Als junger Mensch, ich war vielleicht neunzehn oder zwanzig, die Szene spielt also in den 8oer Jahren, kann ich mich an einen Besuch bei einem Freund erinnern, ich würde sagen: damals mein bester oder besser, mein interessantester Freund, der mir ein Buch zeigte, das er kürzliche gekauft hatte: Jean Baudrillard, Titel „Der symbolische Tausch und der Tod.“ Das Buch hatte einen grauen Einband, kein Hardcover, der wiederum aus gröberen, d.h. ungestrichenen festeren Papier bestand. Es hatte etwas Raues, Direktes, Ursprüngliches. Ich habe noch ein kleines Rimbaud-Buch, Seiten-Sprünge von 1986, ebenfalls bei Matthes & Seitz verlegt, das die gleiche Einband-Qualität aufweist.
(Nebenbei: darin die berühmten Worte „ES DENKT MICH. (…) ICH ist ein ANDERER.“
Arthur Rimbaud: Seiten-Sprünge. Debatte 26. München: Matthes & Seitz, 1986.S. 24
In diesem Zusammenhang, der sich noch gar nicht hergestellt hat, auch schön:
„Kapitalisten Könige Parlamente: Krepiert!
Gewalt, Gesetz Geschichte: Kratzt ab!
Das steht uns zu: Blut! Blut!
Die Flamme des Goldes!“
Ebda, S. 73 – Ja, die Jugend!)
Vielleicht irre ich auch, was den Einband angeht. Der Titel sollte jedoch über die Jahre fest im Gedächtnis verankert bleiben, obwohl ich damals gar nicht wußte, was in dem Buch verhandelt wird. Ich habe es erst viele Jahre später gelesen. Aber der Titel „Der symbolische Tausch und der Tod.“ war eine poetische Chiffre, eine noch ausstehende Verheißung für ein umfassendes, wenn auch esoterisches Seinsverständnis (Die französische Originalausgabe von 1976 heißt übrigens"L'échange symbolique et la mort"). Ich bin heute der Meinung, dass Baudrillard mit vielen seiner theoretischen und politischen Ausführungen neben der Spur liegt. Aber wie mir scheint, hat ein zentrales Motiv seines Denkens, das in dem besagten Titel auch schon angelegt ist, weiterhin Gültigkeit. Nämlich die Abkehr von einem linken ökonomischen Determinismus (1976!) hin zu einem Denken, das - nennen wir es hier der Einfachheit halber - das ‚undenkbare Andere‘ zum Anstoß für ein ‚anderes Sein‘ nimmt.
“Und die Naivität des (liberalen oder revolutionären) humanistischen Denkens liegt darin, nicht zu sehen, dass seine Ablehnung des Todes im Grunde die gleiche wie die des Systems ist: die Ablehnung von etwas, was dem Wertgesetz entgeht.”
Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod; Berlin 2005 (1976), S. 273
Daher bleibt umgekehrt auf symbolischer Ebene der Tausch, auch wenn er reale Dinge - wie zum Beispiel beim Schenken - mitumfasst, immer ein ‚paradoxer‘ Tausch, weil man keine Werte austauscht, die nach einem Wertesystem in Beziehung gesetzt werden können, sondern im Grunde genommen etwas teilt, das niemand besitzt und für das es keinen Maßstab gibt, den man sich aneignen könnte. Vielleicht könnte man sagen: Der symbolische Tausch ist eine Teilung von etwas, das es nicht ‚gibt‘, uns aber (oder deshalb) affiziert. Das hat etwas – im freudschen Sinne – Unheimliches, ganz im Gegensatz zur Kommunikation, in der wiederum versucht wird, das Wertgesetz auf symbolischer Ebene einzuführen, indem die ‚Information‘ zur Wert-Einheit wird, die bruchlos vom Sender zum Empfänger und wieder zurück transferiert werden kann (In gleicher Weise tauschen / schenken wir heute keine Dinge mehr, sondern begleichen Außenstände, die immer im richtigen Verhältnis zueinander stehen müssen; aber so einfach ist das auch nicht).
In diesem Sinn kommt man dem Tod (und dem Sein) immer dort näher, wo der Tausch, das Geschäft, die Transaktion nicht aufgeht. Daraus lassen sich zahlreiche Schlussfolgerungen ziehen, zum Beispiel - sehr witzig - , dass der Kunstmarkt der Tod der Kunst ist. An den Rändern des Lebens spielt das Leben mit den größten Einsätzen. Deshalb sind Drogen und ihr Konsum ein äußerst sensibles Thema, weil man mit ihnen in die Tektonik ganzer Gesellschaften eingreift (das Handels- und Konsumverbot, das für zahlreiche Drogen gilt, führt – unschwer ist diese Wendung zu erahnen - zur Wiederkehr des Verdrängten, dergestalt, dass Drogenanbau und die Distribution eine äußerst große Schattenökonomie bilden, die durch umfassende Gewalt sich auszeichnet. Und vielleicht ist auch hier die Gewalt ein Zeichen dafür, dass es keine ‚reine‘ Ökonomie geben kann). Im Eskapismus, in der Bewusstseinserweiterung und im körperlichen, geistigen oder finanziellen Ruin teilen uns Drogen mit, dass es keine normale Lebensökonomie gibt.
"Jeder Drogenkonsum beruht auf einem Gegengeschäft. Wer sich darauf einlässt, der bietet eine selbstverständliche Funktion seines Körpers - vorausgesetzt alles dort befindet sich in einem guten Zustand -, um eine außergewöhnliche Fähigkeit einzutauschen. Ein gutes Hautbild beispielsweise kann zum Tauschobjekt werden, eine unproblematische Leberfunktion, ein zuverlässiges Gedächtnis. Möglicherweise auch Lebenszeit. Unter Umständen das Leben selbst."
Alexander Wendt: Kristall: eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts. Tropen Sachbuch. Stuttgart: Tropen, 2019. S. 9
Das Gegengeschäft, das wir mit den Drogen eingehen, geht oftmals nicht auf. Wir bekommen immer mehr oder immer weniger von dem, was wir wollen, that’s life. Dennoch: das Drogenproblem der Moderne besteht nicht aus den Drogen – Wie Alexander Wendt anmerkt, stammen fast alle Drogen der Moderne aus der Schweiz oder Deutschland, weil: „Nirgends stand zwischen 1860 und 1930 die Wissenschaft der Chemie höher.“ Ebda, S: 65 -, sondern darin – so könnte eine These lauten –, dass wir mit den Drogen den Tod (und das Leben) nicht teilen, sondern uns durch die Drogen oftmals arbeits- und freizeittechnisch optimieren wollen: die Inwerksetzung eines ökonomisch grundierten Exzesses: drogeninduzierte Todesverdrängung.
