder auch sonstige Unbillen des Lebens. Noch sträubt man sich dagegen, sich als ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank zu sehen, das psychisch, dank Resilienz, dann doch gut aus der Sache herauskommt, nachdem es blökend feststellt, dass es vorerst nur geschoren und noch nicht geschlachtet wurde. Aber vielleicht ist es trotzdem besser, wie es in einem Film nach einem Don DeLillo-Roman heißt, (metaphorisch) auf der Seite der Sterber und nicht der der Töter zu stehen. Und wie immer, wenn es darum geht, sich mit den Implikationen einer kantschen Moral zu konfrontieren, ist der Ausweg kein einfacher.

Was zu lassen ist, sollte unterlassen werden und was zu tun ist, sollte getan werden. Und so bleibt auch dieses Jahr ganz traditionsgemäß zum Jahresende das Shakespeare-Zitat.

“Greift frisch an, oder wir treiben auf den Strand.”
William Shakespeare: Der Sturm; Zürich 1979 (1611 ), S. 22

31. Dezember 2022

Ludwig Klages wäre heute 150 Jahre alt geworden

Am 10. Dezember 2022 wäre Ludwig Klages 150 Jahre alt geworden. Als ich vor einigen Jahren zum erstenmal einen Text von Ludwig Klages gelesen habe, war ich bestürzt, dass schon zu Anfang des letzten Jahrhunderts die Frage der Artenvielfalt und des Artensterbens in solch einer Drastik gestellt worden ist. In einem Beitrag zur Festschrift der Meißner-Tagung der Freideutschen Jugend, betitelt mit "Mensch und Erde" aus dem Jahre 1913, scheibt Klages also:

"Wo aber der Fortschrittsmensch die Herrschaft antrat, deren er sich rühmt, hat er ringsumher Mord gesät und Grauen des Todes. (...) Eber, Steinbock, Fuchs, Marder, Wiesel, Dachs und Otter, Tiere, an deren jedes die Legende uralte Erinnerungen knüpft, sind zusammengeschmolzen, wo nicht schon völlig dahin; Flußmöwe, Seeschwalbe, Kormoran, Taucher, Reiher, Eisvogel, Königsweib., Eule rücksichtsloser Verfolgung, die Robbenbänke der Ost- und Nordsee der Vertilgung preisgegeben."
Klages, Ludwig. Mensch und Erde: 11 Abhandlungen. Stuttgart: Kröner, 1973, S. 3

Mehr als hundert Jahre (!!!) später tagt zur Zeit die Weltnaturkonferenz (CBD COP 15 - Convention on Biological Diversity / Conference of the Parties) in Montréal. Als kleiner Trost mag noch dienen, dass die erste CDB COP-Konferenz immerhin 'schon' 1994 auf den Bahamas stattgefunden hat. Allerdings scheinen die bisherigen Erfolge überschaubar (siehe den Blog-Eintrag Mai 2022: "Von geschätzten fünf bis neun Millionen Tierarten verschwinden jährlich zwischen 11.000 bis 58.000 (https://www.landsiedel-seminare.de/weltretter/artensterben.php)" usw.).

Vermutlich wird an dieser verheerenden Bilanz in Zukunft auch eine Klages-Lektüre wenig ändern, zumal sein metaphysisches Denken, geleitet u.a. von der Unterscheidung zwischen Geist und Seele, wenig Ansatzpunkte bietet, neue Denkungs- und Handlungsarten zu erkunden. Und: kann man Klages von allen antisemtischen Ressentiments freisprechen, auch wenn man, wie Reinhard Falter in seinem Text zum 150. Klages-Geburtstag in der Winter-Ausgabe der Zeitschrift Tumult vorschlägt, den "Judaismus" bei Klages als Chiffre für die erdzerstörende Macht einer monotheistischen Geisteshaltung sehen kann?