Der Stoff, aus dem einige bemerkenswerte Science Fiction-Romane sind, handelt von Drogen, die so perfekt sein sollen, dass der Tod (als schlechtes Hautbild, schlechtes Gedächtnis, schlechte Leberfunktion) nicht wiederkommt. Klassiker wie "Schöne neue Welt" (1932) von Aldous Huxley oder "Der futurologische Kongreß" (1971) von Stanisław Lem, um nur zwei berühmte Bücher zu nennen, sind hier einschlägig. In gewisser Weise handelt auch Christoph Höhtkers Roman „Schlachthof und Ordnung“ von einer solchen Droge. Ihr Name lautet Marazepam und sie wird im Roman als Marom R. durch den Pharmakonzern Winston Pharma and Medical Care Deutschland Ltd. vertrieben. Die Wirkung ist so erstaunlich, dass die Konsumenten sogar Dankesbriefe an den Konzern schreiben:
"Marom R hat mich abgedichtet, meinen Kopf uneinnehmbar gemacht. Ich bin friedlich und frei, und ich habe Lust, Dinge zu tun. Ich bin aktiv und abends aber schlafe ich wie ein Stein. (...) Es ist, als hätte Marom in mir eine wärmende, unauslöschliche Flamme entzündet; manchmal glaube ich sogar, Marom selber ist diese Flamme."
Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung: Roman. Zürich: weissbooks.w, 2020. S. 52 f.
Hört sich gut an, auch wenn sich herausstellt, dass der – eigentlich nicht notwendige (sic) – Entzug sich schwierig gestaltet. Die Droge scheint den Tod abzuweisen, ihn fast zum Verschwinden zu bringen. Doch dieser kehrt an anderer Stelle wieder: es gibt Schusswechsel, Familiendramen, Tote.
Auch einer der Protagonisten des Buches, Patrick Esnèr, hat zum Tod eine innige Beziehung. Er arbeitet für einen französischen Schlachtkonzern als Pressesprecher. Nach außen verkauft er das Produkt, das geschlachtete Tier, und den Prozess des Schlachtens professionell und weist auf die Fortschritte für das Tierwohls hin. Nach der Arbeit lässt er seinen Lebensfrust in sadistischer Weise an den Schweinen aus, indem er ihnen vor der Schlachtung die Nasen abschneidet. Zudem ist er unzufriedenes Mitglied in der sozialistischen Partei und möchte perspektivisch als Manager bei dem schon erwähnten Marazepam-Pharmakonzern einsteigen. Folgende Stelle ist gleich auf den Anfangsseiten des Buches zu finden, auch wenn sie für den weiteren Verlauf der Handlung nicht besonders wichtig ist (aber wer weiß das schon):
"Patrick Esnèr hatte es eilig. Mit langen Schritten eilte der Dreiundvierzigjährige über den windigen Firmenparkplatz, ließ bereits aus zwanzig Metern Entfernung per Fernbedienung die Türschlösser aufspringen und warf sich kurz darauf mit einem energischen Schwung in den mattschwarzen, schon etwas angejahrten, jedoch weiterhin relativ zuverlässigen und zeitgemäßen sowie relativ bis völlig unerheblichen Citroen DXC E-Wavecross."
Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung: Roman. Zürich: weissbooks.w, 2020.S. 24
Die Erwähnung eines Automobils, zumal eines bestimmten Automobils, ist in einem Roman natürlich überterminiert, könnte man vermuten (ich kann mich an Paul Auster-Romane erinnern, wo der ‚Held‘ zum Beispiel einen Saab fährt; oder der Nachwende-Roman von Lutz Seiler “Stern 111“, wo ein „Schiguli“ eine wichtige Rolle spielt usw.). Ein Automobil verkörpert schon durch seinen Wortsinn - übersetzt ‚Selbstbeweger‘ - ein Fortschritts- und meist auch ein Freiheitsmonent; man denke an die vielen Roadmovies. Obwohl in dem Höhtker-Roman Autos durchaus eine Rolle spielen, wird im obigen Zitat explizit auf die völlige Unerheblichkeit des Automobils der Marke Citroen hingewiesen. Die Attribute zuverlässig und zeitgemäß lassen den Puls nicht höherschlagen. Wenn man den zwei Jahre später erschienen neuesten Roman von Michel Houellebecq liest, der im Wahljahr 2027 spielt, könnte man fast meinen, dass hier eine Antwort auf die von Höhtker ausgerufene Mediokratisierung der französischen Automarke gegeben wird.
"Größtenteils vom Staat refinanziert, der damit de facto die nahezu vollständige Kontrolle übernommen hatte, hatte sich der Automobilkonzern darangemacht, die Luxusklasse zurückzuerobern, und sich dabei auf eine einzige seiner Marken konzentriert: Citroen."
Michel Houellebecq: Vernichten. Köln: DuMont, 2022. S. 36
„Vernichten“ ist ein für Houellebecqsche Verhältnisse sehr melancholischer Roman, in der schließlich sogar die zwischenzeitlich sehr brüchige Ehe des Hauptakteurs zu einer guten Form findet, die Eheleute also wieder zueinander finden, auch wenn der Tod des Mannes dieser Wiedervereinigung ein zu frühes Ende setzt. Wie überhaupt der Roman, auch wenn er nicht zu den Besten im Houellebecqschen Oeuvre gehört, nicht nur den Respekt für das Alter und die damit einhergehenden meist unangenehmen Metamorphosen anmahnt, sondern auch die Spiritualität und die Transzendenzbemühungen als ernsthafte Lebensoptionen aufgreift.
Und ist nicht auch die Fiktion des Aufstiegs von Citroen als die weltweit führenden Auto-Luxusmarke in mehrfacher Hinsicht eine Wiederauferstehung, wo doch Citroen in der realen Welt inzwischen in den niederländischen Stellantis-Konzern eingegliedert wurde, zu dem u.a. auch Chrysler, Dodge, Fiat und Opel gehören. Vielleicht berührt mich dieser Roman-Hinweis auch nur deshalb, weil ich selbst einen gebrauchten Citroën C5 Tourer fahre, der sich dadurch auszeichnet, dass es die letzte Citroen-Baureihe ist, die noch hydropneumatisch gefedert wird. Die Druckspeicher für die Federung / Dämpfung sehen dabei aus, wie gestauchte kleine Wok-Töpfe mit einem Deckel, denen man am Boden noch einen kleinen Standzylinder verpasst hat. Wenn man die Motorhaube öffnet, scheint es fast so, als wären sie die Torwächter zur Fahrgastzelle.
Noch eine letzte Wendung, bevor der Text, der sich bis hierhin fast automatisch entwickelt und bewegt hat, zu Ende geht. Mit einer pneumatischen Federung fährt es sich natürlich bequem (Vielleicht auch daher der Werbe-Slogan „Nichts bewegt Sie wie ein Citroen“, der allerdings noch eine andere Bedeutung bekommt, wenn man die Werkstattrechnungen begleichen muss. Auch interessant ist der fast schon existentialistische Slogan aus den 50er Jahren: „Du vin, du pain, du Citroën.“). Aber das Pneuma hat natürlich auch eine lange philosophische und theologische Geschichte. Es ist nicht nur der (Heilige) Geist, der sanft Geist, sondern auch der entflammende Geist, der wiederum das Zerstörerische und das Böse in sich zu bergen vermag (zu Geist, pneuma, spiritus und ruah siehe auch: Jacques Derrida: Vom Geist: Heidegger und die Frage. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.). Die beiden herbeizitierten Bücher, auch wenn das Auto dort als belangloses Gebrauchs- oder Luxusgut eingeführt wird, heißen schließlich „Schlachthof und Ordnung“ und „Vernichten“. Literatur ist immer auch Pneumologie und diese wiederum ist niemals harmlos. Genauso wenig wie der Tausch und der Tod – und so soll es sein.
28. Juli 2022
Ach, wie schön könnte das Leben sein, wenn die Welt doch schöner wäre. Die Welt hat durchaus schöne Seite, wer könnte dies bestreiten. Und manchmal kann man sich die Welt auch schön denken, oder sie sich schön sehen und hören. Vielleicht muss man sie sich manchmal auch schön trinken. Doch in grossen Krisenzeiten helfen diese Ideen nicht wirklich; das mit dem Trinken vielleicht ein bißchen. Von heute aus betrachtet kommen mir die letzten 20-30 Jahre wie eine grosse Atempause vor, die sich nun ihrem Ende zuneigt. Die Geschichte fängt wieder an, mit aller Macht wild um sich zu schlagen. Dies wirkt umso eigenartiger, als dass auch zuvor, in der 2-WK-Nachkriegsordnung, die Zeit an vielen Stellen still zu stehen schien. Mit den Atomwaffen wurden nicht nur das gegnerische System abgeschreckt, sondern ein wenig auch der Zeitenfluss, so könnte man meinen (Ein Politologe titelte nach '89 furchtsam ereignis-ahnend, aber folgerichtig: "Der Tunnel am Ende des Lichts"). Eine Illusion, denn genug passiert ist nach '45 allemal. Der Schrecken hat viele Gesichter und beizukommen ist ihm scheinbar nicht.
Auch wenn der Schrecken ubiquitär sein sollte und sich sehr oft das Leid hinzugesellt, man also schreckenstechnisch nur selten mit dem Schrecken davon kommt, sind die Schauplätze des Schreckens zeitlich und räumlich durchaus zu verorten. Sie bringen oftmals ihre eigene leidvolle Färbung mit sich, was insofern einen kleinen Trost zu spenden vermag, als dass sie das Erinnern ermöglichen. Und vor dem Schrecken ist manchmal die Ahnung, in der sich Zukünftiges in der Gegenwart ankündigt. Eine sich bewahrheitende Ahnung bringt mehr Kausalität mit sich, als ihr zusteht. 'Es hätte auch ganz anders kommen können', hat dann eine sehr blasse Färbung. Trotzdem frappiert es ungemein, wenn Sätze aus der Vergangenheit herüberwehen, die für die Gegenwart geschrieben sein könnten, wie zum Beispiel in Erich Kästners Faber von 1931:
"Und jetzt sitzen wir wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir nicht, was geschehen wird. Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende."
Erich Kästner: Fabian: die Geschichte eines Moralisten. 5. Auflage 2020. Zürich: Atrium Verlag, 2020; S. 68
Wir sitzen wieder und wieder im gleichen Wartesaal, das wirklich provisorische Leben kündigt sich an, aber die Geschichte wird bestimmt einen anderen Ausgang nehmen, so wie sie es immer tut, wenn die Zeit sich durch sie bewegt. Allein, als eine Verheißung taugt dieser Gedanke wenig.
30. Juni 2022
Ganz sicher gibt es unzählige Themengebiete, die in Frage kommen, wenn man mal über etwas wirklich Deprimierendes schreiben möchte. Unser Verhältnis zu den Tieren gehört auf jeden Fall dazu, wenn auch nicht vollumfänglich. Das Tier ist auch unser Freund, unser Begleiter, unser Beschützer, also vielfach ein Glücks- und Sicherheitsspender - aber natürlich auch eine Nahrungsquelle, die im Zuge der Industrialisierung der Lebensmittelerzeugung nicht nur erbarmungslos ausgebeutet, sondern selbst vollständig der industriellen Herstellung unterworfen wird. Wir alle wissen, dass diese Produktionsweise äußerst selten mit dem Tierwohl in Übereinstimmung zu bringen ist. Zunächst ist schon die reine Masse der getöteten Tiere verstörend, wenn man kurz darüber nachdenkt.
So wurden in Deutschland zum Beispiel im Jahre 2020 53 Millionen Schweine geschlachtet (siehe u.a. : https://www.landwirtschaft.de/landwirtschaftliche-produkte/wie-werden-unsere-lebensmittel-erzeugt/tierische-produkte/schweinefleisch/). Mathematisch gesehen wurden in jeder Sekunde 1,68 Schweinen das Leben ausgehaucht, so diese pneumatische Metapher in vielen Fällen auch nur den Hauch einer Chance hätte, mit der Realität zu korrespondieren. Während das postmortale verkaufsgerechte Zerstückeln der Tiere schmerzfrei abläuft, ist der vorhergehende Tötungsakt nicht immer empfindungsfrei beziehungsweise lebensfern.