Was bleibt: man kann in Klages einen Pionier oder Vorreiter einer grünen Bewegung sehen, der nicht nur an einem funktionalen Umweltschutz interessiert ist, sondern auch nach den tieferen Ursachen der ökologischen Krise fragt, als da sind: blinder Fortschrittsglaube und instrumentelle Vernunft (und ein ideologischer Monotheismus). Diese Ursachenkritik ist heute billig zu haben, weitgehend folgenlos. Aber vielleicht kann es deshalb nicht mehr darum gehen, zu hoffen, dass alles wieder 'gut' wird (wann war es das jemals?), so man nur die richtigen Maßnahmen ergreift. Die (nicht nur ökologischen) Verluste sind 'da', weitere werden kommen, teilweise irreversibel. Vielleicht erinnert uns Klages (nomen est omen; Klages ist auch Begründer der ausdruckswissenschaftlichen Graphologie) an eine andere Hoffnung, nämlich an eine, die aus der Trauer um jenes entsteht, was schon verloren ist (und in gewisser Weise immer schon verloren war) und noch verloren gehen wird: die paradoxe Hoffnung des verzweifelten 'Trotzdem', die der allumfassenden Machbarkeit und der Perfektion, auch der Perfektion der imaginären Weltenrettung, aus Liebe zum Leben und im Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens entsagt hat, um das Leben zu schonen, es sein zu lassen. Im besten Fall: radikal, demütig, das Andere zulassend (und ist die Ökologie als Name für die Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt nicht eine unabsehbare Wissenschaft - jede (Wechsel-)Beziehung geht ihre eigenen ereignisvollen Wege) - und nicht resignativ.

Vielleicht.

10. Dezember 2022

Todestag von Hannah Arendt

Hannah Arendt ist am 4. Dezember 1975 in New York gestorben. In der Ansprache anläßlich der öffentlichen Gedenkfeier der Universität Basel zum Tode von Karl Jaspers am 4. März 1969 sagte sie:

"Es kommt darauf an, dass derer, die diese Sprache hören und verstehen, nicht weniger werden."
Arendt, Hannah, Karl Jaspers, und Hans Saner: Briefwechsel 1926 - 1969. Herausgegeben von Lotte Köhler. München Zürich: Piper, 1993, S. 719

Dies wünscht man sich für Hannah Arendt auch. Vor allem möge das Verstehen sie davor bewahren, dass man ihr Denken akademisiert. In der Einleitung zu der Texsammlung "Menschen in finsteren Zeiten", in der sie einige Literaten, Dichter und Denker porträtiert, von Gotthold Ephraim Lessing über Rosa Luxemburg bis zu Martin Heidegger und Walter Benjamin, schreibt sie über die Motivation, die sie zu diesen Personenskizzen veranlasst hat:

"Die Überzeugung, dass wir selbst dann, wenn die Zeiten am dunkelsten sind, das Recht haben, auf etwas Erhellung zu hoffen, und dass solche Erhellung weniger von Theorien und Begriffen als von jenem unsicheren, flackernden und oft schwachen Licht ausgehen könnte, welche einige Männer und Frauen unter beinahe allen Umständen in ihrem Leben und ihren Werken anzünden und über der ihnen auf der Erde gegebenen Lebenszeit leuchten lassen (...)." 
Arendt, Hannah, und Hannah Arendt. Menschen in finsteren Zeiten. Herausgegeben von Ursula Ludz. 2. Aufl., 4.-5. Tsd. München: Piper, 1989, S. 16. f.

Unzweifelhaft hat Hannah Arendt in ihren Werken Lichter angezündet, man muss sie nur lesen. 

4. Dezember 2022 

Körper

Es ist noch Dunkel, die Sonne wird erst in 2 Stunden aufgehen. Gleich fahre ich ins Krankenhaus, Operation. Wird schon alles gut gehen, sage ich mir. Vor mir auf meinem Schreibtisch steht eine Postkarte, Motiv "Studie zweier Esel" von Johan Christian Dahl. Die beiden Esel sind von vorne zu sehen, schauen jedoch nicht den Betrachter an, sondern gucken gottergeben und etwas mürrisch auf den Boden. Ich mache ein Handy-Foto für den nachoperativen Trost. Mir fällt das Buch "Schornstein" von Jan Faktor ein. Die medizinische Behandlung als Quell für Pein und Galgenhumor:

“Der Anblick meines nach außen plötzlich geöffneten Blutreislaufs und der Fußbodenkorona aus vielen feinen Minitröpfchen verschlug mir die Sprache.”
Jan Faktor: Schornstein, Köln 2006, S. 147

Der ‘Held’ der Geschichte wartet im Behandlungszimmer auf seine Dialyse und auf den Arzt, der ihm die Nadel in die Vene stechen muß. Der Arzt entpuppt sich als völlig unfähig. Nach mehrern Versuchen trifft er schließlich eine Vene, vergißt aber, die Schlauchklemme zu öffnen; Resultat s.o. Die Situation wird mit einer unwiderstehlichen Komik geschildet: Trennung zwischen dem Körper- und dem Sprecher-Ich - wenn etwas auseinanderflällt, was landläufig zueinander finden sollte, stellt sich das Gegenteil von Erhabenheit ein.