In der ausgezeichneten Reihe 'Naturkunden', in denen in kleinen, wundervoll aufgemachten, bebilderten und fadengehefteten Büchern Tiere und Pflanze porträtiert werden, stellt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho in seinem Schweine-Essay nüchtern fest:
"Immer wieder geraten etwa Schweine lebend und bei Bewußtsein in die Brühanlagen, 2013 erlitten nach Presseberichten eine halbe Million Schweine diese Tortur." 117
Thomas H. Macho: Schweine: ein Portrait. Naturkunden, No 17. Berlin: MSB, Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH, 2015, S 117
In unserer Kultur ist Tod und Leiden ein beliebtes Thema der Verdrängung, so dass man den Tieren zu Ehren sagen könnte, dass auch sie in diesen Vorgang integral mit eingebunden sind. In den meisten Fällen, in denen fleischverzehrende Menschen aufrichtig über die unhaltbaren Zustände der industriellen Tierhaltung reden, kann man nicht einmal von kognitiver Dissonanz ausgehen, da in Bezug auf tierische Nahrung Denken und Handeln so schön und komplett auseinanderfallen, wie das Fleisch vom Knochen, nachdem das Tier gekocht wurde (Zu diesem Themenkomplex gibt es einige Bücher. Zum Beispiel: Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Frankfurt am Main: Fischer, 2019.)
Generell ist es kein Geheimnis, dass unsere Lebensweise, insbesondere die der Industriestaaten, auch wenn sie sich Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften nennen, den anderen Lebewesen (und natürlich auch der Flora) nicht gut tut. Nach kurzer Suche weiß man folgendes:
- Von geschätzten fünf bis neun Millionen Tierarten verschwinden jährlich zwischen 11.000 bis 58.000 (https://www.landsiedel-seminare.de/weltretter/artensterben.php).
- Täglich werden ca. 150 wildlebende Tier- und Pflanzenarten von der Erde eliminiert (https://www.aktiontier.org/artikel/artenvielfalt-und-artensterben).
- Dazu sind ein Viertel der Säugetierarten, jede achte Vogelart, mehr als 30 Prozent der Haie und Rochen sowie 40 Prozent der Amphibienarten bedroht, vermeldet der WWF (https://www.wwf.de/themen-projekte/artensterben).
Der Mensch zerstört seine eigenen Lebensgrundlagen, heißt es dann. Oder: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Auch wenn das Unbehagen an der eigenen Dummheit meines Erachtens nicht ausreichend sein wird, um ein wirkliches Umdenken zu befördern, ist es doch ein Anfang. In diesem Sinne kann man vielleicht folgende Geschichte lesen, die in einem weiteren Naturkunden-Buch, diesmal von Lothar Franz über Nashörner, wiedergegeben wird:
"So waren auch bald die Rhinozerosse aus vielen Teilen ihres angestammten Nashornlandes verschwunden: Ein einziger Jäger, John Alexander Hunter, schoss mehr als 1600 von ihnen, allein zwischen August 1944 und November 1946 erlegte er 996 Rhinozerosse - im Auftrag der kenianischen Regierung, die das Kamba-Land urbar zu machen wünschte. Später stellte sich heraus, dass Nutzpflanzen hier gar nicht gediehen - die Ausrottung der Rhinozerosse also überflüssig war."
Lothar Frenz: Nashörner: ein Portrait. Naturkunden, No. 36. Berlin: MSB Matthes & Seitz, 2017, S. 69
31. Mai 2022
"Ja, Gewalt ist der Motor der Geschichte, das ist nichts Neues, das gilt für unsere Zeit ebenso wie für Hegels Zeit. Trotzdem frage ich mich, was sie bewirken soll."
Michel Houellebecq: Vernichten. Köln: DuMont, 2022, S. 475
Wahrscheinlich ist es eine sehr moderne Vorstellung, dass die menschliche Geschichte eine Art Gefährt ist, dass sich nach vorne bewegt. Und dass diese Geschichte von einem Automatismus angetrieben wird, der sich wiederum durch rohe Energie speist. Im nachhegelschen Zeitalter wissen wir jedoch nicht mehr, wohin wir fahren. Vielleicht wird dieser Zustand solange andauern, bis wir bereit sind zu akzeptieren, dass wir nicht mehr angetrieben werden müssen, dass wir Energie nicht in Bewegung umsetzen müssen, dass unsere Geschichte keine Richtung hat - denn ist Gewalt nicht der unbedingte Richtungswille -, was nicht heißt, dass Geschichte sinnlos wäre, ganz im Gegenteil.
30. April 2022
Nicht zufällig ist vieles im Leben zufällig. Ob Assoziationsketten auch dazu gehören? Ich erinnerte mich, dass es ein Paul Auster-Buch gibt, das den Zufall im Namen trägt und in dem ich einige Stellen markiert hatte. Und natürlich spielt der Zufall in diesem Buch eine Rolle, so auch bei dem Protagonisten der Geschichte:
"Einige Wochen las er fast nichts. Dann nahm er eines Abends Ende November ein Buch von William Faulkner in die Hand (Schall und Wahn), schlug es irgendwo auf und stieß mitten in einem Satz auf folgende Worte: <<... bis er eines Tages im tiefsten Überdruss alles auf eine Karte setzt ...>>."
Paul Auster: Die Musik des Zufalls: Roman. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992, S. 237
Daraufhin habe ich auch das Faulkner-Buch aufgeschlagen, es gibt in ihm keine Markierungen, um Folgendes zu lesen:
"Die Schatten auf der Straße waren so reglos, als wären sie mit einer Schablone aufgezeichnet, mit den schrägen Stiften der Sonne."
William Faulkner: Schall und Wahn: Roman ; mit einer Genealogie der Familie Compson. Diogenes-Taschenbuch. Zürich, 2008, S. 123
Kann man gleich eine schöne Metaphernwelt aufmachen: Wir alle sind Schatten – oder mehr platonisch: das, was wir als wirkliche Welt wahrnehmen, sind nur die Schatten der Dinge (und hatte ich nicht letztens einen aufschlussreichen Text gelesen – von wem nur? –, in dem es um die verdrehte Rezeption dieser Schatttengeschichte ging? Vielleicht finde ich ihn zufällig wieder).
Wir alle leben in Zufälligkeiten. Zufälligkeiten der Vergangenheiten, der Gegenwart und der Zukunft. Unsere Herkunft ist kein Resultat einer Abstimmung, unsere Zukunft größtenteils ungewiss und die Gegenwart ereignet sich in eigenartigen Windungen. Es bedarf schon großer metaphysischer Anstrengungen und / oder großer verschwörungstheoretischer Windungen, aber konvertiert nicht beides, um diesen Zufall negieren zu können. Ein Beispiel:
"Die Beobachtung der Welt zwingt uns, von einem Kosmos zu sprechen und jegliche Zufälligkeit auszuschließen. (...) Wenn der Kosmos aber eine geordnete Einheit darstellt, dann muss auch überall die gleiche Gesetzmäßigkeit herrschen, im Großen wie im Kleinen, wie oben, so unten."
Thorwald Dethlefsen:Schicksal als Chance: das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen. München: Goldmann, 2006, S. 34
Sollte es keinen Zufall geben, so hat das Schicksal entschieden, mich nicht an dieser Erkenntnis teilhaben zu lassen – also in aller Notwendigkeit. Aber vielleicht hat das Schicksal mir auch damit eine Chance gegeben. Was also bedeutet der Zufall? Robert Anton Wilson schlägt zur Erforschung des Denkens das folgende Experiment vor:
"1. Denken Sie so intensiv wie möglich an ein normales 10-Pfennig-(Cent sb)-Stück und stellen Sie sich vor, sie würden eine solche Münze auf der Straße finden. Jedesmal wenn Sie spazierengehen, suchen Sie auf der Strasse nach ihr und versuchen Sie auch weiter, ihr Bild stets vor Augen zu haben. Warten Sie ab, wie lange sie brauchen, um ein solches 10-Pfennig-Stück zu finden."
Robert Anton Wilson: Der neue Prometheus: Die Evolution unserer Intelligenz. Kreuzlingen München: Hugendubel, 2003, S. 23
Er schlägt dann 2. vor, den Fund durch eine selektive Wahrnehmung zu erklären und weiter zu suchen. 3. Soll man sich von der Hypothese leiten lassen, dass das Gehirn alles beeinflusst und dann ebenfalls weitersuchen. 4. soll man die Zeit messen, die zum Auffinden des Geldstückes benötigt wird, und zwar sowohl nach der zweiten als auch nach der dritten ‚Methode‘. 5. Soll man ähnliche Experimente ausführen und beide Theorien vergleichen: selektive Wahrnehmung (Kontrolle) versus Kontrolle durch das Gehirn (Psychokinese).
Wenn wir nicht auf unsere psychokinetischen Fähigkeiten vertrauen, so ist es die selektive Wahrnehmung, die den Zufall zwingt zu verschwinden, ihn gleichsam als Zufall auslöscht. Unser Wille zur Bedeutungsfindung, der mit der selektiven Wahrnehmung verknüpft ist, sorgt dafür, dass bestimmte Ereignisse aus den Zufallskontinuum herausgehoben und ausgegliedert werden. Wir sehen einen schwarzen Raben, danach eine schwarze Katze und es ist Freitag der dreizehnte. Am gleichen Abend stirbt eine uns vertraute Person. Kann das Zufall sein? Etwas anders liegt der Fall bei Sigmund Freud, der in seiner Untersuchung „Zur Psychopathologie des Alltaglebens“ darauf hinweist, dass viele der zufälligen Dinge, die uns widerfahren, nicht so zufällig sind, wie sie scheinen:
“Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehrstellige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren strenge Determinierung, die man wirklich nicht für möglich gehalten hat.”
Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltaglebens; Frankfurt/M: 1969 (1904); S. 190
Die scheinbare Zufälligkeit verdeckt dem Bewusstsein, dass unser Unbewusstes unermüdlich bei der Arbeit ist. Man kennt den sprichwörtlichen Freudschen Versprecher, der eine Wahrheit offenbart, die uns – im Angesicht des/der Anderen – in seiner Offenheit unangenehm ist. Demnach determiniert unser Unbewusstes uns auch dort, wo wir uns im Vollbesitz unserer Entscheidungsfreiheit wähnen oder lediglich eine bedeutungslose Zufälligkeit sehen möchten. Selbst ein Unfall kann seine zufällige Unschuld verlieren, wenn er im zum Beispiel im Dienst einer unbewussten Selbstschädigung steht. Andere Fehlleistungen ließen sich hier anschließen. Doch heißt das nicht, dass das Unbewusste die Totalität unseres Lebens determiniert. Der Zufall wird hier nur partiell in Anspruch genommen, um im Dienste einer verdeckten Macht bestimmte Konflikthaftigkeiten zu vermeiden. So könnte zumindest eine Lesart lauten. Andererseits: gibt es vielleicht einen Willen zum Sinn (s.o.), der nachträglich noch den zufälligsten Begebenheiten seinen Stempel aufzudrücken vermag. Aber die Dinge beginnen hier verwickelt zu werden. Denn ebenso wie ein scheinbar zufälliger Unfall das unbewusst herbeigeführte Resultat einer Selbstschädigung sein könnte, ist es umgekehrt nicht abwegig, wenn zum Beispiel ein wirklich zufälliger Unfall, bei dem beispielsweise Menschen zu Tode kommen, von einem Überlebenden sich selbst schuldhaft zugerechnet wird. In Bezug auf unsere Deutungsmuster gilt also: Was zufällig wirkt, ist unter Umständen gar kein Zufall, und was nach einer selbstverursachten Angelegenheit aussieht, oder einer Begebenheit, die uns adressiert, ist vielleicht ein reiner Zufall.
Was man zumindest festhalten kann, ist die Verantwortungslosigkeit, die mit dem Zufall einhergeht. Was einem zufällig widerfährt oder was sich zufällig ereignet, ermangelt einer Ursache oder einer tieferen Bedeutung. Das gilt für die Dachpfanne, die sich zufällig löst und einen ahnungslosen Passanten auf den Kopf fällt, genauso wie für die Lottozahlen, die gezogen werden und einige Gewinner und sehr viele Verlierer hervorbringen. Dabei ist es keineswegs so, dass sich aus diesen Zufälligkeiten nichts Bedeutsames ergeben könnte – der Dachpfannenunfall oder der Lottogewinn zeigen dies. Nur schwindet die Zurechenbarkeit dieser Wirkung ins Nebulöse. Vielleicht wird man herausfinden können, dass die Dachpfanne durch einen Pfusch am Dach ins Fallen kam und die Ziehung der Lottozahlen manipuliert wurde. Das wäre die schon besagte Rückabwicklung des Zufalls, hin auf eine Ursache, auf eine Verantwortung. Aber ist der Zufall intakt, arbeitet er so nicht. Um den Zufall näher zu kommen, eignet sich allenfalls die Wahrscheinlichkeit. Trägt man genug ‚verwandte‘ Zufallsereignisse zusammen und definiert ihre Voraussetzungen, kann man den Zufall zwar nicht eliminieren, aber doch abschätzen. Unter idealen Bedingungen wird ein Münzwurf mit fünzigprozentiger Wahrscheinlichkeit die Kopfseite zum Ergebnis haben, was nichts daran ändert, dass die hundertmalige Wiederholung dieses Wurfes ganz zufällig hundertmal die Zahlseite zum Ausgang haben kann. Die Wahrscheinlichkeit lässt sich in diesem Fall auch ziemlich einfach berechnen (mit einer ähnlichen Operation wird übrigens aus einer unabsehbaren Gefahr ein kalkulierbares Risiko. Siehe: Niklas Luhmann: Soziologie des Risikos. Berlin ; New York: W. de Gruyter, 1991).