24. November 2022

Der russische Weg in die souveräne Destruktivität - Teil 2

Ukrainische Wahl

Freiheit mag für viele nicht nur ein schwieriger, sondern auch ‚süßlicher‘ Begriff sein, der scheinbar mehr verspricht, als er -insbesondere heutzutage – halten kann. Wird Politik nicht von einer oligarchischen Schicht von Berufspolitikern bestimmt, von mächtigen Wirtschaftsinteressen, von Funktionseliten usw.? Aber vielleicht hat man sich zu sehr an einen durch Souveränität verzerrten Freiheitsbegriff gewöhnt, in dem die Grundlagen des Handelns und der Freiheit schon definiert sein müssen, bevor man von Freiheit sprechen will. Daher die immer wiederkehrende Idee der basisdemokratischen Abstimmungen, in der die die Essenz des Individuums in den politischen Prozess unmittelbar einfließen soll (was ungefähr dem Versuch gleichkommt, sich selbst zu therapieren, indem man permanent mit sich selbst spricht). Aber unser Handeln ist (selbst für uns selbst) immer vermittelt, ist medial durchwoben, ist immer auch ein Stück weit unserer Kontrolle entzogen. (Daher ist Freiheit an sich gefährdet, immer kurz davor von einer ‚sicheren‘ Wahrheit verschlungen zu werden. Und in ihrem ‚Sein‘ ist sie, ob dessen was sie sich erhandelt, niemals frei von Irrungen).

Nichtsdestotrotz ist Freiheit mit Handeln verknüpft, was selbst bei einem so einfachen Handlungsakt wie einer Wahl (zu einer Regierung) zum Tragen kommt, sofern es sich um eine freie Wahl handelt und sofern unzählige Handlungsmomente natürlich in den Debatten, Kontroversen und Konflikten vor der Wahl realisiert werden. So weist Thilo Sarrazin in der Zeitschrift Tumult – diese einer unkritischen Ukraine-Position unverdächtig – darauf hin, dass die Sowjetunion 1991 in einem von allen Sowjetrepubliken unterzeichneten Vertragswerk aufgelöst wurde, die Unterzeichner-Staaten vollständig souveräne Subjekte des Völkerrechts wurden und dass in der Ukraine parallel dazu bei einer Volkabstimmung zur Unabhängigkeit 90 Prozent der Abstimmenden, bei einer Wahlbeteiligung von 84 %, für die Unabhängigkeit stimmten (in Luhansk 83 %, in Oblast Donezk 77 % und auf der Krim 54 %). Auch alle nachfolgenden ukrainischen Präsidenten wurden direkt gewählt (siehe Thilo Sarrazin: Bemerkungen zum Ukraine-Krieg, in: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Herbst 2022, S. 8-13).

Das heißt wiederum nicht, dass Korruption in der Ukraine kein wirklich großes Problem ist und dass es auch dort keine oligarchische Strukturen gibt. Und beides droht in ihrer undemokratischen Souveränität den Handlungs- und Gesetzesraum zu unterwandern. Nichtdestotrotz hat sich in der Ukraine ein Handlungs- und Freiheitsraum entfaltet, der neue Möglichkeiten geschaffen und neu Perspektiven eröffnen konnte. So sorgte zum Beispiel der jetzige Präsident Wolodymyr Selenskyj nach seinem Amtsantritt dafür, dass mit Hilfe des Parlamentes ein Lobbygesetz verabschiedet wurde, das den Einfluss der Oligarchen offenlegte und etwas beschnitt (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolodymyr_Selenskyj ). 