Demnach ist der Zufall auch eindeutig vom Wunder abzugrenzen. Denn ein Wunder transzendiert die Möglichkeitsbedingungen unseres Seins, während der Zufall, also der säkularisierte Bruder des Wunders, nur aufgrund seiner Unwahrscheinlichkeit auf sich aufmerksam macht. Und auch hier gilt: Während das Wunder zwar ebenfalls keine wirkliche Ursache im wissenschaftlichen Sinne vorweisen kann, zwingt es uns aber ob seiner überwältigenden Außergewöhnlichkeit an eine höhere Macht zu denken, wenn nicht gar an sie zu glauben, während der Zufall nur eine auffällige Abzweigung der endlosen Abzweigungsketten des Schicksals darstellt.
Was also kann man mit dem Zufall anfangen? Dort wo der Zufall bewusst auf den Sockel unseres Seins gehoben wird, ist Skepsis angebracht. Sehr wohl gibt es strukturelle Ungleichheiten, die das Leben und seine Möglichkeiten beziehungsweise Versagungen perpetuieren, und deren postulierte Zufälligkeit allenfalls das Feigenblatt für das Nichtstun derer ist, die es besser wissen müssten. Und wie Freud schon darlegte, ist das eigene Ich in Bezug auf solche Verschleierungstaktiken nicht weniger erfinderisch. Man muss nicht immer in die Ferne schweifen, um sich mit dem Freund Zufall aus der Verantwortung zu stehlen.
Auf der anderen Seite ist der Zufall ein großer Zerstörer von Sinnhaftigkeiten aller Art. Das ist zuweilen schwer erträglich, weshalb zum Beispiel die schon angesprochenen Verschwörungstheorien ihre Kraft wohl weniger aus der Kohärenz und Wahrscheinlichkeit ihrer Geschichte ziehen, sondern aus dem untergründigenen, um nicht zu sagen unbewussten Widerstand, den sie den Kontingenzen des Lebens entgegenbringen können (wie all unsere imaginären Anstrengungen). In ihrer Stabilisierungsfunktion muten diese Theorien zuweilen sehr komisch an – wer könnte sich bei der Vorstellung, dass die Menschheit eigentlich von Reptiloiden beherrscht wird, ein ungläubiges Lächeln nicht verkneifen -, obgleich ihnen jeder Humor und Ironie strukturbedingt völlig abgeht. Ist doch die Ironie der dezente Hinweis auf unsere postmoderne Verfasstheit, d.h. ein Hinweis darauf, dass unsere Überzeugungen durchaus zufällig sind (siehe: Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2018).
Zu einer intelligenteren ‚Lösung‘ der Zufallsproblematik ist Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert gekommen, der erst gar nicht versuchte, den Zufall in ein harmonisches Ordnungsgefüge einzugliedern und damit aus der Welt zu eskamotieren – solche geschichtlich gescheiterten Versuche wertete er als Zeichen der Schwäche: nein, bei Nietzsche läuft die Erlösung vom Zufall durch seine volle Anerkennung, durch die absolute Bejahung des Zufalls, mit der kleinen Modifikation, dass man sich zum Zufall nachträglich eine Geschichte einfallen lassen muss, die dem ganzen jenen Sinn gibt, der es mir erlaubt zu sagen: so wollte ich es, so sollte es sein.
„Und das ist all mein Dichten und Trachten, daß ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall.
Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Rätselrater und der Erlöser des Zufalls wäre!
Die Vergangenen zu erlösen und alles »Es war« umzuschaffen in ein »So wollte ich es!« – das hieße mir erst Erlösung!“
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: ein Buch für alle und keinen. Frankfurt am Main: Insel-Verl, 1992, S. 142
Zu Recht kann man Nietzsche eine Metaphysik des Willens vorwerfen, die sich dem Zufall durch jenen anderen Zufall entgegenstemmt, den der Dezisionismus mit sich bringt. Einen Auftakt zu einer poetischen Welterschließung bietet diese Idee jedoch allemal.
Während der Zufall destabilisierend wirken kann und die Strategien zu seiner symbolisch-imaginären Einhegung geschichtlich eine große Tradition haben, hat sein Auflösungspotenzial zugleich auch produktive Momente, kann es uns doch von der Last der Verantwortung befreien. Der Ökonom und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat diesen Zusammenhang in seinem Buch ‚Thinking, Fast and Slow‘ insofern berührt, als dass für ihn Erfolgsgleichungen zugleich auch Zufallsvariablen enthalten.
"success = talent + luck / great success = a little more talent + a lot of luck."
Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow. London: Penguin Books, 2012, S. 177
Was im Vorfeld einer Unternehmung demotivierend wirken kann - nicht meine Herkunft, mein Charakter, mein Wissen, mein Talent können den Erfolg garantieren -, ist im Falle des Scheiterns zugleich auch entlastend. Nicht ‚ich‘ bin es, der scheitert, sondern es sind auch die zufälligen Umstände (oder können es sein). Je öfter ich es im Falle des Scheiterns neu versuche, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Zufall zu meinem Glück fügt (nun wird man das Verhältnis von Talent und Zufall im Einzelfall niemals klären können. Die, die es immer schon besser wissen – und wer kann sich von einer solchen Gruppenzugehörigkeit durchgehend freisprechen -, erklären den Erfolg, ebenso wie den Krieg im Nachhinein immer lückenlos, d.h. ohne Kontingenzanteile).
Zum Schluss: Wie also den Zufall begegnen? Wenn nicht alles unter Kontrolle ist, wenn das Ganze aus grundsätzlichen Gründen nicht gänzlich unter Kontrolle zu bringen ist, dann ist mit dem Zufall zu rechnen oder besser: kann man sich auf den Zufall einlassen, etwas aus ihm machen – mit und ohne Verantwortung (dies heißt auch Entsicherung: dies ist eine Dimension, die insbesondere das linke (deutsche) politische Denken mit aller Macht auszuschließen versucht, weil unterstellt wird, dass durch diese Lücke der Teufel kommt). Dies wiederum, so scheint mir, ist auch eine Akzeptanzfrage und berührt existentielle Momente, mit durchaus tragischen Dimensionen. Auch zufällig gefunden: David Richo und die fünf Dinge, die wir nicht ändern, doch akzeptieren können:
1. Everything changes and ends.
2. Things do not always go according to plan
3. Life is not fair.
4. Pain is part of life.
5. People are not loving and loyal all the time.
David Richo: The Five Things We Cannot Change: And the Happiness We Find by Embracing Them. Boston, Mass.: Shambhala, 2006
Auch wenn dies zufällig trivial sein sollte, geht daraus doch notwendig eine Auf-gabe hervor.
Heino Bosselmann hat das im Dezember 2021 am Ende seines Textes "Streß?" im Sezessions-Blog (böse, böse, böse) sehr poetisch so beschrieben:
"Scheinbar geht es immer um alles, eigentlich jedoch um nichts. Nur darf man diese Tragik nicht bejammern, sondern hat sie mit der Liebe zum Menschen zu tragen, gehört man doch selbst zur Gattung der Paradiesvertriebenen, die mit ihrer Natur in der Natur keine Heimat finden, und kann einerseits das Wahre, Gute und Schöne nur erfassen, wenn man andererseits gelassen in die Abgründe zu blicken vermag."
Heino Bosselmann - https://sezession.de/65008/stress
Die Formel könnte also lauten: Leben akzeptieren heißt den Zufall akzeptieren. Vielleicht – immer nur vielleicht – heißt die zufällige Begegnung mit dem Zufall: in den Abgrund schauen – und vielleicht manchmal – nur vielleicht – auch in den Himmel.
31. März 2022
Als junger Mensch gab es eine kurze Phase, in der ich als Messdiener Sonntags meinen Dienst versah. Heute gehe ich Sonntags nicht in die Kirche, sondern lese, so das Wetter mitspielt, meist ein Buch; öfters werfe ich auch einen Blick in verschiedene Bücher. Die Denktagebücher von Hannah Arendt sind als Zwischenlektüre dankbar. Man kann kreuz und quer blättern, die Länge der Einträge ist meist überschaubar, etwas Interessantes findet sich immer. Manchmal fügen sich Dinge, ganz zufällig (was in diesem Fall kurios ist, weil ich zunächst einen Text über den Zufall schreiben wollte). Und zwar steht dieser Zu-Fall im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der schon länger schwelt und in den letzten Wochen wieder verstärkt in den Medienfokus rückte. Vor allem die Unfähigkeit der Kirche sich zu einer wirklichen Aufklärung durchzuringen, ist ein großer Skandal und eine Verhöhnung der Opfer.
Inzwischen gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu dieser Sache ( https://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche_in_Deutschland ). Das Internetportal der katholischen Kirche informierte vor einigen Jahren über das Ausmaß des Dramas und schrieb von "insgesamt 3.677 Opfer, die von mindestens 1.670 Priestern und Ordensleuten in den Jahren von 1946 bis 2014 missbraucht wurden." ( https://www.katholisch.de/artikel/18889-spiegel-3677-falle-von-missbrauch-durch-geistliche ). Die Dunkelziffer wird hoch sein. Aber selbst wenn man die genauen Zahlen letztendlich nie erfahren wird, reichen schon diese Eckdaten, um fassungslos auf dieses Desaster und den fehlenden Aufklärungswillen zu blicken.
Auch in Bezug auf die Ursachen des Mißbrauchs wurden Studien in Auftrag gegeben. Ergebnis: berufliche Krisen, Gefühle der Einsamkeit, soziale Isolation, eine Nähe-Distanz-Problematik, sehr selten Pädophilie (Norbert Leygraf, psychiatrische Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz 2012). 2014 wurde eine weitere Studie unter Leitung von Harald Dreßing ebenfalls von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben. Hier kam man zu dem Schluss, dass Strukturen der katholischen Kirche den sexuellen Mißbrauch begünstigen, als da wären: klerikale Macht, Zölibat, Umgang mit Sexualität, insbesondere Homosexualität, Sakrament der Beichte (alle Angaben sind dem erwähnten Wikipedia-Eintrag entnommen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche_in_Deutschland ).
Nun zu den Denktagebüchern von Hannah Arendt. Dort sind einige Einträge bezüglich des Gewissens zu finden, wobei sie sich mit dem Gewissen auch an anderer Stelle in ihrem Werk, zum Beispiel in ihrem Eichmann-Buch (1964) oder in dem Aufsatz "Über den Zusammenhang von Denken und Moral" (1971, zu finden in: Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Übungen im politischen Denken I. München, 1994) auseinandersetzt. In den Denktagebüchern, es ist ein Eintrag aus dem Jahre 1953, spricht sie davon, dass es ohne Einsamkeit kein Gewissen geben kann, "weil das Mit-mir-selbst-Übereinstimmen sich ja nur in der Zwiefalt und Zwie-tracht der Einsamkeit realisieren kann." (Hannah Arendt: Denktagebuch: 1950 bis 1973. München 2002, S. 443). Arendt weist darauf hin, dass die Maßstäbe des Gewissens nicht in der Einsamkeit gedeihen, sondern weltlicher Natur sind, wie zum Beispiel Mut und Ehre. Man könnte zum Beispiel auch die Gerechtigkeit hinzufügen.
Indem ich mein Gewissen befrage, gleiche ich mich und meine Handlungen mit den Maßstäben ab, die in der Welt existieren. Die Maßstäbe existieren, um eine gemeinsame und sinnvolle Welt bewohnen zu können und mein Gewissen existiert (so es existiert), um meine Handlungen an diese Welt anzugleichen oder mit meinen Handlungen die Welt mit Bezug auf diese Maßstäbe besser zu machen. Wenn man so will, ist dieser Denkvollzug des Mit-mir-selbst-Übereinstimmens in zwiefältiger Auseinandersetzung das Gewissen. Der nächste Absatz im Denktagebuch lautet nun:
"Die erste Macht, welche das Gewissen aus der Welt schaffte, war die Religion, und zwar nicht wegen ihrer dogmatisch-tyrannischen Maßstäbe, sondern weil der wirkliche 'homo relegiosus' die Einsamkeit nicht kennt; er ist, sobald er allein ist, mit Gott, nicht mit sich selbst zusammen. (...) Er gehorcht Gott, nicht wie man seinem Gewissen 'gehorcht', sondern wie Menschen eben Anderen gehorchen, seien die Anderen Menschen oder Engel."