Wo ein freiheitlicher Handlungsraum mit dem Gesetzesraum und mit den Gesetzen zusammenspielt, mithin eine demokratisch politische Nation entstanden ist, sind die Ermächtigungstendenzen jedweder Souveränität zurückgedrängt worden. Dies betrifft sowohl die Exekutive als auch alle Instanzen, die ihre Ansprüche auf die politische Macht durch eine geschichtliche, göttliche oder auch wissenschaftliche Wahrheit geltend machen wollen. Sicherlich kann auch ein (religiöser, autokratischer, oder diktatorischer) Staat durch einen Gesetzesrahmen, der nicht demokratisch legitimiert ist, die Willkür einhegen. So mag zum Beispiel die Scharia der Anarchie einen Riegel vorschieben, indem sie gleichermaßen die "vertikalen" wie "horizontalen" Beziehungen jedes Menschen regelt. Es gibt Vorgaben dafür, wie sich die Menschen in der Gesellschaft und in der Familie zu verhalten haben (Straf- und Eherecht). Darüber hinaus wird auch die Gottesverehrung reglementiert, so dass alle Lebensbereiche in Bahnen verlaufen müssen, die der individuellen Spontanität ebenso wie einer übergeordneten Willkür entzogen sind, was die religiös legitimierte Souveränität nicht daran hindert, mit aller Härte gegen jene vorzugehen, die sich dieser ‚Anordnung‘ aus welchen Gründen auch immer wiedersetzen (Unter demokratischen Gesichtspunkten hat das Gesetz natürlich etwas verbindliches, kann aber keine überzeitliche Wahrheit für sich beanspruchen. Insofern ist es interessant, dass im Judentum die ‚Heiligkeit des Textes und der Gesetze‘ dadurch relativiert wird, dass man sie interpretieren muss. D.h., Gottes Wort wirkt hier nicht unmittelbar und es gibt auch keine Instanz, die eine wahre Interpretation für sich exklusiv beanspruchen könnte. Auch vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass die Ukraine mit Wolodymyr Selenskyj nicht nur einen Präsidenten hat, der ein Jurastudium abgeschlossen, der als Schauspieler, Moderator, Drehbuchautor und Produzent mit dem Bereich der ‚Erscheinungen‘ zu tun hat, im Unterschied zu der Sphäre der Essenzen und Wahrheiten, und der schließlich eine jüdische Herkunft hat). 

Die russische Wahrheit

Es bedarf keiner großen analytischen Anstrengung, um festzustellen, dass das Russland unter Putin weder freiheitlich noch rechtsstaatlich verfasst ist. Wer politisch kein opportunes Verhalten an den Tag legt, dem wird ein Prozess gemacht, der diesen Namen nicht verdient. Karl Schlögel spricht davon, dass im dritten Imperium von Putin, das auf das Russische und Sowjetische folgt, ein Totalitarismus neuen Typs entstanden sei, welcher auf Mythen, Zensur und Hassrede aufbaut. Es verbinden sich Ideen der nationalen Größe und einer geschichtlichen Mission, die zur ideologischen Stabilisierung der Verhältnisse beitragen, mit jenen Praktiken der Willkür, die all jenes – oft gewaltsam – beseitigen, was dieser Idee, oder besser, dem ideologisch unterfütterten Machterhalt im Wege steht. An anderer Stelle und mit Bezug auf den stalinistischen Terror der 30er Jahre und auf die analytischen Möglichkeiten der Literatur hinweisend, hier von Michail Bulgakow ‚Der Meister und Margarita‘, schreibt Schlögel:

"Der 'magische Realismus' Bulgakows öffnet den Raum für Beschreibungsmöglichkeiten, die den Geschichtswissenschaften weitgehend verwehrt sind: eine Geschichte der Verwirrung und Auflösung alles Festen, ein Raum des Phantastischen, das keineswegs irreal oder surreal ist - des Realphantastischen."
Schlögel, Karl. Terror und Traum: Moskau 1937. München: Hanser, 2008, S. 35 

Der stalinistische Terror, der Millionen von unschuldigen Menschen das Leben kostete und der selbst die innersten Machtzirkel der Partei permanent durchpflügte, von den Moskauer Prozessen (1936 – 1938) bis hin zu den ‚Aufräumarbeiten‘ im Politbüro während des Weltkriegs und danach, verdeutlicht sehr anschaulich, was passiert, wenn eine ideologische Wahrheit ungebremst und ungehindert von Regeln und Gesetzen sich ins Werk setzen will. Der dafür benutzte Begriff der ‚Bewegung‘ deutet an, dass hier nicht nur eine Dynamik am Werk ist, die jeden ‚Rückschlag‘ mit einer weiteren Beschleunigung beantwortet, sondern dass alle haltenden und gesetzten Momente schlicht überflüssig (gemacht) werden. Schon in der Oktoberrevolution von 1917 wurde von der jungen revolutionären Szene all jene Tugenden und Praktiken aussortiert, die dem revolutionären Furor entgegenstanden, als da wären: Bildung, Kultur, Recht und Rechtsstaatlichkeit, wobei auch im vorrevolutionären Russland die Beschäftigung mit Rechtsfragen und Rechtsräumen nicht ausgeprägt war (siehe auch: Karl Schlögel (Hrsg.): Wegzeichen: zur Krise der russischen Intelligenz ; Frankfurt am Main: Eichborn, 1990).