Hannah Arendt: Denktagebuch: 1950 bis 1973. München 2002, S. 444
Die von Arendt hier beschriebene Abschaffung des Gewissens muss und kann nicht als Gewissenlosigkeit im Sinne der Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen verstanden werden. Es geht ihr um die Unstrittigkeit des Gehorchens, das von Arendt scheinbar als eine Art Weisungsbefugnis verstanden wird. Wenn Gott mir befiehlt, weder an andere Götter zu glauben, noch zu töten, noch zu stehlen usw., so bedarf dies keiner weiteren Gewissensbefragung. Ganz im Gegenteil werden solche Handlungsweisen als moralisch hochwertig geschätzt. Und gibt es nicht wiederum unzählige Beispiele, in denen Priester zum Teil unter Einsatz ihres eigenen Lebens anderen Menschen geholfen haben?* Nichtdestotrotz steht Arendt ‚extern‘ legitimierten Handlungsnormen, z.B. auch solchen, die aus einer Funktionslogik oder einer Ideologie folgen, und seien sie auch noch so gut gemeint, skeptisch gegenüber. Ohne das Arendt diesen Gedanken an dieser Stelle weiter ausführt, folgt er doch aus ihrem politischen Denken, das man in diesem Zusammenhang vielleicht wie folgt fortschreiben kann: wenn die Welt strittig ist und ich ein Teil dieser Welt bin, dann muss sich diese „Welt-Strittigkeit“ auch in meinem Inneren öffnen, gerade wenn es um mich in der Welt oder um die Welt, die um herum ist, schlecht bestellt ist. Trotzdem hat der liebe Gott von seinen Priestern nicht verlangt, Schutzbefohlene sexuell und emotional zu mißbrauchen.
Sicher nicht; was passiert aber, wenn in einem religiösen Kontext die eigene Innerlichkeit und die eigene Körperlichkeit mit ihren Ansprüchen, Sehnsüchten und Zweifeln mit einer Welt in Berührung kommen, die nicht allumfassend mit vorgezeichneten Geboten versehen ist. Hier scheint mir der arendtsche „Welt-Gedanke“ insofern interessant, als dass man mit Blick auf den Mißbrauchsskandal vermuten könnte, dass sich das priesterliche Denken auch hier nicht an weltlichen Maßstäben orientiert hat, um mit sich selbst in Zwietracht zu geraten. Vielmehr liegt es nahe, dass die eigene 'Not' mit Gott bilateral verhandelt und die Schuld des eigenen Handeln Gottes Gnade anvertraut wurde.** Religiös gedacht ist Gott mir immer schon voraus und kennt nicht nur meine Handlung, sondern auch meine Intention und meine Schwäche. Er kann nicht nur Strafen, sondern auch Verzeihen. So gesehen, handelt es sich um eine eigenartige priesterliche Zwiesprache mit Gott. Denn Gott ist dabei zugleich in der Position des Zeugens, des Richters, des Vergebers und des Trösters. Insofern kann man ihm weder folgen, noch gehorchen, noch widersprechen, weil hier kein Maßstab existiert, der Orientierung böte. Man begibt sich in Gottes Hand. Während das Gewissen auf die Welt mit ihren - wie auch immer gearteten - Maßstäben rekurriert, steht Gottes Urteil über meine Handlungen aus, solange ich lebe, bis ich sterbe.
Weiterhin fördert das Zusammenspiel von Entweltlichung, die im Zölibat in Bezug auf den Körper bewußt vorangetrieben wird (zusammen mit der restlichen Sexualmoral), und den aus dieser Entweltlichung folgenden übergriffigen Handlungen vermutungsweise nicht die Sensibilität für die Verletzlichkeit der anderen Person und stärkt auch nicht das Gefühl für die Fragilität der Welt. Und wenn in letzter Konsequenz nach christlicher ‚Logik‘ nur Gott zu einer gerechten Strafe ‚fähig und befugt‘ ist, verliert auch die weltliche Gerichtsbarkeit und die weltliche Strafe als ‚welt-erhaltende‘ Instanz ihren Wert.
Soweit ich sehe, ist Arendt später nicht nochmals auf die ‚religiöse Gewissenslosigkeit‘ zurückgekommen. Man kann nur darüber spekulieren, warum sie diese These nicht aufgegriffen hat. Skandalbefürchtungen, theoretische Zweifel? Wie das Zitat zeigt, hat Arendt die religiöse Gewissenslosigkeit mit dem Gehorchen begründet. Man könnte, wie hier versucht, noch andere Aspekte hinzuziehen, wie zum Beispiel den göttlichen Gnadenaspekt, mit dem sich die weltliche Seite eines Unrechtes leichter überspringen lässt. Sicherlich gibt es auch einen Unterschied zwischen dem Judentum und dem Christentum. Letzteres hat mit dem Liebesgebot die ‚religiöse Gewissenslosigkeit‘ einerseits entschärft, andererseits durch die transzendentale Rückkopplung aber auch die Tür für eine maßstabslose Innerlichkeit geöffnet.***
Was man sagen kann, ist, dass Arendt dem Dreiklang von ‚Denken - Einsamkeit - Weltbezug‘ den Vorzug vor der Trias ‚Glauben - Zweisamkeitstranszendenz - Gottesbezug‘ gegeben hat. Zumindest den Opfern wäre mit einer Besinnung der Kirche auf die weltlichen Gegebenheiten und auf das weltliche Gewissen (im eigentlichen Sinne ein politisches Gewissen) mehr geholfen, als mit der impliziten Annahme der noch ausstehenden göttliche Gerechtigkeit. Oder um Arendt zu paraphrasieren: mehr Denken, weniger glauben - mehr handeln, weniger beten.
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* Die einschlägigen Bibelstellen zur Beziehung: Gott <> weltliche Macht sind bekannt und fordern nicht unbedingt zur Einmischung in weltliche Angelegenheiten auf: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18, 36). "Da sprach Jesus zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Mark. 12, 17). Aber ‚die‘ Kirche hat dazu auch verschiedene Antworten gegeben.
** Bestimmt gibt es unter den ‚gefallenen‘ Priestern genügend Zyniker sowie (selbst)gerechte Sadisten, für die der Gottesaspekt nicht ‚zählt‘. Während der gottesgläubige und in ‚Not‘ geratene Priester mit seinem Unrecht sich zwar noch weiter von der Welt entfernt, aber mit seiner Schuld von Gott gesehen wird, haben die ersteren sich von Gott und der Welt verabschiedet. Letzteres nennen manche auch das Böse.
*** Im Unterschied zu einer ‚Immanenz-Ideologie‘, die in ihrer Buchstäblichkeit und Konsequenzhaftigkeit kein Halten kennt, hat die Religion mit ihren Vertikalbezügen und ihren ethischen Ansprüchen zweifelsohne nicht das Ziel der systematischen Vernichtung ihrer ‚Gegner‘. Trotz aller ‚Kreuzzüge‘ und ‚Inquisitionen‘ ist dieser Unterschied kein marginaler.
26. Februar 2022