In diesem Sinn steht Putin auf dem festen Grund einer unguten Tradition, die er mit Modifikationen und Mischungen neuer und alter ideologischer Versatzstücke fortschreibt. Sicherlich muss man sich abgewöhnen, im ‚Realphantastischen‘ den Zauber einer anderen, schöneren und aufregenderen Wirklichkeit mitzuhören, um den Begriff sinnvoll zu verwenden. Aber trifft er – bereinigt um seinen märchenhaften Zauber - nicht sehr genau unsere Wirklichkeitswahrnehmung im Jahre 2022, wo in Europa wieder Krieg geführt wird, wo Sirenen in ukrainischen Großstädten, die vor nicht allzu langer Zeit als spannendes Touristenziel galten, vor Luftangriffen warnen, wo Zivilisten durch russische Soldaten erschossen und verscharrt werden. Und – um eines unserer hauseigenen realphantastischen Momente zu benennen -, wo wir uns Sorgen darum machen, ob nicht auch wir im kommenden Winter frieren werden. Wenn es also so ist, dass die russische Geschichte politisch gesehen von einer monadischen Souveränität durchsetzt ist, in der das Zusammenspiel von Handeln und Gesetz / Recht keinen Raum entfalten konnte und kann, worüber soll man dann in einem Krieg, indem es um diese Fragen, Fragen der Freiheit, der Selbstbestimmung, der Rechtsordnung geht, verhandeln?

Noch mehr Realphantastisches

Hätte der Westen all dies verhindern können? Der Verzicht auf eine Nato-Ost-Erweiterung hätte die Lage wahrscheinlich nicht verbessert, vielleicht bestimmte Konflikte schon frühzeitiger forciert. Die Ursache des Krieges und die Verantwortung für den Krieg liegen allein in Russland. Aber vielleicht gab es im ‚Westen‘ nach 1989 auch realphantastischen Momente, insofern der proklamierte Siegeszug des Liberalismus dazu führte, dass man wirtschaftspolitische Beschränkungen und Eingrenzungen als Relikte einer alten Zeit betrachtete. Auch hier wurde etwas in Bewegung gesetzt, eine Dynamik entfaltet, die zwar immer noch durch einen gesetzlichen Rahmen begrenzt wurde, aber zu fantastischen ökonomischen Volten führte, von denen die Finanzkrise im Jahre 2008 vielleicht das deutlichste Zeichen war. Welche Gefahren zum Beispiel von den neuen digitalen Plattformökonomien, die aufs engste mit der Finanzökonomie verwoben sind, ausgehen, kann noch gar nicht ermessen werden. Die von Joseph Vogl hierzu im Jahre 2021 vorgelegte Studie konnte mit ihrer von Pessimismus gefärbten Schlusssentenz nicht ahnen, wie komisch-tragisch die Wirklichkeit sich ganz anders verwirklichen würde, als gedacht:

„Auch wenn es keine Enden und keine pure Ausweglosigkeiten in der Geschichte gibt, muss man wohl konzedieren, dass die Feindseligkeit aller gegen alle nicht nur zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell, sondern zu einem überaus zukunftsfähigen Gemeinschaftsgefühl geworden ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es das Ferment einer neuen Vorkriegszeit liefern wird.“
Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment: eine kurze Theorie der Gegenwart. München: C.H. Beck, 2021, S. 182

Dass ein politischer Freiheitsraum nicht umstandslos mit einem entgrenzten Wirtschaftsraum kompatibel ist, spürten insbesondere jene osteuropäischen Länder schon zu jenem Zeitpunkt, als sie ihre Freiheit erstritten, so Polen, oder machtvoll ergriffen haben. Etwas von dieser schmerzhaften Konflikthaftigkeit und von den damit verbundenen Effekten ist selbst noch in jener Propagandarede zu hören, die Putin am 30.09.2022 gehalten hat:

„Als die Sowjetunion zusammenbrach, beschloss der Westen, dass die Welt und wir und alle sich dauerhaft seinem Diktat unterwerfen sollten. 1991 dachte der Westen, Russland würde sich nach solchen Erschütterungen nie wieder erheben und von selbst in sich zusammenfallen. Das wäre auch fast passiert. Wir erinnern uns an die furchtbaren 1990er Jahre, an Hunger, Kälte und Hoffnungslosigkeit. Aber Russland blieb aufrecht, wurde lebendig, wurde stärker und nahm seinen rechtmässigen Platz in der Welt ein.“

Wladimir Putin (https://weltwoche.ch/daily/der-westen-behauptet-seit-jahrhunderten-dass-er-anderen-nationen-freiheit-und-demokratie-bringt-nichts-koennte-weiter-von-der-wahrheit-entfernt-sein-rede-von-putin-in-moskau)

Das kann weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung für den von Putin entfesselten Krieg sein. Doch sollte es uns an jene Realphantasmen erinnern, mit denen wir meinen, die Welt unbegrenzt in Bewegung setzen zu können.

31. Oktober 2022